Zugegeben: Motorrad verkauft (Archivversion) Jetzt also ist sie weg

Es ist das erste Mal seit über 18 Jahren. Es war nicht leicht, diesen Schritt zu machen. Und es war falsch. Was ich jetzt mal zugeben muss: Ich besitze kein Motorrad mehr.

Über Jahre hat eine Yamaha TRX in meiner Garage gestanden. Jetzt nicht mehr, ich habe sie verkauft. Was soll ich sagen, sie hat nur noch rumgestanden. Dachte ich. Jedenfalls, die Yamaha staubte immer dicker ein.

Jedes Mal, wenn ich in die Garage kam, ging mir ein »müsste mal wieder fahren« durch den Kopf. Jedes Mal blieb’s dabei, und jedes Mal tat es auch einen kleinen Stich. Aber: Was hat man denn nicht alles sonst zu tun? Arbeiten, natürlich, arbeiten. Und einkaufen. Und sich mit der Frau unterhalten oder die Frau unterhalten. Und der Hund. Und und und. Ich fing also an, mir Ausreden und Ausflüchte zurechtzulegen, die irgendwann selbst vor dem Wetter, den vollen Straßen oder Familienfeiern nicht mehr Halt machten. Das Rot schimmerte nur noch sehr matt durch den Staub, die Kette trocken, Reifen unterwegs nach platt, Batterie längst tot.

Mein schlechtes Gewissen, den Ärger, Trägheit und Traurigkeit hängte ich mit Ausflüchten zu, so wie man ein hässliches Sofa unter einem Überwurf versteckt. Doch so wie das Sofa dann nicht wirklich verschwindet, sondern einen der Überwurf nur immer wieder daran erinnert, wie hässlich das Sofa darunter ist, genau so ging’s mit dem schlechten Gewissen. Es blieb. Und ich wurde dieses komische Gefühl nicht los, dass mit dem Motorrad noch ganz was anderes vergammelte. Ich vergammelte. Irgendwie vergammelte ich, weil ich mir laufend einredete, es sei anderes wichtiger, dringlicher, angenehmer, als mich mal wieder auf mein Motorrad einzulassen, und manchmal war es mir sogar egal, ob ich eine Ausrede hatte oder nicht. Ich fuhr in meiner Freizeit einfach nicht mehr. Und wehrte mich gegen die Erinnerung daran, wie es war, als es keinen Tag gab ohne Fahren. Irgendwann hatte ich die Schnauze voll davon. Und habe mich entschlossen, die TRX zu verkaufen. Sie würde dann nicht mehr dastehen und mich wieder und wieder darauf stoßen, dass da was verloren geht, dass da was verschwindet, dass da was einstaubt.

Geblieben war schließlich nur noch ein trauriges Gefühl, und so gut wird man auch mit viel Übung nicht im Selbstverschaukeln. Bestimmt demnächst: das Ding vor die Tür schieben, sauber machen, neue Batterie. Morgen vielleicht, übermorgen, nächste Woche, übernächste. Aber: wieder nicht.

Es dauerte nicht lange, bis jemand anrief. Ob die Yamaha noch zu haben sei? Er kam vorbei, sah sie sich an, und als er von der Probefahrt zurück war, nahm er den Helm ab und nickte. Abends lag ein Packen Scheine auf dem Tisch, die Garage war leer. Sie ist es bis heute. Der Platz, an dem die Maschine stand, ist nicht nur der Platz, an dem die Maschine stand. Es ist kein Platz, wo man was anderes hinstellt. Einen Rasenmäher, den Zitronenbaum zum Überwintern oder die Winterreifen während des Sommers. Es ist jetzt nicht mehr Platz in der Garage. Es ist eine Lücke.

Nicht, dass ich an eben dieser einen Maschine so sehr gehangen hätte, wie man etwa an einem Hund hängt oder an einer Katze. Es ist keine sentimentale Bindung von wegen »weißt du noch, Italien 1999«.Trotzdem hing ich an ihr. Und kaum war sie weg, dämmerte mir, dass ich für 3000 Euro nicht allein die Maschine verkauft hatte, sondern auch das, was sie mir bedeutete, das, woran sie mich erinnerte: dass es verdammt noch mal wichtig ist, sich um sich selbst zu kümmern. Und nicht um so vieles andere. Und dass man verdammt noch mal aufpassen muss, dass man sich nicht selbst einlullt.

Ich dachte am Ende, es wäre befreiend, die Yamaha zu verkaufen, sie nicht mehr zu sehen. Etwa wie ein grausiges Sofa endlich zum Sperrmüll zu stellen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Dieses komische Gefühl ist nicht verschwunden. Es ist stärker als vorher. Nicht obwohl, sondern weil die TRX weg ist. Das Loch, das sie hinterlässt, will ich nicht zuschütten mit noch mehr Ausflüchten. Ich sollte das Geld aus der Schublade nehmen, in der es seit diesem Tag liegt, und mal sehen, was man dafür so haben kann. Letzthin gab es im Netz eine Honda Bros, 10000 Kilometer, 3390 Euro. Bestimmt Verhandlungsbasis.

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