Allgäu/Lechtaler Alpen

Flusswanderung

Kühe, Käse und Kurven sind die ständigen Wegbegleiter zwischen Lechtal und Allgäu. Ob als Rundtour oder als Einfädelspur nach Süden – die Strecke zählt zum Besten, was der deutsch-österreichische Alpenraum zu bieten hat.

Foto: Eisenschink
Käse, Krad und geile Kehren!
Käse, Krad und geile Kehren!
„Gefahr durch eine freilaufende Kuh auf der A 96 zwischen Landsberg und Buchloe.“ 10.15 Uhr, aus dem Off meldet sich die Verkehrsdurchsage von Bayern 3. Ich trinke noch einen Kaffee im Rasthof Lechwiesen, starte dann wieder die BMW R 1100 S und fahre knapp zwei Kilometer weiter bei Landsberg West von der Autobahn. Unterwegs gucke ich mir schier die Augen aus dem Kopf, doch Kühe tauchen erst in den Schaufenstern der Landsberger Souvenirläden auf, in den Varianten Plüsch oder Holz.

Die BMW und ich verschwinden im Gassenlabyrinth von Ober- und Unterstadt, holpern auf Kopfsteinpflaster an mittelalterlichen Türmen und Toren vorbei sowie an Häuserfassaden aus Gotik, Klassizismus und Rokoko. Und hier tost er bereits, gleich hinter dem Hauptplatz, der Lech – der Begleiter meiner geplanten Reise. Erste – und sogar ins Japanische übersetzte – Wegweiser zur Romantischen Straße, die sich gen Süden hin in die Alpen fädelt und der ich nun folge. Doch noch gibt sie sich als B 17 recht pragmatisch. Breit, schnörkel- und kurvenlos wälzt sie sich von Landsberg nach Schongau. Vom Lech, laut Landkarte gleich nebendran, ist auch nichts mehr zu sehen. Langweilig! Da taste ich mich lieber über benachbarte Kleinststraßen gen Süden vor. Und prompt wird es richtig romantisch. Hier ein Dorf, da eine Wallfahrtskirche, dort ein Kuhfladen auf dem Asphalt.
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Foto: Eisenschink
Ruhe nach dem Sturm am Ufer des Lech.
Ruhe nach dem Sturm am Ufer des Lech.
Bei Reichling schließlich der erste Blick auf die schneebedeckten Alpen. Immer wieder kreuzt die Straße den verschlungenen Lauf des Lechs, der sich allerdings durch dichtes Gestrüpp einer genaueren Betrachtung entzieht. Kinsau, Apfeldorf, Hofen. Die sanften Schwünge durch das von Moränenhügeln geprägte Voralpenland sind der optimale Warmmacher für die Alpenpässe weiter südlich. Da weiß man plötzlich, wozu es gut war, dass die eiszeitlichen Gletscher diese Landschaft einst zerpflügt, aufgeschottert und im Prinzip völlig neu modelliert haben.

Am Ende der Stichstraße zum knapp 1000 Meter hohen Peißenberg-Gipfel ist es so weit: Die Kalkalpen, bislang nur in Ausschnitten zu sehen, zeigen sich in ihrer ganzen Pracht. Ich ziehe Thermoskanne und Brezen aus dem Tankrucksack und betrachte genüsslich speisend die zackige Linie am Horizont. Alles zu sehen, vom Karwendel im Osten bis zu den Allgäuer Alpen im Westen. Dazwischen verteilt sich ein gutes Dutzend Seen. Langsam wandert mein Finger über die Karte. Im Norden ist der Lech mitunter daumendick eingezeichnet, im Süden nur mehr als ein hauchdünner Faden auszumachen, der irgendwo hinter den Allgäuer Alpen seine Anfänge nimmt.

Allgäu/Lechtaler Alpen (Infos)

Kurvige Strecken ohne Ende – allein beim Blick auf die Karte könnte es einem schwindelig werden. Dieser Teil Deutschlands und Österreichs ist ein idealer Einstieg in die schräge Welt der Alpen.
Anreise
Die schnellste Anreise führt über die A 8 mit Ziel Augsburg. Von dort geht es auf der B 17 (»Romantische Straße«) nach Landsberg. Wer die Tour im Allgäu beginnen möchte, nimmt die A 7 von Ulm nach Kempten und die A 980 und B 19 nach Immenstadt unter die Räder. Da sich in dieser Region viele weitere traumhaft schöne Strecken finden, lässt sich die beschriebene Route natürlich beliebig erweitern. Achtung: Die Mautstraße von Zug ins Lechquellengebirge ist von 8 bis 16.30 Uhr für den Individualverkehr gesperrt. Während dieser Zeit sind dort nur Wandergruppen und Busse unterwegs.

Übernachten
An Hotels und Pensionen herrscht in dieser Region wahrlich kein Mangel. Folgende Unterkünfte sind besonders empfehlenswert: »Gasthof-Hotel Zur Tanne«, Familie Dressel, Immenstadt-Thanners, Telefon 08379/829; www.hotelzurtanne.de. Für die Übernachtung inklusive Frühstück zahlt man pro Person ab 25 Euro. Für längere Aufenthalte stehen auch Ferienwohnungen (für zwei bis vier Personen) zur Verfügung, die Preise liegen zwischen 30 und 50 Euro pro Nacht. Der Wirt fährt selbst Motorrad und gibt Tourentipps. Im österreichischen Warth am Arlberg lässt es sich sehr gut im »Hotel Walserberg« schlafen, Telefon 0043/5583/3502; www.walserberg.at. Für die Übernachtung mit Frühstück werden pro Person ab 30 Euro verlangt. Auch hier versorgt der Wirt seine Gäste mit Tourentipps.

Sehenswert
Zweirad- und Technikfans sollten sich unbedingt die Leichtkrafträder der Marke Imme aus den Nähe anschauen – und zwar im Museum Hofmühle, An der Ach 14 in Immenstadt (Mittwoch bis Sonntag, 14 bis 17 Uhr). Weitere Infos über dieses Fahrzeug gibt es auf den Internet-Seiten des Klubs »Der Imme Schwarm e. V.« unter www.imme-schwarm.de. Der 1997 gegründete Klub veranstaltet jedes Jahr einen Immetag in Immenstadt, wo man die historischen Motorräder in Aktion bestaunen kann. Informationen unter Telefon 08323/95080. In der alten Emmentaler Sennerei in Freibrechts befindet sich eine sehenswerte Privatsammlung historischer Motorräder. Wer höflich nachfragt, darf gerne einen Blick darauf werfen. Winfried Mischler, Telefon 08379/631. Zum »Pflichtprogramm« zählt – logo – der Besuch einiger Schlösser und Kirchen entlang der Romantischen Straße zwischen Landsberg und Füssen. Eine ausführliche Liste der Sehenswürdigkeiten (Neuschwanstein, Hohenschwangau, Wieskirche et cetera) erhält man beim Tourismusverband Allgäu/Bayerisch Schwaben, Telefon 0821/4504010; www.allgaeu.de. An Wochenenden und während der Ferienwochen herrscht allerdings großer Andrang.

Infos über Immenstadt erteilt die GästeInformation Immenstadt, Marienplatz 3, 87509 Immenstadt, Telefon 08323/914176; www.immenstadt.de. Wissenswertes über die jeweiligen Regionen erfährt man bei der Tirol-Werbung in Innsbruck, Telefon 0043/512/5320-350; www.tirol.at, sowie beim Vorarlberg-Tourismus in Bregenz, Telefon 0043/5574/425250; www.vorarlberg-tourism.at.

Literatur
Zum Thema »Allgäu« verschafft der gleichnamige HB-Bildatlas (Nr. 93) für 8,50 Euro einen guten Überblick. Kompakte Infos für den Tankrucksack bietet der Band »Allgäu« aus dem Michael Müller Verlag für 15,90 Euro. Wissenswertes zum Thema Lechtal liefern die HB-Bildatlanten »Oberbayern zwischen Lech und Inn« (Nr. 196), »Vorarlberg« (Nr. 47) sowie »Tirol« (Nr. 174) für jeweils 8,50 Euro. Weitere Tourentipps, die durch die benachbarten Regionen führen, finden sich in den Unterwegs-Bänden des Autorenteams, »Österreich« und »Deutsche Alpen«, aus dem Motorbuch Verlag für je 16 Euro. Die detailliertesten Karten bietet Mayrs mit dem Generalkartenblatt »Österreich 3«,das den Lech von der Quelle bis Schongau und damit fast die Gesamtroute zeigt sowie dem deutschen Generalkartenblatt »Bayern Süd« für den letzten Nordzipfel bis Landsberg. Auf der Falk-Bundesländerkarte »Bayern« (Nr. 12) ist die komplette Tour zu überblicken, allerdings im weniger detailfreudigen Maßstab 1:300000.

Allgäu/Lechtaler Alpen (2)

Foto: Eisenschink
Glücklich wer solche Straßen findet.
Glücklich wer solche Straßen findet.
Voller Ungeduld dirigiere ich die BMW über die Romantische Straße quer durch den Pfaffenwinkel. Die Strecke, zeitweise deckungsgleich mit der Deutschen Alpenstraße, ist mittlerweile wesentlich kurviger, die Landschaft ungemein malerisch. Ich bin gespannt auf den Lech, wie er sich in natura inzwischen entwickelt hat.
Hinter Steingaden überquere ich die Brücke nach Lechbruck.

Die Aussicht auf meinen Begleiter ist ganz okay, doch der ultimative Lech-Blick ergibt sich erst am nahezu karibisch grünen Forggensee – mit Sicherheit einer der Höhepunkte in der Laufbahn des Flusses, der sein aus den Alpen mitgeführtes Gletscherwasser hier zwischenlagert. In der Ferne zeichnen sich zackige Berggipfel ab und darunter das Traumschloss von Bayerns Vorzeigekönig Ludwig II.: Neuschwanstein.,Der Abstecher dorthin gerät allerdings zum Albtraum. Wie im Schlussverkauf durchwühlen Hunderte von Touristen die Souvenirläden nach König-Ludwig-Badehandtüchern und Neuschwanstein-T-Shirts. Noch vor der eigentlichen Schlossbesichtigung flüchte ich vor Deutschlands Top-Touristenattraktion, rolle weiter ins benachbarte Füssen. Eine aparte mittelalterliche Stadt im Windschatten des Schlosses, überall perfekt restaurierte Bürgerhäuser, lauschige Straßencafés und Fassaden mit Lüftlmalerei. Und der Lech mittendrin, aber beruhigt und eingezwängt in ein unwürdiges Kanal-Korsett.
Foto: Eisenschink
Landsberg lockt mit bunten Altstadtfassaden.
Landsberg lockt mit bunten Altstadtfassaden.
Doch schon zwei Ecken weiter stürzt er sich als Wasserfall in eine enge Klamm hinab, in der er kurzfristig verschwindet. Ein letztes Aufbäumen, bevor er auf seinem Nordkurs zur Donau zunehmend in Kanälen und Staustufen domestiziert wird. Der Südkurs in Richtung Quellgebirge erscheint vielversprechender. Schon bald geht es über die österreichische Grenze nach Tirol. Und hinter Reutte, nur gut zehn Kilometer weiter, ist der Lech kaum wieder zu erkennen. In ausgelassenen Schleifen fließt er durch sein breites Kiesbett, schottert kleine Dämme auf, verlegt seinen Lauf offenbar nach Lust und Pegelstand. Auch die Landschaft hat sich verändert. Rundum sind die Berge jetzt höher und zackiger, der erste richtige Pass taucht auf. Als könnte es auch der letzte sein, haste ich mit dem Sporttourer von Serpentine zu Serpentine den Berg hinauf. Mit knapp 1000 Metern bricht der Gaichtpass zwar keinen Höhenrekord, doch Felswände, Schluchten und die gegenüberliegenden Gipfel der Lechtaler Alpen sind plötzlich greifbar nah. Von der Passhöhe noch ein kurzer Blick zurück ins Lechtal, dann brettere ich den Bergen im Tannheimer Tal entgegen. Der Bach kann warten, eine Runde durchs Tiroler-Allgäuer-Grenz-gebiet muss sein.

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