Denzel-Alpenführer

Wenn der Berg ruft

Über die Alpen sind viele Bücher und noch mehr Reisegeschichten geschrieben worden. Echten Alpen-Fans ist das völlig egal. Sie vertrauen bei der Suche nach Pässen nur dem »Denzel«. Und das bereits seit 44 Jahren.

Anfang der achtziger Jahre. Meine erste Alpen-Endurotour. Mein Gott, war ich aufgeregt. Tremalzo, Pasubio, Chaberton und die vielen Wege und Pisten drumherum. Sozusagen die Traumziele aller Enduristen, die heute alle gesperrt sind, weil völlig überlaufen. Damals aber, als entsprechende Reiseberichte noch Mangelware waren, fanden nur wenige die Wege dorthin – und oftmals nur mit Hilfe eines Buchs: dem »Denzel«, wie der gelbblau eingebundene »Große Alpenstraßen Führer« der Einfachheit halber schon immer genannt wird.
Hält man zum ersten Mal einen Denzel in der Hand, verschlägt es einem schlicht den Atem. Auf 560 Seiten Infos über rund 600 Pässe in den Alpen zwischen Wien und Nizza, egal ob Asphalt oder Schotter. Damit geriet schon die Routenwahl zum Abenteuer. Stundenlang konnte ich mit dem Denzel in der Hand sitzen und die Streckenbeschreibungen studieren. Keine Literatur, sondern Infos pur. Ohne jeglichen Schnickschnack. Dafür die genaue Anzahl der Kehren, Steigungsmaxima, Höhenangaben, anfahrbare Aussichtspunkte, Bilder von im Fels geparkten Enduros oder Geländewagen und – quasi mein Lieblingskriterium für die Streckenwahl – die »Denzel-Alpenstraßen-Skala«: eine Enteilung in Schwierigkeitsgrade von SG 1 bis SG 5. Letzteres steht für »Sehr schwierige und gefährliche Strecke, Benutzung auf eigene Gefahr!«. Meine Favoriten.
Juni 2000. Seit einem halben Jahr liegt der aktuelle Denzel auf meinem Tisch – die inzwischen 20. Ausgabe. Nummer eins erschien 1956 und hieß damals noch »Autoführer der Hochalpenstraßen«. Der Verfasser: der Tiroler Alpen-Fan Eduard Denzel. Ständig in der Bergen unterwegs, zählte er akribisch die Kehren der einzelnen Pässe, maß Steigungen, notierte Straßenzustände, Öffnungszeiten und Wintersperren, zeichnete Höhenprofile sowie Karten und schrieb auf, was man wo zu erwarten hat. Das war genau der Stoff, auf den man in den 50er Jahren gewartet hatte: die Alpen entpuppten sich als absolutes Wunschziel, egal ob zu Fuß, per Auto, Motorrad oder Fahrrad.
Eine Leseprobe aus dem Jahr 1956 ? »Der Autotourist benützt die Furkastraße mit Vorliebe auf seinem Weg nach dem sonnigen Süden durch Einbeziehung der lohnenden Dreipässe-Fahrt Furka-Grimsel-Susten in die Gotthardroute (Umweg 92 km)...In Realp beginnt die Steigung der Straße mit neun Kehren...Zudem liegen die maximalen Steigungen von 10 Prozent hauptsächlich in den engen Kehren, welche einen empfindlichen Abfall der Motordrehzahl bewirken.« Wer das Timmelsjoch anvisierte, laß folgendes: »Die Breite der Fahrbahn schwankt zwischen 6 und 8 m; die Maximalsteigung liegt bei 8%...das noch fehlende Straßenstück bis zum Joch beträgt ca. 2 km bei einer Höhendifferenz von 200 m.« Bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr hat Eduard Denzel rund 600 »anfahrbare Hochpunkte« in den Alpen detailliert beschrieben und die entsprechenden Angaben regelmäßig aktualisiert. Alle zwei Jahre stand ein neuer »Denzel« in den Regalen der Buchhandlungen.
Heute verwaltet Sohn Harald als Autor und Herausgeber dieses Lebenswerk. Wie gut er die Alpen kennt? »Nicht so gut wie der Vater, aber der hat ja auch 20 Jahre Vorsprung.« Was allerdings nur heißt, dass der 40-jährige Junior noch nicht alle im Buch beschriebenen alpinen Höhepunkte selber angefahren hat, obwohl er seit seinem achten Lebensjahr oft mit dabei war, wenn der Vater auf Tour ging. »Wenn andere Urlaub machten, haben wir eben gearbeitet und sind über die Pässe gefahren, um sie für unser Buch zu erfassen.«
Sofern der Büroalltag von der Recherche über die Gestalltung des Layouts bis hin zur Druckabnahme es zulässt, verschwindet Harald Denzel schon mal im Sattel seiner BMW R 80 GS Basic in die Alpen und überprüft, ob die Angaben im Buch noch zutreffen. Er recherchiert aktuelle aktuelle Streckensperrungen, neue Mautstationen oder veränderte Straßenzustände, die dann in die nächste Ausgabe einfließen. Da aber eine Person nicht überall sein kann, setzt Harald Denzel seit Jahren auf die Hilfe einiger treuer Leser und einen Stamm freier Mitarbeiter, die ihn regelmäßig mit Infos versorgen. »Schön wäre es, wenn mich die einzelnen Straßenverkehrsämter benachrichtigen würden, sobald sich etwas verändert.«
Wenig efreut ist der Herausgeber des Alpenführers über die Sperrung vieler spannender Pisten oder alter Militärwege, obwohl er weiß, dass auch seine Beschreibungen letztlich zahlreiche Off road-Fans in die Alpen gelockt haben. Doch die Hauptschuld an dieser Misere tragen in seinen Augen nicht die vielen Enduristen allgemein, sondern diejenigen, die in dem hochsensiblen Naturraum zum Teil auch abseits der Wege gefahren sind und oftmals verheerende Spuren hinterlassen haben. Er selber sieht sich als Enduro-Wanderer, der wie sein Vater die Landschaft genießen, aber nicht zerstören will. Als Moral-Apostel versteht Harald Denzel sich allerdings nicht. Und hofft, dass sich der Verkehr bei den rund 600 Zielen in der aktuellen Ausgabe so verteilt, dass sich niemand gestört fühlt.
Und wohin fährt ein Denzel, wenn er einfach nur Fahrspaß haben will? Grimsel, Furka, Susten und Großglockner sind die Favoriten. Ganz klar. »Und natürlich die Pustertaler Grenzkamm-Höhenstraße, die vom Gipfel des Markinkele auf die Hochrast führt.« Die entsprechende Leseprobe aus der aktuellen Ausgabe: »Das Befahren dieser Kammstrecke war durch groben Schotter erschwert. Beklemmend ausgesetzte, ungesicherte Engstellen! Zeitweise nur Schritttempo...loser Grobschotter...“
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Denzel-Alpenführer

Bevor ein Buch aus dem Hause Denzel erscheint, werden die einzelnen Strecken haargenau erfasst und vermessen. Der »Große Alpenstraßenführer« beschreibt rund 600 Pässe im gesamten Alpenraum, ISBN 3-85047-759-2, 65 Mark. Weitere Bücher für Motorradfahrer aus dem Hause Denzel: Touren in den Alpen (ISBN 3-85047-758-4); Touren in Süddeutschland (ISBN 3-85047-755-X) sowie Mitteldeutschland (ISBN 3-85047-756-8), je 39 Mark.

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