Deutschland – Fernost

Per Achse nach Malaysia

Auf dem Landweg nach Südostasien – ein kühner, aber keineswegs unerfüllbarer Traum. Ein Jahr und rund 47000 Kilometer war Dietmar Obert mit einer umgebauten Honda Transalp unterwegs. Auf den höchsten Pässen und in den tiefsten Abgründen der östlichen Welt.

Foto: Obert
Deutschland-Malaysia, MOTORRAD 2/2004
Deutschland-Malaysia, MOTORRAD 2/2004

Am 11. April beginnt meine Reise. Italien, Venedig – so schnell wie möglich versuche ich, dem schmuddeligen Aprilwetter zu entkommen. Auf einer fast leeren Fähre geht es nach Nordgriechenland und dort gen Türkei. Die Gastfreundschaft der Griechen ist überaus herzlich, oft laden sie mich spontan zum Essen oder zu einem Kaffee ein. Und erzählen mit Stolz von ihrem Land und seiner Geschichte, von der EU und den Problemen mit den vielen Zuwanderern. Sonne, Schnee und Regen wechseln sich in den herrlichen Bergen ab, die teils unbefestigten Strecken sind jedoch recht schlammig. Als ich Ende April den Bosporus überquere, liegt Europa hinter mir.

In Istanbul besorge ich Visa für den Iran und Pakistan und mache mich auf gut ausgebauten Straßen entlang riesiger Kornfelder und später karger Gebirge auf in Richtung Osten. In den Kurdengebieten kontrolliert schwer bewaffnetes Militär die Straßen. Eine kurdische Familie warnt mich zu zelten. Übernachten im Freien sei zu gefährlich. Freundlich bieten sie mir Logis an, und glücklicherweise ist gerade Besuch aus Deutschland da, was die Kommunikation erheblich erleichtert. Der Vater, der mit zwei Frauen insgesamt 15 Kinder haben soll, klagt über korrupte Politiker und die Benachteiligung seines Volks. Er hofft sehr auf den EU-Beitritt der Türkei.

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Foto: Obert
Deutschland-Malaysia, MOTORRAD 2/2004
Deutschland-Malaysia, MOTORRAD 2/2004

Über schneebedeckte Berge, vorbei am 5165 Meter hohen Ararat, gelange ich zum armenischen Grenzgebiet. In Dogubayazit, der letzten größeren Stadt vor dem Iran, kriegt die Transalp eine kleine Inspektion – nach bereits 8000 Kilometern. Hinter der Grenze mache ich regelrecht einen Sprung in die zutiefst islamisch verwurzelte Kultur. Die Frauen sind fast ausnahmslos schwarz verschleiert, Alkohol ist tabu. Gelegentlich wird mir hinter vorgehaltener Hand Wodka angeboten, doch ich lehne ab. Eine Woche verbringe ich bei einem Englischlehrer und seiner Familie, werde mit den Menschen und insbesondere dem Islam vertraut gemacht. Man hofft stark auf einen politischen Umschwung und das Ende der Isolation. Junge Frauen erkundigen sich, was man in Europa von der Geschlechter-Tradition des Iran halte, Männer grüßen dagegen mitunter mit „Heil Hitler“. Man erklärt mir, dass die Iraner wie wir der arischen Rasse angehörten und sich dadurch mit Deutschland verbunden fühlten...Puh!

Deutschland – Fernost (2)

Foto: Obert
Deutschland-Malaysia, MOTORRAD 2/2004
Deutschland-Malaysia, MOTORRAD 2/2004
Die großen Verbindungsstraßen entsprechen europäischem Standard, aber die Entfernungen zwischen den Städten sind gewaltig, die Landschaften meist eintönig. Abseits der Transitstrecken begleiten mich manchmal Mopedfahrer in die Städte. Meine 650er ist hier sensationell, und bei jedem Stopp strömen Leute herbei, halten Kinder hoch, damit sie etwas sehen können.

Es wird heißer. Während westlich des Kaspischen Meeres noch relativ angenehme Temperaturen herrschten, steigen sie weiter im Südosten allmählich auf über 40 Grad. Gegen die gleißende Reflexion von Sand, Asphalt und Steinen hilft keine Sonnenbrille mehr, und ich versuche, möglichst frühmorgens zu fahren. In Bam, der letzten großen Wüstenstadt vor der pakistanischen Grenze, erhole ich mich ein paar Tage. Für die restlichen 450 Kilometer starte ich um vier Uhr früh. Dennoch wird es so heiß, dass ich bis abends acht Liter Wasser brauche.
Foto: Obert
Deutschland-Malaysia, MOTORRAD 2/2004
Deutschland-Malaysia, MOTORRAD 2/2004
In Pakistan angekommen, habe ich das Gefühl, um mindestens ein Jahrhundert in die Vergangenheit katapultiert worden zu sein. Der Verkehr ist chaotisch, Pferdekutschen, Zweitaktrikschas, fliegende Händler und uralte, verzierte Busse bestimmen das Bild in den Städten. Auf der Straße wird ebenso gekocht wie geschustert oder es werden Felle gegerbt. Mein Ziel ist der Himalaya. Schon in den Hotels um Quetta und Peschawar lockten Großaufnahmen von Nordpakistan. Der Karakorum-Highway! Diese 1300 Kilometer lange Verbindungsstraße zwischen Islamabad und der Handelsstadt Kastigar in China. 1978 wurde sie fertig gestellt, und zeitweise arbeiteten mehr als 25000 Menschen daran. Die Trasse auf der Route der alten Seidenstraße war so schwierig zu bauen, dass die Pakistani sie als achtes Weltwunder bezeichnen. Entlang des Indus schlängelt sie sich zwischen steilen Bergen nach oben, hinein in die weltweit dichteste Ansammlung von über 7000ern. Ganz nah der 8126 Meter hohe Nanga Parbat. Ich genieße jeden Kilometer. An der chinesischen Grenze auf rund 4700 Höhenmetern endet die Traumstraße für mich, eine Einreise nach China ist nahezu unmöglich. Einen Monat verbringe ich in der Region. Die Pakistani erzählen von ihrer korrupten Regierung, die seit den weltmachtheischenden Atomwaffenversuchen von 1999 die Bevölkerung mehr und mehr vernachlässige.

Deutschland – Fernost (Infos)

Per Achse in den Fernen Osten zu fahren erfordert echten Abenteuergeist. Mit Zeit und guter Vorbereitung ist es aber realisierbar.
Dokumente, Geld
Neben Reisepass, nationalem wie internationalem Führer- und Fahrzeugschein ist zwingend ein Carnet de Passage notwendig, das der ADAC gegen Kaution ausstellt. Da es fast unmöglich ist, sämtliche Visa von zuhause aus zu organisieren und nicht alle an der Grenze erhältlich sind, besorgt man diese unterwegs in den größeren Städten der jeweiligen Nachbarländer. Zahlungsmittel sollte in drei Varianten dabei sein: Reiseschecks, Bargeld in Dollar und Euro sowie eine, besser zwei Kreditkarten. Am verbreitetsten sind Visa und Mastercard.

Die Strecken
Große Städte sind in der Regel über ein gutes Straßennetz zu erreichen und die Hauptrouten in den meisten Ländern passabel befahrbar. In Teilen Irans, Thailands oder Malaysias entsprechen viele europäischem Standard. Nebenstraßen entpuppen sich dagegen oft als Natur- oder desolate Asphaltpisten. In Laos und Kambodscha trifft dies auch auf etliche Hauptstrecken zu. Die Tankreichweite sollte 400 oder besser 500 Kilometer betragen, da in Nordpakistan und Nordindien sowie dem Iran das Tankstellennetz auf Nebenstrecken sehr dünn ist. Motorradtransport: Da Burma nicht durchfahren werden kann, muss das Motorrad per Luft- oder Seeweg von Kalkutta nach Bangkok verschickt werden. Luftfracht ist einfacher und schneller, aber dennoch zeitraubend. Kostete bei Thai Airways rund 400 Dollar inklusive Kiste und wurde von Lemuir Air Express, Global Logistics Soulutions 26, Shakespeare Sarani, Calcutta-700017, abwickelt. Telefon (91-33)2474326, -4327, E-Mail: ccu.airexpsls@lemuir.com.

Sicherheit
Da sich die Sicherheitslage im Nahen und Fernen Osten sehr schnell ändern kann, sollten nicht nur vor, sondern auch während der Reise stets aktuelle Informationen aus Zeitungen oder Internet eingeholt werden. Grundsätzlich galten die im Reisebericht erwähnten Länder während der Tour (2001/02) als sicher, eine wachsame Risiko-Einschätzung ist dennoch unerlässlich. Die viel größere Gefahrenquelle stellten allerdings der chaotische Straßenverkehr in Pakistan und Indien dar. In beiden Ländern sind äußerst defensive Fahrweise und Vorsicht angesagt. Versicherungsschutz für das Motorrad gibt es ab Pakistan nicht mehr.

Gesundheit, Ernährung, Übernachtung
Pflichtimpfungen existieren nicht, empfehlenswert ist jedoch Hepatitis A/B, Typhus, Diphterie, Tetanus und Polio. Da Malariagebiete durchquert werden, sollte eine Prophylaxe überlegt, wegen der Nebenwirkungen aber mit dem Arzt oder Tropeninstitut besprochen werden. Ernähren kann man sich fast überall in Schnellrestaurants und Garküchen am Straßenrand, wo es meist sehr leckeres Essen gibt. Da vermutlich nirgends deutsche Hygienestandards herrschen, bleiben Durchfälle nicht aus, zumindest am Anfang der Reise. Bis Pakistan kann man gut zelten, danach werden die Übernachtungsmöglichkeiten billig, aber auch einfach. Benzinkocher nicht vergessen.

Literatur, Infos
Für jedes Land einen Reiseführer mitzunehmen macht wenig Sinn. Besser unterwegs im Umfeld von Travellerstores und -cafés nach aktuellem Material umsehen. Karten gehören ins Reisegepäck, zumindest bis Indien. Nachrüsten kann man in Islamabad, Katmandu und Bangkok. Zur Planung solch einer Tour eignet sich Thomas Trossmanns »Motorradreisen zwischen Urlaub und Expedition« von Reise Know-How für 22,50 Euro. Weitere Infos und sogar einen Diavortrag bietet der Autor an: info-rueckenwind@web.de.

Das Motorrad
Zum Einsatz kam eine Honda Transalp, Baujahr 1999, mit folgenden Modifikationen: Verkleidung gekürzt, Handprotektoren und K&N-Luftfilter montiert, Kotflügel hochgesetzt, Lampenschutz und Lenkererhöhung konstruiert, 650er-Africa-Twin-Tank angepasst und auf 40 Liter vergrößert sowie die Sitzbank entsprechend umgebaut. Gepäcksystem mit Alukoffern und Alumotorschutz plus Werkzeugbox stammen ebenfalls aus Eigenfertigung. White-Power-Federelemente und eine selbst gebaute Gabelverlängerung um 30 Millimeter stimmten das Fahrwerk auf die höhere Belastung ein. Weitere Infos zu Umbauten unter www.transalp.de.

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