Getriebeschaden - Was tun? Fallbeispiel an einer BMW HP2 Megamoto

Ein Getriebeschaden außerhalb der Garantie und wie man damit umgeht - als Betroffener, als Vertragswerkstatt und als Hersteller. Ein Fall aus der Praxis wird hier von allen drei beteiligten Parteien geschildert. Daraus lassen sich einige Tipps gewinnen.

Foto: Merten

Wer ein Motorrad kauft, muss spätestens nach Ablauf der Garantie- und Gewährleistungsfrist eine wichtige Entscheidung treffen: Lässt er die vorgeschriebenen Inspektionen weiterhin bei einem Vertragshändler machen, beauftragt er eine freie Werkstatt oder schraubt er gar selbst? Diese Entscheidung betrifft nicht nur den Pflegezustand des Motorrads, sondern hat auch eine formaljuristische Komponente.

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Foto: Merten

Das sagt der Besitzer

Uwe Merten aus Köln kaufte die BMW HP2 Megamoto, Baujahr 2008, gebraucht vom Erstbesitzer. Zum Zeitpunkt des Getriebeproblems war das Motorrad 27.500 Kilometer gelaufen. Nach Mertens Recherchen wurde jede Boxer-BMW zwischen 2008 und 2011 mit der betreffenden Getriebewelle ausgerüstet, mittlerweile wurde die Umbördelung geändert.

Die BMW HP2 Megamoto habe ich im Dezember 2010 gebraucht gekauft. Im Grunde ist sie mein Traummotorrad, doch bei einer Tour im September 2012 begann ein Albtraum mit ihr. Vor einer Kurve wollte ich vom vierten in den dritten Gang zurückschalten, aber die Schaltung blockierte. Kurz darauf klappte der Gangwechsel wieder, doch bei einer der nächsten Fahrten trat der Fehler erneut auf.

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Foto: Körfgen

Das sagt der Händler

Frank Stute ist Serviceleiter der beiden Händler Honda Stute und BMW Hengst, die sich in Köln-Kalk auch ein gemeinsames Gebäude teilen. Der Inhaber des BMW-Händlers ist allerdings kein Herr Hengst - die Idee des hippologischen Doppelnamens „entstand bei einem Glas Wein“.

Im September 2012 rief uns Herr Merten an, weil er Probleme mit der Schaltung seiner BMW HP2 Megamoto hatte. Mit unserem Mitarbeiter Gerhard Heymann, der selbst eine R 1200 R fährt, vereinbarte er eine Probefahrt, bei der jedoch alles ohne Störung funktionierte.

Foto: BMW

Das sagt der Hersteller

Manfred Grunert, Pressesprecher von BMW Motorrad, macht keinen Hehl daraus, dass die Probleme mit der brechenden Umbördelung des Ruckdämpfers bekannt sind. Berechnungen und Versuche hätten jedoch gezeigt, dass das weiche Blech der Hülse nicht zu einer Blockade des Getriebes führt.

BMW Motorrad bedauert sehr, dass es zu einem Schaden an der Getriebeeingangswelle der BMW HP2 Megamoto des Herrn Merten gekommen ist. Gerade bei kostenintensiven Reparaturen versuchen wir, auch nach Ablauf der Gewährleistungsfrist im Rahmen der Kulanz unsere Kunden zu unterstützen. Eine solche Kulanz ist zeitlich befristet und abhängig von unterschiedlichen Faktoren wie Alter, Laufleistung und einem Nachweis über alle für das Motorrad vorgesehenen Services bei einem unserer Vertragshändler beziehungsweise bei einer BMW Motorrad-Niederlassung. Eine Kulanzbeteiligung bezieht sich ausschließlich auf Reparaturrechnungen über einen BMW Motorrad-Partner. Aus Gewährleistungs- und Haftungsgründen ist eine Kulanzbeteiligung beim Verkauf von Ersatzteilen ausgeschlossen.

"Mir verschlug es die Sprache"

Daraufhin brachte ich das Motorrad zum BMW-Vertragshändler Hengst, der mich unterstützte, soweit ihm dies möglich war. Bei der Probefahrt funktionierte das Getriebe tadellos - typischer Vorführeffekt. Ein Werkstattmitarbeiter bot mir an, das Getriebe zu zerlegen. Das hätte mich etwa 1.300 Euro gekostet. Zu viel, deshalb habe ich es selbst ausgebaut und geöffnet. Was ich dabei fand, verschlug mir die Sprache: Drei große Metallteile des Ruckdämpfers auf der Eingangswelle waren abgebrochen und hingen zusammen mit einer Menge Metallspäne am Magneten. Der Händler konnte sich diesen Defekt nicht erklären, eine Nachfrage bei BMW ergab aber, dass es sich um ein bekanntes Problem handelte. Die Umbördelung des Ruckdämpfers ist zu schwach, mittlerweile wird eine verstärkte Version eingebaut, wie man bei der neuen Welle unschwer erkennen kann.

Deshalb wollte ich auf Kulanz eine neue Welle und diese selbst einbauen, was BMW aber ebenso ablehnte wie eine Kulanzleistung im Rahmen einer Reparatur in einer BMW-Werkstatt. Anfangs war ich darüber ziemlich sauer, mittlerweile habe ich kapiert, dass Kulanz grundsätzlich nicht gewährt wird, wenn ein Händler Ersatzteile „außer Haus“ verkauft, und dass ich sie bei einer Reparatur „im Haus“ deshalb nicht bekommen habe, weil ich die letzten beiden Inspektionen an meiner Megamoto selbst gemacht habe. Da ich als Technischer Angestellter in der Produktentwicklung für Bremsbeläge arbeite und eine Ausbildung als Kfz-Mechaniker besitze, kann ich das auch.

Im Nachhinein war es für mich günstiger, alles selbst zu machen. Die neue Getriebewelle hat rund 400 Euro gekostet, mit neuen Lagern, Wellendichtringen, Öl und anderen Kleinteilen haben sich die Kosten auf etwa 600 Euro summiert. Meine Arbeitszeit ist da natürlich nicht gerechnet. Aber allein die Arbeitszeit in der Werkstatt, die BMW ja auch im Fall einer Kulanz nicht übernommen hätte, wäre etwa doppelt so teuer gekommen. Nach wie vor finde ich es bedenklich, dass Tausende andere noch mit den alten Getriebewellen herumfahren. Die Erklärungen von BMW zu diesem Thema kann ich nicht nachvollziehen; ich finde sie empörend.

BMW hat Kulanzantrag abgelehnt

In einem solchen Fall hat man zwei Möglichkeiten: weiterfahren, bis die Probleme wieder auftauchen, oder das Getriebe ausbauen und hineinsehen. Um kein Risiko einzugehen, haben wir Herrn Merten die Demontage des Getriebes angeboten. Danach hätten wir auch eine zuverlässige Kostenermittlung machen können. Herr Merten hat das dann aber selbst in die Hand genommen und kam später mit dem zerlegten Getriebe zu uns. Unser Werkstattmeister Jörg Kinne hat sich das Getriebe angesehen und einen Schaden an der Umbördelung des Ruckdämpfers festgestellt; einige Metallspäne hatten sich im Getriebe verteilt.

Daraufhin haben wir entschieden, einen Kulanzantrag bei BMW zu stellen. Als Herr Merten sein Serviceheft nachreichte, stellte sich heraus, dass nur die Jahresinspektionen von 2009 und 2010 beim offiziellen BMW-Händler gemacht worden waren; die Inspektionen für 2011 und 2012 hatte er selbst durchgeführt. Nach Abwägung aller Faktoren hat BMW den Kulanzantrag abgelehnt. Nachdem ich von der Ablehnung erfahren hatte, habe ich mit Herrn Merten telefoniert und seinen Fall mit ihm ausführlich durchgesprochen. Er hatte recherchiert und Informationen über die verbesserte Umbördelung des Ruckdämpfers erhalten. Deshalb war er der Meinung, dass BMW hier eine besondere Verpflichtung zur Nachbesserung hätte. Unsere Kunden liegen uns wirklich sehr am Herzen, aber leider konnten wir in diesem speziellen Fall nichts weiter für Herrn Merten tun.

"Risiko für die Sicherheit besteht nicht"

Im Falle einer defekten Bördelung der Ruckdämpferhülse wird der Fahrer durch eine charakteristische Geräuschentwicklung auf den Schaden aufmerksam. Bei Nichtbeachten dieser Geräuschentwicklung kann es später unter Umständen zu Problemen beim Gangwechsel kommen. Sollten sich im Extremfall Segmente der Hülse lösen, haben Berechnungen und Versuche gezeigt, dass das weiche Blech der Hülse nicht zur Blockade des drehenden Getriebes führt. Getriebewelle und Ruckdämpfer wurden bezüglich ihrer Konstruktion nicht verändert. Der Herstellungsprozess zur Bördelung der Hülse des Ruckdämpfers wurde jedoch optimiert.

Ein Risiko für die Sicherheit unserer Kunden bei einem defekten Getriebe besteht in diesem Fall nicht. Es gibt auch keine Anweisung an die Handelsorganisation zu einer speziellen Kontrolle. Im Falle eines defekten Getriebes bietet BMW Motorrad auch außerhalb der Gewährleistung die Möglichkeit, im Rahmen der Kulanz die Kosten für die Reparatur (zum Beispiel Austausch des Getriebes) zu regulieren.

Inspektionsplan punktgenau abarbeiten lassen

Motorradfahrer, die sich die Wartung ihrer Maschine nicht zutrauen, keine Zeit oder keine Lust dazu haben, verhalten sich idealerweise so korrekt, dass sie selbst den Hausjuristen ihres Herstellers Lektionen in Sachen Gewährleistung erteilen könnten. Geht natürlich nicht, aber sie sollten punktgenau den Inspektionsplan abarbeiten lassen, alle Reparaturrechnungen und HU-Prüfprotokolle aufbewahren und auch sonst auf einen guten Zustand ihrer Maschine achten. Das verschafft einem im Schadensfall zwar keinen Rechtsanspruch auf Kulanz, aber eine solide Verhandlungsposition.

Und die Fahrer von BMW-Boxermodellen, die zwischen 2008 und 2011 gebaut wurden, tun gut daran, ab und zu genau hinzuhören, wenn ihr Motorrad im Leerlauf läuft. Ertönt dabei ein klackerndes Geräusch, das beim Ziehen der Kupplung verschwindet, sollten sie ihr Getriebe sicherheitshalber untersuchen lassen.

Vertragswerkstatt hat auch kein gesegnetes Öl

Zuerst zum Pflegezustand: Lässt man bei einer freien Werkstatt arbeiten oder legt selbst Hand an, kann man eine Menge Geld sparen, ohne dass das Motorrad deshalb schlechter gewartet sein muss. Nicht für jede Inspektion ist ein teures Diagnosegerät vonnöten, außerdem sind Sorgfalt und besonderes Engagement für das Eigene kein schlechter Ersatz für die Inspektionsroutine einer Vertragswerkstatt. Und auch wenn Empfehlungen etwas anderes suggerieren: Über gesegnetes Öl, das im kritischen Fall einen Schaden verhindert, verfügen auch Vertragswerkstätten nicht. Wer sich an die im Handbuch genannten Spezifikationen und Füllmengen hält, schafft ebenso gute Ölwechsel wie ein Zweiradmechaniker.

Wer im Fall eines Schadens keine offiziellen Stempel im Inspektionsheft vorweisen kann, verwirkt jedoch jegliche Kulanzleistung. Geht der Schaden auf ein bekanntes Problem zurück, wie im hier geschilderten Fall, sind viele Hersteller zu solchen freiwilligen Leistungen bereit, machen diese aber von einer lückenlosen Wartungsgeschichte des betroffenen Motorrads bei autorisierten Händlern abhängig. Was jeder Hersteller ablehnt, ist die Abgabe von Ersatzteilen „über die Theke“ auf Kulanz. Der Grund ist klar: Niemand kann garantieren, dass die Neuteile sachgerecht eingebaut werden.

Je besser die eigenen handwerklichen Fähigkeiten und je zuverlässiger das Motorrad, desto eher kann man es sich erlauben, Pflege und Wartung selbst zu übernehmen. Ein wenig Recherche in einschlägigen Internetforen und die Lektüre von MOTORRAD-Dauertests verschaffen einem einen recht sicheren Eindruck von der Zuverlässigkeit eines Modells. Und wer beim Händler gezielt nach den Schwächen seines Traummotorrads fragt und seinem Ansprechpartner dabei genau in die Augen sieht, kriegt auch meist eine ehrliche Antwort. Oder erkennt, wenn er beschwindelt wird.

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