Zukunft des Gespannsports (Archivversion)

Alles im Boot

Der Grand Prix-Zirkus hat sie davongejagt, dafür heißt sie jetzt Superbike-WM-Promoter Maurizio Flammini herzlich willkommen: Die Renngespanne können neue Hoffnung schöpfen.

Rolf Steinhausen? Klar, den kennt man. Zweifacher Weltmeister und mehrfacher deutscher Meister im Gespann, der auch nach seiner Karriere immer noch ein glühender und lautstarker Verfechter des Dreiradsports ist. Jörg Steinhausen? Macht ebenfalls von sich reden. Möchte in die Fußstapfen des Papas treten und hat mit zwei DM-Titeln schon mal einen erfolgversprechenden Start hingelegt. Bernd Steinhausen? Da wird`s schon schwieriger. »Ich bin der einzige Steinhausen, der nie Rennen gefahren ist«, sagt der Neffe von Rolf und der Cousin von Jörg augenzwinkernd.Aber auch Bernd Steinhausen ist drauf und dran, sich einen Namen in der Rennszene zu machen. Womöglich geht der 41jährige Geschäftsmann einst sogar als Retter der Gespannklasse in die Annalen des Motorsports ein. Immerhin hat er es geschafft, den zuletzt arg gebeutelten und aus dem Grand Prix-Zirkus verjagten Dreirad-Teams auf internationaler Ebene eine neue Heimat zu vermitteln: Ab dieser Saison fahren die Gespanne ihren Weltcup im Rahmen der Superbike-Weltmeisterschaft aus.Das erreichte Bernd Steinhausen allerdings nicht allein durch gute Argumente, er mußte auch eine beträchtliche Summe auf das Konto von Superbike-WM-Promoter Maurizio Flammini überweisen, um den Drei-Jahres-Vertrag perfekt zu machen. Die Teams können sich im Gegensatz zu den letzten Jahren ebenfalls wieder auf etwas Bares freuen: 300 000 Mark stehen in dieser Saison für Startgelder und Reisespesen zur Verfügung, verteilt wird nach dem Erfolgsprinzip. Als Gegenleistung besitzt Bernd Steinhausen die Vermarktungsrechte am Weltcup und will natürlich versuchen, seinen Einsatz durch Sponsoren zu refinanzieren.Daß der neue Gespann-Chef nicht allein auf die Idee kam, die Talfahrt der Klasse zu stoppen, liegt angesichts der familiären Bande zu Rolf Steinhausen auf der Hand. Der Onkel schob die Sache kräftig mit an, ebenso Max Deubel, in den 60er Jahren vierfacher Gespann-Weltmeister und heute in der Straßenrennsport-Kommission des Weltverbands FIM engagiert. Er vermittelte den Kontakt zu Maurizio Flammini. Mit ihm versteht sich Bernd Steinhausen offenbar bestens: »Wir schwimmen auf einer Wellenlänge.« Der italienische Superbike-Impressario betrachtet die Seitenwagenklasse nicht als lästiges Übel, sondern will sie voll in sein Veranstaltungsprogramm integrieren (siehe Interview). Gemeinsames Ziel ist es, ab 2001 nur noch seriennahe Viertaktmotoren zuzulassen und für die Dreiräder so bald wie möglich wieder den vor zwei Jahren verlorenen Status einer Weltmeisterschaft zurückzuerobern.24 Gespanne sollen pro Lauf starten, aber wer tatsächlich beim Saisonauftakt im April im australischen Phillip Island auf die Strecke gehen wird, ließ sich kurz nach der Unterzeichnung des Vertrags mit Flammini im Januar noch nicht genau erkennen. Daß Rolf Steinhausen mit seinem Team von der Partie ist, versteht sich natürlich von selbst. Und der alte Haudegen aus dem Bergischen Land hat auch gleich die aktuelle Nummer eins der Szene verpflichtet: Steve Webster, zweimaliger Weltcup-Sieger und vierfacher Weltmeister. Wie Teamkollege Jörg Steinhausen fährt er einen etwa 180 PS starken Suzuki-Viertakter und hat bereits im Januar in Hockenheim getestet.Trotz vieler positiver Signale - zum Beispiel wird der Spartensender Eurosport die Rennen übertragen - gibt es aber auch Vorbehalte gegenüber Bernd Steinhausens Weltcup-Initiative. So hegt etwa die traditionell starke Schweizer Gespann-Fraktion Zweifel an der dauerhaften Finanzierbarkeit des Projekts. Experten sind sich uneins darüber, ob die noch bis Ende 2000 erlaubten 500er Zweitakter oder die auf 1200 cm³ begrenzten Viertakter kostengünstiger sind. Kontrovers diskutiert wird die Frage, wieviel die unterschiedlich motorisierten Fahrzeug-Varianten wegen der Chancengleichhheit wiegen dürfen und ob auf Dauer kostspielige Teile wie Kohlefaserbremsen gestattet sind. Mögen manche Bedenken auch berechtigt sein, eines hat allerdings keiner der Kritiker zu bieten: eine ernsthafte Alternative zu Bernd Steinhausens Weg aus der Krise.
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Flammini, Maurizio: Interview (Archivversion) - «Die Fans dürfen ganz nah ran“

Auch die Gespanne gehören zur neuen Fahrerlager-Show von Superbike-Promoter Maurizio Flammini
?Herr Flammini, wie hat Sie Bernd Steinhausen davon überzeugt, die Gespanne ins Programm der Superbike-WM zu nehmen?Bernd Steinhausen ist ein großer Fan des Gespannsports, ein wahrer Enthusiast. Er wird viel investieren, um eine solide Plattform dafür zu schaffen, daß diese Klasse wieder den Stellenwert bekommt, den sie einmal hatte.?Was erwarten Sie von den Gespannen? Locken sie mehr Zuschauer zu den Rennen?Die Superbike-WM hat sich nach der Formel 1 und den Motorrad-Grand Prix als drittgrößtes Motorsport-Ereignis etabliert. Im Rahmenprogramm startet die Supersport-WM, außerdem haben wir die EM der seriennahen Superstock-Klasse, die jungen Fahrern als Sprungbrett zu den Superbikes dienen soll. Mit den Gespannen runden wir nun unser erfolgreiches Konzept ab: Sie bieten sehr spektakulären Sport und haben Tausende von Fans in verschiedenen Ländern. ?Ihr Konzept beruht auf Viertaktern. Wie lange sind die bei den Gespannen bislang dominierenden Zweitaktmotoren noch erlaubt?Bis Ende 2000. Aber ich glaube, daß die Teams schnell das Interesse an den Zweitaktern verlieren werden und auf Viertaktmotoren umrüsten.?Sie wollen die Superbike-WM-Veranstaltungen in Zukunft noch zuschauerfreundlicher gestalten. Worauf dürfen sich die Fans in der neuen Saison freuen?Ich finde es sehr wichtig, daß die Fans beim Rennen einen direkten Kontakt zu den Fahrern und Teams bekommen. Deshalb haben wir in der vergangenen Saison mit den Pit Walks begonnen. 1999 folgt der nächste Schritt: die Fahrerlager-Show.?Was bekommen die Zuschauer dabei geboten?Am Samstag und Sonntag haben die Fans die Möglichkeit, das Haupt-Fahrerlager zu besuchen. Hier werden in einer Art Wagenburg zehn Trucks der besten Superstock- und Gespann-Teams konzentriert. Die Zuschauer dürfen ganz nah ran, können den Mechanikern beim Schrauben auf die Finger schauen und haben die Möglichkeit, sich in einem angegliederten Hospitality-Zelt mit den Fahrern zu treffen.

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