08.07.2010 Von: Markus Biebricher
Erschienen in: 15/ 2010 MOTORRAD

Honda Reise-Transalp Spezial Teil 1 Die Honda Transalp wird aufgerüstet

Wenn nichts mehr hilft, muss man weg. Raus aus dem Trott, in die Welt, zu sich selbst. Mit dem geeigneten Mobil. Für ein wertiges Reisemotorrad braucht man keine 15000, keine 10000, sondern vielleicht grade mal 3500 Euro. Hier der Beweis.
In diesem Artikel: Honda Transalp

Honda Transalp

Aus der Honda Transalp lässt sich für kleines Geld großes erreichen.  

Foto: Sdun  

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Aufwachen, arbeiten, Leistung, Stress, ins Bett gehen. Was tun, wenn sich das Hamsterrad des Alltags immer schneller dreht, wenn man sich fühlt wie eingeschlossen und die Sehnsucht nach einer Auszeit immer stärker wird? Dann kann eines helfen: Einfach aufs Motorrad setzen und weg, weit weg. Auf Reisen gehen, endlich einmal frei sein vom täglichen Leistungsdruck.

Potenziell eignen sich fast alle Motorräder für die kleine oder große Flucht aus dem Alltag. Wenn wir aber eins wollen, das rostfrei dasteht, kultiviert läuft, endlos zuverlässig ist, genug Komfort für zwei Personen bietet, schlechten Sprit wie miese Pisten verdaut, mit vier Litern fahrbar ist und in ein Budget von 2500 Euro passen soll, wird die Auswahl eng. Honda Africa Twin oder alte BMW-GS sind zu kostspielig und zu schwer, 750er-Super-Ténérés haben bei hohem Gewicht schwammige Fahrwerke, eine Kawa KLE 500 ist zu unbequem, Einzylinder-Enduros bieten weder Zwei-Personen-Komfort noch Laufkultur oder lange Motorlebensdauer, Ausnahmen wie F 650 Dakar oder XT 660 kommen noch zu teuer. Günstige Straßenmaschinen sind schwierig auf schlechten Pisten.

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Irgendwann landet man bei solchen Ansprüchen fast zwangsläufig bei einer alten Honda Transalp. Herunter gerittene Exemplare gibt es bereits ab rund 1200 Euro, die Juwelen in gutem Zustand mit moderater Laufleistung kosten zwischen 2000 und 3500 Euro. Wir sprechen hier von den bis Anfang 1996 in Japan gebauten, qualitativ hochwertigen PD 06-Exemplaren mit goldeloxierten Felgen, entweder vor oder nach dem Facelift von 1994.

Nach langer Suche endlich ein supergepflegtes Exemplar aus 1995. Eine, die geliebt wurde, aussieht wie aus dem Laden und nur 22500 Kilometer auf der Uhr hat. Letzter Preis: 2300 Euro. Stahlflex-Leitungen und Sturzbügel sind montiert, insgesamt ist dieses Moped eine großartige Basis. Wenn man jetzt noch ein paar Euro mehr in die Hand nähme, könnte in der Tat das ideale Fernreisekrad für kleines Geld entstehen. Nein, keine ausladenden Transportsysteme, denn wir wollen materiell entschlackt reisen. Wie frei muss es sich anfühlen, alles was man braucht, in einer Ortlieb-Rolle hinten drauf zu haben, schlank durch den dicksten Schlamassel zu gleiten? Überschaubare Investitionen in Fahrwerk und Ergonomie erscheinen da sinnvoller als fette Alukoffer und 40-Liter-Tank, die das Moped schwer fahrbar machen. Irgendwann sind sicher auch noch ein vernünftiger Motorschutz oder richtige Grobstoller fällig. Dann kann kommen, was will.

Zurück zum Fahrwerk: Eine straffere Auslegung wäre gut, mehr Reserven für Dämpfer und Federn vorne wie hinten. Eine an die Fahrergröße angepasste Sitzbank ebenfalls. Für beide Projekte gibt es Spezialisten, die für kleines Geld große Veränderungen anbieten. Hubert Hofmann aus Rottenburg ist so jemand. Er hält das Showa-Federbein der Transalp für qualitativ gute Ware und bietet einen Komplett-Umbau an, der günstiger kommt als ein neues Federbein aus dem Zubehörhandel. Seine Firma HH-Racetech ist spezialisiert auf Fahrwerksmodifikationen. Sie fertigt edelste Gabeln und Federbeine für etliche Rennställe und Hersteller, die höchste Ansprüche an sauber abgestimmte Fahrwerke haben. Aus dem Vollen gefräste Gabelbrücken, Federbeinaufnahmen, Fußrastenanlagen, hochpräzise gefertigte Innereien von Gabeln und Federbeinen beeindrucken jeden Besucher. Also, los Hubert, an die Arbeit. Als die Transalp aus dem Operationssaal kommt, liegt das Heck leicht höher und auf den Gabelstopfen glänzen schwarze Einstellpropeller.

Der Blick auf das jetzt mit roter Eibach-Feder leuchtende Federbein zeigt, dass da richtig was passiert ist. Das bestätigt die Probefahrt. Die Transalp vermittelt ein stabileres Gefühl, spricht feiner auf Bodenun-ebenheiten an und überzeugt durch stärkere Progression. Beim Bremsen taucht sie nicht mehr so tief ein, die Richtungsstabilität ist höher, die Eigenbewegung in allen Lebenslagen geringer. In Kurven mit Bodenwellen gibt es kein Pumpen mehr, man verzeichnet höhere Lenkpräzision und besseres Feedback vom Vorderrad. Unsere Honda fährt sich jetzt fast wie eine KTM, die Reserven von Federung und Dämpfung überzeugen auch anspruchsvolle Fahrer. Hubert Hofmann hat das Innenleben von Federbein und Gabel komplett überarbeitet und erneuert. Rund 800 Euro sind für diese effektive Fahrwerkskur ein fairer Preis. Mit 130 Euro wesentlich günstiger kam die neue Sitzbank, die unter den Händen von Joannis Batsaras entstanden ist. Der junge Sattler aus Sindelfingen zauberte auf der Basis der alten Bank ein straffes Gestühl, was in Verbindung mit dem ebenfalls neuen "Fatty"-Alu-Lenker von K-Maxx (99 Euro) zu einer deutlich aktiveren Sitzposition führt. Optisch hat die Transalp gewonnen, technisch ist sie für ein überschaubares Budget deutlich pistentauglicher und fahrsicherer geworden. Über die weitere Entwicklung unseres Low-Budget-Fluchtfahrzeugs werden wir berichten. Und irgendwann geht es dann los. Weit weg.


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