Zypern-Protestfahrt (Archivversion) Ende einer Protestfahrt

Ein Zeichen für unbegrenzte Reisefreiheit wollten rund 100 Biker setzen, die am 2. August 1996 von Berlin, der einst geteilten Stadt, zu einem internationalen Motorradkorso aufbrachen. Ihr Ziel: das immer noch geteilte Nikosia auf Zypern. Das schreckliche Ende der Protestfahrt ist bekannt: Seit dem Tag, als der Korso auf Zypern eintraf und bei den anschließenden Unruhen ein junger Grieche zu Tode geprügelt wurde, ist die trügerische Ruhe auf der Mittelmeerinsel einem offenen Konflikt gewichen.Gewalt hat auf Zypern eine lange Geschichte, und wer eine Provokation an der »Grünen Linie« zwischen dem griechischen Süden und dem türkisch besetzten Nordteil der Insel riskiert, muß mit dem Allerschlimmsten rechnen. Daß deshalb keine riskanten Aktionen gewagt werden sollten, war eigentlich allen Teilnehmern klar. Ob dies auch für die Cyprus Motorcyclists Federation (CMF) gilt, muß inzwischen bezweifelt werden. Die CMF gehört seit Februar 1996 zur Europäischen Motorradfahrervereinigung FEM. Grund für den Beitritt war der Wunsch nach Unterstützung des Korsos, mit dem die CMF für »Reisefreiheit sowohl der griechischen als auch der türkischen Zyprioten« demonstrieren wollte. So hatte es auch Jürgen Lintzel verstanden. Der Krefelder, Mitglied des Motorradclubs Kuhle Wampe, fuhr im Korso mit und erinnert sich an zeitweise hitzige Diskussionen mit den zypriotischen Teilnehmern. Auf Anfrage der FEM hatte die Kuhle Wampe bei der Organisation geholfen und wollte deshalb genau über Hintergründe und Ziele informiert sein. Zum Beispiel darüber, wer denn die Sponsoren des aufwendigen Unternehmens seien. Eine Auflistung wurde mehrmals bei der CMF angemahnt, ebenso oft zugesagt - und niemals vorgelegt.Über das gemeinsame Ziel herrschte Klarheit. »Für uns hieß es«, so Lintzel, »die Fahrt führt nach Nikosia, von dort entlang der Grünen Linie, und es dürfen auch türkische Fahrer dabeisein.« Ganz bewußt also kein Protest gegen die türkischen Behörden und vor allem: kein Durchbrechen der Grünen Linie.CMF-Präsident Jorgos Hadjikostas erklärte dagegen drei Tage vor der geplanten Abschlußkundgebung, man wolle die im türkischen Norden gelegenen Hafenstadt Kyrenia erreichen. Seine Mitstreiter erfuhren von diesem Plan erst vor Ort. »Auf einmal«, erzählt Lintzel, »sollten wir die Speerspitze einer Demo sein, die die Grenze durchbricht.«Bevor Hadjikostas auf Druck der griechisch-zypriotischen Behörden und der UNO die Kundgebung absagte, hatten sich die anderen Korsoteilnehmer bereits zurückgezogen. Für Lintzel bleibt außer dem Schrecken über die blutigen Auseinandersetzungen »das Gefühl, daß wir instrumentalisiert worden sind«. Und das soll nicht noch einmal passieren. »Man kann sich«, so die Kritik der Verbandssprecherin der Kuhlen Wampe, Vera Rosin, »nicht auf Treu und Glauben auf so etwas einlassen.« josie

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