Wildunfälle mit Motorradfahrern Neue Reflektoren im Versuch

Die deutschen Versicherer registrierten bei der aktuellen Zählung 247.000 Wildunfälle. Für Motorradfahrer sind sie ein unkalkulierbares Risiko. Neuartige, blaue Reflektoren sollen dies verringern. Erste Erfolge sind zu verzeichnen. Jetzt werden die Maßnahmen genau überprüft.

Foto: Pompe

Der Motorradfahrer hatte keine Chance: Als der Mann kurz vor elf Uhr in der Nacht des 6. Augusts 2014 auf der Staatsstraße 2055 im Ostallgäu einen VW Golf überholte, kreuzte ein Reh die Fahrbahn und kollidierte mit der Maschine. Der 47-jährige Fahrer stürzte so schwer, dass er dabei ums Leben kam.

Nur einen Tag zuvor war auf der B 11 im Landkreis Regen ein 20-Jähriger Opfer eines Wildunfalls geworden: Der junge Mann aus Viechtach in Niederbayern stieß am frühen Abend ebenfalls mit einem Reh zusammen, stürzte und wurde auf die Gegenbahn geschleudert, wo ihn ein VW Bus erfasste. Ein Rettungshubschrauber brachte den Schwerverletzten ins Krankenhaus.

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10 Prozent mehr Wildunfälle als im Jahr 2011

Statistik zählt, rechnet aber nicht nach. Der Deutsche Jagdverband spricht für die Jagdsaison 2012/2013 von 210.000 Wildunfällen, wobei die Angaben auf den sogenannten Fallwildzahlen beruhen. Dieser Begriff bezeichnet Tiere, die nicht geschossen wurden, sondern aufgrund anderer Einwirkungen – überwiegend im Straßenverkehr – zu Tode gekommen sind. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) bezifferte die Zahl der Wildunfälle für den selben Zeitraum mit 258.000. Das entsprach einer Zunahme von zehn Prozent im Vergleich zu 2011 und markierte gleichzeitig den Höchststand seit dem Jahr 2003. Etwa 583 Millionen Euro wendeten Versicherer an Schadenersatz für die Folgen von Fahrzeug-Karambolagen mit Reh, Hirsch oder Wildsau auf. 2,9 Millionen zahlten sie an Motorradfahrer, die laut GDV in rund 1100 Wildunfälle verwickelt waren.

Die tatsächliche Zahl der Crashs wegen Tieren auf der Fahrbahn dürfte etwa doppelt so hoch sein. Der Grund: Nur etwa die Hälfte aller zugelassenen Motorräder hat auch eine Kaskoversicherung, die im Fall des Falles zahlt und sich dies in der Versicherungsstatistik niederschlägt. Eine spontane Mini-Umfrage in der Redaktion ergab: Schon einige Kollegen hatten Begegnungen dieser unheimlichen Art. So auch Ressortleiter "Leben" Markus Biebricher während der Schottland-Reportage, die in MOTORRAD 16/2014 erschienen ist: „Auf dem Weg zum Loch Ness sprang ein Hirsch wie aus dem Nichts von einem einen Meter hohen Felsen auf die schmale, abschüssige Landstraße“, berichtet er. In der Eifel, seiner Heimat, hatte Biebricher schon zweimal Rehe vor dem Motorrad. Früher habe er die Warnschilder vor Wildwechsel nie ernst genommen, doch das hat sich geändert: „Jetzt bin ich grundsätzlich immer bremsbereit und habe den Waldrand so weit wie möglich im Augenwinkel“, so Biebricher.

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"Vor Schreck riss ich am Lenker"

Wie hoch das Gefährdungspotenzial tatsächlich ist, macht eine Sonderauswertung deutlich, die das Statistische Bundesamt für MOTORRAD gemacht hat: Durchschnittlich ein Fünftel aller Wildunfälle, bei denen die Fahrer verletzt oder gar getötet wurden, entfallen auf Motorradfahrer (siehe Grafik). Dieser Anteil ist in Relation zu Bestand und Fahrleistung von Zweirädern alarmierend hoch, verwundert aber nicht. Ein Motorrad hat nun mal keine Knautschzone. Was an einem Auto lediglich Blechschäden verursacht, kann für Biker zur Todesfalle werden. Denn es ist nicht selbstverständlich, dass noch genügend Zeit und ausreichend Platz zum Ausweichen bleibt. MOTORRAD-Redakteur Thorsten Dentges beispielsweise hatte viel Schwein, als ihm in der Osterwoche auf einer Landstraße im Landkreis Cloppenburg ein Uhu an den Helm flog: „Vor Schreck riss ich am Lenker, rutschte und kam komplett auf die Gegenfahrbahn“, berichtet er. Zum Glück herrschte morgens um halb sieben null Verkehr.

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Seit über 40 Jahren schon wird versucht, mit verschiedenen Präventionsmaßnahmen Wildunfälle zu verhindern. Kritische Abschnitte entlang von Autobahnen sind meist von Wildzäunen gesäumt, um das Wanderverhalten der Tiere zu beeinflussen. Deshalb benötigt man zusätzlich kostspielige Wildwechselbrücken. Elektronische Wildwarnanlagen mit Lichtschranken und großflächigen Sensor-Teppichen, die bis zu einer halben Million Euro kosten, sind aus Kostengründen ebenfalls selten.

Weitaus billiger und deshalb gängiger sind Duftzäune, die die Tiere mit dem Geruch von Räubern abschrecken, denen sie zum Opfer fallen könnten. Weit verbreitet sind zudem seit Jahrzehnten rote Reflektoren – ohne Erfolg, wie die Unfallzahlen beweisen. Auch Jäger Konrad Löhnert aus Bayreuth musste nachts immer wieder in sein Revier fahren und die schlimmen Folgen für Mensch und Tier begutachten. Oft fragte er sich, ob denn gar kein Kraut gegen den gefährlichen Wildwechsel gewachsen sei. Als Löhnert einen Artikel über die Farbwahrnehmung von Tieren las, fiel bei ihm der Groschen: Die Farbe des Reflektors ist entscheidend, um eine warnende und abschreckende Wirkung für das Wild zu haben. Sie muss blau sein. Löhnert erfand den blauen Halbkreisreflektor, der inzwischen Hunderte Straßenkilometer in ganz Deutschland säumt.

Doch was vermag Blau, was andere Farben beim Wild nicht fertigbringen? Christian Trothe vom Institut für Wildbiologie e. V. in Göttingen erklärt das so: „Die Wellenlänge von Blau erzeugt bei den Tieren einen besonderen Reiz, weil sie es als große Helligkeit wahrnehmen.“ 90 Prozent der Sehnerven in deren Augen sind für die Hell-dunkel-Wahrnehmung zuständig. ­Lediglich zehn Prozent können dagegen Farben sehen. Das reduziert die erkennbare Palette auf Grau-, Grün- und Brauntöne. Rot erscheint darin lediglich als weitere Grünabstufung. Blau wirke beim Wild wie Warnwesten-Farbe im Auge des Menschen.

Rehe mit GPS-Halsband

Und funktioniert Blau wirklich? Dieser Frage gehen Trothe und seine Mitarbeiter seit vier Jahren in einem Forschungsprojekt nach, dass unter anderem von ADAC und Jagdverband in Auftrag gegeben wurde: Auf 25 Strecken in Schleswig-Holstein wird in einem Vorher-nachher-Vergleich die Wirksamkeit von blauen Halbkreisreflektoren und Duftzäunen untersucht. Christian Trothe zieht erste Bilanz: „Die Wildunfälle sind auf fast allen Versuchsstrecken zurückgegangen.“ Allerdings sei der blaue Reflektor nicht auf allen Strecken gleich wirksam. „Teilweise gab es einen Rückgang der Karambolagen bis zu 80 Prozent, auf vereinzelten Abschnitten kam es jedoch zu keiner deutlichen Verbesserung“, sagt der Wildbiologe.

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Ähnliche Ziele verfolgt ein Vorhaben an der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FAV). „Wir wollen herausfinden, ob die blauen Halbkreisreflektoren dauerhafte Verhaltensänderungen bei den Tieren hervorrufen“, sagt Diplom-Forstwirt Falko Brieger. Er und sein Kollege Max Kröschel ­haben vor vier Jahren 46 Rehen GPS-Halsbänder angelegt, um ihr Verhalten über mehrere Jahre zu beobachten. „Die Auswertungen dauern noch an“, so Brieger. Für Hans-Peter Manuel, passionierter Jäger und Motorradfahrer aus Stuttgart, ist die Sache schon jetzt klar: „Blaue Strahler sind das einzig Wirksame“, so dessen Erfahrung in seinem Revier nahe der alten Solitude-Rennstrecke.

Er räumt auch mit dem Vorurteil auf, mit Wild sei nur zu bestimmten Monaten oder Tageszeiten zu rechnen. ­Hasen, Füchse oder Dachse, die Motorradfahrern bei Kollisionen ebenfalls gefährlich werden können, sind ständig unterwegs. Und Reh, Hirsch oder Wildsau haben ihre artbedingten Eigenheiten. „Das Verhalten der Tierarten ist jahreszeitlich sehr unterschiedlich.“ Und sie sind lernfähig: Die große Zunahme des Maisanbaus hat etwa dazu geführt, dass die Wildschwein-Familien die riesigen Maisfelder als Sommerresidenz nutzen, wo sie nach Herzenslust fressen und auch außerhalb des Waldes schlafen können – ohne dass ihnen im hohen Getreide Gefahr droht. Die Tiere merken sich auch, wo es für sie brenzlig werden könnte. Deshalb stellen nun viele Jäger wie Hans-Peter Manuel Hochsitze an der Straße auf. „Werden Rehe oder Wildschweine dort erlegt, machen die Artgenossen danach einen großen Bogen um die Stelle“, sagt er. Motorradfahrern, die dort unterwegs sind, kann dies nur recht sein.

Foto: Sdun

Was tun nach einem Wildunfall?

Wildschäden sollten umgehend bei der Polizei oder dem Jagdpächter gemeldet werden. Sie müssen dem Unfallopfer eine sogenannte Wildschadenbescheinigung ausstellen, nur bei Kleinschäden ist dies verzichtbar. Schadenersatzansprüche gegen den Jagdpächter oder den Waldbesitzer sind nach Kollisionen mit Wild in der Regel nicht möglich.

Eine Ausnahme stellen Jagdveranstaltungen dar: Bei Treib- und Drückjagden sind die Waidmänner verpflichtet, die Tiere nicht in Richtung viel befahrener Straßen zu treiben und dadurch die Wildwechselgefahr zu erhöhen. Auf besondere Gefahrenstellen muss mit entsprechender Beschilderung aufmerksam gemacht werden. Fehlen solche Warnhinweise, kann der Straßenbaulastträger im Zuge seiner Verkehrssicherungspflicht haftbar gemacht werden.

Foto: Sdun

Tipp: ADAC zahlt

Der Motorrad- und Autofahrerclub ersetzt seinen Mitgliedern bei Fahrzeugschäden infolge von Wildkollisionen bis zu 300 Euro, sofern die Reparaturkosten nicht von einer Versicherung bezahlt werden.

Diese ADAC-Leistung gilt für Schäden an dem auf das Mitglied zuge­lassene Motorrad oder Auto, und zwar unabhängig davon, wer das Fahrzeug zum Zeitpunkt des Wildunfalls steuerte.

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