Äthiopien

Mit gemischten Gefühlen

Bis vor fünf Jahren war Äthiopien für Reisende gesperrt. Jetzt durchstreifte ein französisches Paar das afrikanische Land, das in der Vergangenheit mit Hungersnöten und Bürgerkriegen für Schlagzeilen sorgte.

Noch sind es zirka 180 Kilometer bis zum äthiopischen Grenzort Moyale. Unschlüßig stehen Isabelle und ich am Rand der Piste, die durch die Chabli-Wüste im Norden Kenias führt, und begutachten meine Yamaha Ténéré. Der Stoßdämpfer ist geplatzt, und ohne die dämpfende Wirkung des Öls schaukelt die Fuhre wie ein wildgewordener Fahrstuhl auf und ab. Dabei hatten wir erst vor zwei Wochen in Nairobi bei beiden Enduros die alten Federbeine gegen neue ausgetauscht. Wir überlegen lange, ob wir besser dorthin zurückfahren sollten, um ein Ersatzteil zu besorgen. Oder ob wir einfach wie geplant weiterfahren - in der Hoffnung, überhaupt nach Äthiopien einreisen zu können und vielleicht in der Hauptstadt Addis Abeba ein neues Federbein zu bekommen. Umzukehren wäre sicherlich vernünftiger, doch wir entscheiden uns anders und starten in Richtung Äthiopien. Wir sind neugierig auf ein Land, das bis vor kurzem für Reisende verschlossen war.An der Grenze dann die große Überraschung: Die Formalitäten dauern kaum eine Stunde, unbürokratisch und freundlich empfangen uns die Zöllner in den kleinen, einfachen Büros, bestaunen unsere Enduros und wünschen uns schließlich eine gute Reise.Vom Grenzort Moyale bis Addis Abeba sind es rund 800 Kilometer, die laut unserer Karte durchgehend asphaltiert sein sollen. Doch schon so manches Mal entpuppten sich während unserer Reisen durch Afrika angeblich asphaltierte Straßen als üble Schotter- oder Sandpisten. Diesmal haben wir Glück, die Teerdecke ist in einem gutem Zustand, also kein Problem für meine lädierte Ténéré. Gemütlich fahren wir durch eine weite Savannenlandschaft, deren Vegetation in Richtung Norden immer üppiger und grüner wird. Nach ein paar Kilometern stoppt uns ein schwer bewaffneter Soldat, der sich mit seinem Trupp vor ein paar armseligen Holzhütten mit Dächern aus blauen Plastikplanen postiert hat. Von ihm erfahren wir, daß wir uns mitten in einem Lager für Flüchtlinge aus Somalia befinden. Dort tobt seit 1991 ein brutaler Bürgerkrieg, der unzählige Menschenleben gefordert hat und vor dem zigtausend Menschen in die Nachbarländer geflohen sind. Während der Uniformierte mit einem strengen Blick unsere Papiere studiert, passiert uns eine Gruppe von Männern, Frauen und Kindern, die alle große Bündel mit grünen Blättern auf ihren Schultern tragen. »Schmuggelware nach Kenia«, sagt der Soldat, als sei das die normalste Angelegenheit der Welt, und stopft sich selber ein paar dieser Blätter in die linke Wange. Der Saft der Qat-Blätter habe eine sehr stimulierende Wirkung, erklärt er uns, und obwohl in Kenia oder Somalia offiziell verboten, würde kaum jemand darauf verzichten. Dann gibt er uns die Papiere zurück und verschwindet wieder im Schatten eines Panzerwracks. Erst als es schon dämmert, erreichen wir ein kleines Dorf in der Provinz Omo. Sofort sind wir von unzähligen Kindern umzingelt, die keinen Schritt mehr von uns weichen, während wir nach einer Unterkunft für die Nacht suchen. Erst am Ende des Dorfes entdecken wir ein Haus, das wie eine kleine Pension aussieht. Eine zierliche Frau öffnet die Tür und lächelt mich an. Als sie Isabelle entdeckt, schüttelt sie den Kopf - hier haben anscheinend nur Männer Zutritt, schließe ich aus ihrer Reaktion. Doch sie versteht ein paar Brocken Englisch und läßt sich erweichen. Für umgerechnet eine Mark bekommen wir ein kleines Zimmer. Am nächsten Morgen spazieren wir durch das Dorf. Wir müssen endlich Geld tauschen. Doch nicht einmal der Kassierer der örtlichen Bank kann unseren 50-Dollar-Schein umwechseln, weil er in seiner Kasse selten so viel Geld hat - und wir haben keine kleinere Noten mehr. Mit dem letzten äthiopischen Geld, das wir noch besitzen, tanken wir die beiden Yamaha voll und machen uns wieder auf den Weg in Richtung Norden. Am Ortsausgang führt die Straße unter einem teilweise zerstörten Triumphbogen hindurch, an dem noch immer Hammer und Sichel prangen - Symbole einer 15 Jahre langen sowjetischen und kubanischen Unterstützung der Herrschaft des Diktators Mengistu, die bis 1991 dauerte und unter dessen Regime es für Ausländer unmöglich war, durch Äthiopien zu reisen.Bald verschwindet die Straße in einem dichten Wald, steigt langsam an und führt lange Zeit durch eine herbe Berglandschaft, deren Gipfel hier über 4000 Meter hoch sind. Dann breitet sich vor uns das zentrale Hochland aus, in dem auf einer Höhe zwischen zwei- und dreitausend Metern der größte Teil der Bevölkerung Äthiopiens lebt. Fast bis zum Horizont erstrecken sich grüne Wiesen und goldene Weizenfelder, dazwischen türkis schimmernde Seen - ein Anblick, den wir in Äthiopien nicht erwartet haben. Überall auf den Feldern arbeiten Familien, unzählige kleine Eselkaravanen schleppen die Ernte zum nächsten Ort. Im Augenblick erinnert nur wenig daran, daß Äthiopien zu den drei ärmsten Ländern der Welt gehört.Noch sind es 150 Kilometer bis zur Hauptstadt, für die wir einen ganzen Tag brauchen, weil der Zustand der Straße zu wünschen übrig läßt. Im ersten, ab und zu auch im zweiten Gang manövriere ich die schwerbeladene Enduro an tiefen Löchern vorbei oder fahre fast schon im Standgas über den stark gewellten Asphalt. Mehr ist mit dem defekten Federbein einfach nicht drin.Am Abend erreichen wir endlich die weitläufigen Vororte von Addis Abeba und drängeln uns schließlich durch den dichten Verkehr ins Zentrum bis zum riesigen Platz der Revolution, auf dem, umgeben von modernen Gebäuden im stalinistischen Stil, bis vor fünf Jahren große Militärparaden zu Ehren von Marx, Engels und Lenin abgehalten wurden. Anstelle russischer Panzer beansprucht heute eine Ziegenherde das Gelände. Sorgen macht uns nur die Tatsache, daß wir bis jetzt weder einen Motorradfahrer noch eine entsprechende Werkstatt gesehen haben. Aber der Mechaniker einer Fahrradwerkstatt kann uns zu unserer großen Überraschung weiterhelfen: Sein in Paris lebender Bruder käme in zehn Tagen zu Besuch und könnte uns ein entsprechendes Federbein mitbringen. Wir sind gespannt.Nur mit dem nötigsten Gepäck ausgerüstet, verlassen Isabelle und ich auf ihrer Ténéré nach zwei Tagen schon wieder die Stadt. Wir wollen noch in den Norden des Landes bis zum Tana-See fahren. Nach 130 Kilometern stehen wir am Rand eines gewaltigen Canyons, der über 1300 Meter tief und mindestens ebenso breit ist. Unten rauscht der Blaue Nil, der sich wie eine Schlange durch die karge Felsenlandschaft windet und zusammen mit dem Weißen Nil den wichtigsten Quellfluß des Nils bildet. Kurvenreich führt die Schotterpiste hinunter zum Fluß, den wir auf einer schmalen Brücke überqueren. Wegen der starken Regenfälle in den letzten Tage ist der Blaue Nil weit über seine Ufer getreten.Spät am Abend erreichen wir Bahir Dar am Südende des Tana-Sees, der größte See Äthiopiens. Bahir Dar und die Städte Gonder, Axum und Lalibela im abessinischen Hochland sind bereits seit dem vierten Jahrhundert Zentren des Christentums. Im Kloster Dek Stefanos in Bahir Dar zeigt uns ein alter Mönch in einem weißen Gewand viele hundert Jahre alte Ikonen und Schriften, die erstaunlich gut erhalten sind.Nördlich von Gonder folgen wir eine kleinen Piste in das Simien-Gebirge, einem Nationalpark, der wegen seiner einzigartigen Tierwelt unter dem Schutz der UNESCO steht. Immer steiler führt der Weg durch die zackigen Felsen bis zum Fuß des Ras Deshen, mit 4620 Metern der vierthöchste Berg Afrikas. Ein kalter Wind weht über diese fast vegetationslose Vulkanlandschaft, in der wir auf einem kleinen Plateau in über 3500 Meter Höhe unser Lager aufgeschlagen haben. Kurz vor Sonnenuntergang hören wir plötzlich merkwürdige Grunzgeräusche und entdecken eine Herde von Gelada baboons - eine Affenart, die nur in Äthiopien vorkommt und einen eindrucksvollen, leuchtend rotgefärbten Brustkorb hat. Doch der wunderschöne Spuk dauert nur ein paar Sekunden, genauso schnell wie sie gekommen sind, verschwindet das Rudel wieder hinter den zerklüfteten Formationen aus erstarrter Lava. Langsam müssen wir uns auf den Rückweg machen, denn unser Visum läuft in wenigen Tagen ab. Und wir sind neugierig, ob das Federbein für meine Yamaha inzwischen in Addis Abeba angekommen ist. Doch es bleibt noch Zeit für einen kurzen Besuch in Lalibela. Hier lebten seit dem zwölften Jahrhundert viele der religiösen Führer des Landes, die ihre wunderschön verzierten Kirchen aus großen Felsen meißelten. Heute noch bewachen Priester diese einmaligen Gebäude, in denen uralte religiöse Schriften, Ikonen und Schmuckstücke von unschätzbaren Wert aufbewahrt werden.Zurück in Addis Abeba, können wir unser Glück kaum glauben: Lächelnd hält der Fahrradmechaniker ein neues Federbein in seinen Händen, und am Abend laden er und seine Familie uns zu einem rührenden Abschiedsfest ein. Schon früh am nächsten Morgen brechen wir auf, wir wollen so schnell wie möglich durch den Osten Äthiopiens bis zur Grenze von Djibuti fahren. Nach Ansicht unserer neuen Freunde kein ungefährliches Unternehmen, denn in dieser Region sind brutale Überfälle an der Tagesordnung. Bis Dire Dawa führt die Strecke nach Osten, dann zweigt sie in Richtung Djibuti nach Norden ab. Ab jetzt durchqueren wir eine trostlose Region. Links von uns erstreckt sich der Teil Äthiopiens, der in den 70er Jahren in die Schlagzeilen geriet, als hier über 200000 Menschen während der großen Hungernsnot starben, rechts die Ogaden-Ebene, ein Gebiet, das aufgrund andauernder kriegerischer Auseinandersetzungen der dort lebenden Stämme für Touristen unpassierbar ist. Die Ruhe und Sorglosigkeit der letzten Wochen weicht einer zermürbenden Anspannung, und wir treiben unsere Enduros so schnell wie möglich in Richtung Djibuti.
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Infos

Eine Reise durch Äthiopien ist ein faszinierendes Erlebnis - und überraschend unproblematisch, obwohl das Land bis vor fünf Jahren fast zwei Jahrzehnte lang für Touristen verschlossen war.
Anreise: Die Einreise nach Äthiopien ist auf dem Landweg von Kenia, Eritrea und Djibuti relativ problemlos. Dagegen sind die Grenzübergänge vom Sudan und von Somalia nach Äthiopien derzeit nicht passierbar. Das Motorrad kann auch per Flugzeug in die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba transportiert werden. Infos und Preise bei der Frankfurter Firma GGG-Gruner Logistik, Telefon 0 69/69 07 35 72, Fax 69 59 01 29. Das Bielefelder Unternehmen fly & bike transportiert das Bike für 2790 Mark (Hin- und Rückflug) nach Mombasa im Nachbarland Kenia. Zwischen 1300 und 1600 Mark werden dann noch für das Flugticket für den Fahrer fällig. Infos unter 05 21/17 41 05, Fax 13 87 38. Dokumente: Deutsche benötigen für Äthiopien ein Visum. Dieses muß vor der Abreise bei der Äthiopischen Botschaft, Brentanostraße 1, 53113 Bonn zusammen mit einem Paßbild beantragt werden. Das Visum gilt für drei Monate und kann im Land bei der Einreisebehörde in Addis Abeba, Churchill Ave., um einen Monat verlängert werden. Der internationale Führerschein ist Pflicht, während für das Fahrzeug ein Carnet de Passage nicht benötigt wird.Gesundheit: Für Äthiopien ist eine Gelbfieber-Impfung vorgeschrieben. Empfehlenswert sind Impfungen gegen Cholera, Typhus und Hepatitis sowie eine Malaria-Prophylaxe. Weitere Infos beim Arzt oder in den Tropeninstituten. Zusätzlich gehört eine umfangreiche Apotheke ins Gepäck. Auf ein Bad in den Flüssen und Seen sollte man lieber verzichten. Bei Fahrten in die höhergelegenen Regionen Äthiopiens ist es ratsam, sich ab 3000 Meter Höhe zwei bis drei Tage zu akklimatisieren. Außerhalb der Hauptstadt sollte Trinkwasser unbedingt abgekocht oder in verschlossenen Flaschen gekauft werden, das Wasser aus Quellen dagegen überhaupt nicht getrunken werden. Reisezeit: Die Monate Juni, Juli und August eignen sich für eine Reise durch Äthiopien am besten. Während der Regenzeit im Winter sind viele Straßen unpaßierbar, zudem wird es im Hochland dann sehr kalt.Unterkunft: In der Hauptstadt Addis Abeba gibt es genügend Hotels und Pensionen in allen Preisklassen. Über internationalen Standard verfügt das Hilton im Zentrum in der Menelik Ave., Preise liegen bei zirka 150 Dollar pro Doppelzimmer. Empfehlenswert ist das Buffet de la Gare gegenüber des Bahnhofs in der Churchill Ave., ein Doppelzimmer kostet zwischen 20 und 30 Dollar. In den größeren Städten gibt es gute Hotels der staatlichen Kette EHC, Zimmer ab 20 Dollar. Kleine Pensionen und Gästehäuser findet man in jedem Ort, oft liegen die Preise in den ländlichen Regionen bei unter fünf Dollar pro Nacht. Wildes Campen ist in den abgelegenen Gegenden möglich, da Äthiopien ein relativ sicheres Reieseland ist.Sehenswürdigkeiten: Äthiopien ist landschaftlich wie kulturell ein sehr abwechslungsreiches und interessantes Reiseland. Im abessinischen Hochland im Norden des Landes wird bereits seit dem vierten Jahrhundert das Christentum gepredigt. Die interessantesten Klöster und Kirchen, in denen Jahrhunderte alte Schriften und Ikonen lagern, finden sich in Axum, Gonder, Bahir Dar und Lalibela sowie auf den Inseln im Tana-See. Der Simien-Nationalpark nördlich von Gonder steht wegen seiner einzigartigen Tierwelt inmitten einer zerklüftetten Vulkanlandschaft unter dem Schutz der UNESCO. Drei der hier lebenden Tierarten sind nur in Äthiopien beheimatet. Im Awash-Nationalpark 225 Kilometer östlich von Addis Abeba kann man fast die gesamte afrikanische Tierwelt beobachten. Unbedingt sehenswert: die Tisissat-Wasserfälle des Blauen Nils bei Bahir Dar.Literatur: Da Äthiopien erst seit kurzem als Reiseland in Frage kommt, sind Reiseführer derzeit noch Mangelware. Sehr gut ist das englischsprachige East African Handbook für 42 Mark, in dem auch Kenia, Tansania und Uganda behandelt werden. Weger der vielen Infos ein Muß für Reisende in dieser Region. Ausführliche Beschreibungen über die Naturlandschaften und über die Tierwelt stehen im APA-Guide Erlebnis Natur Ostafrika für 44,80 Mark. Aufgrund ihrer ausgezeichneten Geländedarstellungen gibt es für Äthiopien zur Ostafrika-Karte von Michelin, Blatt 954 im Maßstab 1:4 Mio für 14,80 Mark keine Alternative.Zeitaufwaufwand zwei MonateGefahrene Strecke4000 Kilometer

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