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Wird die Fenster-Sperre des Sella-Jochs nur aufgeschoben und nicht aufgehoben?

Hintergründe zur Fenstersperre in den Dolomiten Aufgehoben oder aufgeschoben?

Die angekündigte Fenstersperre des Sella-Jochs wurde abgeblasen – zumindest für 2016. Politiker und Institutionen drängen jedoch mit Nachdruck auf Verkehrsbeschränkungen in den Dolomiten. Ist die Sperre also nur aufgeschoben, nicht aufgehoben?

Es klang erschreckend konkret: Ab diesem Sommer sollte es auf dem Sella-Joch, im Herzen der Dolomiten, zu sogenannten Fenstersperrungen kommen, der motorisierte Verkehr im Juli und August täglich um die Mittagszeit für drei Stunden komplett gestoppt werden. Zudem stand im Raum, die Sperrung in den folgenden Jahren auf die ganze Sella-Runde auszudehnen, also auch auf Grödner Joch, Campolongo- und Pordoi-Pass. Eine Art der Verkehrsberuhigung, die Politikerkreise in Südtirol und Trentino schon länger im Sinn hatten, die aber erst Anfang 2016 möglich wurde, weil der italienische Ministerrat im Februar eine entsprechende Bestimmung genehmigt hatte: Danach dürfen Südtirol und Trentino nun in Eigenregie „verkehrsbeschränkende Maßnahmen zum Schutz von Umwelt und Landschaft“ festlegen.

Doch die anliegenden Gemeinden der Sella-Runde, von Canazei bis Corvara, und erst recht die Hotel- und Restaurantbetreiber liefen Sturm gegen den Plan; sie befürchten enorme Einbußen beim Tourismus, in den Dolomiten seit Jahrzehnten die Haupteinnahmequelle. Und so machten die Politiker aus Südtirol und dem Trentino erst mal wieder einen Rückzieher. „In diesem Jahr wird es nicht zu Sperren auf den Dolomitenpässen kommen“, sagt Florian Zerzer, Direktor des Ressorts Raumentwicklung, Umwelt und Energie der Landesregierung Südtirol und Koordinator der Arbeitsgruppe „Dolomitenpässe“, im Gespräch mit MOTORRAD. „Wir suchen aber weiter nach Möglichkeiten, den motorisierten Verkehr zu reduzieren.“ Generell wolle man mehr Touristen in die Dolomiten locken, gleichzeitig aber den Motorrad- und Autoverkehr verringern.

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Noch schnell Aktionismus beweisen?

Als Begründung für das gesteigerte Verlangen nach Öko-Tourismus wird gern der Titel „Weltnaturerbe“ vorgeschoben, den die Dolomiten seit 2009 tragen. Die UNESCO, so heißt es, verlange ein funktionierendes Mobilitätskonzept, sonst drohe die Aberkennung des Titels. Doch auf die Anfrage eines Abgeordneten antwortete die Südtiroler Landesregierung noch im letzten Oktober, dass „kein Hinweis dieses eventuellen Risikos vorliegt“. Und schreibt weiter: „Was die Pässe in Südtirol betrifft, so weisen wir darauf hin, dass keiner im Bereich des Welterbegebietes liegt.“ Warum also sollte es dann am Sella zur Sperre kommen? Insider vermuten, dass Politik und Verbände damit von eigenen Versäumnissen ablenken wollten. Denn es gab viele Verkehrskonzepte für die Dolomiten, von einer schnellen Zugverbindung über schadstofffreie Busse bis hin zum großen Radwanderweg; umgesetzt wurde jedoch so gut wie nichts.

Im Herbst 2016 steht nun tatsächlich eine Inspektion der UNESCO an, bei der es auch um das Tourismusmanagement geht. Da liegt es nahe, mittels einer Streckensperrung noch schnell Aktionismus zu beweisen. Von einer Maut hingegen sind die Politiker erst mal abgerückt; als abschreckendes Beispiel dient ihnen das Timmelsjoch, wo trotz saftiger Preise (einfache Fahrt mit dem Motorrad: 14 Euro) der Verkehr zugenommen hat. Und das will man in den Dolomiten ganz und gar nicht.

Nach der vorerst geplatzten Fenstersperrung gibt es aber bereits neue Projekte. Geplant sind zahlreiche „Green Events“, beispielsweise Radsporttage mit angeschlossenem E-Bike-Verleih für die nicht ganz so Sportlichen, oder auch Volksfeste auf den Passhöhen; die jeweilige Passstraße würde bei diesen Anlässen für den Motorrad- und Autoverkehr gesperrt. Am besten, so heißt es in einem Strategiepapier, sollten solche Veranstaltungen alle zwei Wochen stattfinden. Offensichtlich hofft man, die widerspenstigen Einheimischen, die sich gegen die Sperren wehren, damit allmählich mürbe zu machen.

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"Ohne Motorradfahrer verödet hier alles"

Danach sieht es allerdings nicht aus, wie Osvaldo Finazzer nachdrücklich versichert. Bereits vor zehn Jahren gründete der Trentiner, der zwei Hotels hoch oben auf dem Pordoi-Pass unterhält, ein Komitee der Wirtschaftstreibenden auf den Pässen, das sich vehement gegen mögliche Sperren ausspricht. Organisiert sind dort inzwischen 79 Betriebe mit mehr als 600 Mitarbeitern aus den Provinzen Bozen, Trento und Belluno, die alle an die Sella-Runde angrenzen. „Was die Politiker sagen, zählt nicht“, schnaubt Finazzer. „Wir leben und arbeiten schließlich hier, nicht die.“ Selbstverständlich seien entlang der ganze Sella-Runde Touristen per pedes, Fahrrad oder Elektromobil hochwillkommen, doch dürften diese nicht gegen Motorrad- und Autofahrer ausgespielt werden: „Ohne die verödet hier doch alles.“

Schon jetzt wirkt die Stimmung unter den verschiedenen Touristengruppen in den Dolomiten gereizt. Besonders Motorradfahrer stehen im Kreuzfeuer der Kritik, in Internet-Blogs beklagen sich Alpinisten und Wanderer bitterlich über sie. Dabei geht es zum einen um hohe Geschwindigkeit, vor allem jedoch um den Lärmpegel. Ein Thema, mit dem sich auch eine jüngst vorgestellte Studie des privaten Instituts Eurac in Bozen (siehe Interview unten) zum Verkehr auf den Dolomitenpässen beschäftigt. Zwar stellten die Forscher an ihren Messpunkten keine überhöhten Lärmpegel der Motorräder fest, zitierten aber Wanderer, die durch den Motorrad-Sound schwer genervt sind. Auch Sperrengegner Osvaldo Finazzer, selbst engagierter Treiber einer Harley Ultra Limited, gibt zu, dass immer wieder Motorradfahrer mit leer geräumten Auspufftöpfen für viel Unmut sorgen. Das seien zwar nur einige wenige, doch sie brächten die ganze Gruppe in Verruf. „Ich kann nur appellieren, mit vorschriftsmäßigem Auspuff zu fahren. Zumal es inzwischen verstärkt Geräuschkontrollen der Polizei auf der Sella-Runde gibt.“

1830 Fahrzeuge pro Tag, davon 384 Motorräder

Bleibt die Frage, um wie viele Fahrzeuge es eigentlich geht. Die erwähnte Studie zum Verkehr auf den Dolomitenpässen kommt zu dem Ergebnis, dass pro Jahr rund 1,2 Millionen Fahrzeuge das Sella-Joch überqueren. Klingt erst mal viel, doch selbst im Sommer sind das im Schnitt nicht mehr als 1830 Fahrzeuge pro Tag, davon 384 Motorräder. Die in der Studie festgestellten Abgasemissionen liegen weit unter denen im Tal, ebenso die Geräuschemissionen. Hotelier Finazzer kann sich die ganze Aufregung um die Passstraßen ohnehin nicht recht erklären: „Der Verkehr ist in den letzten Jahren weniger geworden, ich sehe das doch Tag für Tag, auch ohne Studie. Ein Urlaub in den Bergen ist nicht billig, und gerade die Italiener haben durch die Wirtschaftskrise weniger Geld zur Verfügung als früher.“ Zu Staus und Gedrängel auf den Parkplätzen kommt es nach seinen Beobachtungen „nur an ganz wenigen Tagen im Jahr“. Nämlich im Hochsommer, und auch dann nur, wenn gutes Wetter herrsche.

Doch die Landespolitiker aus Südtirol und dem Trentino geben so schnell nicht auf. Um ihren geplanten Maßnahmenkatalog – weniger Parkplätze entlang der Passstraßen, mehr Geschwindigkeitsbeschränkungen, Fensterschließungen und deutlich mehr „Green Events“ – wissenschaftlich zu untermauern, soll es zwischen Juni und September 2016 erneut eine Erhebung auf den Dolomitenpässen geben. „Wir wollen wissen, wo der Verkehr herkommt und wo er hinströmt, um ihn dann gegebenenfalls zu kanalisieren“, sagt Florian Zerzer von der Südtiroler Landesregierung, der die Arbeitsgruppe „Dolomitenpässe“ koordiniert. Gegen Motorradfahrer im Speziellen, so Zerzer, richteten sich die Maßnahmen aber nicht: „Selbstverständlich sind sie weiterhin willkommen, bei den Dolomiten handelt es sich ja schließlich um ein touristisches Gebiet.“ Allerdings könnte künftig vielleicht nicht jeder Pass an jedem Tag Motorradfahrern offenstehen.

Osvaldo Finazzer sieht das anders. „Gerade die Motorradfahrer, die ja in der Zwischensaison von Mai bis Mitte Juli und im September und Oktober kommen, brauchen wir hier jeden Tag, ohne die könnten viele Hotels gleich zumachen.“ Kämpferisch fügt er hinzu: „Die Sella-Runde ist dieses Jahr offen, und sie wird weiter offen bleiben, dafür sorgen wir schon.“ Angesichts der Uneinigkeit zwischen Politikern, Verbänden und Bevölkerung in den Dolomiten-Regionen Südtirol, Trentino und Veneto könnte er durchaus recht haben – zumindest bis auf Weiteres.

Interview

Anna Scuttari (30) arbeitet für das private Forschungsinstitut Eurac in Bozen. Im Auftrag der Stiftung Dolomiten UNESCO erarbeitete die Tourismus- und Wirtschaftswissenschaftlerin gemeinsam mit mehreren Kollegen eine Studie* zur Verkehrslage auf den Dolomitenpässen, speziell der Sella-Runde.

Was haben Sie und Ihre Kollegen in der Studie „Dolomitenpässe“ genau untersucht?

Unter anderem das Verkehrsaufkommen mittels einer Verkehrszählung. Außerdem analysierten wir die Abgas- und Geräuschemissionen, machten Einzelbefragungen von Touristen am Sella-Joch, interviewten Bürgermeister und Repräsentanten der Tourismusverbände und analysierten die Praktiken auf anderen alpinen Pässen wie Timmelsjoch oder Großglockner.

Und Ihre Ergebnisse?

Grundsätzlich stellt sich das Verkehrsproblem auf den Pässen vor allem im Sommer, besonders an Wochenenden mit schönem Wetter, was ja zu erwarten war. Nach unseren Berechnungen passieren allein das Sella-Joch rund 1,2 Millionen Fahrzeuge pro Jahr, 70 Prozent davon im Sommer. In Sachen Geräuschemissionen stellten wir fest, dass die Lautstärke weniger vom Verkehrsmittel abhängt, sondern von der Geschwindigkeit und vom Fahrstil. In aller Regel sind es die Motorradfahrer, die schneller unterwegs sind.

Haben Sie auch nach der Reaktion auf mögliche Sperren oder Mautgebühren gefragt?

Ja. Bei einer Maut würden die meisten befragten Touristen auf den Besuch des Sella-Jochs verzichten; von den Motorradfahrern war allerdings die Hälfte bereit, zu zahlen. Sollte der Sella für zwei oder drei Stunden am Tag gesperrt werden, wollen die meisten Touristen eben vorher oder nachher hinauffahren. Solche Fenstersperrungen hätten also allenfalls Symbolcharakter, den Verkehr würden sie nicht reduzieren, es käme sogar zu mehr Staus. Eine weiter gefasste Sperre könnte nach unseren Ergebnissen funktionieren, aber nur, wenn es alternative Verkehrsverbindungen gibt, beispielsweise Busse. Das ist aber im Moment nicht der Fall, und da liegt auch das Hauptproblem. Die Dolomiten gehören zu drei verschiedenen Regionen mit über 130 Gemeinden, die müssten sich alle koordinieren.

Was ist nun Ihre Schlussfolgerung?

Dass es einfache Lösungen für die Dolomiten nicht gibt, wenn man den Individualverkehr reduzieren möchte. Jeder Pass ist anders und braucht eigene Maßnahmen, das können nur weitere Untersuchungen klären. Generell könnten ökologisch verträgliche Veranstaltungen helfen, die Einheimischen und Touristen zu sensibilisieren.

Nach den Messungen der Studie sind Motorräder, die ohnehin nur zehn Prozent des Verkehrs auf der Sella-Runde ausmachen, nicht lauter als Autos. Warum werden sie trotzdem für den Lärm verantwortlich gemacht?

Da gibt es einmal auffällige Einzelfälle, ein einziges lautes Motorrad ist auf der ganzen Passstraße zu hören, das stört alle anderen. Außerdem wird das Geräusch eines Motorrads bei gleicher Dezibelzahl als durchdringender wahrgenommen als das eines Autos. Und schließlich kommt es auf die Messpunkte an: Hätten wir an anderen Stellen gemessen, wären die Ergebnisse vielleicht schlechter für Motorräder ausgefallen.

Sie fahren selber eine Ducati Monster. Was raten Sie Motorradfahrern in den Dolomiten?

Viele Politiker und Verbände kritisieren, dass sich Motorradfahrer nicht für die Dolomiten, sondern nur für die Straße interessieren, also den Pass hinauffahren, kurz einkehren, und weiter geht’s. Mehr Aufmerksamkeit für die Natur wäre hilfreich, wobei es natürlich schwierig ist, mit Helm, Stiefeln und Kombi eine Wanderung zu unternehmen, ich kenne das ja selber. Eine Lösung wären vielleicht Strukturen auf den Pässen, wo Motorradfahrer ihre Ausrüstung sicher verwahren können. Bislang gibt es so etwas aber nicht.

Stilfser Joch – bald UNESCO-Welterbe?

Ausbau zur Panoramastraße, neue Streckenführung auf der Passhöhe, Untertunnelung – am Stilfser Joch gibt es viele Projekte.

Auch das Stilfser Joch, rund 200 Kilometer westlich der Dolomiten gelegen und mit 2757 Metern eine der höchsten Passstraßen Europas, möchte sich von der UNESCO ver­edeln lassen: Nach dem Willen der Südtiroler Landesregierung soll die eindrucksvolle Passstraße bald „technisches Weltkultur­erbe“ werden. Das hat sie mit ihren zahlreichen Kehren – 48 auf Südtiroler Seite, 34 in der Lombardei – und der atemberaubenden Streckenführung zweifellos verdient. Fragt sich nur, was das für den Individualverkehr und damit auch für Motorradfahrer bedeutet. Im Jahr 2012 wollte Südtirol unbedingt eine Maut fürs Stilfser Joch einführen, doch dann spielten die italienische Region Lombardei und die Schweiz, die beide ebenfalls an die Passhöhe grenzen, nicht mit, und die Pläne verliefen im Sand. Der Südtiroler Landeshauptmann Arno Kompatscher brachte eine Maut zwar kürzlich wieder ins Spiel, und auch der Bürgermeister von Stilfs bezeichnete sie als „Riesengeschäft“, doch bislang folgten den Worten keine Taten.

Foto: Rossen Gargolov

Ein alternativer Plan von Südtirol und der Lombardei sieht nun vor, das Stilfser Joch aufzuwerten und zur Panoramastraße auszubauen. Dafür will man unter anderem mehrere Aussichtspunkte und Parkplätze anlegen und manche Haarnadelkurve entschärfen. Auf Südtiroler Seite gestaltet man derzeit die Kehre 46 in Trafoi neu, der Kurvenradius wird von 8,8 auf 14 Meter erhöht, um „für mehr Sicherheit zu sorgen“. Im Gespräch ist außerdem, die Straßenführung auf den letzten Höhenmetern völlig zu ändern; die Passhöhe wäre dann nur noch zu Fuß erreichbar. Dort geht es derzeit zugegebenermaßen arg eng zu, mangels Parkflächen drängeln sich an Sommertagen Motorräder und Autos in wildem Kunterbunt am Straßenrand.

Immerhin hat man bei den Umbauplänen die Motorradfahrer nicht vergessen: „Damit sie relativ unbeschwert zu Fuß hinaufkommen, soll es Schließfächer für Helme und Jacken geben“, erzählt Hugo Ortler, Besitzer des Hotels „Tannenheim“ in Trafoi am Joch und mehrmals Gastgeber des Alpen-Mas­ters, dem großen Alpentest von MOTORRAD. Noch ist es aber nicht so weit; erst mal soll eine Studie zum Umbau erstellt werden. Damit nicht genug, soll eine weitere Studie auf Betreiben der Lombardei klären, ob sich ein Bahn- oder Autotunnel unter dem Stilf­ser Joch lohnt. Aller Voraussicht nach dürfte das Projekt aber an den ­enormen Kosten für rund 40 Kilometer Tunnelbau quer durchs Ortler-Massiv scheitern.

Und wie sieht es für Motorradfahrer am Joch aktuell aus? „Bei allen, die am Stilfser Joch leben und arbeiten, sind sie hochwillkommen“, sagt Hotelier Hugo Ortler. Ausschließlich auf sanften Öko-Tourismus vorwiegend mit Radfahrern zu setzen, wie es manche Politiker propagieren, hält er für falsch. „Davon können wir nicht leben, der Großteil der Touristen würde ausbleiben“, meint er lakonisch. „Wenn erst mal nichts mehr los ist, wird es von ganz allein sanft. Allzu sanft.“

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