17.02.2011 Von: Volkmar Jacob
Erschienen in: 10/ 2010 PS

Reifentest: Alle käuflichen Slicks Die richtigen Gummis für die Rennstrecke

Auf der Piste sind sie die perfekten Flakhelfer und ermöglichen Rundenzeiten jenseits von Gut und Böse: Slicks. Doch es kursieren Gerüchte, wonach die profillosen Gummis heikel und nur für Spezialisten geeignet sind. Stimmt das? PS fühlte zehn Reifen der namhaftesten Hersteller auf die Flanken und erklärt, was es zu beachten gilt.

Es kursieren Gerüchte, wonach die profillosen Gummis heikel und nur für Spezialisten geeignet sind. Stimmt das? PS fühlte zehn Reifen der namhaftesten Hersteller auf die Flanken.

Hier geht's zum Making-of des Slicktests.  

Beim Rausballern aus den Ecken zieht dein Vordermann brutal davon. Er öffnet früh und hart die Brause und schenkt dir am Kurvenausgang immer einige Meter ein. Du hast keine Chance, an der gleichen Stelle ebenso heftig am Quirl zu drehen, sonst landest du im Kies. Powermäßig herrscht Gleichstand, beide Tausender marschieren wie Hölle. Auch das Fahrwerk arbeitet erstklassig und dein Bike rollt ebenso auf Slicks wie das deines Gegners. Warum zieht es ihn dann bei derartigen Brutalo-Manövern nicht vom Bock? Weil bei profillosen Gummis teils große Unterschiede herrschen und er die richtige Pelle aufgezogen hat. Marke und Typ? Das verrät PS später!

Zunächst zum Anspruch dieses Tests: Es gilt, jene Slicks in Superbike-Dimension (hinten in 190er-Größe) aufzuspüren, die die ideale Synthese aus erstklassigen Fahreigenschaften und Langlebigkeit bilden. Dementsprechend bestellte PS bei Bridgestone, Continental, Dunlop, Metzeler, Michelin und Pirelli Slicks, die idealerweise ein zweitägiges Renntraining überstehen und dennoch reichlich Grip bieten. Um speziell gebackene Reifen auszuschließen, behielt sich PS vor, die Gummis gegen Regalware beim Händler zu tauschen.

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Bridgestone  Continental  Dunlop  Metzeler  Pirelli  Racing Reifen  Reifen  Rennstrecke  Zubehör 

Drei der Reifenbäcker - Dunlop, Metzeler und Pirelli - schickten jeweils zwei verschiedene Slick-Typen ins Rennen. Je eine gemäßigte und eine scharfe Pelle. Um sie zu unterscheiden, bezeichnet PS sie als "Hobbyslick" und "Profislick". Sämtliche wichtige Daten der Reifen stehen in den einzelnen Bewertungskästen. Metzeler und Pirelli bescheinigen ihrer Hobbyware längere Laufleistungen; bei Dunlop steht der wesentlich günstigere Preis der Hobbyreifen im Vergleich zum Profislick aus gleichem Haus im Vordergrund. Mit über 420 Euro/Satz ruft Dunlop für die Profiware (KR 106/108) zirka 120 Euro mehr auf als für den GP-Racer Slick, der das Rennbudget für Lizenzfahrer pro Satz mit rund 300 Euro belastet. Um dieses Preisniveau bewegen sich auch die Gummis der meisten Mitbewerber. Die Preisangaben dienen zur groben Orientierung und können von Händler zu Händler schwanken. Interessanterweise bietet kein Hersteller seine Slicks wesentlich günstiger an als entsprechende Schluffen für öffentliche Straßen, obwohl die Backformen der profillosen Pneus um ein Vielfaches preiswerter ausfallen.

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Aufzeichnungen am Limit: Ex-WM- und aktiver Supersport-IDM-Pilot Christian „Kelle“ Kellner bei der Arbeit.  

Foto: Bilski  

Um die Unterschiede zwischen Slicks und straßenzugelassenen Supersportreifen auf der Piste aufzuzeigen, orderte PS zusätzlich einen Satz Pirelli Diablo Supercorsa SP - eine der schnellsten Pellen mit Zulassung. Das andere Extrem bildet der Pirelli Diablo Superbike in SC 1-Mischung. Er soll exemplarisch die Leistungsfähigkeit sehr weicher Rennreifen veranschaulichen. PS testete alle Reifen auf dem großen Handlingkurs im Contidrom, einem Testareal von Continental nahe Hannover. Auf dieser Strecke herrscht so viel Grip, dass der weiche Pirelli keine Vorteile verbuchen kann. Im Gegenteil: Beide Tester umrundeten den Kurs mit der Standardmischung "SC 2" um wenige Zehntelsekunden schneller. Da PS den Reifenverschleiß nicht in die Wertung aufnimmt - eine aussagekräftige Beurteilung würde den Rahmen dieses Tests sprengen - und die unterschiedlich weichen Pirellis sonst die gleichen Fahreigenschaften aufweisen, beurteilt PS die softe Mischung nicht gesondert.

Einen weiteren Reifen nahm PS ebenfalls aus der Wertung - leider aus anderem Anlass. Die Michelin-Slicks harmonierten nicht mit dem Testmotorrad, einer bis auf ein Zubehörfederbein serienmäßigen Suzuki GSX-R 1000 aktuellen Baujahrs. Beim harten Beschleunigen schaukelte sich das Bike stark auf und begann wild zu pendeln. Mit diesem Reifen schnelle Runden in den Asphalt zu brennen, war unmöglich. Versuche mit anderen Luftdrücken brachten keine Besserung. Auf Nachfrage beim Hersteller erläuterte Michelin, die Reifen benötigten aufgrund ihres Aufbaus eine sehr harte Grundabstimmung des Fahrwerks. Trotzdem schickte PS die Slicks zur Untersuchung und mit der Bitte um eine Stellungnahme zu Michelin. Ein Nachtest folgt.

Kommen nur Profis mit den Superklebern zurecht? Mit welchen Eigenheiten müssen Hobbypiloten rechnen? Auf der Suche nach Antworten schickte PS Christian "Kelle" Kellner sowie den Autor dieser Geschichte ins Runde. Kelle ist ehemaliger WM-Pilot und zieht aktuell in der Supersport-IDM kräftig am Kabel. Er analysiert das Verhalten im Grenzbereich und beurteilt die Gummis aus Profisicht. Den Hobbypart übernimmt der Autor.

Erfreulicherweise verhalten sich sämtliche Gummis sehr benutzerfreundlich und selbst Hobbyfahrer kommen mit den schnellen Pellen wunderbar zurecht, wenn sie a) zirka 45 bis 60 Minuten vor dem Feilen Reifenwärmer aufziehen, b) den vom Hersteller empfohlenen Luftdruck beachten (Achtung: Die Angaben gelten teils für vorgeheizte, teils für kalte Reifen) und c) jenen Gummi aufziehen, den der Reifenbäcker für die jeweilige Strecke und die herrschenden Asphalttemperaturen empfiehlt. Definitiv keine Slicks benötigen absolute Rennstrecken-Neulinge oder sehr langsame Piloten. Bei ihnen könnten die Gummis so stark abkühlen, dass sie ihre positiven Fahreigenschaften verlieren.

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Nein, Freunde, beim Reifentesten geht es nicht nur ums Ballern. Es fällt auch viel Schreibkram an.  

Foto: Bilski  

Metzeler und Pirelli schreiben für ihre Hobbyslicks nicht zwingend Reifenwärmer vor: "Bereits nach einer halben Runde verfügen der Metzeler Racetec CompK sowie der Pirelli Diablo Superbike Pro über genügend Temperatur für die flotte Gangart", versichert ein Sprecher. Tatsächlich fühlen sich die Pneus im Kaltzustand überraschend gefällig an. Trotzdem empfiehlt PS, die Gummis erst nach zwei Runden bei langsam gesteigertem Tempo voll zu belasten. Ganz auf Nummer sicher geht, wer auch diese Reifen vorwärmt.

Serienmäßig rollt die GSX-R 1000 auf einer flachen hinteren Pelle mit 50er-Querschnitt. Eine aussterbende Spezies, die nur noch zwei Fahrzeughersteller von Supersportlern (Suzuki und Honda) als Erstausrüstung verwenden und in absehbarer Zeit in neuen Supersport-Bikes wohl nicht mehr verbaut werden. Sämtliche Slicks weisen einen höheren Querschnitt auf. Vorteil: Die Kontur ist stärker gewölbt, wovon das Handling profitiert. Außerdem verfügt der Reifen dank der höheren Flanke über mehr Eigendämpfung, was dem Komfort zugutekommt. Last but not least tragen die Hersteller der immensen Motorleistung aktueller Superbikes Rechnung, indem sie den Aufbau des Reifens stabiler auslegen können, ohne dessen Fahreigenschaften negativ zu beeinflussen. Wegen des höheren Querschnitts der Slicks gerät ihr Abrollumfang größer. Der Serienreifen Bridgestone BT 016 misst 1970 Millimeter; die profillosen Gummis liegen mit 2040 bis 2069 Millimetern rund 70 bis 90 mm oberhalb des Serienpendants. Dadurch gerät das Heck der Suzi höher - je nach Reifen zwischen rund 10 und 15 Millimeter. Theoretisch gewinnt das Bike dadurch an Handling und büßt im Gegenzug etwas Hochgeschwindigkeits- sowie Bremsstabilität ein. Letztgenannte Eigenschaften traten nicht auf, die Gixxer verhielt sich in allen Disziplinen vorbildlich.

Wie ihre Gummis mit Straßenzulassung, so entwickeln die Hersteller auch die Slicks permanent weiter. Nicht selten fließen die Verbesserungen während der Saison unbemerkt in die Produktion mit ein. Da die gesamte Reifenindustrie ähnlich vorgeht, sollte sich die Rangordnung in der kommenden Saison nicht wesentlich verschieben. Komplette Neukonstruktionen für 2011 kündigten die Erzeuger jedenfalls nicht an.

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Sehen gleich aus, sind es aber nicht. Bei Slicks herrschen riesige Unterschiede.  

Foto: Bilski  

Fazit: And the winner is... Pirelli! Der Profislick Diablo Superbike in SC 2-Mischung punktet reichlich in allen Disziplinen und kennt keine Schwächen. Knapp dahinter läuft der Dunlop KR 106/108 ins Ziel - ebenfalls Profimaterial. Lediglich beim Handling in Wechselkurven muss der Dunlop Federn lassen. Interessant: Ausschließlich diese beiden Hersteller machen in der Superbike-IDM seit Jahren den Titel unter sich aus. Die gute Nachricht für Hobbyracer: Auch sie kommen bestens mit Profislicks zurecht, wenn sie die im Haupttext geschilderten Dinge beachten. Wer große Laufleistungen bevorzugt, greift zum Hobbymaterial von Metzeler oder Pirelli.


WEITER ZU SEITE 2: Dunlop GP-Racer Slick

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