Adria

Gran Tourismo

Sonne, Meer und der Reiz des Südens lockten in den Sechziger Jahren Millionen von Deutschen an Italiens Adriaküste. NSU Fox oder Heinkel Tourist hießen die Gefährte der sommerlichen Völkerwanderung, Grado, Jesolo oder Rimini die Ziele der großen Tour.

Aus irgendeinem Grund brachen wir nachts auf. Vielleicht, weil mein Vater München noch vor der morgendlichen Rush-Hour hinter sich bringen wollte. Autobahnen und Umgehungsstrecken waren Stückwerk in jenen Wirtschaftswunder-Jahren um 1960, als sich zu Beginn der Sommerferien eine wahre Völkerwanderung auf zwei, drei und vier Rädern in Bewegung setzte, um mit Zelt oder Wohnwagen die Strände der italienischen Adria zu belagern. Nach Strand, Sonne und ein bißchen Exotik in Form von Vino, Pasta und Gelati stand immer mehr Deutschen der Sinn. All das war zwischen Grado und Rimini in einer Ballung wie nirgendwo sonst zu finden. Im Zweizylinder-DKW waren auch wir vor Sonnenaufgang schon auf der Straße, und die Fahrt nach Süden wurde so im doppelten Sinne zu einer Reise ins Licht.Der Heinkel Tourist, ein 175-Kubik-Roller von legendärer Unverwüstlichkeit, machte seinem Namen damals nicht nur in der Praxis, sondern auch in der Fachpresse alle Ehre. »Nach unseren Erfahrungen ist der Tourist der einzige ... deutsche Roller, den man auch als Motorradfahrer ernst nehmen muß«, schrieb Hans-Joachim Mai 1964 in DAS MOTORRAD. »Es ist mit diesem Fahrwerk ohne weiteres möglich, lange Strecken mit hohen Geschwindigkeiten recht ermüdungsarm zu fahren, wozu auch noch der sehr ruhige Motor wesentlich beiträgt.«35 Jahre später ist die Alpenbarriere auf Autobahnen leicht zu überwinden. Geblieben aber ist das freudige Eintauchen in die Wärme und den Duft des Südens, als die Staatsstraße 13 mich und den Heinkel aus den karnischen Alpen ins fruchtbare Tiefland Friauls entläßt. Unter Zypressen kommt endlich leichteres Lebensgefühl auf, der erste Cappuccino auf italienischem Boden schmeckt doppelt gut.Erwartungsvoll passiere ich das mit seiner Piazza Libertà schon venezianisch geprägte Udine und nehme Kurs auf die Küste bei Grado. Palmanova ist nicht zu übersehen, denn die Straße folgt den mit neun Bastionen sternförmig angelegten Mauern. Die wenigen Bewohner des völlig symmetrischen, ab 1593 von den Venezianern als Vorposten gegen Österreicher und Türken angelegten Festungsstädtchens erlebten nie den Ernstfall. Napoleon marschierte vor 200 Jahren kampflos ein - es gab für Venedig nichts mehr zu verteidigen. Mit seinen grasüberwucherten Wällen wirkt Palmanova heute wie ein Freilichtmuseum. Viel weiter zurück in die Geschichte führt das römische Aquileia zehn Kilometer vor Grado. Ein unter der Basilika entdecktes, 700 Quadratmeter großes Mosaik aus dem dritten Jahrhundert gilt heute als wichtigster Kunstschatz der Region.Nach der dämmrigen Kühle des Kirchenschiffs gibt ein Cappuccino auf der gegenüberliegenden Terrasse Gelegenheit zu Betrachtungen über Vergänglichkeit und Dauer. Als erfreulich dauerhaft erweist sich in diesem Zusammenhang, es muß einfach mal gesagt werden, die Viertakt-Technik des Heinkel Tourist. Das Exemplar, mit dem ich unterwegs bin, war 1961 in Stuttgart-Zuffenhausen vom Band gerollt - eines von rund 70000 Stück des Erfolgstyps 103 A2, den auch Unkundige leicht an der breiten, horizontalen Rückleuchte im Straßenkreuzer-Stil erkennen. Für seinen heutigen Besitzer Karl-Heinz Scholze, seines Zeichens Rollerhändler im niederbayerischen Pfaffenberg, bedeutet der Tourist eine Kindheitserinnerung. Vater Scholze hatte 1961 dieses Modell neu gekauft und in drei Jahren 100000 Kilometer zurückgelegt, ehe er den Heinkel - zeittypisch - für einen VW-Käfer in Zahlung gab. »Es gibt noch Fotos«, sagt Karl-Heinz, »auf denen sein Club »Heinkel-Elite München« mit voll bepackten Rollern in Spanien oder Italien zu sehen ist.«Vielleicht hat er auch mal die Route von Udine nach Grado unter die Zehn-Zoll-Räder genommen, denn sie war in den 60ern eine Hauptader des Adria-Tourismus. Sogar Alessandro, der seit 30 Jahren hier eine Agip-Tankstelle betreibt (gibt es in Italien eigentlich noch andere Benzinmarken?) und bei alten Blechrollern vom Schlage einer Lambretta oder Vespa Sprint normalerweise völlig zu recht auf Mischungsschmierung tippt, stutzt: »Kein Gemisch? Wieso, was ist das denn?« Irritiert betrachtet er die massige, von Chromleisten aufgelockerte Karosserie. Die Zweifarbenlackierung in Blau und Elfenbein schimmert in der Sonne, Kunstleder verhüllt das Reserverad unter dem Gepäckträger. Schnell hellt sich Alessandros Miene auf: »Natürlich, ein Viertakter. Aus Deutschland kamen früher oft solche Roller, aber das ist schon lange her.« Da hat er wohl recht. Heute gehört Grado, ähnlich wie Venedig auf einer Insel gelegen und durch Dämme und Brücken mit dem Festland verbunden, den Auto-Touristen. Die renovierte Altstadt und die Kanäle mit ihren bunten Fischerbooten reizen zum Flanieren. Bars, Fischrestaurants, ein Strand - nett, unspektakulär und überschaubar.Lignano Sabbiadoro kommt dem Adria-Klischee schon näher. Kilometerlange Sandstrände vom Feinsten, Yachthäfen in Serie und Hotels, so weit das Auge recht. Gepflegt, aber auch etwas langweilig. In Bibione kumuliert das massentouristische Ambiente in tiefgestaffelten Formationen aus Tausenden von Liegestühlen, die den breiten Strand beherrschen. Der Gesichtslosigkeit seiner Hotel-Architektur und der endlos sich hinziehenden Flaniermeile mit ihren immer gleichen Boutiquen, Pizzerias und Kneipen zum Trotz geht es hier richtig lebhaft zu. Es ist immerhin Anfang September und Nachsaison, im Juli oder August muß die Enge drangvoll sein. Aber auch im gedämpften Trubel machen sich zwei Schwächen des Heinkel bemerkbar: Er ist weder besonders handlich, noch bremst er so gut, wie manche Fußgänger zu glauben scheinen, die - von der Sonne bedröhnt - in ihren Badeschlappen über die Fahrbahn schlurfen.Der Tourist und ich sind uns einig: Wir verlassen diesen anstrengenden Ort. Caorle kommt mit seiner kleinen Altstadt und deren bunt herausgeputzten Häusern unseren Vorstellungen näher. Der Heinkel darf ausruhen, ich vertrete mir die Beine in der zona pedonale, der Fußgängerzone. Das Publikum scheint jünger als in Bibione und Lignano. Natürlich reiht sich Restaurant an Restaurant, Gelateria an Gelateria. Die Altstadt liegt geschützt hinter einer steinernen Mole, außerhalb locken Sandstrände mit Hotels aller Preislagen. Und in der östlich gelegenen Lagune von Caorle verstecken sich noch immer Fischerhütten aus Reet.Nur Gehöfte aus rotem Backstein bringen etwas Abwechslung in die flache, von Kanälen durchzogene Landschaft zwischen Caorle und der Piave-Mündung. Nach ihr folgt, was als »Teutonengrill« Berühmtheit erlangte: Lido di Jesolo und der Litorale del Cavallino bedeuten 20 Kilometer Tourismus am Stück. Der Lido ist eine langgezogene, völlig artifizielle Ansiedlung, in der man die mit Liegen vollgestellten Strände über durchnumerierte Zugänge erreicht. Wer seine Nummer vergißt, ist verloren, denn hier sieht’s überall gleich aus. Wer nach Westen entkommt, findet sich hinter Cavallino auf einer schnurgeraden Straße. Über Kilometer werben Hinweisschilder für teils luxuriöse und ausgedehnte Campingplätze, direkt am Strand gelegen und von Kiefern und Laubbäumen beschattet. Sie sind das primäre Reservat des selbstgenügsamen Urlaubs, der sich in der Trias von Nahrungsaufnahme, Dösen und erneuter Nahrungsaufnahme (auch Bier angenehm) manifestiert. Warum nicht? Mit genug Lektüre könnte ich es hier auch ein paar Tage aushalten.Leider war dafür auf dem Heinkel zu wenig Platz. Also weiter über Punta Sabbioni zum Lido di Venezia. Leider gibt es dort kein freies Bett. Biennale! Die Bars sind voll diskutierender, schwarzgewandeter Cineasten. Zum Glück ist auf dem kleinen, gut versteckten Camping noch ein Platz frei. Vom Lido nach Venedig ist es mit dem Boot der Linie Eins, das alle zehn Minuten fährt, nur ein Katzensprung. Man kann sich mit dem Markusplatz samt Dom und Dogenpalast auf das Nötigste beschränken oder Wochen auf den 118 Inseln, die die Stadt ausmachen, umherschweifen.Padua ist ein bißchen weiter weg. Frömmigkeit, Kunst und Wissenschaft haben die alte Universitätsstadt geprägt. Auch heute läßt sich noch etwas lernen - zum Beipiel in der Scrovegni-Kapelle, daß man Giotto nicht nur essen, sondern auch angucken kann. Angucken heißt die Devise auch in Ravenna: Nämlich prachtvolle Mosaiken in unscheinbaren Backsteinkirchen. Den Weg dorthin säumt, wie sollte es anders sein, ein weiteres Dutzend Strände. Aber das kennen wir ja schon.Der größte und älteste aller Badeorte hat es verdient, den Schlußpunkt unter die Heinkel-Tour zu setzen. In Rimini, das ich nach einer Rast neben den farbenprächtigen Segelbooten des Marine-Museums von Cesenatico erreiche, fing der Adria-Tourismus an. Die ersten Badenden wurden 1830, so geht die Legende, von der päpstlichen Polizei verhaftet. Denn Rimini gehörte zum Kirchenstaat, und Baden galt als sittenlos. Das änderte sich: Am 30. Juli 1843 öffnete die erste Badeanstalt mit sechs hölzernen Badekabinen. Bahnhof, Kursaal und Grand Hotel markierten in den folgenden Jahrzehnten den Aufstieg Riminis zum Treffpunkt der Reichen, Schönen und Wichtigen.Für den hier geborenen Frederico Fellini gab das Grand Hotel für »Amarcord« eine faszinierende Filmkulisse ab. Riminis jüngere Gäste stürzen sich lieber ins schrille Nachtleben und regenerieren sich tagsüber am Strand. Vom Boom an der Küste profitiert auch die kleinste und älteste Republik der Welt: Das pittoreske San Marino in Riminis Hinterland ist einigen Millionen Touristen im Jahr einen Besuch wert.
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Info

Adria-Urlaub heißt heute, sich auf gebahnten Pfaden zu bewegen. Hotels und Campingplätze gibt es in Fülle, der Standard ist professionell, die Preise sind vernünftig.
Anreise: Am schnellsten geht’s über die A 8 und die A 10 München-Salzburg-Villach. Rollergemäßer ist der Weg über Lofer und Zell am See, Großglockner und Plöckenpaß nach Tolmezzo und Udine. Als Alternative kann man den Brenner nehmen und ab Kastelruth durch die Dolomiten in Richtung Cortina d’Ampezzo fahren.Reisezeit: Beste Reisezeit sind Frühjahr (Mai, Juni) und Spätsommer (September). Zwischen Ende September und Ende April haben die meisten Campingplätze, aber auch viele Hotels und Restaurants geschlossen. Im Juli und August ist Hochsaison und beste Badezeit, doch kann es in den Städten unangenehm schwül und wegen der Ferien auch sehr voll werden.Übernachten: Vom Campingplatz über Appartements bis zu Albergos und Hotels jeder Kategorie reicht die Auswahl. In der Hochsaison von Ende Juni bis Ende August sind auch für Camper Reservierungen empfehlenswert, in der übrigen Zeit wirft die Suche nach einer Unterkunft kaum Probleme auf. Auskünfte erteilen die Büros des Staatlichen Italienischen Fremdenverkehrsamts ENIT in der Berliner Allee 26, 40212 Düsseldorf; in der Kaiserstraße 65, 60329 Frankfurt, in der Goethestraße 20, 80336 München, im Kärntner Ring 4, A-1010 Wien und in der Uraniastrasse 32, CH-8001 Zürich oder die regionalen Einrichtungen Assessorate Regionale al Turismo, Dorsoduro, 3901, I-30123 Venedig und Azienda di Promozione Turistica (APT), Piazzale F. Fellini 3, I-47037 Rimini.Literatur: Gute Basisinformation ohne Umschweife, dazu Kartenausschnitte und Bilder, die die Reiselust wecken, bieten der HB Bildatlas über Venedig und Venetien und die nicht mehr ganz aktuelle Ausgabe über die Emilia-Romagna zu je 16,80 Mark. Ausführlicher informieren die Merian-Hefte über die Emilia-Romagna und über Friaul/Triest/Venetien für je 14,80 Mark. Wer weitere Routenvorschläge und Übernachtungstips in Italien haben möchte, dem sei der Motorradreiseführer Italien aus der Edition Unterwegs empfohlen. Sieben ausführlich bebilderte Reisegeschichten mit jeweils einem großen Info-Teil plus Pannenwörterbuch lassen kaum noch Wünsche offen. Für 29,80 Mark zu bestellen beim Spezial-Verkauf der Motor-Presse, Telefon 0711/182-1229; Fax 0711/182-1756. Als Straßenkarte wurde die Shell Euro-Karte Italien (Maßstab 1:600000) für 14,80 Mark benutzt.

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