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Max Nagl (12) verpasste Platz drei der Tageswertung nur denkbar knapp.

Motocross-Grand-Prix in Teutschenthal Das Kreuz mit dem Cross

Der Motocross-Grand-Prix in Teutschenthal gilt längst als Highlight im WM-Kalender. Die Kulisse ist traumhaft und lockt viele Fans an die Strecke. Doch der Veranstalter hat seine liebe Not mit dem Event.

Was der Sachsenring-Grand-Prix für die Freunde von Motorrad-Straßenrennen ist, nämlich ein fester Termin im Jahreskalender, das ist der Motocross-GP im Talkessel von Teutschenthal für die Fans des Offroad-Sports. Doch wie lange wird das noch so sein? Auf der einen Seite ist die Begeisterung der Zuschauer, der Sportler und der Mannschaft des MSC Teutschenthal, der das Spektakel veranstaltet. Scheinbar so überzeugend ist, dass MXGP-Promoter Youthstream mit dem Klub in Sachsen-Anhalt einen langfristigen, bis 2026 laufenden Vertrag über die Ausrichtung des deutschen Weltmeisterschafts-Meetings abschloss. Auf der anderen sind die Kosten für die Veranstaltung, die immer weiter steigen. Werden die für den MSC Teutschenthal bald nicht mehr tragbar sein?

„Nach ersten Schätzungen fehlen uns 5000 Zuschauer“, gab der Klub-Vorsitzende Joachim Jahnke am GP-Wochenende 2016 zu. „Im vergangenen Jahr gab es Unstimmigkeiten mit Youthstream über die Streckenvorbereitung, aber die sind bereinigt. Dieses Jahr wurde unsere Vorarbeit als perfekt gelobt. Doch die Kosten dafür steigen ständig. Auf der anderen Seite sind die Einnahmemöglichkeiten geringer geworden.“

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Ein Zugpferd fehlt ...

Die Aufbauarbeit, die Youthstream für die WM geleistet habe, sei unbestritten, sagt Jahnke. „Aber 2016 fehlt uns ein Zugpferd. Jahrelang wirkte Ken Roczen wie ein Publikumsmagnet. Letztes Jahr kam Max Nagl als WM-Führender nach Teutschenthal, aber jetzt ist er trotz seiner Podestplätze nur WM-Vierter gewesen. Zudem wurden wir verpflichtet, die Eintrittspreise von 55 auf 60 Euro zu erhöhen, für den Fahrerlagerzugang müssen wir extra kassieren. Die vielen Menschen auf den Zuschauerrängen sollten nicht zu falschen Schlüssen kommen – nur ein Teil ihrer Ausgaben ­landet in unserer Kasse.“

Joachim Jahnke ist beim Teutschenthal-GP ein Mann der ersten Stunde und viel zu diplomatisch, um die Hintergründe detailliert zu beleuchten. Tatsache ist, dass die Einnahmen aus dem Verkauf der Eintrittskarten für Gäste der Seriensponsoren oder die Gebühren für die Teilnehmer der Rahmenrennen direkt in die Taschen von Youthstream fließen. Dass lokale Sponsoren zum Rückzug gezwungen wurden, ist auch nicht hilfreich. So musste sich der regionale Mercedes-Händler, über viele Jahre eine große Stütze des Teutschenthal-GP, verabschieden, weil seit diesem Jahr Fiat als offizieller Partner der WM dabei ist und Bandenwerbung konkurrierender Autohersteller verbannt wurde.

Obwohl die Anforderungen an die Streckenvorbereitung nach der letztjährigen Kritik extrem gestiegen waren, war die Begeisterung der MSC-Mannschaft auch 2016 weiter ungebrochen. 21 Vereinsmitglieder haben Urlaub genommen und waren seit Dienstag im Einsatz. Die komplette Strecke wurde um 40 Zentimeter angehoben und bewässert. Im Vorfeld wurde ein Rückhaltebecken für 800 Kubikmeter Wasser geschaffen und ein 60 Meter tiefer Brunnen gebohrt.“

Die Kostensteigerungen und die damit verbundenen finanziellen Verluste machen Jahnke zu schaffen. „Wir müssen mit Youthstream verhandeln. Seit zwei Jahren heißt es, dass das Motocross der Nationen wieder nach Deutschland kommen soll. Die zusätzlichen Einnahmen aus der Team-WM können für die zukünftige Finanzierung des Grand Prix wichtig sein.“

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Nagl in beiden WM-Läufen in der Spitzengruppe

Der Talkessel von Teutschenthal ist eine Traumkulisse für den Motocross Grand Prix. Vom Zuschauerhang aus ist die gesamte Strecke einzusehen, und der Stolz der Fans aus Deutschland und anderen Nationen auf ihre Flaggen macht das bunte Bild komplett. Die Rennen waren zudem spannend wie immer, auch wenn Max Nagl die Hoffnungen seiner zahlreichen Fans auf einen Sieg beim Heimat-GP nicht ganz erfüllen konnte. Der Oberbayer tauchte angeschlagen auf. „Seit Dienstag plagt mich ein grippaler Infekt, der hat mir alle Kräfte geraubt. Die Lunge ist frei, trotzdem wird es an diesem Wochenende um Schadensbegrenzung gehen“, sagte Nagl. „Aber ich bin den Fans nach dem verletzungsbedingten Ausfall letztes Jahr einiges schuldig und werde kämpfen.“

Nagl hielt Wort. In der Samstags-Qualifikation hielt sich der 28-Jährige mit Platz sieben zurück, aber dank seiner Blitzstarts fuhr er in den beiden WM-Läufen in der Spitzengruppe mit. Dabei hielt sich der Husqvarna-Werksfahrer aus allen brutalen Zweikämpfen heraus und kam im ersten Lauf als Dritter ins Ziel, nach 35 Minuten Fahrt lediglich zwölf Sekunden hinter Sieger Toni Cairoli. Auch im zweiten Rennen fuhr er eine Viertelstunde lang auf Rang drei, bis ihn ein kleiner Sturz drei Plätze und viel Kraft kostete. Es reichte zu Rang sechs, in der Addition beider Ergebnisse verfehlte er das Podest der Tageswertung nur knapp. „Ich war wegen der Krankheit völlig fertig“, berichtete er. „Wenigstens fahre ich gesund nach Hause und habe meine WM-Chancen intakt gehalten.“ Tatsächlich hatte er bei den Rennen in Teutschenthal als WM-Vierter nur zwei Punkte auf die Spitze eingebüßt und damit weiterhin die Möglichkeit, seine Fans zum Saisonende mit einem Topergebnis in der WM-Schlusswertung zu versöhnen.

Steffi Laier mit Wildcard angetreten

Auch die einheimischen Fans des Frauen-Cross durften sich freuen. Steffi Laier, mit drei WM-Titeln eine deutsche Ikone dieser Sportart, war mit einer Wildcard angetreten, schaffte es mit einem dritten und einem zweiten Platz als Zweitbeste aufs Podest der Tageswertung. „Nicht schlecht für einen Oldie“, grinste die 30-Jährige, die bei der KTM-Niederlassung im belgischen Antwerpen arbeitet. „Normalerweise fahre ich seit zwei Jahren als Werbeträgerin bei Amateurrennen, aber ich darf pro Jahr drei Profi-Wettbewerbe bestreiten“, sagte Laier. Als nächster Termin steht der WM-Lauf in Frauenfeld/Schweiz im August auf dem Programm.

Auch Larissa Papenmeier, die ihren vierten Platz in der WM in Teutschenthal mit zwei vierten Rängen festigen konnte, ist Hobbyfahrerin. „Profi im Damencross? Davon kann man nur träumen“, berichtet sie über die Situation. „Ich bin dankbar für alle meine Sponsoren, aber während der Woche arbeite ich als Buchhalterin. Auf die Unterstützung der lieben Familie kann in unserem Sport keine verzichten.“

Die Leistung der beiden Frauen war dennoch ein Lichtblick für die deutschen Fans. Denn im Lager der Herren ist Max Nagl der einzige siegverdächtige Deutsche. Ken Roczen, der sicher auch ganz vorne dabei wäre, begeistert lieber die Fans in seiner Wahlheimat Amerika. Mit seinen 28 Jahren ist der Bayer Nagl zwar nicht mehr der Jüngste, aber seine Karriere ist noch längst nicht vorbei. „Ich glaube, ich kann noch fünf Jahre an der Spitze mitmachen – vorausgesetzt, es kommen keine ernsthaften Verletzungen dazwischen“, sagt Nagl. „Aber ich will nur weitermachen, solange ich vorne dabei bin.“ Die Frage nach dem hoffnungsvollen deutschen Nachwuchs kann aber auch Nagl nicht beantworten. „Keine Ahnung. Ich weiß auch nicht, woran es liegt“, sagt er.

Deutscher Motocross-Nachwuchs?

Ein potenzieller Nachfolger könnte Brian Hsu sein, aber nachdem er sich im Winter eine Schulterverletzung zugezogen hatte, fährt der Sohn eines ungarisch-taiwanesischen Elternpaars, der in Freiburg geboren wurde, derzeit keine Rennen. Henry Jacobi aus Thüringen, wie Hsu Juniorenweltmeister, sah in Teutschenthal endlich Licht am Ende des Tunnels. Dort fuhr der 19-Jährige vom italienischen JTech-Honda-Team in ­ einem furiosen Rennen auf Platz zwölf, nachdem er in den Sand-GP in den Niederlanden und in Lettland weit unter seinen Möglichkeiten geblieben war. „Das war eine Befreiung“, freute er sich. „Das Team hatte im Frühjahr ausschließlich in Italien getestet, und unser Set-up hat für den Sand überhaupt nicht gepasst. Aber hier hat es funktioniert.“

Beim deutschen Sarholz-KTM-Team wird die Saison womöglich bald zu Ende gehen. Chef Burkhardt Sarholz redete vor dem deutschen GP Klartext: „Die Auslands­einsätze bringen mir nichts, wenn wir keine guten Ergebnisse einfahren. Ich habe Verständnis dafür, dass unser Fahrer Dennis Ullrich private Probleme hat. Aber wenn seine Ergebnisse nicht besser werden, nützt es weder ihm noch dem Team, weiter viel Geld für die Reisen zu den GP zu verpulvern. Wir werden uns auf die ADAC-MX-Masters-Serie konzentrieren.“ Am Material liegt es sicher nicht, wie die guten Starts Ullrichs in der Qualifika­tion und im ersten Rennen zeigten. Doch der Schwabe fiel auch in Teutschenthal im Lauf des Rennens immer weiter zurück und kassierte schließlich einen einzigen WM-Punkt, einen weniger als Teamkollege Angus Heidecke. So reiht sich Ullrich, der MX-Masters-Gesamtsieger von 2013 und 2014, zwischen den vielen anderen deutschen Motocrossern ein, denen es nur selten gelang, ihre gute Form auf deutschem Boden auch international zu präsentieren.

Keine rosigen Aussichten für MSC-Teutschenthal-Chef Joachim Jahnke, der nach aktuellem Stand der Dinge wohl darauf hoffen muss, dass Max Nagl gesund bleibt und weiterhin zu den Siegeranwärtern zählt, um so das Zugpferd zu sein, das die Zuschauer zum nächsten Grand Prix nach Sachsen-Anhalt lockt.

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