Zündfunke (Archivversion) Der Biker – ein gar treffliches Wesen?

Kennen Sie den schon? Den kürzesten Motorradfahrer-Witz: Fährt ein Biker an einem Treff vorbei.

Wer kennt sie nicht, diese Individualisten mit dem unwiderstehlichen Drang zum massenhaften Auftreten. Da keuchen Marathonler zu Zehntausenden durch den Smog der Großstädte. Die Einsamkeit des Langstreckenläufers - sie verendet im Event. Neudeutsch für: Musste hin, könntest sonst ja was verpassen. Deshalb zucken die Schönen der Nacht alljährlich durch Berlin, und das am helllichten Tag - eine Million penetrant ausgeflipper Raver bei der Love Parade. Gemeinsam sind sie unausstehlich.Und die Motorradfahrer - diese Individualisten auf Rädern? Hunderttausende pilgern gen Daytona, 20 000 besüffeln sich in Schleiz, und 1000 beäugen Piloten nebst Maschinen am Glemseck nahe Stuttgart jeden freundlichen Sonntagvormittag. Wenn irgendwo im Schwarzwald zwei Bikes vor einer Kneipe stehen, kriegen die sofort Gesellschaft. In die nicht weniger einladende Pinte nebenan, freilich ohne Motorrad vor der Tür, verirrt sich nicht ein Behelmter.Der Lonesome Rider entpuppt sich als ungemein geselliges Wesen - unter Seinesgleichen. Dafür gibt’s gute Gründe. Aus Zeiten, da der Motorradler als bemitleidenswerter Geselle galt, der Wind und Wetter trotzen musste. Weil er sich kein Dach über dem fahrbaren Untersatz leisten konnte. Oder, schlimmer noch, sich nicht zudeckeln wollte. Quasi als Unbehauster in einer blechkästernen Republik. Als einer, der nicht nur Nieten trug, sondern, so kritikasterte die beschlipste Welt, eine war. Alles passé. Was blieb, ist dieses Gefühl der Solidarität unter ehedem Ausgegrenzten, das freilich immer verwaschener gerät. Angesichts der mittlerweile an die vier Millionen Motorradfahrer in Deutschland eine logische Entwicklung, die den Harley treibenden Zahnarzt mit seinen wochenendlichen Outlaw-Allüren sprichwörtlich macht. Der entfleucht den Zwängen seiner kleinbürgerlichen Welt, schüttet auf den Parties seines Harley-Dealers kultig-schnödes Jackie-Cola in sich rein. Ein Gesöff, das er normalerweise nie und nimmer seinen verwöhnten Gaumen netzen ließe. Doch das in Gesellschaft der zwecks Thrill gern geladenen Hells Angels zum wahren Lebenselixier mutiert. »Wir wissen«, sinnierte der mexikanische Dichter Octavia Paz, »dass unser Wesen ein brennendes Verlangen ist, ein anderer zu sein, und dass wir nur selbst sein werden, wenn wir fähig sind, ein anderer zu sein.« Eben nicht nur Bankangestellter, Dachdecker oder Programmierer, sondern... Ja was eigentlich? Auf jeden Fall einer, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Und in einer bürgerlichen Gesellschaft sind das nun mal die Typen, die dort entweder ganz oben oder an ihrem Rande stehen. Paz nennt in diesem Zusammenhang den Exzentriker, den Dandy, den Kriminellen und den Vagabunden. Den Motorradfahrer hat er vergessen. Nicht dass der tatsächlich am Abgrund stünde, nein, wahrlich nicht. Aber die Aura des Abenteurers, eines Menschen, der sich so schnell nicht in die Zwänge des Alltäglichen einpressen lässt, die haftet noch immer an ihm wie in früheren, heroischen Zeiten das Schmieröl an den Fingern. Und diese Aura kultiviert er. Etwa bei der alkoholseligen Fleischbeschau auf Rockerparties - mal richtig das politisch unkorrekte Schwein im Mann rauslassen. Aber auch bei jeder zufälligen Begegnung in Biergarten oder Café. Weil das Motorrad das Billet zu einer der letzten großen Gemeinschaften in einer immer anonymeren Welt bedeutet. Zugegeben, die Szene fraktioniert sich in Tourer, Racer, Chopperisten, Enduristen. Was überhaupt nichts an einer Tatsache ändert: Motorradfahrer sind nie allein. Es sei denn, sie bestehen drauf. Ums mit Paz zu sagen: »Ohne Zweifel ist es die Wesenart des Menschen, sich selbst als Teil eines lebendigen Ganzen zu fühlen. Und das zeigt sich in den beiden Extremen unserer Lebensmöglichkeiten: Einsamkeit und Gemeinsamkeit.« Der Motorradler kann auf jeder Ausfahrt, bei jeder Rast zwischen dieses Alternativen wählen. Welch Privileg!

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote