Deutschland: Eifel

Besser als Sommer

Sonne satt über der Hohen Eifel – und das an einem Wochenende im November. So eine Chance darf man sich nicht entgehen lassen, zumal das Wetter im vergangenen Sommer nicht immer das Beste war.

Foto: Deleker
Tage wie dieser sind ein Geschenk.
Tage wie dieser sind ein Geschenk.

Eigentlich war für Samstag einkaufen geplant, ein wenig Chaosbeseitigung in der Garage, Dias sortieren, gemütlich auf dem Sofa abhängen, lesen. Eben ein ganz normaler Samstag im Herbst. Dass Birgit und ich früh am Morgen bereits auf den Motorrädern sitzen und in südliche Richtung aus Köln herausrollen – daran hätten wir gestern nicht einmal annähernd gedacht.

Wie vom Wetterdienst verkündet, schiebt sich die Sonne durchaus viel versprechend über die ersten Hügel – Tage wie dieser sind ein Geschenk, das man einfach annehmen muss! Der Wind hat’s allerdings in sich. Definitiv unter null Grad, was die Kawasaki W 650 und die betagte Honda Dominator recht gelassen wegstecken. Die Triebwerke laufen rund wie Waschmaschinen.

Wenige Kilometer später verflüchtigt sich mit einem Schlag alle Euphorie. Wir stochern durch dichten Nebel. Gedanken an das Sofa, an den Roman, an eine heiße Tasse Tee gewinnen Oberhand. Soll das schon alles gewesen sein? Hoffentlich nicht. Tapfer lenken wir durch die graue Suppe südwärts, folgen dem Rhein bis zur Mündung der Ahr bei Remagen. Das Rheintal können wir getrost vergessen, dort wird sich diese Brühe kaum auflösen. Ist uns auch eh schnurz. Die Strecke durch die Eifel entlang dem kleinen Flüsschen Ahr sieht auf der Karte ohnehin viel verlockender aus: 90 Kilometer Kurven satt bis zur Quelle in Blankenheim.

Unsere Geduld wird trotzdem auf eine harte Probe gestellt. Von Ahrweiler sehen wir kaum mehr als das Ortsschild. Also doch lieber Sofa? Kurz vor dem endgültigen Aus – verflucht sei jede Wettervorhersage! – kommt mit einem Schlag etwas Farbe ins Spiel. War da nicht ein bläulicher Schimmer am Himmel? Ein Lichtstrahl? Hoffnung keimt auf, lässt die Mopeds einen Tick schnell rennen. Ein paar Minuten später finden wir uns in einer vollkommen anderen Welt wieder. Blauer Himmel und Sonne satt. Bingo. Rasch noch ein paar Kilometer, um ganz sicher zu sein, dass uns die graue Wand nicht mehr einholt. Vor Mayschoß rechts ab, dann geht’s auf einem schmalen Weg hinauf in die lichtdurchströmten Weinberge. Ein aussichtsreicher Pausenplatz ist schnell gefunden. Die nassen Jacken dampfen in der Sonne, eine Thermoskanne mit heißem Kaffee verscheucht die letzte Müdigkeit, und das gebotene Panorama macht Lust auf das, was noch kommt: Weit unten kurvt die Ahr durch ihr enges Tal, flankiert von steilen Hängen, an denen herbstlich bunte Reben in streng geometrischen Mustern um die Wette leuchten. „Das Ahrtal zählt zu den nördlichsten Weinanbaugebieten überhaupt“, erklärt ein Winzer, der auf dem Weg zu seinen Reben ist. Wir sollten uns unbedingt eine Flasche Rotwein aus dieser Region besorgen, der würde zu den besten im Lande gehören.

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Foto: Deleker
Das historische Monreal gehört zu den schösten Dörfern der Eifel.
Das historische Monreal gehört zu den schösten Dörfern der Eifel.

Mensch und Maschine wollen endlich weiter. Rein in die Jacken, die Kawa stilgerecht ankicken und wieder runter zum Fluss. Schroffe Schieferfelsen lassen kaum genug Platz für Fluss, Straße und Eisenbahn. Der Durchbruch durch das rheinische Schiefergebirge ist zweifellos der schönste Abschnitt entlang der Ahr. Mit dem krönenden Abschluss Altenahr. Hoch über dem malerischen Ort thront die Burg Are oder vielmehr der Rest von dem, was Truppen des Kölner Erzbischofs vor 290 Jahren übrig gelassen haben. Die Ruine, einst ein gefürchtetes Verlies für aufsässige Kölner Patrizier, ist nur eines von zahlreichen mittelalterlichern Gemäuern entlang des Ahrtals. Fast alle Festungen entstanden vor 700 bis 900 Jahren. Und fast jede wurde mindestens einmal eingenommen, in Brand gelegt, abgetragen. Burgenschicksal.

Südlich von Altenahr weitet sich das Tal, zieht die Bundesstraße weite Kurven und dient zugleich als Einflugschneise in Richtung Nürburgring, die zu unserer Überraschung selbst im November einige wenige Sportfahrer zu locken vermag. Sommers geht’s hier wesentlich hektischer zu, wenn Hundertschaften von Freizeit-Rossis neben Reisebussen, getunten Golfs und diversen Porsche und Ferrari auf dem Weg zum Adrenalinkick in die Grüne Hölle sind. Nix für uns. Und für eine Dominator oder W 650 schon gar nicht. Lieber gemütlich durchs herbstlich verfärbte Land rollen. Zum Glück lässt sich die nervige B 257 meiden – ein Blick auf die Karte genügt, um auf Anhieb unzählige attraktive Alternativstrecken zu entdecken.

Wir wählen das Sahrbachtal, in das wir kurz hinter Altenahr auf der Höhe der winzigen Burg Kreuzberg abbiegen. Die holprige und schmale Straße folgt fortan jeder Biegung des Sahrbachs. Kaum zwei Kilometer weiter windet sich der Asphalt mit diversen Kehren rauf nach Krälingen – und entpuppt sich als einer der spaßigsten Abschnitte der Tour. Birgit hat nicht die geringste Mühe mit der wendigen Dominator. Die Enduro ist wie geschaffen für solche Strecken, zirkelt wie von selbst um die Ecken. Einfach perfekt! Ich dagegen muss schon deutlich kräftiger am Quirl drehen, um mit der W 650 nicht ganz den Anschluss zu verlieren. Schließlich fallen wir auf einer recht schmalen Spur wieder hinunter ins Sahrbachtal, wo uns bereits die nächste Portion Serpentinen aufgetischt wird – Alpen-Feeling in der Eifel.

Deutschland: Eifel (2)

Foto: Deleker
Unterwegs mit dem Gute-Laune-Mittel Kawasaki W 650.
Unterwegs mit dem Gute-Laune-Mittel Kawasaki W 650.
Erst der Anblick einer gigantischen Satellitenschüssel vermag den Vorwärtsdrang zu stoppen: Die Parabolantenne des Radioteleskops Effelsberg hat einen Durchmesser von 100 Metern und empfängt selbst schwächste Signale aus Galaxien, die bis zu 15 Milliarden Lichtjahre von uns ent-fernt sind – Bereiche des Alls, in die längst kein Fernrohr mehr vorzudringen vermag. Im Besucherzentrum könnten wir mehr über die Welt da draußen, über schwarze Löcher, rote Sterne und blaue Spiralnebel erfahren. Wir überlegen eine Weile, entscheiden uns dann aber lieber für die Eifel als für das All, weil die geplante Strecke noch weit und Tage im Herbst arg kurz sind.

Plittersdorf, Obliers, Liers. Wieder eine dieser eifeltypischen Straßen. Kaum drei Meter breit, Kurven ohne Ende und eine echte Herausforderung für die Fahrwerke. Supersportler würden diese Kickback-Buckelspur meiden wie Gold-Wing-Fahrer die Sahara. Die Kawa hingegen steckt das Stakkato von Löchern und Wellen relativ unbeeindruckt weg. Gebremste Gangart vorausgesetzt. Eine Transalp und ein Trecker begegnen uns. Sonst nichts. Selbst am Samstag herrscht auf den kleinen Eifelstraßen eine paradiesische Ruhe.

Das ändert sich, als es im Ahrtal abermals auf die Bundesstraße in Richtung Nürburgring geht. Der Wochenendverkehr nimmt allmählich zu, und vermutlich sind nicht wenige aus dem nebligen Rheintal hierher geflüchtet. Doch kaum sind wir in Dümpelfeld von der B 257 abgebogen, wird es wieder ruhiger. Wir folgen der Ahr flussaufwärts, genießen die weiten Schwünge der Strecke, gelangen schließlich zum Café Waldfrieden in Schuld. Wo sich die Bikes im Sommer mächtig drängeln, parkt heute nur eine Harley. „Nach Blankenheim? Könnt ihr vergessen. Nebel ohne Ende.“ Sichtlich gefrustet berichtet der Pilot von seinem eher feuchten Fahrtag. Und dass sich die zähe Suppe erst ein paar Kilometer westlich von hier gelichtet hätte. Unser gestecktes Ziel – die Quelle der Ahr bei Blankenheim – müssen wir wohl abhaken.
Karte: Maucher/Mairdumont
Zeitaufwand: ein Tag; gefahrene Strecke: zirka 250 Kilometer.
Zeitaufwand: ein Tag; gefahrene Strecke: zirka 250 Kilometer.
Eine Zeitlang halten wir uns dennoch entlang der Ahr. Tatsächlich wird’s mit jedem Kilometer ungemütlicher, bis wir schließlich kaum noch die Hand vor Augen sehen. Dritter Gang, Tempo 40. Mehr geht nicht. Zudem fährt’s sich auf dem feuchten Belag und dem vielen Laub wie auf Schmierseife. Ätzend. Also nix Ahrquelle. Blinker links in Antweiler, über die uralte steinerne Brücke und hinauf nach Rodder. Dort droben hat das Grauen ein Ende, spannt sich wolkenloser Himmel über die bunten Hügel. Das gute Wetter hat den Wirt von der „Blauen Ecke“ in Adenau sogar dazu motiviert, draußen auf dem historischen Marktplatz noch einmal Tische und Stühle aufzustellen. Der Ort, der mit seinen malerischen Fachwerkhäusern zu den schönsten in der Eifel zählt, wäre ohnehin eine Pause wert gewesen. Kaffee und Kuchen in der prallen Sonne – damit hatten wir heute nicht mehr gerechnet.

Zurück auf die Straße. Die milden Temperaturen haben inzwischen überraschend viele Motorradfahrer auf die Piste gelockt. Die meisten zieht’s wie erwartet in Richtung Nürburgring – nun, das hatten wir ja schon. Birgit und ich suchen auf der Karte dagegen nach ruhigen Nebenstrecken, die uns allmählich zurück zum Rhein führen sollen. In östlicher Richtung wartet allerdings zuerst einmal die Hohe Acht, mit 747 Metern der höchste „Berg“ der Eifel. Ein Fußweg führt zum Kaiser-Wilhelm-Aussichtsturm auf dem Gipfel. Ein lohnender Abstecher, werden nicht nur unsere Füße wieder warm, sondern lockt zudem die weite Sicht über die bunten Hügel der Hocheifel.

Deutschland: Eifel (Infos)

Entlang des Ahrtals gibt es eine Menge zu entdecken. Mittelalterliche Burgen, kaum befahrene Nebenstraßen, den Nürburgring oder einfach nur den bunten Herbstwald.
Anreise
Von Norden und Westen führen fast alle Wege über Köln und dann entlang des Rheins bis zur Ahrmündung bei Remagen. Wer dem Fluss von der Quelle folgen möchte, fährt ab Köln über die A 1 bis Blankenheim. Von Süden kommend führt die A 61 bis zum Ahrtal nach Bad Neuenahr.

Unterkunft
Vom einfachen Campingplatz für sieben Euro bis zum Fünf-Sterne-Hotel ist alles zu haben. Außerhalb der Hochsaison ist die spontane Zimmersuche unproblematisch. Reservieren empfiehlt sich lediglich im Hochsommer, an den Wochenenden wie Ostern und Pfingsten oder rund um den Nürburgring bei Großveranstaltungen wie Formel 1 oder Truck Grand Prix.

Sehenswert
Viele Orte in der Eifel sind von hübschen Fachwerkhäusern geprägt. Besonders schön sind Monreal, Adenau, Altenahr und Ahrweiler. Ebenso einen Besuch wert: Burg Eltz, die wohl schönste Festungsanlage der Region (www.burg-eltz.de), sowie das Radioteleskop Effelsberg (www.nordeifel.de/effelsberg). Die Hauptattraktion für viele ist allerdings die Nürburgring-Nordschleife sowie die Ausstellungen und Museen zur Renngeschichte des Rings (www.nuerburgring.de).

Touren und Tipps
Die Eifel-Tourismus GmbH stellt im Internet unter www.eifel-motorrad.de Tourentipps, einige Hotelinfos, Sporttermine et cetera vor. Diese Informationen sind auch bei der Touristeninfo der Eifel in Prüm erhältlich, Telefon 06551/96560. Eine fünftägige geführte Motorradtour durch die Eifel bietet der Veranstalter »Ollis Motorradreisen« an. Ein Spaß, der inklusive
Übernachtung und Halbpension 299 Euro kostet. Infos unter Telefon 06881/5390303; www.o-mr.de. Weitere gute Infos über die Region liefert das Internet unter www.eifel.de sowie unter www.ahr-rhein-eifel.de.

Literatur
Sehr empfehlenswert ist der Motorradführer »Eifel« aus dem Highlights-Verlag (www.highlights-verlag.de) für elf Euro. In dem handlichen Werk werden zehn reizvolle Tagestouren in der gesamten Eifel ausführlich beschrieben, dazu liefern die Autoren viele praktische Tipps. Sieben tolle Streckenporträts aus dieser Region finden sich auch in dem MOTORRAD-Führer: »Eifel-Ardennen« aus der Edition Unterwegs (Motorbuch-Verlag, www. motorbuchverlag.de) für 16 Euro. Einzig der Info-Teil ist nicht mehr ganz taufrisch (Stand 1999). Eine gute Landkarte für die Reise entlang der Ahr ist das Großblatt 4 der Deutschen Generalkarte im Maßstab 1:200000.

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