Rallye-Weltmeister Matthias Walkner im Interview "Die Dakar spielt in einer anderen Liga"

Der Österreicher Matthias Walkner (29) gilt als der Shooting Star des Rallye-Sports. Gerade mal ein Jahr nach seiner ersten Rallye holte der Österreicher den Titel in der Cross-Country-WM.

Sie werden von Insidern bereits als der Sieger der in wenigen Tagen startenden Rallye Dakar gehandelt. Sehen Sie das auch so?
Also ich weiß nicht, auf welchem Planeten diese Leute leben, die das vorhersagen. Ich konnte bei der letztjährigen Dakar zwar einige Akzente setzten und sogar einen Etappensieg holen, musste aber schnell erkennen, wie hart diese Rallye wirklich ist. Zwar bin ich letztlich durch eine schwere Erkältung ausgeschieden, doch vorher hat mir die Dakar schon meine Grenzen aufgezeigt.

Das klingt aber außerordentlich bescheiden. Sie haben in Ihrem zweiten Jahr im Rallyesport bereits den WM-Titel geholt. Das ist doch eine Sensation.
Klar hat mich das gefreut und ich habe sicher damit auch mein Potenzial aufgezeigt. Aber wie gesagt, die Dakar ist eine andere Nummer als die sechs, zur WM zählenden Rallyes. Die dauern jeweils nur ein paar Tage und gehen nicht so an die Substanz.

Sie haben Ihre Wurzeln ja im Motocross-Sport, wurden im Jahr 2012 MX3-Weltmeister. Wie kamen Sie überhaupt zum Rallyesport?
Die Zukunft der MX3-WM wurde nach meinem Titel immer ungewisser. Mittlerweile wurde diese WM ja auch abgeschafft. Ich musste mich also neu orientieren. In dieser Phase kam KTM-Miteigentümer Heinz Kinigadner mit dem Gedanken auf mich zu, es doch einmal im Rallyesport zu versuchen. Das habe ich getan, bestritt im vergangenen Jahr die Hellas-Rallye in Griechenland und habe dort dann auch gleich gewonnen. Das war sozusagen der Startschuss zu einer Karriere als Rallyefahrer.

Ein derartiger Blitzstart gelingt in dieser Disziplin sehr wenigen Fahrern. Gerade Motocross-Piloten stürzen bei ihren ersten Rally-Einsätzen oft. Wie gelingt es Ihnen, so gut über die Runden zu kommen?
Ich war auch als Motocross-Fahrer relativ sattelfest und bin selten gestürzt. Verletzt war ich in meiner gesamten Karriere fast gar nicht. Das ist eher unüblich. Vielleicht ist mir ein bedachter Fahrstil oder das fahrerische Talent in die Wiege gelegt. Im Rallyesport ist es auf jeden Fall extrem wichtig, nicht zu überziehen. In keiner anderen Disziplin ist der alte Spruch so gültig wie im Rallyesport: Zusammengerechnet wird erst am Schluss.

In diesen Wochen sind Sie in den motorsportlich orientierten Medien sehr präsent. Es macht den Eindruck, Ihre Rallye-Karriere würde in Sachen Publicity Ihren Motocross-Titel überstrahlen. Ist das so?
Da darf man sich nicht täuschen. Jetzt, also in der Zeit vor der Dakar mag das so sein, aber davon abgesehen hält sich der Medienrummel auch was den Dakar-Auftritt angeht in Grenzen. Motorsport hat es in den Medien nirgends leicht. Und Österreich ist einfach eine Ski-Nation.

Sie haben ja auch engen Kontakt zum Skisport. Ihre Schwester ist Profi-Skifahrerin.
Ja, Eva ist amtierende Freeride-Weltmeisterin. Ich selbst bin auch Ski gefahren und war auf regionaler Ebene sogar ganz gut. Doch mit zehn Jahren haben mich Motorräder mehr begeistert.

Der Skistar Marcel Hirscher gehört auch zu Ihrem Freundeskreis.
Ja, ich kenne Marcel seit meinen Kindertagen im Skisport. Wir fahren auch heute noch gelegentlich gemeinsam Motocross.

Fährt er gut?
Ja, er hängt schon gewaltig am Gas. Nur beim Springen, da muss er noch nachlegen (lacht).

In Ihrer Heimat in der Nähe von Salzburg ist es nicht leicht, Motorsportler zu sein. Strecken sind Mangelware.
Das stimmt, zunächst bin ich nur auf der Wiese hinterm Haus gefahren und habe dort alles umgegraben. Um auf einer richtigen Motocross-Strecke zu fahren, muss man aber schon ein, zwei Stunden mit dem Transporter unterwegs sein. Das ist schon aufwendig.

Anzeige
Foto: KTM

Zurück zur Dakar. Sie haben ja schon erwähnt, dass diese Rallye in einer ganz eigenen Liga spielt. Sind die großen Höhen- und Temperaturunterschiede auch ein Problem?
Die sind nicht nur auch ein Problem, die sind die Herausforderung schlechthin. Wir fahren zwei Mal über die Anden. Die Strecke steigt auf bis zu 4600 Meter über dem Meer. Es ist bitterkalt und die Luft wird extrem dünn.

Kann man sich darauf vorbereiten?
Man muss. Ich habe bis vor kurzem drei Wochen lang auf dem Kitzsteinhorn auf knapp 3000 Meter Höhe gelebt. Zudem schlafe ich seitdem zuhause in einem Zelt, das den Aufenthalt in sauerstoffarmer Luft simuliert.

Bei der Dakar 2016 treten nur zwei deutschsprachige Motorradfahrer an. Ist das nicht seltsam?
Stimmt. Die Rallye ist eigentlich sehr populär. Doch wie gesagt, Österreich ist eine Ski- und Deutschland eine Fußball-Nation. Da lassen sich Sponsoren nicht so leicht finden.

Und nun die obligatorische Schlussfrage: Wie werden Sie bei der Dakar 2016 abschneiden?
Sagen wir die Wahrscheinlichkeit ist gering, aber möglich ist alles. Ich werde alles daransetzen, um einen Beduinen [Anm. der Red.: Die Optik der Pokale entspricht dem Beduinen-Logo der Dakar] mit nach Hause zu bringen. Also Top-3.

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote