Report: Polizeikontrolle Verkehrskontrolle am Motorrad

Bundesweit führt die Polizei zum Saisonstart Motorradkontrollen durch. Ihre Möglichkeiten sind dabei aber beschränkt, technisch wie personell. So bleibts bei Stichproben, wovon sich die Politik einen positiven Effekt auf die Unfallentwicklung erhofft. Ob die Rechnung so aufgeht?

Foto: Jahn

Na, braucht ihr wieder Kundschaft?” Sylvia Burger* steht vor den beiden Polizei-Sprintern in einer Haltebucht und sieht fragend zu ihren vier männlichen Kollegen hinüber. „Ja, noch mal zwei bitte!“, ruft Polizeikommissar Christian Harter zurück, worauf sich die blonde Polizeifreiwillige die Kelle greift und Richtung Straßenmitte losstapft.

Es ist ein sonniger Sonntagvormittag, und auf der Landstraße zwischen Stuttgart und Leonberg ist munter was los. Etliche Motorräder sind unterwegs, denn an Tagen wie diesem ist das nur wenige Hundert Meter entfernte „Glemseck“ mit seinem kleinen Biergarten direkt an einer steil abfallenden, sich zuziehenden Applauskurve ein beliebter Treffpunkt.

Das weiß auch die Polizei und hat sich den Standort für die „allgemeine Verkehrskontrolle“ im Rahmen einer landesweiten Frühjahrsaktion zum Motorradsaisonstart ganz gezielt gesucht. Und so muss Sylvia Burger, die eigentlich „aus dem sozialen Bereich“ kommt und an diesem Sonntag freiwillig, wenn auch mit Uniform, kugelsicherer Weste und sogar Dienstwaffe ausgestattet, die Beamten unterstützt, nicht lange warten. Die Polizeihelferin – freiwillige Polizisten wie sie gibt es nur in Baden-Württemberg, wobei die rot-grüne Landesregierung derzeit über deren Abschaffung nachdenkt – winkt wahllos raus, was ankommt. In dem Fall zwei aktuelle GS-Modelle. Der Rest darf unkontrolliert weiter, denn jetzt sind wieder alle vier Beamte mit je einem Motorrad beschäftigt, haben also „Kundschaft“. Die beiden Polizeihauptmeister Sven Haug und Alain Brenner winken die BMW-Fahrer zu sich heran und bitten sie mit einem Routineblick auf die Maschinen um Führerschein und Fahrzeugpapiere. Die sind in Ordnung und die Motorräder ebenfalls. Dafür haben die beiden Beamten, als Kradstaffelfahrer der Polizeidirektion Böblingen im Dienst selbst oft auf den Dienst-BMWs unterwegs, ein Auge: alles serienmäßig, Reifen auch okay, danke, weiterfahren.

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Foto: Jahn

Interessanter wird’s, als Winny heraus gewunken wird. Seine CB 1100 F Bol d’Or hat nicht nur schon ein paar Jahre auf dem Buckel, sondern auch ein hinter der Zylinderbank montiertes, riemengetriebenes Zusatzaggregat. „Ein Kompressor?“, fragt Polizeikommissar Uwe Klingler skeptisch, nachdem er sich vom Honda-Fahrer aus Esslingen die Papiere hat geben lassen. Ein NOS-Lachgas-Aufkleber auf dem betagten Vierzylinder lässt sogar noch Schlimmeres vermuten. Doch Winny bleibt die Ruhe selbst: „Ach nein, kein Kompressor, kein Turbo, das denken immer viele. Das ist bloß eine externe Lichtmaschine.“ Der Kommissar bleibt skeptisch, sein Blick wechselt immer wieder zwischen der Honda und der langen Latte an Eintragungen in ihrer Zulassungsbescheinigung hin und her. Jetzt hat der Schalldämpfer sein Interesse geweckt. „Das ist ein Eigenbau, hier schauen Sie, ist als solcher auch eingetragen.“ Aha, der Polizist nickt anerkennend: „Das ist ja jetzt mal wirklich selten… Sie sind wohl selber Techniker?“ Aber Winny schüttelt die 70er-Jahre-Mähne: „Nein, nein, der Auspuff war schon dran und eingetragen, als ich das Bike kaufte, und die Lima habe ich mit einem Kumpel vom Bol d’Or-Club zusammen montiert. Die stammt übrigens aus einem 2CV, ja genau, von ’ner Ente. Ich bin Maurer von Beruf.“

Am Ende ist es die zu flache Neigung des Kennzeichens, die der Kommissar moniert: „Für die Lesbarkeit darf die Nummer höchstens in einem Winkel von 30 Grad zum Fahrzeug stehen. Bei Ihnen habe ich 55 Grad gemessen. Ab 60 Grad – gesetzlich ist da kein Grenzwert vorgesehen – würde ich das als Kennzeichenmissbrauch und damit als Straftat werten. 55 Grad wären in Ihrem Fall also noch eine Ordnungswidrigkeit. Wären Sie mit zehn Euro Verwarngeld einverstanden?“ Winny gibt sich zerknirscht und meint, er habe am Kennzeichen nichts verändert, aber wenn’s denn sein muss … Erst als er erfährt, dass er auch noch innerhalb der nächsten fünf Tage den korrigierten Kennzeichenwinkel bei der Polizei vorführen soll, wird er sauer: „Ich wohne aufm Land, das kostet mich einen ganzen Tag Urlaub! Kann ich das nicht gleich zurechtbiegen?“ Der Kommissar zuckt die Achseln: „Von mir aus, aber auf eigenes Risiko. Wenn Ihr Kennzeichenhalter dabei bricht, wir können nichts dafür …“ Der Halter tut, was er soll: Er hält, und mit steiler stehender Nummer und einem Zehn-Euro-Überweisungsvordruck fährt Winny weiter.

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Foto: Jahn

Insgesamt werden es am Ende 73 Motorräder sein, die die vier Polizisten an diesem Sonntag hier kontrollieren. Bei 13 Maschinen gibt es Beanstandungen. Nur eine davon ist gravierend: Durch offene K&N-Sportluftfilter anstelle des serienmäßigen Luftfilterkastens ist die Betriebserlaubnis der elf Jahre alten Triumph Thunderbird laut Polizei erloschen: „Sie dürfen damit keinen Meter mehr fahren.“ Ein paar Meter fährt die Triumph dann aber doch noch. Nämlich hoch auf die Ladefläche des ADAC-Transporters, der sie heimbringen soll.

Foto: Jahn

Zweimal zückte Kommissar Uwe Klingler an diesem Sonntag den Lautstärkemesser. Einmal außer Konkurrenz: MOTORRAD-Redakteur Ralf Schneider hatte den Beamten gebeten, doch bitte die Dauertest-Aprilia RSV4 mal zu messen. Nur interessehalber. Denn der völlig serienmäßige Italo-Sportler wirkt dermaßen laut, dass es manchem MOTORRAD-Kollegen schon unangenehm ist, abends damit nach Hause zu kommen und die Nachbarn zu wecken. Schon in den Papieren der Aprilia die erste Überraschung: satte 107 db(A) Standgeräusch - ein (buchstäblich) amtlicher Wert. Zur Messung platziert sich Klingler seitlich zum Schalldämpfer, der Fahrer gibt im Leerlauf Gas bis zur halben Nenndrehzahl.

Übersteigt der dabei gemessene Wert plus fünf db(A) Toleranz das angegebene Standgeräusch, gilt das Motorrad als zu laut und die Polizei kann eine amtliche Messung durch einen Sachverständigen anordnen, falls der Halter die ausgesprochene Verwarnung und die vorübergehende Außerbetriebsetzung wegen mutmaßlich erloschener Betriebserlaubnis nicht akzeptiert. Dann kann das Motorrad oder der Schalldämpfer sichergestellt oder beschlagnahmt werden. Und bei der Aprilia? Gabs staunende Gesichter: 98 db(A). Sie dürfte also noch viel lauter brüllen. Ganz italienisch legal...

Foto: Archiv

Kommentar
Auch Polizisten sind nur Menschen. Da kann es schon mal vorkommen, wie bei oben geschilderter Kontrolle beobachtet, dass eine Kleinigkeit, etwa zu kleine Rückspiegel, bemängelt werden, der Beamte aber übersieht, dass der (keineswegs laute) Schalldämpfer gar nicht zugelassen und damit eigentlich die Betriebserlaubnis des Motorrads erloschen ist. Da hat einer Glück gehabt. Wie noch so manch anderer an diesem Morgen. Hätte nämlich die Polizei die Anhaltekelle keiner, was Motorräder angeht, völlig unbedarften (aber fürs Land kostengünstigen) Polizeifreiwilligen, sondern einem Profi in die Hand gegeben, der hätte schon im Vorfeld etliche komplett serienmäßige, technisch unauffällige Maschinen durchgewunken und andere gezielt rausgezogen, etwa penetrant laute, wie unsere Aprilia oder den Harley-Fahrer mit dem Stahlhelm. Aber so war es nicht, und das will MOTORRAD nicht beklagen. Auffällig war der überaus höfliche Ton der Beamten. Ob die immer so freundlich sind oder nur, wenn MOTORRAD mal dabei ist? Umgekehrt muss aber auch gelten: Die Beamten schätzen es zu Recht, auf Augenhöhe behandelt zu werden. Dazu gehört nicht nur ein ruhiger, sachlicher Ton, sondern auch den Helm abzunehmen, wenn man mit jemandem spricht. Was noch lang nicht bedeutet, dass man, falls man mal gegen die Spielregeln verstoßen hat, Angaben zur Sache machen soll. Am besten sagen, dass man nichts sagt - aber höflich.

* Name von der Redaktion geändert

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