Verdacht eines gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr Tödlicher Motorradunfall: War es Vorsatz?

+++ UPDATE: Reportage aus MOTORRAD 10/2012 ergänzt +++ UPDATE Belohnung auf 50000 Euro erhöht +++ Die bei der Polizei Memmingen eingerichtete Ermittlungsgruppe ("EG Ölfleck") arbeitet mit Hochdruck an der Klärung der Umstände, die vor kurzem im Gemeindebereich von Markt Rettenbach zum tödlichen Verkehrsunfall eines 37-jährigen Kradfahrers geführt haben.

Foto: privat

Die schwarze Stoffjacke mit dem in Rot auf die Ärmel gestickten Schriftzug „MC Unterallgäu 1980“ hängt noch genau so in der Garderobe, wie Sepp sie vor über einem Jahr hat hängen lassen. Und im Flur sticht das blau-rote Patch des Motorradclubs
auf der Lederweste jedem ins Auge, der die Wohnung betritt. „Seit der Beerdigung hängt die Weste da“, sagt Heike. Fein säuberlich auf einem Kleiderbügel am Treppengeländer. Seit einem Jahr ist die Bankkauffrau aus Markt Rettenbach im Allgäu Sepps Witwe. Kümmert sich allein um die Kinder. Der Bub ist jetzt sechs, die Große ist elf.

Am Palmsonntag 2011, dem 17. April, war Josef Deniffel am späten Nachmittag zu einer Runde mit seiner alten Fireblade gestartet. „Er hatte kein konkretes Ziel, hat wohl erst beim Rausfahren entschieden, ob nach links oder rechts“, sagt Heike. Er bog nach rechts ab. Ein paar Kilometer weiter durchfuhr er in einer leicht ansteigenden Kurve zwei Öllachen. Nach der ersten, so erinnert sich die 60 Jahre alte Fahrerin des Autos, das entgegen kam, konnte Josef die Honda gerade noch einfangen. Doch die zweite unmittelbar danach ließ ihm keine Chance mehr. Die Reifen rutschten weg, Josef knallte seitlich ins Auto. Der Genickbruch war tödlich.

„Sepps Weste soll in einen Holzrahmen hinter Glas“, sagte Heike Deniffel. Sie sitzt barfuß am Küchentisch, es ist Dienstag­vormittag, da hat sie normalerweise frei. Draußen scheint die Sonne. Das Grün der Wiesen rings um das frisch renovierte Haus beginnt langsam satter zu werden. Die Kinder kommen gegen halb zwei aus der Schule. Dann zuckt Heike Deniffel mit den Achseln, lächelt dazu und sagt: „Aber den Holzrahmen gibt es noch nicht.“ Mit dem ständigen Anblick der Weste hat sie kein Problem. „Es vergeht sowieso kein Tag, an dem ich nicht daran denke.“ Dabei lächelt sie nicht mehr. „Ich verdränge auch viel. Ich gehe zum Beispiel nicht auf den Friedhof, das pack ich noch nicht. Und auch die Kurve, wo’s passiert ist, versuche ich zu vermeiden. Zur Arbeit muss ich sowieso in die andere Richtung. Wenn ich doch durch muss, denke ich: ‚Warum?‘“

Wie geht die Frau damit um, dass ausgerechnet ihr Sepp in die heimtückisch und vorsätzlich gelegte Todesfalle gefahren ist? „Als ich erfuhr, dass die Staatsanwaltschaft wegen Mordes ermittelt, war das ein Trost für mich.“ Die Antwort überrascht. „Zu wissen, dass er nix dafür konnte, dass er nicht gerast ist, sein Leben nicht fahrlässig und ohne an seine Familie zu denken riskiert hat, das ist für mich ganz wichtig.“ Josef Deniffel hat nichts falsch gemacht.  Er war zur falschen Zeit am falschen Ort.

Doch es hätte ihn – oder jeden anderen – auch anderswo treffen können: 45 Minuten nach dem Unfall gingen bei der freiwilligen Feuerwehr Meldungen ein, dass noch weitere, potenziell tödliche Ölfallen auf Straßen unweit Rettenbach zu beseitigen waren. Insgesamt neun. Sie alle, da war sich die ermittelnde Kripo Memmingen schnell sicher, waren vorsätzlich gestellt worden. Ihr Ziel: Motorradfahrer. Dazu hatte der Täter mit Altöl gefüllte Glasflaschen auf die Straße geschleudert. Vermutlich aus einem Auto heraus. Anhand der zwischen den Scherben gefundenen Schraubverschlüsse konnte die Polizei deren Herkunft ermitteln: Weinflaschen aus Baden-Württemberg, Supermarktware, in ganz Süddeutschland erhältlich. Auch eine vom LKA in München durchgeführte Analyse des Altöls brachte keine heiße Spur.

Zeitweilig ermittelten 20 Beamte von Memmingen aus mithilfe von LKA-Spezialisten in einer eigens gebildeten „Ermittlungsgruppe Ölfleck“ ausschließlich in dem Fall. Für entscheidende Hinweise wurden 5000 Euro Belohnung ausgesetzt, die von zwei Privatleuten erst auf 8000, später auf 50000 Euro erhöht wurden. Im ZDF berichtete Aktenzeichen XY. Aber auch nach einem Jahr und rund 200 am Ende ergebnislosen Spuren ist der Täter nicht gefasst. „Der ist mit Sicherheit irgendwo in der Nähe“, davon ist Heike Deniffel überzeugt. „Manchmal sehe ich Menschen auf der Straße und frage mich: ‚Warst du das mit dem Öl?‘ Neulich hab ich das sogar geträumt.“

Eine Aufklärung des Falls wäre für die Witwe ein wichtiger Schritt zurück in Richtung Normalität. Ein Schritt von vielen. Manche wird sie ganz allein gehen müssen, bei manchen hat sie Hilfe. „Mit den Motorradfahrern habe ich so positive Erfahrungen gemacht“, erzählt sie. Drei Wochen nach dem Unfall haben Wildfremde, die Motorradfreunde Untermeitingen, die bis dahin weder sie noch Josef oder auch nur den MC Unterallgäu gekannt hatten, einen Trauerkorso organisiert (MOTORRAD 12/2011). Geld für die Beerdigung und alles Notwendige wurde gesammelt und gespendet. „Ich weiß nicht, wer die Polizeibelohnung von 5000 Euro verzehnfacht hat, aber das sind auch Motorradfahrer oder Väter von Motorradfahrern, die sich sagen, dass so eine Tat um jeden Preis aufgeklärt werden muss“, ist sich Heike Deniffel sicher. Die Mitglieder des MC Unterallgäu haben Heike in den ersten Tagen versucht aufzufangen, haben den Friedhof bei Sepps Beerdigung vor Reportern abgeschirmt und werden demnächst anfangen, die noch fehlende Terrasse und den ungepflasterten Hof des Deniffel-Hauses fertig zu machen – Arbeiten, zu denen Sepp nicht mehr gekommen ist.

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Stand der Ermittlungen

 

 

UPDATE vom 24. Oktober 2011:
Eine Privatperson hat die Belohnung von bislang 8000 auf 50000 Euro erhöht - für Hinweise, die zur Aufklärung des Verbrechens oder zur Festnahme des Täters führen. Die Kripo Memmingen hatte die Ermittlungsgruppe "Ölfleck" eingerichtet und berichtete den Hergang in der Fernsehsendung "Aktenzeichen XY … ungelöst" am 24. August. Bislang ergaben sich jedoch keine konkreten Ansätze. Die Kripo Memmingen hat auch ein anonymes Telefon geschaltet: 08331/100-433 

 

 

UPDATE vom 13. Mai 2011:
Aufgrund des Zeugenaufrufs am Mittwoch, 11.05.2011, hat sich der gesuchte Motorradfahrer am gestrigen Vormittag bei der EG Ölfleck telefonisch gemeldet. Er stammt aus dem Landkreis Unterallgäu. Weitere Hinweise erhoffen sich die Ermittler von seiner Zeugenvernehmung, welche aller Wahrscheinlichkeit nach in der nächsten Woche durchgeführt wird. 


UPDATE vom 11. Mai 2011:
Seit Bestehen der Ermittlungsgruppe Ölfleck arbeiten knapp 20 Beamte an der Klärung des tödlichen Verkehrsunfalls zum Nachteil eines 37-jährigen Kradfahrers.
 
Wichtige Hinweise erhoffen sich die Ermittler von einem ca. 50 – 60 jähriger Motorradfahrer, der sich bislang nicht bei der Polizei gemeldet hat. Der Mann passierte kurze Zeit nach dem Unfall den Tatort und ließ von einem in der Nähe befindlichen Anwesen aus die Polizei über den Verkehrsunfall verständigen. Von diesem Mann ist nur bekannt, dass er ein rotes Krad fuhr. Er selbst bzw. Personen, die Hinweise zu seiner Identität geben können, werden gebeten, sich als Zeuge zur Verfügung zu stellen und sich bei der EG Ölfleck zu melden.
 
Die Ermittlungsgruppe Ölfleck bittet die Bevölkerung nochmals um Hinweise, auch um solche, die möglicherweise als belanglos erachtet werden. Diese als auch andere Zeugen, die in Zusammenhang mit den Fahrbahnverunreinigungen am Palmsonntag, 17.04.2011, möglicherweise Angaben zu sich verdächtig verhaltenden Personen oder Fahrzeugbewegungen machen können, werden gebeten, sich unter der bekannten Rufnummer 08331 / 1000 bei der Polizei Memmingen zu melden.

Möglicherweise haben auch Jäger, Waldbesitzer, Wanderer, Freizeitsportler oder Motocross- bzw. Quadfahrer in den Wäldern und Fluren im Bereich der relevanten Streckenabschnitte auch Tage und Wochen vor der Tat verdächtige Beobachtungen gemacht, die von Relevanz sein können. Zum jetzigen Zeitpunkt gehen die Beamten noch über 50 offenen Spuren und Hinweisen nach.
 
Die Staatsanwaltschaft Memmingen wertet die vorgenommene Tathandlung aufgrund der zwischenzeitlich vorliegenden Ermittlungsergebnisse als vollendetes Tötungsdelikt. Gegen den oder die noch unbekannten Täter wird wegen Verdachts des Mordes ermittelt.
 
Nach wie vor ist für Hinweise, die zur Aufklärung des Verbrechens oder zur Festnahme des oder der Täter(s) führen, vom Landeskriminalamt München eine Belohung in Höhe von 5.000 Euro ausgesetzt.

Foto: Polizei

UPDATE vom 26. April 2011: Aufgrund des Spurenbildes der Fahrbahnverunreinigungen ist von einer vorsätzlichen Verschmutzung dieser Streckenabschnitte auszugehen. Es wird, was den oder die noch unbekannten Verursacher der Verschmutzungen anbelangt, weiterhin in alle Richtungen ermittelt. Bekannte Motorradstrecken in den Landkreisen Unterallgäu und Ostallgäu werden derzeit verstärkt bestreift und überwacht. So sollen sowohl mögliche Gefahrenstellen für Verkehrsteilnehmer rechtzeitig erkannt und ebenso weitere Ermittlungsansätze im Hinblick auf den oder die Verursacher gewonnen werden.

Eine von der Ermittlungsgruppe erstellte Karte mit den jeweiligen Stellen der Fahrbahnverunreinigungen finden Sie weiter oben in diesem Artikel als PDF-Download. Für die Ermittler ist nach wie vor von großem Interesse, wer im Bereich der tangierten Streckenabschnitte am Sonntagnachmittag, den 17.04.2011, verdächtige Beobachtungen gemacht hat. Die Personen werden gebeten, mit der EG Ölfleck Kontakt aufzunehmen.
 
Weitere Hinweise aus der Bevölkerung erhoffen sich die Ermittler auch von der Abbildung (siehe Foto) eines Verschlussdeckels einer Flasche. Dieses Beweisstück wurde an einer der verunreinigten Streckenabschnitte aufgefunden und zeigt eine auf dem Verschlussdeckel aufgedruckte Zahlen- und Buchstaben-Kombination ("D-BW W 002"). Die Ermittlungsgruppe möchte in diesem Zusammenhang wissen, wo bzw. über welche Vertriebswege derartige Flaschenverschlüsse vertrieben wurden und um welchen Getränkeinhalt es sich hierbei handelt.

Die Ermittlungsgruppe "Ölfleck" wurde mit weiteren Fachkräften der Kriminalpolizei auf knapp 20 Mitarbeiter aufgestockt, die Federführung liegt bei der Kripo in Memmingen. Derzeit gehen die Beamten noch insgesamt ca. 30 Hinweisen und Spuren nach, welche bis zum gestrigen Abend bei der EG "Ölfleck" eingegangen sind.

Für Hinweise, die zur Aufklärung des Verbrechens oder zur Festnahme des oder der Täter(s) führen, wird seitens der Polizei eine Belohnung von insgesamt 5.000 Euro ausgesetzt.

Die Beamten der EG "Ölfleck" sind unter der Telefonnummer 08331 / 1000 zu erreichen.

Foto: Polizei Bayern

/18.04.) Wie die Polizei mitteilte, wurde am späten Sonntagnachmittag ein 37-jähriger Motorradfahrer bei einem Verkehrsunfall auf der Staatsstraße zwischen Markt Rettenbach und Ottobeuren getötet. Die an der Unfallstelle und an zahreichen weiteren Stellen gefunden Öl- und Glasspuren lassen den Schluss zu, dass es sich um vorsätzliche Anschläge handelt.

Was oder wer genau hinter diesen bösartigen Aktionen steckt ist zur Zeit noch unklar -  entdeckt wurden sie in der Folge eines tödlichen Unfalls: Beamte der Polizeiinspektion Memmingen, versuchten erfolglos, den 37-jährigen verheirateten Familienvater wiederzubeleben. Der Mann verstarb aufgrund der Schwere seiner erlittenen Verletzungen noch an der Unfallstelle.

Die Unfallstelle auf der Staatsstraße 2013 liegt im Bereich einer Rechtskurve. Im Rahmen der Unfallaufnahme zeigte sich, dass der Motorradfahrer aufgrund einer Öllache auf der Fahrbahn die Kontrolle über sein Motorrad verloren haben dürfte. An der Unfallstelle konnten insgesamt zwei solcher Öllachen, eine vor und eine nach der Kurve, festgestellt werden. In diesen beiden Bereichen wurden zudem Reste von Glasscherben aufgefunden. Zur Klärung der Unfallursache wurde ein Gutachter hinzugezogen.

Um 17.45 Uhr, 45 Minuten nach dem Unfall, meldete sich ein Zeuge bei der Polizei und teilte mehrere, mit Öl verschmutzte Fahrbahnabschnitte im Gemeindebereich von Markt Rettenbach mit.

Beamte der Polizeiinspektion und der Autobahnpolizeistation Memmingen sowie der Polizeiinspektion Mindelheim suchten daraufhin mit Unterstützung eines Polizeihubschraubers den Bereich des südlichen Landkreises Unterallgäu nach weiteren entsprechenden Fahrbahnverunreinigungen ab.

Zum jetzigen Zeitpunkt konnten an insgesamt zehn Stellen identische Öllachen und Reste von Glasscherben aufgefunden werden. Folgende Streckenabschnitte waren betroffen:

- die B 18 (alt) zwischen Erkheim und Oberkammlach
- die St 2011 zwischen Frechenrieden und Attenhausen
- die Ortsverbindungsstraße zwischen Frechenrieden und Krautenberg
- die St 2013 Markt Rettenbach – Ottobeuren

Die Verunreinigungen wurden sowohl auf gerader Strecke als auch in Kurvenbereichen festgestellt. Zum Teil handelte es sich um Streckenabschnitte in einem Waldgebiet, zum Teil auf frei einsehbarer Fläche.

An allen zehn Örtlichkeiten konnten Reste von Glasflaschen sichergestellt werden. Die Gegenstände werden zur Zeit auf mögliche Spuren untersucht. Bei der Verschmutzung der Fahrbahn handelt es sich um eine bisher nicht bekannte ölige- bzw. ölhaltige Flüssigkeit.

Da eine vorsätzliche Tat nicht ausgeschlossen werden kann, wurde eine rund zehn Mann starke Ermittlungsgruppe mit Vertretern von Verkehrs- und Kriminaldienststellen sowie Unfallfluchtfahndern eingerichtet.

Die Ermittlungsgruppe bittet um Hinweise aus der Bevölkerung. Wer hat in diesem Zusammenhang im relevanten Zeitraum auf diesen Streckenabschnitten verdächtige Beobachtungen gemacht? Die bei der Polizei Memmingen eingerichtete Arbeitsgruppe ist unter der Tel. 08331/1000 zu erreichen.

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