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Unterfahrschutz Mehr davon!

Unterfahrschutz an Leitplanken hat sich für die Sicherheit von Motorradfahrern ebenso eta­bliert wie Protektoren in der Schutzkleidung. Die Erfolgsstory ist auch einer engagierten Kämpfernatur zu verdanken.

Zugegeben, es hat seine Zeit gedauert. Doch schon Anfang der 90er-Jahre ist in MOTORRAD zu lesen, dass sich auf den Straßen zwischen Rhein und Ruhr was tut – die Nordrhein-Westfalen kümmern sich nämlich als Erste in der Republik um die Sicherheit von Motorradfahrern.

Im Fokus steht vor allem, die schlimmen Folgen beim Durchrutschen unter Schutzplanken und Anprallen gegen die Stützpfosten zu mildern. Denn über 80 Prozent der verunglückten Biker knallen liegend in das landläufig Leitplanke genannte Rückhaltesystem, und die Stützpfosten können dabei zur Todesfalle werden.

Man experimentiert in den Anfangsjahren mit Pfostenummantelungen aus Kunststoff, aber ebenfalls bereits mit doppelten Leitplanken, die man bei den Franzosen abgeguckt hat. Treibende Kraft ist Helmut ­Nikolaus, in diesen Jahren Niederlassungsleiter des Landesbetriebs Straßenbau in ­Euskirchen. Er erkennt schon früh Handlungsbedarf.

Der nahe Nürburgring und die kurvigen Eifelstrecken sind beliebte Ziele für Motorradfahrer in seinem Zuständigkeitsgebiet. Kehrseite der Medaille: Es vergeht kaum ein Wochenende, an dem man nicht von verunglückten Bikern in der Eifel hört.

Straßenbauingenieur Nikolaus lässt sich von einem französischen Unterfahrschutz-Modell inspirieren und entwickelt es in Zusammenarbeit mit der Industrie weiter. Heraus kommt dabei der Unterfahrschutz Typ Euskirchen: Ein 37 Zentimeter hohes Blech, das an die bereits vorhandenen Schutzplanken geschraubt wird und lediglich einen Fünf-Zentimeter-Spalt offen lässt. Der Gestürzte rutscht meist daran entlang und kann oft ziemlich unversehrt wieder aufstehen.

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Foto: Biebricher
„Der Unterfahrschutz gibt keinen Freibrief. Er signalisiert aber: Achtung, hier ist mal was passiert.“
„Der Unterfahrschutz gibt keinen Freibrief. Er signalisiert aber: Achtung, hier ist mal was passiert.“

Die richtige Frau zur richtigen Zeit am richtigen Ort

1998 geht der Typ Euskirchen im Verlauf der B 256 und der L 165 in die Erprobung. Es vergehen weitere fünf Jahre, bis das System von der Bundesanstalt für Straßenwesen (BaSt) abgesegnet ist und offiziell präsentiert wird.

"Ich bin davon überzeugt, dass diese innovative und bundesweit bislang einmalige Idee sich sehr schnell verbreiten wird", sagt der damalige NRW-Verkehrsminister Axel Horstmann beim Ortstermin auf der L 165 in Bad Münstereifel Ende April 2004.

Dafür musste der gute Mann indes kein Prophet sein, denn er kannte schon Monika Schwill, Initiatorin der 2003 gegründeten Organisation Mehrsi – mehr Sicherheit für Biker (Eigenschreibweise: MEHRSi).

Monika Schwill war irgendwie die richtige Frau, am richtigen Ort und zur richtigen Zeit. Aufgewachsen im Vulkaneifel-Städtchen ­Gerolstein und als Schwester eines motorradbegeisterten Bruders früh mit dem Risikopotenzial der Leitplanken konfrontiert: erfunden zum Schutz der Autofahrer, doch für Motorradfahrer eine tückische Bedrohung für Leib und Leben. Eine ihrer Freundinnen verliert mit Anfang 20 nach einem unverschuldeten Motorradunfall als Folge des Aufpralls an der Leitplanke das linke Bein und weitere Körperteile, aber nicht den Lebensmut.

Für Schwill ist dies Schock und Initialzündung zugleich. Sie verschreibt sich ganz und gar der Sache, den Unterfahrschutz bei Motorradfahrern und Behörden bekannt zu machen. Als Jeanne d'Arc der Biker tingelt sie durch die Provinz, trifft Landräte und Unfallkommis­sionen, leistet Überzeugungsarbeit auf allen Ebenen.

Für eine Mehrsi-Schirmherrschaft gewinnt sie ADAC-Ehrenpräsident Otto Flimm. Ebenso Ex-NRW-Verkehrsminister Axel Horstmann (SPD), die SPD-Bundestagsabgeordnete Ute Vogt und SPD-Frontmann Peter Struck (†19.12.2012) – alle drei sind begeisterte Motorradfahrer.

Die Mehrsi-Prinzipalin holt zudem viel Rennprominenz wie Nina Prinz, Toni Mang, Helmut Dähne und Jutta Kleinschmidt ins Boot, die mit ihr die Werbetrommel für den Lebensretter Unterfahrschutz rühren.

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Spenden in Höhe von etwa 80.000 Euro pro Jahr

Ihr und Mehrsis großes Anliegen ist es, das Thema ­Sicherheit nicht mit Angst und Schrecken, sondern mit Sympathie und Spaß zu transportieren. Sie leistet neben ihrer Berufstätigkeit Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit für diese Herzensangelegenheit mit Messeauftritten, Informationsblättern, zahlreichen Veranstaltungen sowie mit Kontakten zu Motorradklubs und Industrie. Das kostet nicht nur Geld, sondern auch viel Zeit.

Dieser Fulltime-Job ist auf Dauer im Ehrenamt nicht zu schaffen. Deshalb zieht die ausgebildete Lehrerin für Künstlerischen Tanz und Musikerziehung 2010 die Reißleine: Sie hängt ihren Beruf an den Nagel und macht sich zur hauptamtlich tätigen Geschäftsführerin der gemeinnützigen Mehrsi GmbH.

Aktuell hat die Organisation etwa 2000 private und rund 50 gewerbliche Förderer. So kommen, laut Schwill, pro Jahr Spenden in Höhe von etwa 80.000 Euro zusammen. Daraus bezuschusst Mehrsi unter anderem medienwirksam mit – in der Regel – 1000 Euro einzelne Sicherungsmaßnahmen – so zuletzt Ende Februar in vier Kurven auf der K 1262 im baden-württembergischen Landkreis Esslingen.

Wie viel aus den Spendeneinnahmen nach Abzug aller laufenden Betriebskosten einschließlich Geschäftsführungshonorar für diese Zuschüsse übrig bleibt, darüber möchte ­Monika Schwill nicht informieren.

So vermittelt dann auch die beachtliche Liste der bereits gesicherten Streckenabschnitte auf der Mehrsi-Internetseite (www.mehrsi.org) ein leicht verzerrtes Bild: Das Gros der mehr als 800 Kurven, in denen bereits weit über 100 Kilometer Unterfahrschutz verbaut wurden, ist mit Mitteln aus den jeweiligen Landeshaushalten entschärft worden.

Sachsen startete 2013 eine Unterfahrschutz-Nachrüstkampagne, die samt und sonders aus dem Haushalt des Freistaats bezahlt wurde. Das Ziel, insgesamt 20 Kilometer zu sichern, wird im April dieses Jahres erreicht sein. Auch in Nordrhein-Westfalen verweist man darauf, dass sämtliche Baumaßnahmen für die Verbesserung der Motorradfahrersicherheit aus eigenen Töpfen ohne Zuschüsse stammen.

Ähnliches gilt für Rheinland-Pfalz, wo ebenfalls die meisten Unterfahrschutz-Nachrüstungen aus dem allgemeinen Erhaltungshaushalt finanziert werden. Eine Ausnahme stellt die B 48 zwischen Rinnthal und Johanniskreuz in der Südpfalz dar: Zur Übergabe der 1560 Meter Unterfahrschutz gab es 1000 Euro Mehrsi-Zuschuss. Angesichts von 70 000 Euro Gesamtkosten eher ein Anerkennungsbeitrag, um Öffentlichkeit zu schaffen für die Belange der Verkehrssicherheit.

Genau das ist auch gut so. Der Lebenretter Nummer eins für Biker ist längst im Maßnahmenkatalog der Straßenbaubehörden angekommen und wird konsequent in Gefahrenstellen verbaut. Wir brauchen nur noch mehr davon.

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