Zwei tage, vier Treffen (Archivversion) Eines Festes Burg ist unser Bock

Was macht Biker-Feten so ungemein vergnüglich? Es ist der Bock. Ganz egal, ob er Rocker, Christen oder andere Gläubige bewegt.

Neulich in der Glotze: Marathonläufer, die zigtausendhaft den Fiakern in Wien die Pferde scheu machen. Es ist wahrlich ein Kreuz mit all den Individualisten, daß sie liebend gern in Massen auftreten. Unlängst am Glemseck, dem Motorradlertreff bei Stuttgart: der Himmel indiskutabel blau und kein Platz mehr für noch »n Moped irgendwo. »Jetzt trauen sich sogar schon die GS 500-Piloten mit Fransenjacke«, mosert Markus J. aus S., der hier in wilder Zeit auf vermeintlich schlapper Enduro breitgewalzten Supersportlern beim Schaukurvendrift den rostigen Auspuff wies. Nun gilt der Motorradfahrer als solcher, den Abermillionen Autolenkern sei«s gedankt, noch immer als der etwas andere Verkehrsteilnehmer. Doch droht angesichts der potentiell zweieinhalb Millionen Kradler früher oder später da nicht der Marathon-Effekt? Hier hilft nur eins: die Probe aufs Exempel. Und wo wäre die besser möglich als auf Festivitäten, wo die Biker-Szene sich selbst zelebriert. Vier Treffen in zwei Tagen - sollte genügen für ein Stimmungsbarometer. Also erst mal zu Rockers, zum Wild Tiger MC Ellwangen und dessen Swap Meeting, so eine Art Teilemarkt mit Unterhaltungswert. Industriegebietsidylle pur. Dazu Spitzenböcke apart in Reihe gestellt, die Jungs stecken jede Mark in ihre Maschine, laufen rum, als hätten sie »nen Stock verschluckt: scheinen außer Starr-Rahmen auch noch Rückgrat zu haben. Erinnert irgendwie an Wildwest, als breitbeinige Reiter die Mainstreet belümmelten, jederzeit bereit, den Colt zu zücken. Aber bei den Tigers knallt«s nicht, da piept«s. Ein Rocker ohne Handy, das ist wie eine Harley mit nur einem Zylinder. Auf gute Verbindungen kommt’s eben an. Vor sieben Jahren noch plagten die Tigers ernste Kommunikationsstörungen und provozierten Zoff mit einem wenig befreundeten Club. Der ist bereinigt, die Wunde - weil damals eben nicht nur Mobiltelefone gezogen wurde: ein glatter Durchschuß - längst verheilt, aber vom Lokalrivalen läßt sich trotzdem keiner blicken. Dafür geben sich die Härtesten der Harten diesmal als echte Saubermänner die Ehre: Das Weiß auf den Westen der Biker vom Hells Angels MC Stuttgart erstrahlt inmitten der doch etwas angeschmudelten Kutten der Provinzrocker, als wäre es mit Persil gewaschen. »Mal schauen, was hier so läuft«, murmelt ein Angelino ultracool. Wie leichthin zu sehen mit Vehemenz das Bier. Und dann fließt Blut. Peter, notorischer Tätowierer aus Ludwigsburg, sticht gnadenlos zu. Männerbünde verlangen eben nach unauslöschlichen Zeichen des Dazugehörens. »He, du Bundeswehrschwein, bist du auch da?« schallt«s gar fidel vom Tresen. Beredt schweigt der also Angequatschte zurück. »He, mach’ dir nichts draus«, lallt«s retour, »ich war selbst acht Jahre beim Bund. Übrigens gibt«s hier keinen Schnaps.« Hart, aber herzlich der Ton. Worte, wie in Bölkstoff gemeißelt. Nächster Stopp: Motorradgottesdienst in einer Scheune bei Remchingen, idyllisch auf einer Wiese gelegen und vom Panorama des nördlichen Schwarzwald geziert. Lauter liebe nette Leute mit prima christlichen Aufklebern auf ihren Bikes. Und auf der Wiese vor dem überfüllten Schuppen sind sie dem Himmel ganz besonders nah. »Ich find«s klasse, daß keine Raser hier sind«, frohlockt eine Hennagefärbte, während eine Combo Erbauliches gar schlagerhaft toniert. »Du bist Anker in der Not, mehr noch als ein Rettungsboot.« Gemeint ist Jesus - wer auch sonst? Worauf Henna einfällt, sie käme nicht zuletzt auch wegen der Musik hierher. Danach müht sich ein Laienprediger, der versammelten Biker-Gemeinde zu verklickern, daß der Weg nicht das Ziel, wohl aber das Ziel der Weg ist. Wahrlich, gerade für einen Amateur eine echt schwierige Botschaft. Auf die Frage, wann es jetzt endlich mit der Motorradweihe losgehe, klingt’s lapidar: »Wir segnen keine toten Gegenstände!« Und auch Schutzengeln, von denen es - gerade in Motorradfahrerkreisen - heißt, sie führen mit, lassen die Leute vom Veranstalter EC-Mot nicht auf ihren Bock. Religiöse Folklore - nein, danke. Wiedererweckt, so ‘n bißchen fundamentalistisch geht’s hier zu. Jetzt aber schnell hinter die Grenze, nach Lauterbourg im Elsaß, wo der deutsche Ural-Importeur Manfred Blandfort zur internationalen Motorradparty gebeten und eine Gruppe Aschaffenburger Biker was zu erzählen hat. Die pennten sorglos in einem der Güterwaggons, die Blandfort just zu diesem Behufe auf einem Nebengleis des Bahnhofs plaziert hatte, als der Zug sich plötzlich in Bewegung setzte. Schlaftrunken schnellstens alle Sachen aus dem Zug geworfen, bis die Jungs und Mädels feststellten, daß statt einer Lok ein Land Rover zieht. Am Steuer ein putzmunteres Bäuerlein, das sich am Nachmittag mit dem Vater des Organisators auf dem Feld stritt und nunmehr zur Rache schritt. Damit das Gespräch nicht ins Stocken kommt, hat Blandfort 40 Serviceleute eingestellt, um ärgerliche Warteschlangen auf Kaffee, Torte, Flammkuchen und Bier zu vermeiden. Eine Country-Band fiddelt ungehemmt vor sich hin, und Vertreter eines Anzeigenblättchens sammeln für Kinder von Tschernobyl. 2500 Biker spenden 2500 Mark, womit, wie die Lokalzeitung schreibt, wieder einmal beweisen wäre, daß Motorradfahrer auch Menschen sind, und zwar herzensgute. Die tragen in Lauterbourg gern Lederweste über Hemd oder T-Shirt und Leatherman-Kompaktwerkzeug am Gürtel. Weswegen ein Pärchen in superteurem Chopperisten-Outfit dann auch neugierige Blicke auf sich zieht und alsdann auf einer 125er Hyosung von dannen stiebt. Und am Nachbartisch fragt man sich: Heiligen da die Klamotten das Motorrad oder heiligt das Bike die Kluft? Zurück gen Stuttgart ans Café Glemseck. Mittlerweile regnet«s, der Himmel indiskutabel grau. Ein GSX-R-Treiber schwäbelt: »I bin jeden Sonndich do, was willscht au sonscht mache.« Zumal in der Glotze wieder mal City-Marathon läuft.

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