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In MOTORRAD 3/2016: 33. Dortmunder Supercross.

33. Dortmunder Supercross Major Toms Hütte

Beim 33. Dortmunder Supercross gibt es jede Menge Titel abzuräumen. Prinz von Dortmund, König gar – oder wie wäre es mit Gesamtsieger der Supercross-Serie? Alles chic, aber alles ungewiss. Sicher ist in der Westfalenhalle nur eins: An Thomas Deitenbach und seinem Mikro kommt niemand vorbei.

Wenn der Mann mit der Mütze bei der letzten Siegerehrung am Samstag ein „Dooooooomiiiiniiiiiiique“ über die Hallenlautsprecher vorlegt, gibt das ­Hallenpublikum subito die passende Antwort. Dann kommt lautstark und kehlend aus 10.000 Mündern: „Thuuuuuuuuuu­ry“. Das sind dann jene Momente, in denen der 56-jährige Deitenbach einfach still und glücklich in sich hineinlächelt: ausverkauftes Haus, Top-Show, spannende Rennen, und ein Deutscher – eben Dominique Thury – auf dem Podium. 

Supercross, kurz SX, das ist Motocross auf die Spitze getrieben. Gewaltige Sprungkombinationen, Rhythmus-Sektionen wie die so oft rennentscheidenden Waschbretter, enge Kurven, steile Rampen. Eine modellierte Arena für die Besten der Besten. Supercross – das ist aber auch die perfekte, ganz große Show, wie sie die Amis lieben. Und inzwischen auch wir. Ganz großes Kino, Licht aus, Spot an. Top oder Flop. Die Zuspitzung des Dramas. 

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Reporter, ADAC-Mann und Messemacher

Vorläufe, Halbfinale, Hoffnungsläufe – es bleibt spannend bis hin zum alles entscheidenden letzten Lauf. Das römische Brot-und-Spiele-Muster in aktuellerem, zugegebenermaßen sehr coolem Gewand. 33 Jahre geht das schon so in Dortmund. Und Tommi Deitenbach war von Anfang an dabei. Das erste Mal noch ohne Mikrofondienst, erledigt er diesen Job dieses Jahr nun schon zum 32. Mal in der Westfalenhalle. Selbst wer noch nie Dortmunds SX besuchte, kennt Tommis Stimme ganz bestimmt. Supermoto, ­Motocross, Enduro, MotoGP: Ganz egal, wo Rennmotorräder dröhnen, Tommy kommentiert. Seine Zuneigung gehört allen Zweiradsportarten, aber sein Herz schlägt für Dortmund. Der Iserlohner war in den 80er-Jahren selbst erfolgreicher Endurosportler, verlor aber bei einem schweren Unfall ein Bein. Für ihn kein Grund, dem Sport Adieu zu sagen. Im Gegenteil. Dann eben Reporter, ADAC-Mann, Messemacher. Und immer wieder Dortmund Supercross. 

Tommi kann sich heute noch über die wilden Zeiten freuen, weil sie eben auch heute noch ziemlich wild sind. Schwatzten sie früher den Bergleuten für eine Buddel Schnaps und ordentlich Bier eine Bergbauröhre ab, weil sie unbedingt einen Tunnel wie beim legendären Pariser Bercy-Supercross wollten, perfektionieren Tommi und sein Team heute die Lasershow oder die Choreografie. Stillstand ist Rückschritt. Er steht bei jedem Training an der Strecke, kennt die Fahrer besser als die sich selbst und besitzt eine feine Nase für die Ansprüche und Reaktion des Publikums. 

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Foto: markus-jahn.com
... denn im Gegensatz zu Motocross-Events findet der Supercross-Wettbewerb in der Halle statt.
... denn im Gegensatz zu Motocross-Events findet der Supercross-Wettbewerb in der Halle statt.

Er will nicht überparteilicher Langweiler sein, sondern klopft auch mal gern einen richtigen Spruch raus. Den sportpolitischen Balanceakt zwischen staubigen Gremien und notwendigen, logischen Entscheidungen beherrscht er jedoch ebenfalls perfekt. Doch jetzt genug geplaudert, wir wollen zurück auf die Strecke.

In Dortmund war zunächst einmal alles anders – und zum Schluss dann doch wieder alles wie erwartet. Greg Aranda, der Dominator der Events in Stuttgart, München, Chemnitz und zuletzt auch der französischen Meisterschaft, überraschte mit technischen Problemen und Stürzen inklusive Gehirnerschütterung. Gewann dann aber doch souverän den Gesamttitel im ADAC-SX-Cup, da seine schärfsten Verfolger Jace Owen und Ben Lamay es ihm nachmachten und in der Westfalenhalle patzten. 

Ken Roczen hinterlässt große Lücke

Valentin Teillet holte sich mit Eleganz und Präzision verdient den Dortmunder Königstitel. Fehlerfrei blieb er über die drei Tage aber auch nicht. Das ließ viel Raum, vor allem für Dominique Thury. Der kämpfte wie ein Löwe, brachte die Halle zum Toben und Tommi Deitenbach fast um die Stimme. Nur ein Sturz im Finale am Sonntag verhinderte schließlich den ganz großen Erfolg. Stephan Büttner in der SX2 knackte fast noch den Gesamtsieg im SX2-Cup und vollendete damit das deutsche Glück in Dortmund. Hallooo, Deutschland, wann gab es das zuletzt in unseren SX-Hallen?

Um genau zu sein: Das war 2012. Jahr eins, nachdem Ken Roczen Richtung USA abwanderte. Das Jahrhunderttalent fehlt nicht nur Tommi Deitenbach, wie er freimütig zugibt. Alleine bei der Rückschau auf Kens Auftritte in Dortmund bekommt Tommi glänzende Augen! Aber die weltweit besten Supercross-Piloten zieht es eben, wie von einem Riesenmagneten angezogen, in die USA. Roczen biss und gewann sich durch alle Motocrossklassen in Europa. Natürlich war er damals auch der Prinz von Dortmund. Aber nach seinem Motocross-WM-Titel ging es direkt ab nach Amerika. Nun schickt er sich an, als Top-Favorit die US-SX-Meisterschaft zu gewinnen. Dort sind die Stars, der Style, das dicke Geld. 

Mattstedt der deutsche SX-Mittelpunkt

Was aber hinterließ Ken Roczen der deutschen Szene neben seiner mächtigen Vorbildfunktion? Eins ganz sicher: seine heimatliche Trainingsstrecke im thüringischen Mattstedt, heute der deutsche SX-Mittelpunkt! Eine Piste, auf der nun aktuell die Shootingstars Stephan Büttner, Dominique Thury und die Koch-Brüder Tag um Tag ihre Runden drehen. Und wenn es zum Thema Klimaerwärmung einmal etwas Positives gibt: Der milde und vor allem trockene Winter sorgte für Trainingsmöglichkeiten in Deutschland, die sonst nur das erfolgreiche Supercross-Land Frankreich kennt. Unter Anleitung von Roczens Papa Heiko Klepka entsteht in Mattstedt derzeit mit etwas Glück ein solides SX-Fundament für die Zukunft. Denn eins ist klar: Ohne spezielle SX-Strecken, ohne Vergleich, ohne Training gibt es keine deutschen Stars!

Aber mal ehrlich: Auch ohne die ganz großen Superstars ist nicht alles schlecht in Europa. Und vor allem in Dortmund. Lecker Pommes, Bierchen schlürfen, durch die Halle flanieren – die Vorteile des Supercross zeigen schonungslos die Minuspunkte beim Motocross. Frau, Freundin, Familie, alle sitzen bequem. Sauwetter? Egal! In der muckeligen Westfalenhalle siehst du lückenlos – und der Termin am zweiten Januarwochenende scheint eh ziemlich perfekt. Nach Weihnachtsgedöns und der endlos faden Wintersport-Dauerschleife im Fernsehen reiben sich doch viele schon ungeduldig die Hände. Endlich wieder Motorsport, und zwar live! Apropos Fernsehen: Was filmt denn der WDR dort drüben mit Tommi Deitenbach? Der Sprecher bleibt eben immer das erkennbare, vor allem aber das hörbare Dortmund-Aushängeschild. Sein „Hallooo, Dortmund“ bildet sicherlich auch in Zukunft den legendären Auftakt zu drei Tagen feinster Supercross-Action im Pott.

Foto: markus-jahn.com
Dominique Thury sorgte in der SX1 mit Freitags- und Samstagspodium für Begeisterung in der Halle.
Dominique Thury sorgte in der SX1 mit Freitags- und Samstagspodium für Begeisterung in der Halle.

Ergebnisse

König von Dortmund 

1. Valentin Teillet (FRA, Honda), 54 Punkte
2. Jace Wayne Owen (USA, Suzuki), 52 Punkte
3. Ben Lamay (USA, Yamaha), 48 Punkte
4. Dominique Thury (GER, KTM), 41 Punkte

Gesamtwertung ADAC-SX1-Cup 2015/2016 (nach vier Veranstaltungen)

1. Greg Aranda (FRA, Kawasaki), 139 Punkte
2. Jace Wayne Owen (USA, Suzuki), 123 Punkte
3. Ben Lamay (USA, Yamaha), 122 Punkte

6. Dominique Thury (GER, KTM), 63 Punkte

Prinz von Dortmund

1. Paul Coates (GBR, Kawasaki), 68 Punkte
2. Stephan Büttner (GER, Yamaha), 53,5 Punkte
3. Iker Larranaga Olano (ESP, KTM), 50 Punkte 

Gesamtwertung ADAC-SX2-Cup 2015/2016 (nach vier Veranstaltungen)

1. Iker Larranaga Olano (ESP, KTM), 138 Punkte
2. Paul Coates (GBR, Kawasaki), 136 Punkte
3. Stephan Büttner (GER, Yamaha), 121 Punkte

12. Paul Haberland (GER, Suzuki), 22,5 Punkte

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