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Führerschein gestern und heute - Anekdoten aus dem MOTORRAD-Team.

Motorradführerschein gestern und heute Anekdoten aus dem MOTORRAD-Team

Nein, früher war nicht alles besser. Nur ganz anders und einfacher, den Führerschein zu machen. Gut, dass die heute so hohen Anforderungen Bike-Begeisterte nicht bremsen können.

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Foto: Archiv

Werner "Mini" Koch - Führerschein seit 1972

Unsere Fahrschule im Stuttgarter Stadtteil Büsnau hatte 1972 als Zweirad nur einen alten Heinkel Tourist Roller, und der war meist kaputt. Also habe ich notgedrungen mit meiner eigenen Honda CB 92 eine einzige Fahrstunde absolviert – Fahrzeugbeherrschung hatte ich mir schließlich schon zwei Jahre auf einer 50er erfahren. Mit der Prüfung auf dem Vaihinger Freibad-Parkplatz war‘s etwas schwieriger, denn da musste ich ja mitsamt der Honda hinkommen – nur wie, ohne entsprechenden Führerschein?

Also sagt der Fahrlehrer Hannes Sauter zu mir: „Fahrsch mit deiner Honda eine halbe Stunde früher nach Vaihingen, dann isch sie wieder kalt, bis der Prüfer kommt.“ Dann sollte ich die Prüfung ablegen und mit amtlichem Segen, sprich Führerschein, wieder heimfahren. Der alte Fuchs Sauter bläute mir aber ein: „Sagsch auf keine Fall, dass du mit dem Motorrad au komme bisch.“ So ging das damals mit dem Einser in Büsnau.

Werner Koch, MOTORRAD-Mitarbeiter

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Foto: Thöle

Gert Thöle - Führerschein seit 1974

Kurz vor dem 18. Geburtstag im Jahr 1974 habe ich den Führerschein gemacht – und zwar Motorrad und Auto zusammen. Für das Motorrad kostete dies damals nur rund 100 Mark zusätzlich, unterm Strich summierte sich der ganze Spaß auf rund 500 Mark. Fahren konnte ich freilich schon: Ich wohnte auf dem platten Land, und da lernte man das in dieser Zeit vor der Fahrschule.

So hatte ich dann gerade mal zwei Motorrad-Fahrstunden: Mit einer Honda CB 125 K Twin musste ich ein paar Bremsübungen auf einem Parkplatz machen, ansonsten dem Fahrschul-Auto im normalen Straßenverkehr von Cloppenburg folgen. Das hat Fahrlehrer Paul Neumann aus Löningen wohl überzeugt, dass ich ja bereits ganz ordentlich unterwegs bin und hat auf weitere Fahrstunden verzichtet. Die Prüfung lief im Prinzip ganz ähnlich ab – besondere Übungen oder Tests gab es in den 70erJahren nicht.

Gert Thöle, Ressortleiter Test & Technik

Foto: Hertler

Michael Pfeiffer - Führerschein seit 1978

1978 war Pappemachen kein Pappenstiel. Hätte nicht der Vater meines Nebensitzers in der Reutlinger Penne eine Fahrschule betrieben, wäre ich nicht zu den unbedingt nötigen illegalen Trainingsrunden mit seiner Fahrschul-Kreidler gekommen. So habe ich es locker geschafft.

Nach elf Fahrstunden in einem Ford Taunus 1,3 mit 55 PS morgens die Autopappe, danach auf der 17-PS-Honda CB 200 den weiteren Prüflingen hinterhergeeiert und zum Schluss – der Prüfer hatte schon Hunger – eine Kreisfahrt plus Zielbremsung nahezu fehlerlos hingelegt. Bestanden, für schlanke 630 Mark. Hat sogar Spaß gemacht.

Michael Pfeiffer, Chefredakteur

Foto: jkuenstle.de

Michael Schümann - Führerschein seit 1985

Ich habe den Motorrad- und Pkw-Führerschein seit 1985. Vor fünf Jahren kam ich auf die Schnapsidee, für eine Reportage in MOTORRAD die Theorie- und Praxis-Prüfung noch einmal zu machen. Schaffe ich, der seit 25 Jahren Motorrad fährt, aus dem Stehgreif die Klasse-A-Führerscheinprüfung noch einmal? Da meldet sich der ins Vertrauen gezogene Fahrlehrer: „Keine Chance, du weißt ja gar nicht, was der Prüfer sehen will.“ So lasse ich mir 15 Minuten lang erklären, welche sechs Fahrübungen zum Prüfungsstandard gehören – klingt nach einem Kinderspiel. Und ganz wichtig, was ich keinesfalls vergessen dürfe: bei jedem Losfahren Spiegel, Blinker, Schulterblick! Na, wenn’s weiter nichts ist. Ich trete mit einer Triumph Tiger 800 zur Praxis-Prüfung an. Langsamer Slalom und Vollbremsung auf dem leeren Canstatter Volksfestplatz sind kein Problem.

Dann auf der B 10, die ich fast täglich fahre, schießt mir die Frage durch den Kopf: Wie schnell darf ich hier noch mal? 80? 100? Oder knapp 120 wie alle anderen? „Welchen Maßstab soll ich bei Ihnen anlegen?“, fragt der Prüfer am Ende mehr sich selbst als mich und erklärt mir dann, dass meine „Verkehrsbeobachtung“ bei den Übungen nicht ausreichend war. Ja, ich weiß und bin zerknirscht. Dann die beiden rechts vor links, die tatsächlich welche waren: „Grenzwertig“, wie ich da durchgerauscht bin. „Schauen allein reicht nicht“, meint er, hier hätte ich abbremsen müssen. „Na ja, Fahrzeugbeherrschung kann ich Ihnen auf jeden Fall attestieren“, meint er grinsend. Aber im Erstfall wäre ich durchgefallen, das steht fest. Vor 25 Jahren hatte ich übrigens auf Anhieb bestanden.

Michael Schümann, Reporter

Sigrun Peil - Führerschein seit 2014

Ich habe darauf verzichtet, die Fahrstunden zu zählen, um nicht die Spar-Schere im Kopf zu haben. Alle erforderlichen Grundfahrübungen sind mir eigentlich recht leichtgefallen – wäre nicht das verflixte Wenden auf engstem Raum gewesen, um den nächsten Durchlauf zu exerzieren. Im Verkehrsgeschehen hatte ich als routinierte Autofahrerin natürlich einen Vorteil gegenüber ganz jungen Fahrschülern ohne jegliche Erfahrung im Großstadtgewühl. Das half mir glücklicherweise auch bei der praktischen Prüfung, die in der Stuttgarter Rushhour an einem Freitagnachmittag stattfand.

Zu allem Überfluss geriet ich in letzter Minute auf einer Kreuzung in einen Feuerwehreinsatz – die Nerven lagen blank, doch ich musste ja ausharren, bis der Löschzug passiert hatte. Die zu meiner großen Erleichterung erfolgreich abgeschlossene Kür sollte eigentlich noch mit der Beantwortung einer technischen Frage abgerundet werden. Diese gehören inzwischen ebenfalls zur praktischen Ausbildung. In meinem Fall lautete sie: „Wie stelle ich ein Motorrad richtig ab?“ Da war ich schon längst abgestiegen und hatte alles richtig gemacht.

Sigrun Peil, Grafikerin

Foto: jkuenstle.de

A1, A2 und A: Die Motorrad-Führerscheine

Der Einser und der graue Lappen sind längst Geschichte. In der EU zählen die Buchstaben auf dem Kärtchen. Wer als Einsteiger mit 16 Jahren heute die klassische „Zweirad-Karriere“ von der 125er bis zum offenen, großen Motorrad durchlaufen will, der muss drei praktische Fahrprüfungen ablegen, aber nur noch einmal die Theorieprüfung. Nämlich beim ers­ten Schein. Die Klasse A1 ist die Fahrerlaubnis für Leichtkraft­räder mit einem Hubraum von maximal 125 Kubikzentimetern und einer Leistung von höchstens 11 kW/15 PS*, zu erwerben ab 16 Jahren. Vorgeschrieben sind mindestens zwölf Fahrstunden, verteilt auf drei Sonderfahrten in Form von fünf Überland-, vier Autobahn- und drei Nachtfahrten.

Zum März 2013 entfiel die bis dahin gültige Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h für 125er von 16- und 17-jährigen A1-Inhabern. Ab 18 Jahren kann derAufstieg in die Klasse A2 folgen. Mit ihr dürfen Motorräder ohne Hubraumbeschränkung mit einer maximalen Leistung von 35 kW/48 PS gefahren werden. Allerdings gilt für A2-Motorräder ein maximales Leistungsgewicht von 0,2 kW pro Kilo Fahrzeuggewicht, sprich ein 35-kW-Bike muss mindes­tens 175 Kilo wiegen (Leergewicht laut Fahrzeugpapieren).

Direkter Einstieg in Klasse A ab 24 Jahren möglich

Wer den Führerschein A1 schon hat, muss für den Erwerb von A2 nur noch eine von 60 auf 40 Minuten verkürzte praktische Fahrprüfung ablegen. Keine Theorie mehr. Auch sind für den Aufstieg keine verbindlichen Sonderfahrten oder Fahrstunden mehr vorgeschrieben. Dasselbe – also 40 Minuten Praxisprüfung, keine Theorie, keine Fahrstunden-Vorschrift – gilt für den weiteren Aufstieg von Klasse A2 in die offene Klasse A. Sie ist frühestens zwei Jahre nach Erwerb der Klasse A2 möglich, sprich ab 20 Jahren. Wer mit 18 einsteigen will, kann direkt die Klasse A2 erwerben, muss (ohne vorherigen A1) dafür eine theoretische Prüfung und 60 Minuten Praxis absolvieren (nach Ausbildung mit mindestens zwölf Fahrstunden aufgeteilt auf drei Sonderfahrten). Weiter in Klasse A geht es dann wie beschrieben.

Der direkte Einstieg (ohne vorherige Klasse A1 oder A2) in die offene Klasse A ist ab 24 Jahren möglich. Für Spätberufene hat das aktuelle Führerscheinrecht folgendes Angebot parat: Wer seinen Autoführerschein (Klasse B, früher 3)vor dem 1.4.1980 erworben hat, kann durch Bestehen einer verkürzten praktischen Fahrprüfung (40 Minuten) den Motorradführerschein der Klasse A2 (35 kW/48 PS, max. 0,2 kW/kg Leergewicht, kein Hub­raumlimit**) machen. Fahrstunden sind hierfür nicht verbindlich vorgeschrieben. Eine gewisse Zahl wird allerdings nötig sein, allein schon, um sich mit den Standard-Prüfsitua­tionen vertraut zu machen.

*Maximal 0,1 kW/kg Leergewicht – eine 125er mit 11 kW muss demnach mindestens 110 Kilogramm wiegen; **In den EU-Ländern gilt ferner: Ungedrosselt darf ein mit Klasse A2 gefahrenes Motorrad nicht mehr als 70 kW/96 PS haben. Diese Regelung wurde von Deutschland als einzigem EU-Land nicht umgesetzt.

Foto: fotolia

Kosten für einen Führerschein 2016

Was der Führerschein heute kostet, lässt sich nicht pauschal sagen. Der Preis eines Führerscheins hängt stark davon ab, wo er gemacht wird. So sind die Fahrschulpreise in süddeutschen Großstädten um ein gutes Drittel höher als etwa in Brandenburg auf dem Land. Bei der Anzahl der nötigen Übungsstunden kommt es aufs Talent des Fahrschülers an.

Das Portal www.fahrschulvergleich.de nennt in einem aktuellen Preisbeispiel rund 1250 Euro inklusive aller Gebühren für Sehtest, Erste Hilfe oder Prüfungsanmeldung für die Klasse A, errechnet auf Basis der Fahrschulpreise in Berlin bei zwölf Übungsstunden. Braucht ein Fahrschüler 20 Stunden (Durchschnittswert), kostet der Schein schon über 1500 Euro – im billigen Berlin. In Stuttgart oder München sind 2000 bis 2500 Euro realistischer.

Foto: jkuenstle.de

Interview J. Holzmann (Fahrschul-Inhaber)

Jörg Holzmann ist engagierter Motorradfahrer, Kawasaki-Fan und Inhaber einer Fahrschule in Stuttgart-Wangen (www.fs-speed.de). Er selbst hat seine Klasse 1 (heute A) 1995 gemacht.

MOTORRAD: Wie viele Fahrstunden brauchen die Schüler im Schnitt heute für Klasse A2?

Jörg Holzmann: Im Schnitt sind das zwölf Sonderfahrten und 20 Übungsstunden. Wer aber schon einen A1 hat, braucht für den A2 keine Sonderfahrten und nur zirka fünf Übungsstunden, je nach Fahrkönnen.

MOTORRAD: Ein ziemliches Programm, zumindest verglichen mit früher.

Jörg Holzmann: Nein, das kann man so nicht sagen. Denn die Anforderungen im Straßenverkehr sind stetig gestiegen, in der praktischen Prüfung genauso. Außerdem haben Fahrschüler früher deutlich mehr Vorerfahrung und Fähigkeiten im Umgang mit motorisierten Fahrzeugen mitgebracht. Zum Beispiel vom Mofa her.

MOTORRAD: Gerade alte Hasen argumentieren gern, dass die vielen Pflichtstunden doch nur Geldmacherei wären. Ist das nicht so?

Jörg Holzmann: Wer die Unfallzahlen betrachtet, sieht das anders. Ein echtes Problem sind Alleinunfälle auf der Landstraße. Dort passieren die meisten brenzligen Situationen, das weiß ich auch aus Gesprächen mit ehemaligen Fahrschülern. Gründe sind wechselnde Fahrbahnbeläge, zugehende Kurven, die sie falsch einschätzen, Nässe oder auch Hindernisse auf der Fahrbahn und damit verbundene schnelle Kurskorrekturen mit Lenkimpulstechnik. Das hat sehr viel mit Erfahrung zu tun. Eine Fahrschule kann nur die Grundlagen vermitteln. Je mehr, desto besser.

MOTORRAD: Sollen Motorrad-Neulinge auch gleich noch ein Sicherheitstraining machen?

Jörg Holzmann: Ein Sicherheitstraining und danach Perfektionstraining ist mehr als sinnvoll. In der Fahrschule lernst Du eine Vollbremsung aus 50 km/h. Wer macht nach der Fahrschulzeit eine Vollbremsung zu Übungszwecken? Und wer kann sie abrufen, wenn es zwei Jahre später im realen Verkehr zu einer Notsituation kommt? Ich erlebe häufig, dass selbst mit ABS noch viel zu schwach gebremst wird. Ohne wollen wir gar nicht darüber reden. Perfektions- und Kurventraining, Vollbremsungen aus Tempo 50, 70, 100 – machen!

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