MOTORRAD-Szene Führerscheinprüfung nach 25 Jahren nochmal

MOTORRAD-Reporter Michael Schümann (44) hat den Dreier- und Einser-Führerschein seit 1985. 2011 machte er Theorie- und Praxis-Prüfung noch einmal.

Foto: JKuenstle.de

Und du bist ganz sicher, dass die deinen alten Schein nicht einkassieren, wenn du durchfällst?! Das Witzchen hat so ziemlich jeder der Kollegen gerissen, der von meinem Plan erfuhr. Und ich habe immer nett geantwortet: "Ja, ich bin ganz sicher." Aber wieso sollte ich durchfallen, so eine läppische 60-minütige Fahrprüfung nicht bestehen? Wo ich doch jedes Jahr mindestens 20000 Kilometer oder mehr im Sattel sitze? Lächerlich! Nur mein Nachbar Jörg, der war anderer Meinung: "Das kann ganz schnell gehen. Schon bei den Fahrübungen, wenn du da falsch anfährst, keinen Schulterblick zeigst, ists vorbei. Und in der Theorie, na ja, da tippe ich dich auf 22 Fehlerpunkte - bestanden ist bis zehn bei Ersterwerb, wenn du B schon hast, bis sechs." Oh, danke für so viel Vertrauen. Andererseits: Jörg sollte es wissen. Er betreibt eine Fahrschule in Stuttgart-Wangen, fährt selber leidenschaftlich Motorrad und hat schon einige Hundert Anwärter für Klasse A geschult und durch die Prüfung gebracht. Also wollte ich die Probe aufs Exempel machen: Schaffe ich, der ich seit 25 Jahren Motorrad fahre, aus dem Stegreif die Klasse-A-Führerscheinprüfung noch einmal? Aber da meldet sich schon wieder der Fahrlehrer: "Keine Chance, du weißt ja gar nicht, was der Prüfer sehen will." Na gut, also sag dus mir, bitte …So kams, dass meine einzige Vorbereitung darin bestand, mir von Jörg in dessen Fahrschule (Speed, Stuttgart-Wangen, Tel. 07 11/4 20 95 03) 15 Minuten lang erklären zu lassen, welche sechs Fahrübungen zum Prüfungsstandard gehören. Und, ganz wichtig, was ich keinesfalls vergessen dürfe: bei jedem Losfahren Spiegel, Blinker, Schulterblick! "Du musst jedes Mal so tun, als würdest du vom rechten Straßenrand aus in die Fahrbahn einbiegen." Na, wenns weiter nichts ist.

Termin ist an einem wolkig-warmen Montag: um 15 Uhr theoretische Prüfung beim TÜV Stuttgart. Ich komme mit dem Motorrad. Um in der Nähe des TÜV-Büros in der City zu parken, fahre ich gleich mal drei Meter über den Gehsteig - gegen eine Einbahnstraße. Noch sieht ja keiner zu. An der Tür ein Schild: "TÜV Süd, Theorie-Prüfung im fünften Stock." Im Wartezimmer bin ich erst allein. Ich fühle mich ein bisschen wie beim Arzt vor einer ungewissen Diagnose, spüre tatsächlich so etwas wie Nervosität. Nach und nach tröpfeln weitere Prüflinge ein. Junge Burschen, zwei offenbar mit Migrationshintergrund, und ein Mädchen. Alle wollen Klasse B. Als ich Auto- und Motorradfahren lernte, waren die alle noch nicht geboren. Das Mädchen spielt mit seinem Smartphone.

Dann endlich bittet uns Erich Schniepp in den Prüfraum. Schniepp, ein stattlicher Mann um die 50, ist der oberste Fahrerlaubnisprüfer des Stuttgarter TÜV. Er klingt, als ob er weiß, was er will, hat aber eine altväterlich-gütige Ausstrahlung. Er wird mich nachher auch gleich praktisch prüfen. Vorher darf ich mich ans Touchpad mit der Nummer drei setzen (Kuli und Papier sind seit Jahren abgeschafft). Schniepp erklärt, wies geht: "Einfach auf dem Bildschirm antippen, wenn Sie glauben, die Antwort ist richtig." Die Menüführung ist narrensicher. Ich habe 20 Fragen Grundstoff vor mir und noch mal je zehn für Klasse A und B, brauche für alles dann doch gut 20 Minuten. Bei der Frage, wie viel Meter vor und hinter einer Haltestelle man nicht parken darf, kann ich nur raten, entscheide mich (fälschlicherweise) für fünf (15 wäre richtig) und muss nachdenken, um welchen Faktor sich der Bremsweg bei Verdoppelung der Geschwindigkeit verlängert: vier - was Gott sei Dank richtig ist. Keine 30 Sekunden, nachdem ich auf "Prüfung beenden" getippt habe, kommt auch schon die Auswertung, und Schniepp grinst zu mir rüber: "Klasse A hätten Sie bestanden". Acht Fehlerpunkte. Gesetzt den Fall, ich würde B schon haben, wäre ich auch hier durchgefallen. Und fürs Auto wars gar nix: 14 Fehler. Dabei könnte ich schwören, dieses neumodische "Einbahnstraßen-Ergänzungsschild" noch nie gesehen zu haben. Schniepp meint: "Das gibt es auch erst seit 20 Jahren."

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Foto: Schümann

Für die praktische Prüfung habe ich eine Triumph Tiger 800 dabei. Via Fahrschulfunk gibt mir Fahrlehrer Jörg vom Auto aus Anweisungen, wohin ich fahren soll. Prüfer Schniepp, der im Auto neben Jörg Platz genommen hat, gibt die Strecke vor. Durch einen dicken Stau - jetzt nicht durchschlängeln! - schieben wir uns Richtung Cannstatter Volksfestplatz. Angekommen, erklärt Schniepp die Übungen, die er sehen will: Ausweichen aus Tempo 50, Bremsen und Ausweichen, Vollbremsung aus mindestens 50 km/h, Slalom mit 30 und Slalom bei Schritttempo - klingt nach einem Kinderspiel. Jörg stellt derweil die Hütchen auf.
Einmal würge ich die für mich noch ungewohnte Test-Tiger ab, dreimal vergesse ich, beim Losfahren zu blinken. Schniepp schüttelt missmutig den Kopf und winkt mich ran: "Immer wie vom rechten Fahrbahnrand aus anfahren!" Die Übungen selbst sind dann kein Problem, trotzdem bleibt, als wir weiterfahren, das Gefühl, mich eben blamiert zu haben.

Aber jetzt: Der Prüfer dirigiert mich raus auf die B 10. Die fahre ich fast täglich. Wie schnell darf ich hier noch mal? 80? 100? Oder knapp 120, wie alle anderen? Ich entscheide mich für 90. "Nächste Ausfahrt raus, anschließend links abbiegen", krächzt der Funk. Es geht durch 30er-Zonen und rauf in die Weinberge. Ich bleibe artig an einem Stoppschild stehen, bin mir dann aber bei zwei dicht aufeinanderfolgenden Einmündungen mit abgesenktem Bordstein unsicher: Ist hier rechts vor links? Leichtes Gaswegnehmen, demonstratives Hineinsehen kann jedenfalls nicht schaden. Der Tacho zeigt 48 bei erlaubten 50 km/h, müsste so passen. Ohne weitere Vorkommnisse steuern wir zurück in die City, auf den Parkplatz hinter dem TÜV-Büro. Erwartungsvoll nehme ich den Helm ab, fummle den lästigen Funkstecker vom Ohr. Prüfer Schniepp ist ausgestiegen, hat seine Mappe in der Hand und eine ernste Miene auf: "Welchen Maßstab soll ich bei Ihnen anlegen?", fragt er mehr sich selbst und erklärt mir dann, dass meine "Verkehrsbeobachtung" bei den Übungen nicht ausreichend war: Schulterblick und Blinken beim Anfahren … Ja, ich weiß und bin zerknirscht. Dann die beiden Rechts-vor-links, die tatsächlich welche waren: "Grenzwertig", wie ich da durchgerauscht bin. "Schauen allein reicht nicht", meint er, hier hätte ich abbremsen müssen. Dann will er meinen Führerschein sehen. "Aha, A, B, C, ja, alles da, von 1985, na ja, Fahrzeugbeherrschung kann ich Ihnen auf jeden Fall attestieren", meint er grinsend und gibt mir das Kärtchen zurück. Wir verabschieden uns in Freundschaft. Aber als ich wegfahre, bleibt das Gefühl, dass ich bei einer richtigen Prüfung durchgefallen wäre. Vor 25 Jahren hatte ich übrigens auf Anhieb bestanden.

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