MOTORRAD Reifentest 2011 Teil 2 Enduroreifen in den Dimensionen 110/80 R 19 und 150/70 R 17
Motorräder vom Schlag einer BMW R 1200 GS sind wie geschaffen für
Reisen um die Welt. Doch mit welchen Motorradreifen rollt man am besten um den Globus? Auf einem 5500 Kilometer langen Trip durch Europa mussten sieben Paarungen für große Reiseenduros Farbe bekennen, ein Stollen-Klassiker lief auf Verschleißfahrt mit.
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BMW R 1200 GS
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Doris ist gerade auf dem Weg zum Kilometer null, als wir ihr begegnen. Sie will den Jakobsweg von hinten aufrollen, am Cabo Fisterra starten und zu Fuß bis nach Frankreich kommen. Frankreich haben wir schon seit Tagen hinter uns gelassen. Der Tripzähler der GS springt gerade auf 2702 Kilometer, als unsere Reifen am Leuchtturm von Fisterra, was sich aus dem lateinischen "finis terrae" - dem wortwörtlichen "Ende der Erde" ableitet - über Schotter knirschen. Der westliche Zipfel von Galicien, der hier kühn in den Atlantik ragt, ist um diese Jahreszeit noch schwach besucht. Wenn im Hochsommer wahre Pilgerströme unterwegs sind und auf dem felsigen Abgrund über dem Atlantik dem Ritual nach die auf der Pilgerreise durchgeschwitzte Kleidung verbrannt wird, muss an diesem malerischen Flecken die Hölle auf Erden herrschen. Wir haben Glück: Ein einsames Pärchen aus Norwegen genießt den Kaffee im Wohnmobil mit atemberaubendem Panoramablick auf den Ozean in Richtung Amerika. Joachim und Werner aus Niedersachsen satteln gerade ihre 350er Suzuki-Enduros, um der Küstenlinie in den Norden zu folgen. Doris aus Österreich drückt uns noch eine Jakobsmuschel in die Hand, zieht ihren Rucksack fester und macht sich auf den Weg. "In die Zukunft", wie sie uns noch augenzwinkernd über die Schulter zuruft.
MOTORRAD Reifentest 2011 Teil 1
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Wir geben uns an diesem magischen Ort noch eine Stunde mehr Ruhe und lassen die letzten Tage sacken. Vier Tage ist es her, als endlich acht unterschiedlich bereifte BMW GS-Maschinen zum Finale aus der MOTORRAD-Tiefgarage herausrollen konnten. Finale? Ja, denn der eigentliche Reifentest hat bereits Wochen davor reichlich Arbeit beschert, Nerven gekostet und für Anspannung im Team gesorgt.
Begonnen bei der Organisation von Motorrädern und passenden Reifen. Acht tupfengleiche Bikes sollten es in diesem Jahr sein, um aussagekräftige Vergleichswerte über den Reifenverschleiß zu erhalten. Die Traumkonstellation, die Gattung der Enduroreifen auch auf der Reiseenduro Nummer eins zu testen, gerät kurz ins Wanken, als aus München die Nachricht kommt, dass der aktuelle R 1200 GS-Jahrgang bereits ausverkauft ist. Trotzdem laufen in Berlin-Spandau nochmals die Bänder an, und im Eilverfahren werden die Bikes per MOTORRAD-Sprinter nach Stuttgart verfrachtet. Parallel dazu sind inzwischen die Reifen beschafft worden. Pro Marke werden drei Sätze benötigt: einer für die Verschleißfahrt, einer für die Funktionstests auf nasser und trockener Straße, einer als Backup - falls was schiefgeht.
Nun ist schnelles Umbereifen angesagt: Originalpellen runter, Testreifen rauf auf die Felgen. Nicht ohne sie vorher genau datenmäßig erfasst und gekennzeichnet zu haben: Gewicht, Produktionsland und -datum, exakte Profiltiefen in der Reifenmitte sowie an den Schultern. Jetzt noch die übrige Ausrüstung montiert, bis schließlich acht alpinweiße GS-Typen akkurat aufgereiht in der Tiefgarage zur Abfahrt bereitstehen. Pünktlich am ersten Fahrtag sind dunkle Wolken aufgezogen, die uns auf den ersten sechs Stunden bis Lyon begleiten. Erst dahinter öffnet der Himmel seine Schleusen und lässt die Straße Richtung Cevennen für Stunden in einer undurchschaubaren Gischt verschwinden.
GS und Reifen sind zu diesem Zeitpunkt wohlauf, ein Hoch auf Traktionskontrolle und ABS! Zur echten Nagelprobe wird der erste Tourabschnitt für die Fahrerausstattung. Bei der Quartiersuche in Mende ist kein Crewmitglied mehr trocken. Das auf den Heizgriffen in Stufe zwei verdunstende Wasser hat irgendwann selbst den letzten Gore-Tex-Handschuh unangenehm durchnässt. Am Abend laufen die Haartrockner im "Hotel de France" im Begrenzer.
Den Rest übernimmt am nächsten Morgen die Sonne. Minimale Wolkentupfer versprechen optimale Bedingungen für die geplante Route entlang des Flüsschens Tarn. In der felsigen Schlucht kann das GS-Konzept zur vollen Größe auflaufen. Geraden sind quasi nicht vorhanden, in schnellen Wechselkurven geht es weiter mit der Nase Richtung Südwest. Der Wohlfühlfaktor ist besonders auf der mit Conti und Dunlop bereiften GS sehr hoch, kleinere Einbußen müssen auf den mit Avon, Metzeler und Michelin bestückten Motorrädern hingenommen werden. Ihr hohes Niveau an Handlichkeit prägt sich auf der ohnehin schon handlichen BMW in den extrem kurz aufeinander folgenden Wechselkurven durch leichte Ansätze zur Kippeligkeit aus.
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Auf einem Niveau sind dann wieder alle Bikes, als es auf der französischen Autobahn mit Tempo 130 plus kalkuliertem Aufschlag schnurgeradeaus in Richtung Toulouse geht. Hochgeschwindigkeitspendeln ist bei allen Reifen unter 1000 Kilometern Laufleistung noch ein Fremdwort. Aber die nächste Bewährungsprobe lauert bereits; denn in der Ferne tauchen mit einem Schlag die schneeglänzenden Gipfel der Pyrenäen auf. Doch zuvor ist in St. Jean de Luz Durchatmen angesagt.
Die maritime Atmosphäre der Region tut ihr Übriges: Dank des milden Atlantikklimas kann man auch im Frühjahr weit nach 22 Uhr noch im T-Shirt auf dem Marktplatz sitzen, die Szenerie südfranzösischer Lebensart stilvoll untermalt vom örtlichen Shantychor, der die wöchentliche Probe in die Gassen des kleinen Küstenstädchens an der Biskaya verlegt hat. Schließlich geht es hinein in die Pyrenäen. Die kleinen, schroffen Berge nehmen plötzlich gigantische Ausmaße an. Die GS ist voll in ihrem Element. Im Zickzack gewinnt der Tross an Höhe, die Straßen werden schmaler, haben plötzlich das Format von Singletracks, die auf die Kammlinien der Gebirgskette zulaufen. Auf alten Schmugglerpfaden geht es rüber nach Spanien. Für die Reifen kein Problem. Den leichten Kiesbelag, der hier und da in Kurven lauert, steckt das noch mehr oder minder grobstollig angedeutete Profilbild der Reifen jedenfalls locker weg.
Auf der baskischen Seite laufen die Pyrenäen in einer schroffen Felslandschaft aus, die teils außerirdische Formen annimmt: so wie bei Sigues, wo der See "Embalse de Yesa" wie von einer bizarren Mondlandschaft umschlossen wird. Der Blick in die Landkarte lockt mit zahllosen Kurvenkombinationen, die in einer Endlosschleife abgespult werden könnten.
Wenn da nicht die Mission "Kilometer machen" wäre. Nach dem Zickzackkurs der letzten Stunden schwenken die acht GS-Schnäbel wieder Richtung West und nehmen Pamplona ins Visier. Auf perfekt geteerten, schnurgeraden Autobahnen geht es weiter nach Bilbao.
Zurück am Atlantik gewinnt Spanien plötzlich an Farbe: In Asturien und Galicien kann es Spanien in Sachen Grün locker mit Irland aufnehmen. Auch landschaftlich mit saftigen Wiesen, die steil zum Meer abfallen, dazu durchschnitten von fjordähnlichen Einschnitten. Direkt gegenüber vom Atlantik, der hier mit sattem Wellenschlag an die Küstenlinie brandet, ragen Nadelwälder auf, die durchaus Schwarzwald-Charakter haben. Im lockeren Kurven-swing bereitet keiner der Reifen Probleme. Auch die nun 2000 Kilometer Laufleistung sind den Gummis kaum anzumerken. Nur als ein kurzer Regenschauer über die kopfsteingepflasterten Gassen des Küstenorts Comillas niedergeht, ist Vorsicht angesagt. Während der Pilot der Dunlop-bereiften GS aber souverän über den extrem rutschigen Grund steuert, hat der Avon-Fahrer trotz Traktionskontrolle und ABS einen deutlich schwereren Job zu erledigen.
Wie groß die Unterschiede abseits von Gefühl und Popometer wirklich sind, wird sich erst später herausstellen, als alle Reifen im Einheitsmodus auf einer Extra-Test-GS auf einer speziellen Nassteststrecke von Goodyear nahe der südfranzösischen Stadt Montpellier bewegt werden.
Ununterbrochen auf die Strecke strömendes Wasser sorgt für einen gleichmäßigen Film, der erst optimale und vergleichbare Ergebnisse aller Reifen möglich macht. Besonders eindrucksvoll sind die Messwerte, die bei der Vollbremsung aus Tempo 100 ermittelt werden. Hier zeigt sich, dass ein bei Nässe optimal haftendes Gummi nicht nur Gefahrensituationen entschärft und das Unfallrisiko senkt, sondern dank kurzer Anhaltewege ein echter Lebensretter sein kann.
Vielleicht eine Spur stiller als in den Tagen zuvor satteln wir schließlich am Cabo Fisterra unsere Untersätze. Bisher ist alles gut gegangen. Doch wie auch Doris haben wir noch ein mächtiges Programm vor uns: einmal quer durch die spanische Einöde mit den landschaftlich eher kargen Regionen in Kastilien und Aragonien.
Dann nochmals hinein in die Pyrenäen, diesmal allerdings in die hohen Abschnitte im Osten der Gebirgskette rund um den Pico de Aneto. Zu diesem Zeitpunkt werden die Reifen allerdings schon an der 4000-Kilometer-Grenze nagen. Ob sie weiterhin ihr bislang hohes Niveau halten können? Weiter nach Montpellier, wo zusätzlich zu den Nasstestfahrten mit der GS auch die Funktionstests mit den Sport- und Tourenreifen anstehen (siehe dazu letzte Ausgabe). Und schließlich nach der Schlussetappe nochmals die Fahrtests mit neuen und im Vergleich dazu den abgefahrenen Reifen auf dem Toptestgelände von MOTORRAD.
Am Ende werden wieder acht alpinweiße GS-Typen in der Tiefgarage stehen. Auf den Felgen die blitzsaubere Erstbereifung, so wie sie in Berlin-Spandau das Werk verlassen haben. Nur beim Blick auf den Kilometerzähler wird man festellen, dass sie in der Zwischenzeit viel von der Welt gesehen haben.