24.11.2011 Von: Josef Pichler
Erschienen in: 25/ 2011 MOTORRAD

Unterwegs: Transasien Mit dem Motorrad den weiten weg nach Osten

Magadan heißt eine Hafenstadt am östlichen Ende der Welt. Ein Ort, der zum Ziel wird für die österreichischen Abenteurer Renate und Joe Pichler. Weder schlimme Pisten noch Gebirge, Wüsten, Sümpfe oder Bären können sie aufhalten.
In diesem Artikel: KTM 990 Adventure R

Der österreichische Abenteurer Joe Pichler auf seiner 27 000 km langen Reise durch Asien.

Die Foto-Show zum Abenteuer.  

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Es ist zum Verrücktwerden. Warum kann man nicht einfach losfahren, warum lässt der ganze Behördenkram schon vor der Abreise alle Nerven blank liegen? Ich will nach Magadan, eine der östlichsten Städte Russlands, will den asiatischen Kontinent durchqueren und scheitere schon fast zu Hause an den dafür notwendigen Visa. Ich bin so genervt, als ich meine KTM 990 Adventure R endlich starten kann, dass ich von der ersten Etappe über Ungarn nach Rumänien durch die Ukraine vorbei am Schwarzen Meer in den Kaukasus wenig mitbekomme, so sehr raucht mir der Schädel. Meine Frau Renate tröstet mich vom Soziussitz.

Das Abenteuer beginnt an der Grenze von Usbekistan: Regenfälle haben das Gebiet in ein riesiges Schlammloch verwandelt. Busse und Lkw sind stecken geblieben, nur ein Motorrad kommt durch. Wir erreichen Moynaq, die einst größte Hafenstadt Usbekistans. Vom Aralsee allerdings ist hier weit und breit nichts zu sehen. Einst stolze Fischerkutter liegen im Sandmeer und rosten vor sich hin. Das Wort Wüstenschiff bekommt hier eine makabre Bedeutung. Die ehemalige Hafenstadt liegt heute 150 Kilometer vom Ufer entfernt, und der stolze Aralsee ist auf ein Zehntel seiner ursprünglichen Größe geschrumpft. Sandstürme sind an der Tagesordnung und die Folgen für die hier lebende Bevölkerung fatal. Asthma ist verbreitet, und man hat die weltweit höchste Rate an Speiseröhrenkrebs. Verständlich, dass wir uns im Wortsinn schleunigst aus dem Staub machen.

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In Turkmenistan angekommen, haben wir für die nächsten neun Tage nun einen Führer und ein Begleitfahrzeug im Schlepptau. In dem totalitären Überwachungsstaat ist es nicht erlaubt, sich länger als fünf Tage ohne Begleiter aufzuhalten. Als ob es in der Karakum-Wüste nicht schon von Haus aus heiß genug wäre, besuchen wir am Morgen auch noch den Gaskrater von Darwaza, der von den Einheimischen das Tor zur Hölle genannt wird. Unser Fahrer Valodia kann es nicht glauben, dass ich mit dem Motorrad nach Damla, einer Oase im Herzen der Karakum-Wüste, weiterfahren will. Ich soll doch mit ihm im Land Cruiser mitfahren, das sei bequemer und sicherer. Alle Motorradfahrer, die es bisher versucht haben, sind an der extremen Hitze und den weichen Sanddünen gescheitert. Nicht überraschend, denn das Unternehmen ist hart: Nach anfänglich noch guter Piste führt die Route 90 Kilometer durch Sanddünen, und dazu kommt eine gnadenlose Hitze von über 40 Grad im Schatten. Nach fünf Stunden bestialischer Schufterei taucht endlich die kleine Oase zwischen den Dünen auf. Wir sind die ersten Motorradreisenden, die Damla erreicht haben. Zu Ehren unserer Ankunft wird sofort ein Schaf geschlachtet, und dazu gibt es dann natürlich auch einige Gläser Wodka.

„You have high temperature, will you bring the Schweinegrippe to Usbekistan?“ Ich kann es nicht glauben, der Typ im weißen Kittel hält mir bei der Ausreise aus Turkmenistan ein Thermometer, das aussieht wie eine Spielzeugpistole, an den Schädel und stellt erhöhte Temperatur fest. Dem Mediziner zu erklären, dass ich gerade 200 Kilometer bei 45 Grad durch die Karakum-Wüste gefahren bin, es unterm Helm ziemlich heiß war und ich keine Schweinegrippe habe, ist gar nicht so einfach.

Motorradreise_Asien_KTM_160 (jpg)

Wilde Weite: Im dünn besiedelten Sibirien braucht man ein Zelt.  

Foto: Pichler  

Entlang der legendären Seidenstraße fahren wir weiter nach Tadschikistan. Um die autonome Region Gorno-Badakhshan im Süden des Landes besuchen zu können, haben wir uns schon vor der Abreise bei der Botschaft in Wien eine Sondergenehmigung besorgt. Die Region ist ein sensibles Grenzgebiet, und die zahlreichen Militärstreifen kontrollieren immer wieder unsere Papiere. Die Straße in den Süden führt entlang des Panj-Flusses durch eine enge Schlucht direkt an der Grenze zu Afghanistan. Bei Iskahim wird das enge Tal breiter, und wir haben einen atemberaubenden Blick auf die schneebedeckten Berge des Hindukusch. Durch das fruchtbare Wakhan-Tal führte einst ein wichtiger Seitenarm der Seidenstraße. Von der mächtigen Befestigungsanlage Yamchun ist nur noch eine Ruine übrig geblieben. Der legendäre Handelsweg ist bereits Geschichte, Rauschgifthandel ist heute das Hauptgeschäft.

Die Taliban und gewissenlose Warlords finanzieren ihren Krieg in Afghanistan mit Drogenhandel. 90 Prozent des Heroins, das Europa erreicht, wird durch Tadschikistan geschleust. Die Seidenstraße wurde zum Drogenhighway.

In Murgab gibt es schlechte Nachrichten: Die Grenze nach Kirgisistan ist wegen Unruhen in Osh geschlossen. Das bedeutet für uns, wir müssen über den Pamir-Highway zurück nach Duschanbe und Kirgisistan weitläufig umfahren. Ein Umweg von über 1000 Kilometern liegt vor uns. Die Fahrt durch die öde Steppenlandschaft Kasachs-tans zählt dann nicht unbedingt zu den Highlights der bisherigen Reise.

Nach Tagen auf eintönigen Teerstraßen sind wir nun in der Westmongolei angekommen. Ein Land, in dem Asphalt noch ein Fremdwort ist. Auf staubigen, steinigen Pisten fahren wir Richtung Ölgiy. Die Orientierung ist nicht einfach. Wegweiser sind praktisch nicht vorhanden. Um den Altai Tavan Bogd Nationalpark an der chinesischen Grenze besuchen zu können, ist erneut ein ziemlicher bürokratischer Aufwand erforderlich. Doch der lohnt sich mehr denn je: Am Ufer des Khoton Nuur finden wir einen traumhaften Platz zum Zelten. Mit unserer großen KTM Adventure sind wir für die hier lebenden Nomaden eine riesige Attraktion, über die sie noch lange sprechen werden. Nachdem sie zuerst ausgiebig unser knallrotes Zelt inspiziert und sich köstlich über unseren rußenden Benzinkocher amüsiert haben, müssen wir nun auch ihre Jurte besuchen. Als Begrüßungstrunk gibt es gesalzenen Milchtee, und wir werden zusätzlich auch noch zum Abendessen eingeladen. Der Tee schmeckt zwar gewöhnungsbedürftig, ist aber gar nicht so schlecht. Doch die dann folgende fette Hammelsuppe ist eine echte Herausforderung für unsere Geschmacksnerven. Die fettesten Fleischteile landen alle auf meinem Teller, sie gelten bei den Nomaden als besondere Delikatesse. Gott sei Dank habe ich noch eine kleine Flasche Wodka im Zelt, die werde ich rein prophylaktisch danach noch austrinken …

Motorradreise_Asien_KTM_180 (jpg)

Die kasachischen Männer betreiben Adlerjagd.  

Foto: Pichler  

Nach fünf Wochen Mongolei sind wir wieder zurück in Russland und haben mit der Insel Olkhon den schönsten Teil des Baikalsees erreicht. Und es gibt sie noch, diese weißen Flecken auf den touristischen Landkarten. Über die 5500 Kilometer lange Strecke von Olkhon bis nach Magadan steht so gut wie nichts in meinem Reiseführer. Wir sind auf die Informationen der Einheimischen angewiesen. Der Hotelbesitzer in Zigalovo macht uns dann darauf aufmerksam, dass es auf den nächsten 300 Kilometern bis nach Magistralny keine Versorgungsmöglichkeit mehr gibt. Das heißt für uns volltanken und ausreichend Wasser und Lebensmittel mitnehmen. Ab Ust-Kut geht es dann für 1000 Kilometer nur noch mit dem Schiff weiter, denn Straßen gibt es keine mehr in diesem abgelegenen Teil Ostsibiriens. Die Lena, mit 4400 Kilometern einer der längsten Flüsse der Erde, ist im Sommer der einzige Verkehrsweg. Der Frachter ist bis auf dem letzten Platz mit Containern und Lkw gefüllt. Aber für unsere KTM finden wir noch einen Platz direkt neben der Ladeluke. Kaum an Bord, werden wir sofort in die Gemeinschaft der Lkw- Fahrer aufgenommen. Als Erstes gibt es natürlich mehrere Gläser Wodka und rohen Fisch. Während ich die österreichisch-russische Freundschaft mit viel Wodka besiegeln muss, organisiert Renate eine Kabine für uns. Wir müssen also nicht, wie befürchtet, unter freiem Himmel übernachten. Nach drei Tagen an Bord erreichen wir Lensk und können dann endlich wieder auf zwei Rädern weiter Richtung Polarkreis. Entlang der Viyuski-Route fahren wir auf materialmordenden Wellblechpisten durch die sibirische Taiga und erreichen nach vier Tagen Jakutsk. Ein wichtiger Versorgungspunkt, bevor wir zur letzten Etappe aufbrechen, entlang der legendären „Road of Bones“ Richtung Osten.

Kolyma-Highway ist der eigentliche -Name dieser 2000 Kilometer langen Straße von Jakutsk nach Magadan. Sie wurde in der Stalin-Ära von Zwangsarbeitern gebaut, um die Arbeitslager im unwirtlichsten Teil der Sowjetunion zu versorgen. Zigtausende haben die unmenschlichen Arbeitsbedingungen nicht überlebt und wurden direkt neben der Straße verscharrt. So ist der Name „Knochenstraße“ entstanden. Die abenteuerliche Piste führt durch unberührte Tundra- und Taiga-Landschaften, entlang reißender Bäche durch tiefe Schluchten in den äußersten Osten Sibiriens. Es ist eine wilde, atemberaubend schöne, aber menschenleere Gegend. Die Abstände zwischen den Ortschaften betragen bis zu 500 Kilometer, und Hotels sind eine Seltenheit. Aber wir haben ja unser Zelt dabei, und die angeblich hier lebenden Bären werden durch die Geräusche der Auspuffanlage hoffentlich vertrieben. Selbst etliche Reifenschäden auf der steinigen Piste können uns nicht aufhalten, und so erreichen wir nach 138 Tagen endlich die 100000-Seelen-Stadt Magadan am Ochotskischen Meer bei strömendem Regen.

Nach einer heißen Dusche kehren die Lebensgeister zurück, und wir feiern mit Lachs, Kaviar und Unmengen an Wodka unsere Ankunft am Ende der Welt.


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