Debatte um Rüttelstreifen Letzte Rille

Sogenannte Rüttelstreifen sollen berüchtigte Unfallstrecken für Motorradfahrer entschärfen, weil ansonsten Sperrungen drohen. Fluch oder Segen? Die Skepsis besteht meist zu Unrecht, wie die Fakten zeigen.

Foto: Schümann

MOTORRAD-Leser Dejan Kirchberger ist stinksauer. „Danke an all die Idioten, die eine Landstraße mit einer Rennstrecke verwechseln“, wettert er. Warum Kirchberger so in Rage ist? „Um Raser am Kesselberg zu bremsen, werden jetzt Rüttelstreifen angebracht“, schreibt der passionierte Motorradfahrer Anfang März 2014 an die Redaktion. Bitte, welcher Berg? Es ist die Rede von Bayerns gefährlichster Zweirad-Strecke: vom Kesselberg auf der B 11 zwischen Kochelsee und Walchensee im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Auf einem nur 1000 Meter langen Abschnitt gab es dort binnen dreier Jahre (2011 bis 2013) insgesamt 18 schwerwiegende Motorradunfälle mit Toten oder Schwerverletzten. Ähnliches gilt für das etwa 60 Kilometer weiter östlich gelegene Sudelfeld im Landkreis Miesbach, das zur Gemeinde Bayrischzell gehört. Dort wurden im selben Zeitraum insgesamt 14 schwerste Krad-Karambolagen registriert – die Hälfte davon allein in der Kurve vor dem bekannten Szene-Treff Café Kotz.

Im Mai haben die zuständigen Behörden die Reißleine gezogen: Auf beiden Strecken wurden sogenannte Rüttelstreifen installiert, um Motorradfahrer, die schneller unterwegs sind als die Polizei erlaubt, einzubremsen. „Das ist die letzte bautechnische Möglichkeit, die beiden Unfallschwerpunkte zu entschärfen“, sagt Volker Spahn von der bayerischen Zentralstelle für Verkehrssicherheit der Straßenbauverwaltung. Alle zuvor getroffenen Maßnahmen hätten sich als stumpfe Schwerter erwiesen. Zu groß die Zahl der Biker, die Schilder mit Überholverbot, Geschwindigkeitsbegrenzung oder Warnung vor der Unfallgefahr allenfalls als Dekoration am Straßenrand wahrnahmen.

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Dickschichtmarkierungen aus Zweikomponenten-Kaltplastik

Beeindruckender wirkten dagegen Beschlagnahmungen von Motorrädern, deren Fahrer mit 40 km/h über Tempolimit erwischt wurden, sowie Fahrverbote an Sonn- und Feiertagen. Doch der bayerische Verwaltungsgerichtshof zeigte diesen Maßnahmen schon vor Jahren wegen Unverhältnismäßigkeit die Rote Karte. „Die guten Erfahrungen, die mit Rüttelstreifen im Landkreis Erzgebirge gemacht wurden, haben uns ermuntert, diesen letzten Versuch zu wagen, die Strecken sicherer zu machen“, sagt Spahn.

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Foto: Schümann

Deshalb holten sich die Bayern Rat und Know-how aus Sachsen. Die Rüttelstreifen in Form von Dickschichtmarkierungen aus Zweikomponenten-Kaltplastik und die dafür erforderlichen Arbeitsgeräte sind im besten Sinne eine Eigenkonstruktion des Erzgebirgskreises. „Der Landkreis hat inzwischen Gebrauchsmusterschutz für das Verfahren und die spezielle Beschilderung der so ausgerüsteten Strecken“, sagt Sascha Rudolf von der sächsischen LISt, eine Gesellschaft für Verkehrswesen und ingenieurtechnische Dienstleistungen, die bei der Entwicklung als technischer Berater fungierte. Vor knapp zwei Jahren wurde ein zweites Pilotprojekt auf der S 165 am Hohnstein, einer ehemaligen Rennstrecke in der sächsischen Schweiz, realisiert. „Zwei weitere Projekte sind geplant“, sagt LISt-Ingenieur Rudolf. Auch das sächsische Landesamt für Straßenbau und Verkehr befürworte mittlerweile den Einsatz der ­Rüttelstreifens „made in Erzgebirgskreis“.

Dort wurde tatsächlich Pionierarbeit geleistet. Zwar weist schon das etwas betagte „Merkblatt zur Verbesserung der Verkehrssicherheit auf Motorradstrecken“ der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV) darauf hin, „dass Rüttelstreifen in Sonderfällen zur Durchsetzung der verkehrssicheren Geschwindigkeiten in Betracht“ kommen. Wie diese gestaltet sein sollen, ist jedoch eher vage ausgeführt: nur auf Geraden vor Kurven einbauen, nicht höher als eineinhalb Zentimeter und nicht breiter als 50 Zentimeter, so das FGSV-Merkblatt. Die Unter­suchung der Bundesanstalt für Straßenwesen (Bast) zur „Entwicklung besonderer Fahrbahnbeläge zur Beeinflussung der Geschwindigkeitswahl“ aus dem Jahr 2010 kommt zu dem Schluss: Quer zur Fahrbahn verlaufende Rüttelstreifen können als wirkungsvolles und kostengünstiges Mittel zur Erhöhung der Verkehrssicherheit empfohlen werden. Die Bast favorisiert dabei Markierungsmaterial aus Zweikomponenten-Kaltplastik, wie es jetzt in Bayern und in Sachsen verbaut wird.

Rüttelstreifen erhöhen den Lärmpegel deutlich

In Nordrhein-Westfalen werden seit etwa zehn Jahren Rüttelstreifen als Tempobremsen in zwei Varianten eingebaut: Sowohl ein Zentimeter tiefe Fahrbahn-Einfräsungen als auch asphaltfarbene Kaltplastikschichten sind im Einsatz, was allerdings die Erkennbarkeit bei Nässe und Dunkelheit erschwert. Mittlerweile gibt es neun Strecken, zwei weitere sollen demnächst auf der L 687 im südlichen Sauerland und auf der L 707 im Märkischen Kreis hinzukommen. „Rüttelstreifen kommen erst dann zum Einsatz, wenn andere Maßnahmen wie Geschwindigkeitsbegrenzung oder intensive Polizeikontrollen nicht greifen“, sagt Heinrich Bergerbusch vom NRW-Landes­betrieb Straßenbau. Er stellt aber auch unmissverständlich klar: „Sie sind nicht dazu geeignet, zu schnelles Fahren zu verhindern.“ Vielmehr sollen sie bewirken, dass der Straßenkomfort vor gefährlichen Kurven eingeschränkt wird. Beispiele dafür sind die B 514 im ostwestfälischen Kalletal, die L 755 bei Altenbeken in der Nähe von Paderborn und die L 439 südlich des Essener Baldeneysees. Vorher-nachher-Auswertungen zeigten, dass sie im Einzelfall ein geeignetes Mittel seien, Streckensperrungen für Motorräder zu verhindern, so Bergerbusch.

Foto: Schümann

Diese Rechnung geht nicht immer auf, wie der Unfallschwerpunkt Schälk auf der B 236 zwischen Iserlohn und Schwerte zeigt: Die Haupteinfallschneise vom Ruhrgebiet ins Sauerland ist jetzt an Wochen­enden für Motorradfahrer gesperrt, weil diese sich nicht einmal von den Rüttelstreifen bremsen ließen.

Und auch auf der L 310 in Altenberg im Bergischen Land ist im Sommer 2013 die Rolle rückwärts erfolgt. Dort wurden die Rüttelstreifen wieder entfernt, obwohl die Unfälle deutlich zurückgegangen waren. Der Grund: Pkws und Lkws, die darüberfahren, erhöhen den Lärmpegel deutlich und nerven die Bewohner. Jetzt denkt man dort über ein Fahrverbot für Motorräder nach. Die Lärmbelästigung erregt ebenfalls die Gemüter in Bad Essen im Landkreis Osnabrück und spaltet die Bürger in Befürworter oder Gegner der Maßnahme im kurvenreichen Ortseingang. Die Bergstraße L 84 stellt seit Einbau von Rüttelstreifen kein Sicherheitsrisiko für Motorradfahrer mehr dar. Dafür rattert es kräftig, wenn Lkws, Gespanne oder Traktoren die Tempobremse überfahren. MOTORRAD-Leser Burkhard Möller aus Osnabrück begrüßt das Waschbrettfeld von Bad Essen trotzdem: „Mir ist diese Art von Zwang, langsamer zu fahren, deutlich lieber als kilometerlange, unsinnig niedrige Geschwindigkeitsbegrenzungen“, schreibt er in seinem Leserbrief an die Redaktion.

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Bundesweit offene Fragen

Markierungsstreifen gibt es ebenfalls auf der hessischen L 3004 zwischen Oberursel und dem Abzweig zum Feldberg. Hier, auf der Kanonenstraße im Hochtaunus, sollen rot abgesetzte Rüttelstreifen die Biker zum Abbremsen zwingen. Dass diese Baumaßnahmen das Unfallgeschehen positiv beeinflussen können, darüber sind sich die Fachleute inzwischen einig. Und dies für relativ kleines Geld: Ein Rüttelstreifenelement kostet, so Fachmann Bergerbusch aus Nordrhein-Westfalen, mit allem Drum und Dran rund 3200 Euro. Doch wie haben sie auszusehen, wie hoch oder tief sollen sie sein und welche Farbe tragen sie? Diese Fragen sind bundesweit noch offen.

Das könnte sich bald ändern, wie der nordrhein-westfälische Experte sagt: „Zurzeit wird das FGSV-Merkblatt gründlich überarbeitet und aktualisiert.“ Er geht davon aus, dass sämtliche Erfahrungen, die bislang bundesweit mit Rüttelstreifen gesammelt wurden, dort einfließen. „Es gibt ein breites Spektrum von Einzelergebnissen sowohl auf Autobahnen als auch auf Landstraßen“, sagt Bergerbusch. Eine um diese Erkenntnisse ergänzte Neuauflage des Merkblatts „Verbesserung der Verkehrssicherheit auf Motorradstrecken“ wird zu Beginn der nächsten Saison vorliegen, so hofft der Straßenbauer.

Unfallkommission: Erfolg gibt recht

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Die Unfallkommission des Erzgebirgskreises ist für die von ihr initiierten Baumaßnahmen von der Unfallforschung der Versicherer ausgezeichnet worden.

Die Haarnadelkurve auf der Kreisstraße 9107 im Erzgebirge galt seit 2007 als Unfallschwerpunkt. Binnen dreier Jahre (2006 bis 2009) ereigneten sich dort ein Dutzend schwerwiegender Motorradunfälle, bei denen insgesamt 19 Biker meist schwer verletzt wurden. Der örtlichen Unfallkommission war schnell klar, dass die mögliche Höchstgeschwindigkeit an dieser Stelle zu begrenzen ist, wobei Verkehrsschilder allein keine Verbesserung versprachen. Daraufhin wurden im Kurvenbereich Schutzplan­kenreflektoren angebracht und im Zufahrtsbereich der Fahrbahnbelag sektorenweise abgefräst sowie mit entsprechender Beschilderung das Tempo gedrosselt.

Mit Erfolg: Nach der Baumaßnahme gab es keinen ­einzigen Unfall mehr, bei dem Motorradfahrer zu Schaden kamen. Als die Fahrbahndecke 2011 erneuert werden musste, suchte man nach ähnlich wirkenden Maßnahmen, ohne den Straßenbelag zu beschädigen. Die Fachleute vor Ort setzten dar­auf­hin erstmalig in Sachsen profilier­te und reflektierende Dickschicht-Quermarkierungen ein und bekamen dafür den gleichnamigen Preis „Die Unfallkommission“. Er geht auf eine Initiative der Unfallforschung der Versicherer zurück und wird seit 2002 jährlich in ­Kooperation mit dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat für Unfallkommissionen und erfolgreiche Entschärfung von Risikostrecken verliehen.

Meinung von Redakteur Schümann

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Es bringt nichts, Rüttelstreifen als nutzlos zu belächeln. Wir sollten vielmehr hoffen, dass sie nützen. Denn wenn nicht, ist es vielleicht bald aus mit dem Fahrspaß auf zwei der schönsten Strecken am Alpenrand.

Die Aufregung war groß, als zum Herbst 2013 die ersten Meldungen kamen, dass man auf be­liebten Motorradstrecken in Süddeutschland „Raser“ durch neu­artige bauli­che Veränderungen des Fahrbahnbelags, sogenannte Rüttelstreifen, einbremsen wolle. Vor allem in den Internetforen, aber auch in E-Mails an MOTORRAD, ging’s hoch her: „Gefährlich! ... bald kann man dort nicht mal mehr mit den zulässigen 60 km/h fahren... da möchte ich nicht in
einer kritischen Situation in Schräg­lage draufkommen...“ Die Angst vor dem Unbekannten ging um. Was für „Speed­breaker“ würden die Behörden da jetzt in den Asphalt dübeln? Jetzt ist es so weit, auf Sudelfeld- und Kesselbergstrecke sind die Schwellen da. Und?

Nichts und, möchte man sagen, sobald man zum ersten Mal über die Streifen gefahren ist. Jede Bahnschiene im Asphalt, und die gibt es in deutschen Großstädten tausendfach, rüttelt mehr und ist gefährlicher. Vor allem, weil die auch hin und wieder mitten durch Kurven führen und bei Nässe extrem rutschig sind. Nichts ­davon trifft auf die Rüttelstreifen zu. Sie kreuzen die Fahrbahn ausschließlich vor und hinter Kurven an Stellen, wo selbst (viel zu) schnelle Fahrer keine Schräglage mehr haben, vor ihnen warnen Schilder, sie sind durch ihre Warnwesten-Farbe auch bei Dunkelheit von Weitem zu erkennen. Kurz: Tatsächlich aufrütteln können die Rüttelstreifen weder Fahrer noch Fahrwerk.

Aber vielleicht haben sie trotzdem einen aufrüttelnden Effekt. Als Psycho-Bremse, durch ihre Farbe und die dramatisch anmutenden Warnschilder. Die – und das finde ich höchst unverständlich – Autofahrer gar nicht ansprechen, siehe Bild. Schon klar, wenn’s scheppert, sind die Folgen für Zweiradfahrer viel gravierender. Aber die Spielregeln sind doch für alle gleich, oder? Ebenfalls klar, dass wir Motorradfahrer uns daran halten müssen. Alle. Denn nur so besteht die Chance, dass die Behörden keinen Grund finden werden, die Strecken für Biker doch komplett zu sperren. Ich habe nichts gegen die Rüttelstreifen, so wie sie sind. Ich hoffe sehr, sie helfen weitere Unfälle (und damit die Sperrung) zu vermeiden.

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