Nach einem Unfall zählt jede Sekunde bis zur Erstversorgung der Opfer.

Reportage - schnellere Hilfe bei Unfällen dank eCall SOS-System für Motorräder

Europa setzt auf den automatischen Notruf, um die Rettung von Unfallopfern zu beschleunigen. Die Infra­struktur für den eCall aus Pkws ist noch im Aufbau. Doch es gibt das weltweit erste SOS-System für Motorräder schon zu kaufen.

An einem Montagabend Anfang Mai kommt es im unterfränkischen Landkreis Rhön-Grabfeld zu einem verhängnisvollen Unfall: In einer Linkskurve verliert ein 35 Jahre alter BMW-Fahrer offenbar die Kontrolle über seine Maschine. Er kommt von der Fahrbahn ab und landet nach dem Sturz schwer verletzt sieben Meter von der Straße entfernt. Fahrer, die die Unfallstelle ­passieren, können ihn nicht sehen, und er selbst ist unfähig, sich zu rühren. Mit dem Mut der Verzweiflung steckt der 35-Jährige schließlich das Futter seines Helms in Brand, um mit dem aufsteigenden Qualm auf sich aufmerksam zu machen.

Immer wieder kommt es zu tragischen Fällen, bei denen auch Autofahrer in ihren Wracks sterben, weil sie nach einem Crash nicht entdeckt werden. Und: Nach einem Unfall zählt jede Sekunde bis zur Erstversorgung der Opfer. Je schneller diese erfolgt, desto weniger schwerwiegend können die Folgen ausfallen. Nach Berechnungen der EU-Kommission verkürzt die sofortige Information über einen Unglücksfall an die Einsatzzentrale mit exakten Standortan­gaben die Zeit bis zum Eintreffen der Rettungskräfte in ländlichen Gebieten um 50 Prozent und selbst im urbanen Umfeld um 40 Prozent. Dieser Zeitgewinn kann in der EU jährlich einige Hundert Menschen­leben retten und die Schwere der Verlet­zungen bei Zehntausenden Unfallopfern mildern. Aus diesem Grund initiierte der europäische Gesetzgeber das Projekt eCall (e für emergency, Notfall), das dann Anfang 2014 in eine entsprechende EU-Verordnung gegossen wurde (siehe Abschnitt "Das tut sich in Brüssel"). Diese setzt – zunächst beim Pkw – auf automatische Notruf-Funktion ab Werk. BMW hat im Frühjahr angekündigt, abgeleitet vom Auto eine Motorrad-eCall-Version ab 2017 für einzelne Modelle gegen Aufpreis anzubieten.

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Zusätzliche Diebstahlwarnfunktion

Pionierarbeit in Sachen automatischer Notruf für die breite Masse der Motorradfahrer und ebenfalls für die Produzenten hat dagegen bereits der sächsische Elek­tronikhersteller Digades geleistet: Seit Juni ist dessen Motorrad-eCall namens dguard zum Preis von knapp 480 Euro auf dem Markt, das an allen gängigen Modellen verbaut werden kann. Registriert die Systemsensorik einen Crash, wird automatisch ein SOS-Ruf abgesetzt. Zusätzlich verfügt der eCall-Retter zum Nachrüsten über eine Diebstahlwarnfunktion: Sobald die abgestellte Maschine bewegt wird, geht ein stiller Alarm an den Besitzer.

„Wir haben seit der Markteinführung durchweg positive Resonanz erhalten“, sagt Digades-Chef Lutz Berger, selbst leidenschaftlicher Motorradfahrer. Der Fachhandel ziehe mit, die Vermarktung im ­Onlineshop laufe und es werde europaweit ausgeliefert. Motorradhersteller zeigten ebenfalls Interesse: „Bei einer europäischen Marke ist das System bereits in der internen Werkserprobung, und mit einem weiteren Hersteller sind wir in Verhandlungen“, berichtet Multistrada-Fahrer Berger.

Beginn mit Fehlstart

Dabei habe der Endspurt von der Idee bis zur dguard-Serienfertigung, so der ­Digades-Chef, für die Zittauer Elektronik­firma, die unter anderem seit 2010 die Kraftstoffpumpen-Elektronik für die BMW K 1300 R lieferte, mit einem Fehlschlag ­begonnen. Laut Berger ist Anfang 2014 die eCall-Vorentwicklung für einen großen Motorradhersteller bis zum Gebrauchsmuster – eine Art Patent light – abgeschlossen gewesen. Der Folgeauftrag sei aber zum Leidwesen der Sachsen nicht an sie, sondern an einen global agierenden Systemlieferanten gegangen.

„Im Sommer haben wir daraufhin die Entscheidung getroffen, 2,5 Millionen Euro in die weitere Entwicklung zu stecken“, sagt Berger. Drei Dutzend Mitarbeiter des Familienunternehmens treiben in sechs Teilprojekten den eCall made in Sachsen voran. Um den Ernstfall erkennen zu können, müssen Umgebungseinflüsse, zeit­liche Abläufe, Fehlauslösungen, Fehlermöglichkeiten und auch Unfallszenarien berücksichtigt werden. Letztere stammen unter anderem aus der Datenbank der Gidas (German in-Depth Accident Study), die bei der Medizinischen Hochschule Hannover und der Technischen Universität Dresden angesiedelt ist. „Wir haben zunächst 3000 Realunfälle ausgewertet, um typische Motorradcrash-Konstellationen herauszufiltern“, sagt Christoph Lebelt, der das Entwicklungsteam anführt. Diese Erkenntnisse flossen ebenso in die Software­entwicklung ein wie Daten aus Probefahrten, die im Frühjahr 2015 starteten.

Crash-Programm erfolgreich absolviert

Dazu zählen auch 850 Testkilometer mit 90 Stürzen, die Paul Roßbach, Junioren-Europameister im Endurosport, auf seiner KTM EXC 300 beigesteuert hat. Firmen­inhaber Berger, seine Ehefrau Kerstin und Sohn Tim machten Erprobungsfahrten auf dem anspruchsvollen spanischen Kurs Circuito de Almeria.

Insgesamt legte die Familie über 30.000 Kilometer in Deutschland, Tschechien, Österreich, Kalifornien, Süd­afrika, Spanien und Portugal zurück, ohne dass es zu Fehlauslösungen gekommen sei. Die Feuerprobe für den dguard fand laut Hersteller im Dekra Crash Test Center in Neumünster statt: Alle zuvor definierten Unfallszenarien haben demnach das Crash-Programm erfolgreich absolviert.

Foto: MOTORRAD

Die System-Komponenten

Die dguard-Bauteile entsprechen laut Anbieter den Teststandards von Motorradherstellern und deren Anforderungen an Lebensdauer, Klima, mechanischen Schock oder elektromagnetische Verträglichkeit.

Crash-Erkennung:

  • aktiv von etwa 20 km/h bis über 300 km/h
  • automatische Deaktivierung im Stand, also keine Auslösung bei Umfallern
  • keine Notrufauslösung während der Fahrt, also keine Fehlalarme unterwegs
  • Zur Erkennung werden alle Sensorenin unterschiedlichem Maße herangezogen, die Daten wie Geschwindigkeit, Neigungswinkel, Beschleunigung, Fahrer anwesend und dergleichen abliefern

Diebstahlwarnung:

  • Aktivierung und Deaktivierung per App
  • Bewegung und Vibration des Motorrads werden erkannt, die Empfindlichkeit isteinstellbar
  • Wird das Motorrad unbefugt bewegt, erfolgt eine Benachrichtigung per App und SMS
  • minimale Stromaufnahme bei aktiver Diebstahlwarnung

 

Die Gesetzeslage: Das tut sich in Brüssel

Der automatische Notruf eCall kommt ab 2018 zunächst in Autos. Motorräder und Nutzfahrzeuge sollen folgen.

Das EU-Projekt HeERO (Harmonized eCall European Pilot) treibt seit fünf Jahren die Einführung eines automatischen Notrufs aus verunglückten Fahrzeugen voran. Derzeit greift die I-HeERO genannte dritte Stufe mit Aufbau der erforderlichen Infrastruktur in den europäischen Rettungsleitstellen – davon über 260 in Deutschland –, die einheitlich unter der Notrufnummer 112 zu erreichen sind. Die notwendigen Auf- und Umrüstungen sollen bis zum 1. Oktober des  nächsten Jahres abgeschlossen sein und funktionieren. Vom 1. April 2018 an müssen alle neuen Pkw-Modelle in der EU mit dem 112-basierten eCall ausgerüstet sein. Entsprechende Vorschriften für Lkws, Gefahrguttransporte sowie Fern- und Reisebusse sollen folgen.

Gleiches gilt für Motorräder, was den Machern von I-HeERO als harte Nuss erscheint. Der Anfang Juni präsentierte Sachstandsbericht des Konsortiums, dem elf EU-Staaten, 58 Industriepartner und eine Vielzahl weiterer Beteiligter angehören, beschreibt die Knackpunkte: technische Standards, verlässliche Auslösemechanismen und Vermeidung von Fehlalarmen. Aktuell hat man eine Unfalldatenstudie gestartet, um mit deren Ergebnissen eine spezielle Auslösesensorik entwickeln zu können. Auch BMW und Bosch, die in der Pkw-Sparte schon reichlich Erfahrung gesammelt haben, mischen im Konsortium kräftig mit. Die Ankündigung der Bayern, eCall für einige ihrer Motorradmodelle ab 2017 als Sonderausstattung anzubieten, deutet darauf hin, dass man wohl stark auf Erstausrüstung ab Werk setzt. Das lässt den großen Bestand an Motorrädern außen vor und schöpft somit nicht das volle Potenzial des neuen Sicherheitssystems aus. Noch offen ist, ob Nachrüstlösungen bei der künftigen Vorschrift berücksichtigt werden.

Wie sieht es mit der Datensicherheit aus?

Datensparsamkeit und Zweckbindung sind in der eCall-Verordnung verankert.

Die übermittelten Informationen aus dem Pkw beschränken sich auf ein Mindestmaß sowie auf die Zeit und den exakten Ort des Unfalls. Rettungsstellen dürfen diese Daten nicht ohne ausdrückliche Genehmigung der Betroffenen an Dritte weitergeben, zudem müssen sie vom Fahrer einfach und dauerhaft gelöscht werden können. Der EU-Gesetzgeber sieht damit das Recht auf Privatsphäre ausreichend gewahrt. „Gegen eCall ist aus Datenschutz­sicht zunächst wenig einzuwenden“, sagt Thilo Weichert, ehemaliger Datenschutzbeauftragter von Schleswig-Holstein.

Die bordeigene Mobilfunkeinheit nehme nur dann Verbindung zum Netz auf, wenn tatsächlich ein Notruf abgesetzt werden müsse. Ein dauerhaftes Tracking mit Bildung eines genauen Bewegungsbildes, wie es zum Beispiel mit eingeschalteten Mobil­telefonen möglich ist, finde nicht statt. Deutlich kritischer sieht Weichert dies jedoch für zusätzliche Dienste, die über die eCall-Plattform – vor allem im Auto – Fahrzeug und Internet mehr und mehr zusammenwachsen lassen.

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