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Motorradreise Florida mit Miet-Harleys Sonnige Kurvenarmut statt winterliche Alpenpässe

Ab in die Sonne zum Motorradfahren! Motorradfahren? Nun ja, das kurvenarme Florida ist dafür wohl die falsche Adresse. Biker sind hier aber voll auf Kurs.

Florida mit Miet-Harleys

"Warum zur Hölle die Sportster?" Joe Curren, Mechaniker in der Umbauschmiede Custom Works in Daytona Beach, schaut mich an, als hätte ich seine Tochter geschändet. Der Mann hat riesige Pranken, mit seinem Bauch könnte er einen fahrenden D-Zug stoppen, und seine Stimme brummt in tiefsten Bassfrequenzen. Es will ihm einfach nicht in den Kopf, warum ich ausgerechnet die (fast) kleinste Harley im Mietprogramm von Eagle Rider gewählt habe. Warum keine Street Glide oder wenigstens eine Fat Boy?

Seine beinahe schon empörte Verwunderung verwundert mich wiederum nicht, schon mal gar nicht, nachdem er mir zuvor im Laden seine Favoriten vorgeführt hat: Boss Hoss mit V8-Motor, 8,2 Liter Hubraum, mehr als 500 PS - zu Metall gewordener Motorrad-Wahnsinn.

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Foto: Dentges
Keine Helm-, dafür Zigarrenpflicht für Floridas Biker.
Keine Helm-, dafür Zigarrenpflicht für Floridas Biker.

Für Mr. Big Joe sind Maschinen wie eine 1200er-Sporty also Kinderfahrräder, und wer derartiges Klein-Klein fährt, ist für ihn wohl kein echter Mann. -Etwas verlegen antworte ich: „Wegen des Sounds.“ Stille. Joe überlegt kurz, nickt, dann lacht er freundlich: „You’re right, Man!“ Er klopft mir auf die Schulter, wendet sich kopfschüttelnd ab und murmelt was von „crazy Europeans“.

Willkommen in Florida, willkommen in Daytona, welcome to Bikerland! Ein Traum vieler Motorradfahrer ist für mich wahr geworden, obwohl ich immer dagegen gewettert hatte. Konnte nie verstehen, warum man sich auf ein viel zu schweres, viel zu lahmes, technisch antiquiertes Gefährt setzt, um damit geradeaus zu fahren, wie in den USA anscheinend üblich. Um es gleich vorwegzunehmen: Wer in Florida epische Motorradstrecken erwartet, wird enttäuscht sein. Der Bundesstaat im Süden der USA ist flach wie ein Pfannkuchen, die Straßen verlaufen meist schnurgerade, außer bei Highway-Auf- und Abfahrten heißt es für Freunde schräger Lagen: Fehlanzeige. Als ehemaliger Bewohner der Norddeutschen Tiefebene sind mir solche Bedingungen bestens bekannt - als passionierter Motorradfahrer bin ich aber genau deswegen vor Jahren ins süddeutsche Kurvenasyl geflohen.

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Nun also Florida, eine Woche Motorradurlaub. Immerhin ist der Bundesstaat flächenmäßig gut eineinhalbmal so groß wie das gesamte norddeutsche Flachland, weitläufig genug also für eine Zweiradreise, und gegenüber Norddeutschland gibt es hier einen riesengroßen Vorteil: Während Anfang Dezember bei Oldenburg schon der erste Schnee fiel, waren beim Tourstart in Orlando T-Shirt, Shorts und Sonnenmilch mit Faktor 30 angesagt, um sich unter amerikanischer Knallsonne nicht den Zinken zu verbrennen. Das Florida-Wetter wechselt zwischen schön und sehr schön. Nun gut, etwas übertrieben, es kann tatsächlich auch mal regnen, und im Sommer ist es bei humiden 40 Grad eher unangenehm auf dem Motorrad. Aber in der kalten Jahreszeit (November bis Februar) fallen die Temperaturen kaum unter 20 Grad - ideal also für eine Winterflucht.

Foto: Dentges
Wenn die Sonne im Sunshine-State untergeht, geht das Cruiser-Herz auf.
Wenn die Sonne im Sunshine-State untergeht, geht das Cruiser-Herz auf.

Nach der Landung in Orlando ließ ich bei den aufgereihten Maschinen auf dem Parkplatz von Eagle Rider mein Gehör entscheiden. Die Road Kind säuselte nur, zu brav. Die Street Bob, ganz okay. Die grauschwarze 1200er-Sportster mit Nicht-ganz-sicher-ob-Originalschalldämpfern ballerte indes wie Sau, yeah! Nach der Hörprobe stand fest: Sporty, du sollst mein sein für diese Woche. Denn ich möchte in jedem Moment die Maschine spüren, wünsche mir, das oft zitierte Chopper-Feeling in passendem Umfeld erleben zu dürfen. Ich will Burger-Tempel besuchen, die größten Steaks der Ostküste sehen, will abends einen doppelten Bourbon an einer grellbunt beleuchteten Bar schlürfen, um dann ins Kingsize-XXL-Bett zu fallen. Kurzum: Ich folge gerne und offenherzig jedem noch so blöden Klischee, das wir „Hochkultur-Europäer“ von einem Trip in die Vereinigten Staaten von Amerika erwarten.

Tourziel ist Miami, und für meine kleine Reise habe ich nun ja meine persönliche Miami Sound Machine gefunden, wie mir jetzt sogar Vollblut-Biker und Chopper-Bauer Joe recht gibt. Übrigens, als Redakteur einer der deutschen Sprache nicht abgewandten Motorradzeitschrift hasse ich eigentlich die Begriffe „Biker“ und „biken“, streiche sie normalerweise rigoros aus Texten heraus. Bei dieser Geschichte liegt die Sache aber anders. Hier geht es nicht ums Motorradfahren, sondern tatsächlich ums Biken.

Darum, als verschmolzene Einheit mit der Maschine alle langsam vorbeiziehenden Eindrücke und Reize der Umgebung aufzusaugen. Laut Mietvertrag muss man dazu zwar mindestens einen Helm tragen (in Florida existiert für Motorradfahrer normalerweise keine Helmpflicht), das geht auch in Ordnung, aber in meiner Protektoren-Motorraduniform mit wasserdichten Handschuhen und Stiefeln fühle ich mich bei 25 Grad im Schatten, ewig weit einsehbaren Breitbandstraßen und gemächlichem Cruising-Tempo von 50 Meilen pro Stunde eher unpassend gekleidet. Zumal nicht der Weg das Ziel sein soll/kann/wird, sondern die jeweils nächste Rast. Ich will mich frei machen, nicht nur von den Klamotten - bin ich etwa schon auf bestem Weg, ein echter Biker zu werden? Doch zurück zur Tour.

Die maßgeblich in den 1960ern aus dem Boden gestampfte Metropolregion Orlando mit über zwei Millionen Einwohnern gilt als Touristenmagnet (mehr als 55 Millionen Besucher jährlich), in erster Linie kommen Familien wegen der Themenparks -Disney Land, Sea World, Universal Studios etc. Für bikende Familienväter vielleicht -eine clevere Möglichkeit, Weib und Blagen in einem der vielfältigen Unterhaltungs-programme zu parken, um in der Zwischenzeit mit einer Mietmaschine ein bisschen durch die Gegend zu dampfen. Ich - jedoch bin froh, diesen überdimensionalen Freizeitpark mit all seinem Plastikdekor schnell hinter mir zu lassen.

Foto: Dentges
Advent, Advent, viel Sonne brennt. Weihnachtsdeko vor Palmenkulisse - seltsam.
Advent, Advent, viel Sonne brennt. Weihnachtsdeko vor Palmenkulisse - seltsam.

Pat-tatatt-pattat-patpat - der 1200er-V2 stimmt diesem Plan sonor zu. Auf ruhigen Nebenstraßen entlang kleinerer Gewässer zuckeln wir gemächlich weiter nach Nordosten gen Daytona Beach. Beim Einfahren in die Stadt passiere ich den International Speedway, der aus vier Kilometern ovaler Streckenlänge mit Steilwandkurven (NASCAR-Rennen) sowie einem variablen Infield für Straßen- und Offroad-Rennen besteht. Bei Top-Events wie den Daytona 500 füllen 175 000 Zuschauer die Ränge. Daytona Beach ist außerdem wegen seines einmaligen Strandes sehr populär. Auf einer Länge von über 35 Kilometern darf man mit Auto oder Motorrad in Fahrradtempo direkt am Wasser entlangcruisen. Wenn das Wetter mitspielt, ist am Wochenende hier der Bär los. Und der Bär steppt jedes Mal im März bei der Daytona Bike Week, dem größten Biker-Treffen weltweit (etwa eine halbe -Million Besucher in zehn Tagen), sowie im Oktober beim Biketoberfest (auch über 100 000 Besucher). Der beschauliche Ort im Nordosten Floridas mit gut 70 000 Einwohnern gilt als Epizentrum der Bikerszene und ist schon deshalb einen Besuch wert. Zahlreiche Motorrad-Shops und Biker-Bars prägen das Stadtbild, abends trifft man sich zu Bier und Billard, plaudert über Anbauteile und Auspuffanlagen.

Popp-popp-popp-klonk - die Sportster blubbert im Leerlauf. Gang rein, weiter geht’s. Keine Raserei, kein Stress, ich motorwandere gemütlich nach Süden, lasse warmen Fahrtwind mein Gesicht streicheln. Besuche den Küstenabschnitt Cape Canaveral mit dem Kennedy Space Center.

Von diesem Weltraumbahnhof aus wurde Geschichte geschrieben, als 1969 die erste bemannte Mondreise startete. Ich blicke andächtig auf die Abschussrampe am Horizont, doch dann geht meine irdische Reise mit polternden 67 PS Schubkraft aus zwei Zylindern weiter nach Melbourne. Ein angenehmer Küstenort mit guter Fischküche. Der Kellner des „Grills Riverside“ sieht aus wie ein bulliger Footballspieler und rappt mit cooler Gestik die Speisekarte runter: „You’ld like our incredible Seaweed Salad topped with Sesame seared Tuna, followed by a lightly marinated finest Quality Fish -Mahi-Mahi, served with a Choice of Tahiti Taters, and as a Dessert the Triple Chocolate Chip Cheesecake, okay?“ Ja, äh, genau, und in dieser Reihenfolge bitte, aber erst mal ein Bier und einen Blick aufs Meer. Fantastisch, ich schaue nach Osten, dort, auf der anderen Seite des Großen Teichs, müssen sie gerade vereiste Scheiben freikratzen.

Das Klima wird nach Süden hin immer tropischer, doch die Tage laufen davon. Für Palm Beach, Fort Lauderdale und die Keys bleibt nur Zeit für Stakkato-Besuche. Obwohl gerade die tropischen, teils nur wenige Hundert Meter breiten Kleinstinseln zu längerem Verweilen animieren und man bis Key West, der südlichsten Begrenzung Floridas (von dort noch rund 150 Kilometer bis nach Kuba), on the Road auf dem Bike sitzen bleiben kann. Denn die Keys sind durch kilometerlange Brücken wie die Seven Miles Bridge angebunden. Atemberaubende Sonnenaufgänge, fantastische Bade- und Wassersportmöglichkeiten, Ausflüge in die spannende Tier- und Pflanzenwelt der Everglades - Südflorida hat sich seinen Status als Urlaubsparadies redlich verdient. Doch mein Bike-Trip ist vorbei. Mit Maschinengewehr-Sound falle ich in Miami ein, knattere über breite Trassen in Richtung Downtown. Liebe Sporty, liebes Florida, ich muss leider wieder zurück in mein normales Motorradfahrerleben. Verspreche, mit Gänsehaut an euch zu denken - nicht nur weil ich zu Hause fürchterlich frieren werde.

Foto: Werel

Reise-Infos

Beste Reisezeit:
Winter. Weil im Sunshine-State Florida dann die Sonne besonders angenehm scheint. Fernreise-Novizen können Mietmaschinen und Unterkünfte stressfrei organisieren.

Anreise/Reisezeit:
Viele Städte und Regionen lassen sich problemlos anfliegen (so auch Daytona Beach). Direktflüge von Frankfurt oder Düsseldorf nach Orlando oder Miami sind ab rund 550 Euro im Angebot. Hauptreisezeit sind die Wintermonate. Im Sommer ist es dort teilweise extrem heiß mit hoher Luftfeuchtigkeit, im Spätsommer/Herbst besteht Hurrikan-Gefahr. Im März feiern Hunderttausende Motorradfahrer in Daytona Beach die Bike Week, an Ostern ebenso viele Studenten den Springbreak am Strand. Ob man nun Halligalli mag oder nicht, Hotels haben dann Hochsaison und sind ausgebucht. Für Oktober empfiehlt sich für Daytona ebenfalls eine frühe Reiseplanung, da das Biketoberfest (www.biketoberfest.org) stattfindet. In Miami kann es aufgrund von Messen das ganze Jahr über zu Engpässen kommen.

Foto: Dentges
Reise-Autor Dentges wählte eine 1200er Sportster als Mietmaschine - Sound sells!
Reise-Autor Dentges wählte eine 1200er Sportster als Mietmaschine - Sound sells!

Motorräder Mieten und Touren:
Einzelne Händler und Vermieter bieten Motorräder zu unterschiedlichen Konditionen an - da sind Recherche und genauer Preisvergleich angesagt (ab 70 Dollar für Mittelklassemaschinen). Eagle Rider ist der größte Motorradvermieter in den USA, bietet an landesweit rund 70 Stationen, acht davon in Florida (Daytona, 2 x Fort Lauder-dale, Kissimmee, 2 x Miami, Orlando, Stuart), die Möglichkeit, Modelle etwa von BMW, Honda oder Harley-Davidson zu mieten (www.eaglerider.com). Seit 1992 im Geschäft, besitzt der Anbieter das Alleinstellungsmerkmal, die Maschine frei wählbar in den meisten Filialen wieder abgeben zu können. Eagle Rider bietet somit auch im Vergleich den besten Service bei Pannenfällen und technischen Anliegen jeglicher Art. Tagesmieten von Eagle Rider Florida für Bikes wie eine Harley-Davidson Sportster starten ab 100 Dollar. Sogenannte Selfguided-Tours (Motorrad, gebuchte Unterkunft und Navisystem mit speziell aufgespielten Tourentipps) kosten für Fahrer und Begleitung für eine Woche pro Person ab gut 1100 Dollar. Komplett geführte Wochentouren gehen ab 2500 Dollar los. Infos zu allen Eagle Rider-Angeboten liefern auch die Mitarbeiter der deutschen Vertretung unter Telefon 0 61 02/88 47 91 80.

Essen und trinken:
Satt werden ab fünf Dollar - bekannte Fast-Food-Ketten sind an fast jeder Abfahrt zu finden. Individuelleres Schnellimbiss-Essen mit deutlich mehr landes-typischem Flair bieten Biker-Bars (z. B. die Kult-Sportsbar „Houligan’s“ bei Daytona), American-Diner- oder Drive-in-Restaurants - ein Mittagstisch kostet dort selten mehr als zehn Dollar. Tolle Fischküche und erstklassiges Seafood ist in jedem Küstenort und auf den Keys zu finden - am besten Einheimische fragen. In großen Städten wie Fort Lauderdale (z. B. im „Tundra Las Olas“) oder Miami mit viel internationalem Publikum können Gourmets auch sehr fein speisen (Menü mit Getränken rund 80 Dollar). Bier und Wein sind in Restaurants, Bars und Pubs ab 21 Jahren erhältlich. Nicht alle Bars dürfen Schnaps ausschenken (im Zweifel vorher fragen).

Übernachten:
Ab 40 Dollar die Nacht kommt man in sehr einfachen Motels unter. Ordentlichen Komfort und Sauberkeit darf man ab 80 Dollar bei Ketten wie Best Western oder Holiday Inn Express erwarten. Gediegene obere Mittelklasse mit Wellnessangeboten wie etwa im „Sonesta“ in Miami startet ab 200 Dollar pro Nacht.

Touristische Highlights:
Der Kennedy Space Center-Besucherkomplex, Airboat-Safaris zu Krokodilen (z. B. Sawgrass Recreation Park bei Fort Lauderdale) oder die Keys sind für Urlauber Hits. Abseits vom Mainstream lassen sich mit dem Motorrad weitere touristische Schätze heben: etwa das kubanische Viertel Ybor in Tampa oder „the world’s largest Harley-Dealer“ Bruce Rossmeyer in Ormond Beach zum Bikes-Gucken. Ein echter Psst!-Tipp: Etwas versteckt südlich von Melbourne führt eine Sandstraße zu „Honest John’s Fish Camp“ (www.honestjohnsfishcamp.com) - ein cooler Ort zum Rasten und Relaxen. Dort anzutreffen: Palmen, Pelikane, Delfine, Seekühe (Manatees) und die Spezies Biker.

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