Alpen

Der Traum vom ewigen Kurven

Eine Autobahn verbindet den Vierwaldstätter See mit dem Lago Maggiore. Aber wen interessiert in den Bergen schon eine direkte Verbindung von A nach B?

Foto: Schröder
Alpen-Tour, MOTORRAD 20/2003
Alpen-Tour, MOTORRAD 20/2003
Das Herz der Schweiz ist ein exklusives Refugium – fünf Franken fünfzig für einen Cappuccino sind ein Wort. Normalerweise würde ich dankend auf eine Pause verzichten. Aber dieser Blick auf den Vierwaldstätter See, dessen gekräuseltes Wasseroberfläche fjordartig von Bergen umschlossen wird und von dem man sagt, er sei der schweizerischste aller Seen, weil historisch besonders wertvoll, hat es tatsächlich in sich. Hier präsentiert sich das kleine Alpenland bis zur Perfektion arrangiert.

Längst verstaubtes Schulwissen kommt einem in Erinnerung. Die nahe Rütli-Wiese, das Schweizer Heiligtum par excellence, weil hier vor über 700 Jahren die Eidgenossenschaft gegründet wurde, um sich ein für alle mal der leidigen Fremdherrschaft zu entledigen. Schiller war’s, der dann aus diesem Stoff mit seinem „Wilhelm Tell“ – sozusagen der Robin Hood der Alpen – einen Schweizer Heldenepos gestrick hat. Ich hab’s nur noch schwach in Erinnerung. Ist schon eine Weile her. Hier kennt man den Schmöker garantiert auswendig.
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Foto: Schröder
Alpen-Tour, MOTORRAD 20/2003
Alpen-Tour, MOTORRAD 20/2003
Zurück auf die Straße. Entlang am Ostufer des Sees. Weggis, Brunnen, Sisikon, Altdorf. Fantastische Wohnlagen hoch über dem Wasser, private Strände, luxeriöse Hotels, teure Autos, schnelle Boote. Alles piekfein. Und über allem herrscht eine vornehme Ruhe. Ähnlich mondän wie am weiter südlich gelegenen Lago Maggiore. Rund 80 Kilometer sind’s von Ufer zu Ufer. Luftlinie, versteht sich. Auf der praktisch schnurgeraden Autobahn, na ja, fast zumindest, wäre diese Strecke in einer guten Stunde machbar. Die Alternative: eine Auswahl aus der Oberliga der Bergstraßen, die in diesem Teil der Alpen praktisch direkt ineinander übergehen. Eilige würden allein beim Blick auf die Karte dem Wahnsinn verfallen – auf meiner Route wird man wohl erst in zwei Tagen im italienischen Badeort Cannobio aufschlagen. Aber genauso habe ich mir die Sache vorgestellt. Kurven und Kehren fahren bis zum Anschlag.

Südlich von Altdorf steigt die Strecke erstmals an. Anfangs kaum spürbar, schließlich ziemlich flott durchs Tal der schäumenden Reuss bis nach Wassen. Hier rechts ab, und – hoppla – gleich die ersten engen Kehren: die Ostrampe des Sustenpasses. Ab jetzt geht’s quasi senkrecht auf einer in den schrägen Fels gemeißelten Trasse nach oben. Gewaltige Wasserfälle rauschen über hohe Stufen im Stein, verzweigen und vereinen sich, bilden feine Sprühnebel, in denen sich das Licht der Sonne in vielen Farben bricht. Weiter oben glänzen vereinzelte Schneefelder.

Alpen (Infos)

Die Schweizer Alpen sind ein fantastisches Terrain zum Kurvenräubern. Besonders toll: die Region südlich des Vierwaldstätter Sees, wo sich gleich einige der höchsten Bergstraßen aneinander reihen.
Anreise
Der Vierwaldstätter See ist über mehrere Autobahnen (Vignettenpflicht) schnell zu erreichen. Ab Basel führt die A 2 nach Luzern; wer aus Richtung Winterthur kommt, peilt Zürich an und gelangt auf der A 4 (einfach in Richtung Gotthard halten) nach Küssnacht, das direkt am See liegt. Deutlich mehr Fahrspaß bieten ab der Schweizer Grenze natürlich die Nebenstraßen. Auf ihnen spart man auch die Gebühr für die Vignette, die 26,50 Euro kostet.

Reisezeit
Wer kann, sollte den Ferienmonat August und die langen Wochenenden (Pfingsten oder 1.Mai) meiden – da bleibt aufgrund des vielen Verkehrs der Fahrspaß garantiert auf der Strecke. Ab Juni, manchmal auch schon im Mai, sind die meist über 2000 Meter hohen innerschweizer Pässe nach der Wintersperre wieder für den Verkehr freigegeben. Für viele Alpenfans sind allerdings September und Oktober, wenn sich bereits das Laub verfärbt, die schönste Zeit für eine Pässerunde. Spätestens ab November herrscht auf den im Text beschriebenen Pässen Winterpause.

Unterkunft
Hotels und Pensionen finden sich im gesamten Alpenraum praktisch in jedem Ort. Motorradfahrer werden überall heftig umworben. Wer nicht gerade mit einer größeren Gruppe im August unterwegs ist, braucht nicht zu reservieren, sondern kann sich je nach Lust und Laune (und Müdigkeit) überall problemlos ein Zimmer suchen. Leider ist die Schweiz ein teures Pflaster – unter 60 Franken für ein Einzelzimmer geht kaum was. Der Tipp: »Hotel Hof & Post« in Innertkirchen, das zwischen Susten- und Grimselpass gelegen ist. Ein Einzelzimmer kostet pro Nacht ab 60 Franken. Mit schattigem Biergarten, wirklich guter Küche und einem speziellen Übernachtungsangebot für Motorradfahrer (zwei Übernachtungen mit Halbpension 100 Franken pro Person); Telefon 0041/33/9711951; Internet: www.hotel-hof-post.ch. Weitere von Motorradfahrern empfohlene Hotels finden sich in der »Angenehmen Ruhe« (siehe nächste Seiten). Allgemeine Infos: Schweiz Tourismus, Telefon 069/2560010; Internet: www.schweiz-tourismus.de.

Literatur
Nach wie vor die Bibel jedes Alpenfans: »Der große Alpenstraßenführer« aus dem Hause Denzel, 21. Auflage. Darin werden sehr detailliert beinahe sämtliche Alpenstrecken beschrieben, ISBN 3850477630, für 36 Euro. Tankrucksackgerechter ist die kleinere Ausgabe »Ostalpen« mit 75 Rundfahrten im mittleren wie im östlichen Alpenteil, ISBN 3850477614, 34 Euro. Für Alpenreisen top-informativ sind die Ausgaben der MOTORRAD Edition Unterwegs für je 16 Euro. Während sich die drei ersten Alpen-Bände jeweils durch möglichst viele Anrainerstaaten arbeiten, legen die jüngsten Werke »Österreich« und »Deutsche Alpen« einen begrenzten Focus. Einfacher gemacht ist der handliche Band »Alpen – der Westen« aus der Serie Traumstraßen Tour Guide von Louis für 9,95 Euro. Darin werden kurz und knapp zehn Alpentouren beschrieben. Für Digital-Freunde gibt’s den »MOTORRAD Tourenplaner 2003/2004« mit den schönsten Strecken im gesamten Alpenraum. Kartenausdrucke sind von selbst geplanten Touren oder von 350 Vorschlägen möglich. Für 39,95 Euro unter www.motorradonline (Shop) zu bestellen.Die besten Karten für die Tour: Shell Euro-Karte »Schweiz« im Maßstab von 1:303000 plus Generalkarte »Oberitalienische Seen, Mailand, Turin« in 1:200000.

Alpen (2)

Foto: Schröder
Alpen-Tour, MOTORRAD 20/2003
Alpen-Tour, MOTORRAD 20/2003
Kurz vor dem 2224 Meter hohen Pass ein Tunnel, direkt hinter dem Ausgang das obligatorische Restaurant sowie ein riesiger Parkplatz. Aber leider kein Panorama, das auch nur ansatzweise zum Halten lockt. Rund 300 Meter weiter haut’s mich in der ersten Bergabkehre dagegen fast aus dem Sattel der BMW Rockster, so gewaltig präsentieren sich das Sustenhorn und der grelle Eisstrom des Steingletschers, dessen Schmelzwasser dort einen grauen See gebildet hat. Ein Bild der Superlative, das sich vor diesem ultrabreiten Lenker erstreckt – und in das die Straße mitten hinein führt.

Bis Innertkirchen lasse ich die BMW relativ gelassen bergab rollen, gönne mir eine kurze Pause, bevor der Asphalt durch ein immer unwirtlicher werdendes Tal erneut gen Himmel strebt. Rechts, links, rechts – der Grimselpass kommt ziemlich schnell zur Sache. Einfach fantastisch, dieser verwinkelte Verlauf, der mich ruck, zuck wieder in hochalpines Terrain katapultiert. Ich passiere von einstigen Eismassen blank geschliffene Granitformationen, dann den ersten Stausee, den Räterichsbodensee, kurz darauf den Grimselsee, über dem auf einem Felsen das gleichnamige Hospitz wacht. Was für eine Wohnlage!
Foto: Schröder
Alpen-Tour, MOTORRAD 20/2003
Alpen-Tour, MOTORRAD 20/2003
Leider sind’s ab hier nur noch vier Kehren bis zur Passhöhe auf 2165 Metern. Schade, war gerade so richtig in Schwung. Doch der Blick zurück ist eine Offenbarung. Ich schaue auf eine granitene Welt am Fuße des 4274 Meter hohen, verschneiten Finsteraarhorn und ein Stück weiter unten auf die beiden grün leuchtenden Seen. Der spektakuläre Verlauf der Strecke ist gut auszumachen – an Wochenenden geht’s hier garantiert äußerst hektisch her. Dagegen sind mir nicht mehr als zwei Hand voll Motorradler in der letzten Stunde entgegengekommen. Mitten in der Woche scheint die Strecke kaum jemanden zu locken. Ich hab’s noch gut in Erinnerung. Anfang Mai in den Dolomiten. Die Straßen verstopft bis zum Gehtnichtmehr. Da habe ich mir zum xten Mal geschworen, die Wochenenden in den Alpen zu meiden.

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