Ardennen

Grüne Welle

Wellig sind sie. Grün sind sie. Und freie Fahrt hat man auf den kleinen Landstraßen der Ardennen allemal.

Wo sind denn nun die Berge? Während ich die BMW F 650 GS von Neufchâteau Richtung Süden dirigiere, streift mein Blick über weitläufige Weiden und schwach gewellte Wiesen, die höchstens mal eine Kuppe zustande bringen. Aber Berge? Nicht, dass der Weg nach Suxy langweilig wäre, nur stellt man sich unter einer Mittelgebirgslandschaft gemeinhin etwas anderes vor.Doch dann passiert’s: In unerwarteten Schlenkern stürzt die Straße zu Tal. Runter ans Ufer der Semois. Und mit einem Schlag dämmert mir wieder, was ich im Reiseführer eilig überflogen hatte: »Die Ardennen bilden ein Hochplateau, das zerfurcht ist von tiefen, windungsreichen Flusseinschnitten.« Ein Mittelgebirge auf den zweiten Blick sozusagen, nämlich erst von der Talsohle aus betrachtet. Genau. Vom Semoisufer ragen steile Hänge empor, überwuchert von Farnen, wilden Blumen und Bäumen. Ein Kajakfahrer flitzt vorbei, hebt gut gelaunt die Hand zum Gruß. Ein bisschen neidisch winke ich zurück, denn eine Straße entlang dieses verschlungenen Flussabschnitts gibt es nicht. Mir bleibt nur die Schleife über Chiny, Florenville und die breite N 83.Vor lauter Ungeduld, so schnell wie möglich an die Semois zurückzukommen, verpasse ich fast den winzigen Abzweig bei St. Cecile. Die Fahrbahn bohrt sich mitten durchs Schiefergestein, führt in dunkle, von Vogelgezwitscher durchdrungene Wälder, erschließt kleine Ortschaften wie Herbeumont, Auby und Les Hayons, wo die Menschen in massiven Steinhäusern unter schiefergedeckten Dächern wohnen. Als ich Bouillon erreiche, geht gerade ein finsteres Wolkenbataillon in Stellung und riegelt das Tal binnen Minuten von oben her hermetisch ab. Vielleicht lag es an der mitunter düsteren Dramatik dieser Landschaft, dass Gottfried von Bouillon im Jahr 1096 seine Burg verpfändete und an der Spitze eines 20000 Mann starken Heeres den ersten Kreuzzug gen Jerusalem startete. Eine Rundfahrt durch die engen Gassen seiner Heimatstadt gleicht einem Trip durchs Mittelalter. Von der Hotelfassade des Relais Godefroy schaut ein Abbild Gottfrieds nachdenklich über den Fluss, wo Touristen auf bunten Kunststoffschwänen über die Wellen schaukeln. Im Restaurant Au Soleil Levant suche ich Zuflucht vor dem einsetzenden Regen.Kräuterchampignons gefüllt mit Schnecken an Wildreis, Schnitzel von der Entenleber im Salatbouquet – schon der Blick auf die Speisekarte lässt ahnen, dass Belgien mit dem benachbarten Frankreich auf kulinarischem Terrain knallhart konkurriert. Und nicht nur da. Auch was historische Bauwerke angeht, versuchen sich die beiden Länder zu überbieten. Während Bouillon mit der größten Burg Belgiens wirbt, kontert Frankreich mit der größten Festung Europas, drüben im Département Champagne-Ardennes, nur einen Steinwurf entfernt.Sedan: Welch ein Kollos! Mit bis zu 30 Meter dicken Mauern nimmt das gigantische Bollwerk eine Fläche von 35000 Quadratmetern ein. Was einmal eine überschaubare, mittelalterliche Burg war, wurde über die kriegsgebeutelten Jahrhunderte zur monströsen Festungsanlage ausgebaut. Sedan hat viel gesehen – vom Schwertergeklapper der Ritter bis zu den Panzern des 20. Jahrhunderts. Erschlagen vom Anblick des wuchtigen Bauwerks, rausche in die Wälder, zurück an die Semois.Eine Kehre nach Osten, eine Kapriole nach Westen – wie ein Harlekin tanzt der Fluss durch Wald und Wiesen. Die BMW und ich tanzen mit. Gelangen so abermals über die belgisch-französische Grenze und über Thilay auf die Straße der Legenden. Skurrile Schieferfelsen ragen über den Fahrbahnrand, mutieren in meiner Phantasie zu versteinerten Figuren. Zeugen längst vergangener Tage, als hier nich Bären, Wölfe und Auerochsen durchs nebelverhangene Dickicht streiften.Bei Monthermé mündet die Semois schließlich in die Maas, an deren Ufer ich mich weiterspülen lasse bis Revin. So muss sich Gulliver bei seiner Ankunft im Land der Riesen gefühlt haben: Die Berge rücken auseinander – schaffen Platz für ein breites Tal, einen breiten Fluss und eine kaum minder breite Nationalstraße. Die Hänge rundum sind gespickt mit prächtigen Belle-Epoque-Villen, deren Bewohner das geschäftige Treiben auf dem Wasser überblicken. Neben riesigen Frachtkähnen schippern Kanus, Motorboote und Ausflugsschiffe umher. Keine Frage, der Ardennen-Tourismus ist zu Wasser weit stärker ausgeprägt als auf dem Lande.Und weil alle Boot fahren, hat die BMW Platz zum Laufen. Der Weg ist frei, führt mich nonstop über Givet ins belgische Dinant, dessen efeubewachsene Häuser und Kirchen auf engstem Raum zwischen Ufer und schier senkrecht aufragenden Steilwände verkeilt sind. Ganz oben, an der Abbruchkante des Felsmassivs, hockt die mächtige Zitadelle – Aushängeschild Dinants, das den traurigen Rekord hält, seit dem Mittelalter die am häufigsten zerstörte Stadt Europas zu sein. Ein paar Kilometer weiter südlich holt mich die Gegenwart wieder ein: Kess spuckt die Lesse bei Anseremme ein buntes Knäuel Kanufahrer in die Maas. Ich beschließe das kleine Seitental zu erkunden, rolle auf einem kaum fahrzeugbreiten Sträßchen am Schloss von Walzin vorbei, schraube mich hoch, bis Dinant wie eine Bauklötzchenstadt aus der Vogelperspektive erscheint, und in exzellenten Kurven hinunter nach Celles.Mit der anbrechenden Dunkelheit ist es kalt geworden. Als ich die wuchtige Holztür eines alten Gasthofs öffne, gerät der allgemeine Gesprächsfluss für einen Moment ins Stocken. An die zwanzig Augenpaare richten sich auf mich. Fremde schneien hier offensichtlich selten herein. Der Raum ist urgemütlich: Wände aus Naturstein, unbehandelte Holzbalken, im offenen Kamin knistern die Scheite. Eine Atmosphäre wie in einem britischen Pub. Die Menüauswahl hingegen zeugt vom feinsinnigen »savoir-vivre« der wallonischen Lebensart. Ich bestelle Muscheln in »sauce provencale«, während draußen ein eisiger Wind durch die Baumkronen pfeift.Zwei Ecken von hier lockt das Château de Vêves. Mit seinen schiefergedeckten Türmen zählt es zu den schönsten Schlössern der Ardennen. Von dort führt mein Weg ins 50 Kilometer entfernte Tal der Ourthe – an Flüssen herrscht hier wahrlich kein Mangel. Genauso wenig an Legenden. Nahezu jeder Ort hat seine eigene »sagenhafte« Geschichte. La Roche-en-Ardenne beispielsweise garantiert den allabendlichen Auftritt eines freundlichen Burggespensts. Sofern kein Regen angesagt ist. Als ich die F 650 ins Zentrum des Ourthe-Städtchens bugsiere, warten unterhalb der moosbewachsenen Ruine bereits die Schaulustigen. Berthe, das Gespenst, erklärt mir ein älterer Herr, sei die ermordete Tochter eines Burgherren von La Roche. Gleich müsse sie erscheinen. Doch Berthe ist offenbar unpässlich. Kein Wunder – wurde für heute Nacht doch ein Gewitter prophezeit. Ich gewähre der Guten noch ein paar Minuten... Nichts.Um meine unbefriedigte Neugier zu stillen, starte ich einen Schaufensterbummel. Zu sehen gibt’s Auslagen von Metzgereien. Oder besser: von pompösen Fleisch- und Wurstsalons. Als besondere Delikatesse gilt der seit dem 13. Jahrhundert gerühmte Jambon d’Ardenne. Ein Schinken, der nach Thymian, Buchen- und Eichenholz duftet. Zwischen edlen Pasteten und präparierten Schweinsköpfen wird er zur Schau gestellt wie die englischen Kronjuwelen. Ich kann nicht widerstehen, leiste mir eine transportgerechte Keule für den kleinen Hunger zwischendurch.Und der überfällt mich jetzt immer öfter, weil die Wursteinlage im Tankrucksack Platz gefunden hat. Den Schinkenduft gewürzten Fahrtwind in der Nase geht es hinauf aufs Ardennen-Hochplateau, dann wieder hinab ins Tal der Ourthe, wo die Feuchtigkeit über den Baumwipfeln aufsteigt wie im Nebelwald. Mit Houffalize erreiche ich die nächste Geisterstadt, nur dass hier keine liebenswerte Berthe erscheint, sondern das Gespenst des 2. Weltkriegs. Am 6. Januar 1945 wurde Houffalize durch amerikanische Luftangriffe zu 99 Prozent ausradiert. Heute spielen Kinder am Platz Roi Albert auf einem Panzer der deutschen Wehrmacht.Über die N 30 und N 85 brause ich nach Luxemburg, folge dort dem Tal der Sauer nach Esch-sur-Sûre und schlage mich auf winzigsten Wegen nach Belgien zurück. Wiltz, Clervaux, Breidfeld. Das grüne Herz Europas werden die Ardennen genannt. Mit Recht. Seit Stunden streife ich nichts als Wälder, Wiesen und Flusslandschaften. Hier ein Dorf, da eine Kuhherde, dort eine Wandergruppe. In dieser ländlichen Idylle wirkt die kleine Casino- und Bäderstadt Spa so verwegen wie Las Vegas in der Wüste. Ob König, Kaiser, Zar oder Schah – bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts zockte und kurte hier die High Society. Und noch immer werden die Croupiers von Monte Carlo in der hiesigen Croupierschule ausgebildet. Schade, dass mein Outfit so gar nicht zu den Stöckelschuhen, Pelzmänteln und kunstvoll frisierten Yorkshire Terriern passen will, die an die Roulette-Tische stolzieren. Allerdings zeichnet sich auch unter freiem Himmel ein spannendes Glückspiel ab. Von Westen her naht eine Gewitterfront, die Chance, trocken zu bleiben, beträgt nicht mal 50 Prozent.Ich setze alles auf Rot und auf die 50 PS meiner Begleiterin, wage noch einen Schlenker über Jalhay durchs Hohe Venn. 4000 Hektar Moor – Belgiens Antwort aufs schottische Hochmoor. Die mittlerweile gespenstischen Lichtverhältnisse rufen Szenen aus dem Kinoklassiker »American Werewolf« in mir wach. Getrieben von den tiefschwarzen Wolken, jage ich über die Hochebene, als sei der Leibhaftige hinter mir her. Linker Hand fliegt die Botrange vorbei, mit rund 700 Metern höchster Punkt Belgiens und der Ardennen.Malmédy, Autobahn, schnell Richtung Südost, aber es reicht nicht mehr. Der große Regen holt mich ein, trommelt wütend gegens Visier und spält mich fast von der Straße. Ich leide – jedoch ohne zu klagen: Irgendwoher muss das üppige Grün und das viele Flusswasser dieser Landschaft ja kommen.
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Infos - Ardennen

Kleinste Straßen, dunkle Wälder, lebhafte Flüsse, geschichtsträchtige Orte. Eine Motorradtour durch die Ardennen verbindet Fahrspaß und ein Naturereignis der besonders grünen Art mit einer spannenden Reise in die Vergangenheit dreier Länder: Belgien, Frankreich und Luxemburg.ANREISEVon Nordosten empfiehlt sich die Anreise auf der A 48 und der A 1 Koblenz-Luxemburg. Alternativ geht’s über Bitburg auf die A 60 nach Sankt Vith oder Malmédy in Belgien. Wer von Süden kommt, nimmt die französischen A 4 von Strassbourg nach Metz und von dort die A 31 nach Luxembourg. Von Südosten gelangt man über die A 8 Neunkirchen-Saarlouis-Merzig über Remich nach Luxemburg und auf der A 4 weiter ins belgische Neufchâteau.ÜBERNACHTENCampingplätze, Pensionen und Hotels sind reichlich und in allen Preisklassen vorhanden. Die jeweiligen Fremdenverkehrsämter (siehe unten) versenden umfangreiche Unterkunftsverzeichnisse. Urgemütlich fanden wir die Auberge de la Lesse, 1, Gare de Gendron, Gendron-Gare, Telefon 0032/82/667302, Fax -/667615. Das Doppelzimmer mit Frühstück kostet rund 50 Mark pro Person. Chic ist man im Hôtel Cap au Vert in Grandvoir untergebracht. Telefon 0032/61/279767, Fax -/279757, Internet: www.capauvert.be. Doppelzimmer mit Frühstück ab etwa 100 Mark pro Nase.SEHENSWERTDie Ardennen sind ein Eldorado für Burgen- und Schlösserfans. Unbedingt anschauen sollte man sich die imposante Burg von Bouillon. Sie war Sitz von Gottfried von Bouillon, der als Anführer des ersten Kreuzzugs in die Geschichte einging. Auskünfte unter Telefon 0032/61/466257, Fax -/468285. In der Abteilung »Gottfried von Bouillon« im Musée Ducal gibt es unter anderem Kunstschätze aus dem Morgen- und Abendland und Nachbildungen mittelalterlicher Waffen zu sehen. Info-Telefon 0032/61/464189. Ebenfalls sehenswert ist Sedan, mit 35000 Quadratmetern die größte Festungsanlage Europas. Mittels Multimediashow wird dort Geschichte spannend und lebhaft dargeboten. Auskünfte unter 0033/24/273393. Weniger bombastisch, jedoch nicht minder beeindruckend: das Château de Vêves bei Celles, Telefon 0032/82/666395 oder -93.LITERATURJede Menge Hintergrundinfos zu Land und Leuten findet man im »Reisebuch Ardennen« aus dem Meyer & Meyer Verlag für 29,80 Mark. ISBN 3-89124-493-2.Karten: ADAC Länderkarte »Belgien/Luxemburg«, Maßstab 1:300000, 12,80 Mark. Shell Eurokarte »Belgien, Luxemburg«, Maßstab 1:250000, 14,80 Mark. Generalkarte »Belgien/Luxemburg«, Maßstab 1:200000, 16,80 Mark.AUSKUNFTAllgemeines Infomaterial erhält man beim Belgischen Verkehrsamt, Berliner Allee 47, 40212 Düsseldorf, Telefon 0211/864840, Fax 134285, e-mail infobelgien@t-online.de, Internet www.belgien-tourismus.net. Weitere Infos gibt’s beim Luxemburgisches Verkehrsamt, Bismarckstraße 23 - 27, 41061 Mönchengladbach, Telefon 02161/208888, Fax -/274220 und beim Französisches Fremdenverkehrsamt, Maison de la France, Westendstraße 47, 60325 Frankfurt/M., Telefon 0190/570025, Fax -/599061

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