Bodensee-Hinterland

Mit 17 hat man noch Träume ...

... die heute in Form genial bollernder Youngtimer aus den 70er Jahren die Uhren rückwärts drehen.

Foto: fact
Auf Kurs Südost segelt die Honda durch die Landschaft, die im Stundenrhythmus wechselt
Auf Kurs Südost segelt die Honda durch die Landschaft, die im Stundenrhythmus wechselt
Ein Blick zurück, in die Motorradszene vor 35 Jahren. Die Luft zittert und bebt, ein schwarzer Punkt rast kometengleich über die Zielgerade der alten Solitude-Rennstrecke und – wrrrooooaaaaam – vorbei. Eine Hand voll junger Burschen in Lederjacken und Schlaghosen stürzen sich hektisch auf ihre 50er-Mopeds, jagen helmlos und mit wehenden Klamotten hinterher. Die Maschine muss man gesehen haben. Knisternd steht
die glühend heiße Honda CB 450 einen halben Kilometer weiter am Motorrad-Treffpunkt, ein Mann in schwarzem Leder zieht sich das Mundtuch vom Gesicht und grinst zufrieden. Die Buben, im sonstigen Leben eine rotzfreche Bande, beäugen die funkelnde Honda stumm und ehrfurchtsvoll. „Geht bestimmt über 200“, flüstert der Chef. „Bestimmt!“ stimmt die Clique zu. „Aber kostet vermutlich auch einen Haufen Kohle“, beendet der Häuptling die Schwärmereien, und die 50er-Horde kreischt davon. Frühjahr 2003. Inzwischen schaffen die aktuellen Sport-Kometen 200 km/h bereits im zweiten Gang. Und für 3495 Mark beziehungsweise 1787 Euro, die eine CB einst kostete, gibt’s im Baumarkt vielleicht eine zusammengenagelte 125er, aber kein richtiges Motorrad. Dafür boomt der Youngtimer-Markt, und so mancher sieht sich verführt, den Jugendtraum noch mal zu träumen und sich für ein paar hundert Euro die Garage mit altem Eisen voll zu stopfen.
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Foto: fact
„Des do sin die Allerbeschde“, ein badischer Bauer über seine knackigen Bodensee-Äpfel.
„Des do sin die Allerbeschde“, ein badischer Bauer über seine knackigen Bodensee-Äpfel.
„Verkaufe Honda CB 450 K in Teilen, guter Zustand.“ Drei, zwei, eins – meins! Stunden später ist der VW-Bus voll bis unters Dach mit öltriefenden Weinkisten und muffligen Pappkartons. Drinnen eine bunte Teilemischung, nicht mehr alles zu gebrauchen, für den Müll jedoch zu schade. Die nächsten Jahre wird sie jedes freie Regal belagern. Zwischen zerfledderten Sitzbänken und vermurkstem Getriebeschrott finden sich gerade so viel Brocken, um eine komplette Honda CB 450 zusammenzubasteln. Ob K0, K1 oder K2 – der Überblick geht in dem Wirrwarr irgendwann verloren. Ist auch wurscht! Hauptsache CB 450. Eine, die so losdonnert, wie der schwarze Komet von damals.
Nach unzähligen Stunden putzen, scheuern und basteln steht der einstige Schrottplatz schwarz und glänzend auf den Rädern. Die rostrote Brühe aus dem Tank mit 15 Litern frischem Schnaps verdünnt, Rucksack auf und ab die Post. Ob das gut geht? Mit dem ausgeleierten Steuerkettenspanner? Und diesen riefigen Nockenwellen, die so manche ölfreie Stunde hinter sich haben? Egal jetzt, das hält! Oder doch vorsichtshalber noch mal die Unterbrecher kontrollieren? Dann der morsche Kabelstrang zur Lichtmaschine – ob da überhaupt noch Saft durchgeht? Schluss mit Schwarzmalerei, läuft doch spitzenmäßig. Beim ersten Ausdrehen rotzt der Motor noch eine Fontäne aus rostigem Staub und Ölkohle brüllend aus den Schalldämpfern – oder dass, was nach 35 Jahren davon übrig geblieben ist. Siehe da, das laute Tickern ist weg und der Leerlauf stabil. CB is back.

Bodensee-Hinterland (2)

Foto: fact
Eine, die die Milch macht: gemütliche Allgäuer Kuh im Kontakt mit hektischem Städter.
Eine, die die Milch macht: gemütliche Allgäuer Kuh im Kontakt mit hektischem Städter.
Mit jedem Kilometer spult die Honda die Zeit zurück. Aufrecht hinterm verchromten Lenker, die ausgebleichten Instrumente im Blick, läuft der Film. Einer, den man sich in aller Ruhe reinziehen sollte. Ohne Hektik, ohne Stress. Bei den sieben Hegaubergen, fest in badisch-alemannischer Hand, tauchen wir ab ins Land hinter dem Bodensee. Dem See, wo man sich in den Fußgängerpassagen auf die Füße tritt, in überteuerten Straßencafes den Cappuccino mit Sahne serviert bekommt und man sich in langen Schlangen zur Abfertigung an Fahrkarten-Schaltern und Pommes-Buden die Zeit stehlen lässt.
Dreißig Minuten nördlich davon segelt die Honda auf Kurs Südost durch Landschaft und Kultur, die im Stundenrhythmus wechseln. Die Silhouette von Hohentwiel und dem mächtigen Hohen Stoffel im Rücken, kraxelt der alte Twin aus dem idyllischen Wasserburger Tal auf die Hügelkette um Heudorf im Hegau, unseren ersten Aussichtspunkt. Hat man jetzt das Glück eines glasklaren Föhntages, trifft einen der Schlag. Aufgezogen wie im Breitwand-Kino spannen sich die Schweizer Alpen über den Horizont. Die fast kitschige Postkartenidylle wird uns die nächsten vierhundert Kilometer begleiten. Zwar in ständigem Wechsel von Licht und Perspektive, aber auf jedem Höhenzug in Sichtweite.
Karte: Mairs Geografischer Verlag/Renate Maucher
Zeitaufwand: zwei Tage<br>Streckenlänge: zirka 420 Kilometer
Zeitaufwand: zwei Tage
Streckenlänge: zirka 420 Kilometer
Übers Kurvenkarussell geht’s nach Honstetten, weiter nach Reute Richtung Osten. Wer’s beim Kartenlesen raus hat, fährt sich hier schwindelig. Passt klasse zur alten CB, die auf den langweiligen Bundestraßen nix zu suchen hat. Bei der Pirsch auf kleinsten Wegen geben nun nur noch Sonnenstand und der innere Kompass die Richtung vor. Und die Gewissheit, dass Straßen bis 3,5 Tonnen auch nach Rom führen. Nur eben nicht direkt und in kürzester Zeit. Sondern
beispielsweise über Hecheln, Münchhöf, Mahlspüren. Hurtig die lärmende B 14 überquert, verschwinden wir Richtung Hohenbodman. Aussicht Nummer zwei, die Alpen sind noch da, allerdings vom Dunst des Bodensees leicht verschleiert.
Die Honda fühlt sich wohl. Das Motoröl bleibt, wo es hingehört, die Vergaser haben aufgehört zu sabbern, und der Steuerkettenspanner spannt, was das Zeug hält. Ein Tritt, und wir setzen unsere Reise fort. Kopfüber hinab nach Ernatsreute, über Frickingen auf den Heiligenberg. Schöne Kurven, aber leider versperrt von fetten Reisebussen. Keine drei Kilometer weiter finden wir, was wir suchen. Ruhe in Betenbrunn. Das Örtchen hat alles, was man braucht: Kirche, Kneipe, Kaffee, Kuchen. Und den höchst empfehlenswerten Landgasthof zur Post. Für uns zu früh, der Tag hat noch ein paar Stunden parat.

Bodensee-Hinterland (Infos)

Wer das Hinterland des Bodensees bis in den letzten schönen Winkel entdecken möchte, muss die Hauptrouten meiden und seine Fahrt über die kleinen Wege und Landstraßen lenken.
Anreise
Wo man in die Runde einsteigt, ist unwichtig. Entweder im östlichen Routenabschnitt an der A 98 Memmingen–Lindau, Autobahnausfahrt Weißensberg/Lindau. Oder im westlich Teil, wo die A 81 Stuttgart–Singen mit der Autobahnausfahrt Engen den optimalen Einstieg bietet.

Übernachten
Auf der gesamten Strecke finden sich genügend Hotels und Landgasthöfe. Folgende Unterkünfte sind zu empfehlen: Landgasthof Zur Post in Betenbrunn, Telefon 07554/9988-0; Montfort-Schlössle in Lindau-Streitelsfingen, Telefon 08382/72811; Traube in Kreenheinstetten, Telefon 07570/440; Adler in Inneringen, Telefon 07577/546; Berggasthof Höchsten, Telefon 07555/2100; Zur Brücke in Rechtenstein/Donau, Telefon 07375/257; Gasthof Blankbräu in Zwiefaltendorf/Donau, Telefon 07373/7322; Zum Schwanen in Andelfingen, Telefon 07371/78643; Gasthof Rossknecht in Deggenhausen, Telefon 07555/11. Die Preise pro Übernachtung mit Frühstück liegen zwischen 18 und 45 Euro.

Literatur
Einen guten Überblick bietet die Generalkarte Großblatt 6 »Baden Württemberg«. Um die kleinen Straßen zu finden, sind Fahrradkarten empfehlenswert, beispielsweise die Bodensee-Radkarte der Bielefelder Verlagsanstalt BVA im Maßstab 1:50000 oder die Radwanderkarte des Landesvermessungsamtes Baden Württemberg, Blatt 52/Bodensee im Maßstab 1:100000.

Sehenswert
Neben unzähligen Kirchen und Klöstern, können technisch interessierte Motorradfahrer dem kleinen Technik-Museum auf dem Bussen einen Besuch abstatten. Dort sind einige alte Motorräder und Traktoren, vor allem aber Werkzeugmaschinen zur Motorenherstellung aus dem 19. Jahrhundert ausgestellt.

Das Motorrad
Die Honda CB 450 K, Baujahr zirka 1969/70, wurde aus mehreren Maschinen und vorhandenen Einzelteilen zusammengebaut. Leistung zirka 40 PS aus einem Doppelnocken-Motor mit Drehstab-Ventilfedern. Preis für ein fast komplettes Motorrad: zirka 500 Euro. In etwa 100 Arbeitstunden komplettiert und in einen fahrbaren Zustand versetzt.

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