In MOTORRAD 19/2015: Reportage von der berühmtesten Motorradstrecke im Osten der USA.

Reportage Tail of the Dragon Baum der Schande

Auf dem Highway ist die Hölle los: Der Tail of the Dragon, der Schwanz des Drachen, ist die wohl berühmteste Motorradstraße im Osten der USA. So manche übermotivierte oder wenig erfahrene Fahrer kommen hier zu Fall. Und verewigen ihre Sturzteile noch gleich an Ort und Stelle, am „Tree of Shame“.

Foto: Schmieder
In MOTORRAD 19/2015: Reportage von der berühmtesten Motorradstrecke im Osten der USA.
In MOTORRAD 19/2015: Reportage von der berühmtesten Motorradstrecke im Osten der USA.

Schon der Name klingt rauchig, geht runter wie Öl: die Great Smoky Mountains. Sie sind eine Bergkette der südlichen Appalachen, einst das Land der Cherokee-Indianer. Weite, runde Bergkuppen und viele Wasserfälle sind für die US-Südstaaten eher untypisch, erinnern fast an den Schwarzwald. Bis auf über 2000 Meter Meereshöhe ragen die höchsten Gipfel dieses Mittelgebirges auf. Die ­zugehörigen Kurven hier ziehen Motorradfahrer magisch an, wie Motten dem Licht folgen sie dem verlockend gewundenen ­Asphalt von Tennessee nach North Carolina.

Eine Straße hier wirkt ganz besonders euphorisierend: der Highway No. 129, besser bekannt als Tail of the Dragon, der Schwanz des Drachen. Der Name passt, so viele Kurven und Kehren, so viele Biegungen und Schräglagen hat der Drachenschwanz. Er folgt einem alten Indianer-Trail und hat 318 Kurven. Macht also 318-mal abklappen und wieder aufrichten auf ganzen elf Meilen, rund 17,7 Kilometern. Viel Fahrspaß also.

Egal, ob cooler Harley-Eigner oder puristischer Naked Biked-Fahrer, umsichtiger Zweirad-Tourist oder heißsporniger Supersport-Pilot: Sie kommen in Scharen auf die Asphalt Achterbahn. Nicht zu vergessen Schwadronen von Gold Wing-Gleitern und völlig überkandidelten Trikes.

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Rigide Tempolimits, haufenweise Überholverbote

Straßentechnisch gibt es meist gut fahrbare, oft überhöhte Kurven. Doch manche Kehre ist ganz schön tricky, macht unvermittelt weiter zu als gedacht. Wem es da an Routine oder Schräglagenfreiheit seiner Maschine mangelt, womöglich gar an beidem, landet unsanft in der Botanik. Durchaus wörtlich zu nehmen, denn die längsten Abschnitte führen durch schöne Wälder, die mit blendenden Licht- und Schattenspielen hohe Anforderungen ans Sehvermögen und den sechsten Sinn stellen.

Martialisch drohend steht die Highway Patrol in hochgerüsteten Radar Streifenwagen an vielen Ecken – sonnenbebrillte Sheriffs, die Law and Order, Recht und Gesetz, durchsetzen. Das heißt: rigide Tempolimits, mitunter bloß 35 Meilen pro Stunde (56 km/h), und haufenweise Überholverbote, signalisiert durch doppelt durchgezogene Linien. Überholen auf kurzen Zwischengeraden? Schwierig. Hier fahren auch fette US-Trucks, wild gewordene Sportwagenfahrer und ängstliche Rentner in vergleichsweise kleinen Autos. Das volle Programm eben.

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Durchschnittstempo fast auf Fahrrad-Niveau

Kein Wunder, dass hier an sonnigen Sommer-Wochenenden das Durchschnittstempo fast auf Fahrrad-Niveau sinkt. Die Kontrollen sind hart, die Fahrvermögen der Vorausfahrenden mitunter quälend. Trotzdem (oder gerade deswegen?) muss es immer wieder mal unbedarfte Momente gegeben haben, in denen offenbar jemand zu stark aufgedreht und dann die Kontrolle verloren hat. Davon künden haufenweise Devotionalien am Tree of Shame, am Baum der Schande, beim „Deals Gap Motorcycle Resort“ (www.dealsgap.com), dem angesagtesten Motorradtreff im Umkreis von 500 Meilen.

Er liegt kurz vor der Grenze zwischen den zwei Bundesstaaten, noch in North Carolina. Wie überreife Früchte hängen hier haufenweise Sturzteile vom leuchtend grünen Baum der Fahrerkenntnis herab: Sturzteile und Fahrerausstattungen mit heftigen Kampfspuren nach missglückten Fahrmanövern: Helme und Visiere, Verkleidungsseitenteile und Scheiben, Spiegel und Kupplungsdeckel, Lenkerhälften und Tanks, Felgen und Auspuffe. Alles gebrochen, entzwei, mit tiefen Kratzern, Dellen oder Riefen. Daher hat mancher Zu-Boden-Gegangene gleich mal Krücken oder Kinder Dreiräder drapiert …

Fotos gegen Gebühr in guter Qualität

So viel Kreativität beim Behängen kennen die meisten deutschen Weihnachtsbäume nicht. Aber in den USA gilt natürlich „Safety first“ – große leuchtend gelbe Hinweistafeln warnen davor, von „herunterfallenden Motorradteilen getroffen zu werden“. Also Abstand halten oder bloß „at own risk“, auf eigenes Risiko, nähertreten. Um dann Warnhinweise zu lesen, wie den eines glücklosen GSX-R-Piloten: „Versuche niemals, der Repsol-Honda zu folgen!“.

Nebenan, im gut besuchten Motorrad­treff, geht es locker zu. Wände und Decken hängen voll von T-Shirts, signiert von Fahrern und Fahrerinnen aus der ganzen Welt. Wer wieder heil zu Hause angekommen ist, kann sich im Internet überzeugen, ob der Vor-Ort-Action-Fotograf „Killboy“ (www.killboy.com) einen beim Bezwingen des Drachenschwanzes gut getroffen hat: Die Fotos stehen alle online, man kann sie sich gegen Gebühr in guter Qualität runterladen.

Baum der Schande in Deutschland?

Vielleicht wäre ja ein Baum der Schande auch in Deutschland eine gute Idee? Diese Art speziellen Recyclings, von Schrott zu Kunst, von Wegwerf-Motorrad-Artikel zur Live-Performance könnte für manchen deutschen Motorradtreff an kurvenreichen Strecken eine gute Idee sein. Schließlich kennen alle Religionen etwas Vergleichbares: Opfer bringen, um Gott oder Götter milde zu stimmen. Um Fruchtbarkeit und ergiebige Ernten zu erbitten, Beistand in Kriegszeiten und Regen bei Dürre.

Warum dann nicht heutzutage um besser haftende Reifen oder routiniertere Fahrkünste? „Jeder Sturz ist eine Schande“, sagte „Klacks“ Ernst Leverkus einst als die moralisch-journalistische Instanz unter Deutschlands Motorradfahrern. Damit entspräche ein „Baum der Schande“ an einem deutschen Motorradtreff doch dem einfachen Prinzip der Beichte: „Ich habe gesündigt, aber jetzt leiste ich Abbitte.“ Und schon ist doch alles wieder gut, nicht wahr?

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