MOTORRAD Reifentest 2011 Teil 3 Günstige Motorradreifen für Tourer und Reiseenduros im Test
Reifen vom Discounter gibt es mittlerweile auch in anständigen Motorradgrößen für Tourer, Sportler und große Reiseenduros. Doch was bringt der 180er für 80 Euro: saftigen Fahrgenuss oder doch nur günstiges Material für leckere Asphalt-Donuts?
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Die Ölkrise geht auch am Reifenmarkt nicht spurlos vorbei. Kein Wunder, schließlich ist Erdöl ein wesentlicher Bestandteil bei der Herstellung von synthetischem Kautschuk. Synchron zu den saftigen Aufschlägen an den Zapfsäulen haben auch viele Reifenhersteller ihre Preise angepasst: Mehrkosten von bis zu zehn Prozent sind keine Seltenheit. Dazu kommt, dass Motorradreifen im Vergleich zu den Gummis der Vierradfraktion deutlich mehr kosten und darüber hinaus deutlich schneller verschlissen sind. Aktuell muss man für einen Satz 120/70 und 180/55 im 17-Zoll-Format um die 300 Euro anlegen. Wer mehr als 6000 Kilometer pro Jahr fährt, muss noch mal mindestens einen Hinterreifen dazurechnen. Unterm Strich bleiben also für einen Vielfahrer in einer Saison rund 500 Euro auf der Strecke.
MOTORRAD Reifentest 2011 Teil 2
MOTORRAD Reifentest 2011 Teil 1
Im modernen Internetzeitalter ist dieser Preis natürlich schnell gedrückt. Gemäß der Parole "Geiz ist geil" lassen sich über Online-Reifendienste deutlich günstigere Gummis ordern. Allerdings muss man dafür in Kauf nehmen, dass auf der Seitenwand kein bekannter Name von Avon bis Pirelli prangt, sondern mit Full Bore USA, Maxxis, oder Shinko der Mut zur Exotik vorhanden sein muss.
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Während Shinko tatsächlich nach Fernost klingt, gaukeln Full Bore USA und Maxxis rein vom Namen her beste Westware vor. Der Blick aufs klein gedruckte "Made in" belehrt dann eines Besseren: Die Full-Bore-USA-Gummis werden genauso wie die Shinko-Reifen in Korea gebacken, Maxxis ploppt in Taiwan aus der Form. Daneben gibt es aber auch günstige Gummiware aus heimischen Landen: Heidenau, einst Haus-und-Hof-Besohler für die DDR-Motorradszene, bietet ebenfalls Reifen in Dimensionen für großkalibrige Reiseenduros à la GS, Varadero und Co. an. Preis pro Reifen: deutlich unter 100 Euro.
Über Onlineshops und den Kauf im örtlichen Reifenhandel wurde so das auf den folgenden Seiten bewertete Testfeld zusammengestellt. Dass Sparen allerdings anstrengend sein kann, beweist das Beispiel Shinko: 78,90 Euro für den Hinterreifen in der Dimension 180/55 ZR 17 klingt unschlagbar günstig, doch wie siehts mit einem passenden Vorderreifen aus? Über die Website des Onlineshops www.motorradreifendirekt.de erfolgte zwar ein Hinweis auf einen entsprechenden Reifen für die Frontpartie, doch ohne Bestellmöglichkeit. Auch die Telefonhotline des Webshops zeigte sich hilflos, kostete aber mit der 01805-Vorwahl 14 Cent pro Minute. In der Testpraxis stellte sich heraus, dass der Shinko mit keinem Vorderreifen harmonieren wollte. Auf trockener wie nasser Strecke war der Korea-Reifen sehr früh am Limit, während die Vorderreifen (Bridgestone BT 16 Pro, Dunlop Road Attack 2) noch sehr viele Reserven in petto hatten.Auch wenn es also nach rechtlicher Lage möglich wäre, bei einem Motorrad ohne Reifenbindung eine Mischbereifung aufzuziehen: Im alltäglichen Einsatz ist das nicht sinnvoll und beweist deutlich, dass Motorradreifen als Paar im Front- und Heckeinsatz aufeinander abgestimmt sein müssen.
Zum absoluten Dumpingpreis von 78,90 Euro wurde zum Testzeitpunkt der Shinko Advance 005 angeboten.
Foto: Jahn
Zu hitzigen Diskussionen kann natürlich auch die Frage führen, ob ein Reifen ohne Freigabe für entsprechende Motorradtypen im Straßenverkehr überhaupt eingesetzt werden sollte (siehe unten). Schließlich übernimmt ein Hersteller durch Freigaben und Unbedenklichkeitsbescheinigungen auch eine gewisse Garantie dafür, dass der Reifen X auf dem Modell Y funktioniert und fahrbar ist.
Andernfalls ist es Sache des Käufers, dies zu beurteilen. Sollten Reifen und Motorrad nicht harmonieren, hat man auch bei Billigreifen nichts gespart und mit Montagekosten rund 200 Euro in den Sand gesetzt.
Bleibt schließlich die Frage, was die No-Name-Reifen tatsächlich leisten können. Dazu eine Rückblende auf die letzten Reifentests von MOTORRAD. Das Niveau der Premiummarken ist mittlerweile auf einem extrem hohen Level angekommen. So beispielsweise eine Erkenntnis aus dem letztjährigen Tourenreifentest, der auf einer 1250er Suzuki-Bandit ausgefahren wurde: Nicht die Reifen geben das Limit vor, das Motorrad setzt die Grenze. Während die Tourenreifen im Test noch Haftreserven für ein paar Grad mehr Schräglage hätten, kratzen Rasten, Hauptständer und Auspuff bereits funkenschlagend über den Asphalt.
Ein ähnlich hohes Niveau ist auf der Nassteststrecke zu beobachten. Bis auf Avon, die bei diesem Test fast schon traditionell die rote Laterne tragen, agieren alle Gummis der großen Marken auf einem sehr hohen Niveau. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Modellen sind teilweise nur einen Wimpernschlag voneinander entfernt, böse Überraschungen nicht vorhanden. Vor allem Michelin hat die Messlatte auf nassem Asphalt sehr hoch gehängt. Was natürlich den Kampfgeist der Konkurrenz angespornt hat: Bei den Sportreifen hat Bridgestone mit dem BT 016 Pro einen exzellenten Reifen für Regentörns geschaffen. Dunlops neuer Trailmax TR 91 punktet in der GS-Klasse als toller Regenreifen für schwere Reiseenduros.
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Von diesem Niveau sind die Reifen aus Fernost und Ostdeutschland noch weit entfernt. Starke Vibrationen bei Heidenau und Maxxis lassen auf schlechten Rundlauf schließen - ein eher produktionsbedingtes Problem. Miese Lenkpräzision, mangelnde Stabilität in Schräglage, aber auch schlagartiges Rutschen bei Nässe künden von vielen konstruktionsbedingten Mängeln. Wenn die Günstigreifen tatsächlich mithalten wollen, muss noch einmal kräftig investiert werden. Sparen ist hier nicht angebracht.