Deutschland: Weihnachtsmärkte

Advent, Advent

Wer sich vor dem Fest vom Weihnachtsmann verfolgt glaubt, tut gut daran, in die Höhle des Löwen zu fahren: Zum Christkindlesmarkt in Nürnberg. Denn der Trip macht immun.

Weihnachtsmann fiel in den Briefkasten. Grinste mich, zwischen Bankauszug und Gewerkschaftsblatt, hämisch an. Der Typ in rotweißer Kutte und des Bartes voll verfolgte mich seit Wochen. Und spätestens seit Anfang November gab es kein Entrinnen, kannte er kein Erbarmen mehr. Perfid verführerisch sein Angebot in Werbediensten eines Vertreibers elektrisch beheizbarer Rheumadecken: nur 24,95 Mark für »nen Bustrip nach Nürnberg zum Christkindlesmarkt, gutbürgerliches Mittagessen in Gestalt von Schweinebraten mit Klößen in-, Getränke freilich exklusive. Obendrein kriegt jeder Teilnehmer »als Erinnerung an einen unvergeßlichem Tag« ein Potpourri Original Nürnberger Lebkuchen ab.Beim Anblick dieser Werbebroschüre machte sich, ohne daß ich zunächst ahnte, warum, eine Anwandlung von Melancholie breit, die bei jedem Glas vom Domänen-Bordeaux immer mehr ins Sentimentale verflachte. Aber am Grunde der Flasche angekommen, wußte ich auf einmal, wann meinen Eltern die Erkenntnis zuteil geworden sein könnte, daß ich definitiv kein Kind mehr war. Nicht als ich die ersten Mädels nach Hause gebracht, nicht als mein Drei-Tage-Bart debütiert, auch nicht, als ich die Toilette nach dem Verzehr einer Flasche »Racke rauchzart« unziemlich verziert hatte. Nein, mir fiel’s wie Schuppen von den Haaren, das war, als sie darauf verzichteten, ein Riesenpaket vom Lebkuchenversand in Nürnberg zu ordern. Eine weitere Bouteille ward geköpft, geboren ein Plan.Der alte Boxer im BMW-Gespann bot mir noch eine letzte Chance. Er soff ab, provozierte ein vorweihnachtliches Orgelkonzert. »Gut, das war«s«, hätte ich mir sagen können. Die Reise nach Nürnberg und zurück in die Kindheit - der scharf gestochene Marktplatz der alten Reichsstadt auf den Blechdosen mit den Obladen-Spezialitäten drin dürfte nicht nur mein erstes prägendes Kunsterlebnis gewesen sein - ist hiermit gestorben. War eh »ne Schnaps-, pardon: Bordeaux-Idee. Doch dieser BMW-Motor ertrug gröbste Mißhandlungen, versetzte mir urplötzlich einen Ruck.Es mag Schöneres auf Erden geben, als bei ein paar Graden unter Null mit einem Dreirad, das nie so recht geradeaus will, über die Autobahn zu eiern. Für diese Unbilden entschädigten freilich die bewundernden Blicke der drög, wohltemperiert und musikberieselt in ihren Blechkisten hockenden Steuermänner und, besonders ermutigend, -frauen. Obwohl mir eine warme Dusche jetzt sehr wohl zupaß gekommen wäre. Auf den letzten Kilometern vor Nürnberg, als Verkehrs- und insbesondere Reisebusdichte sukzessive zu-, meine Kondition und Körperwärme dagegen dramatisch abnahmen, kam mir der Gedanke, daß es auch verdammt heroisch sein könnte, jetzt in einem dieser Luxus-Liner mit Chauffeur zu sitzen. Um, wenn es dann zum Rheumadecken-Showdown käme, aufzustehen wie ein Mann und der versammelten Rentnerschar vom Kauf des überteuerten Schunds abzuraten. Sah mich schon als Rächer der Verfolgten und Enterbten. Höchste Zeit für »ne Pause und »n Käffchen.Danach folgte ich den Bussen unauffällig, denn dies ist das effektivste Parkleitsystem, und trottete alsdann im Schlagschatten symbadischen Gegackeres - kam von angeschickerter Reisegruppe aus Mannheim - gen Nürnberger Marktplatz vor. Erschnüffelte schon, längst bevor etwas zu sehen war, original Weihnachtliches. Den Duft von Lebkuchen, Glühwein. Und von ...? Es reizte hier, unüberriechbar, etwas Drittes den Kolben. Gar spezifisch Nürnbergerisches? Altes Öl? Mit Kettenfett odoriertes Raumspray als Reminiszenz an die glorreiche Motorradvergangenheit der Stadt? Als hier Kräder der Marken Triumph, Adler oder Sachs vom Bande liefen. Irrtum. Schmalzbäcker boten frische Krapfen, pfannenkundige Weihnachtsmänner deftige Bratwürste an. Ob die, was ihre Schmiermittel anbelangt, sich gegenseitig austauschten?Zwei Millionen Gäste suchen zwischen dem letzten Novemberwochende und Heilig Abend den Christkindlesmarkt heim. Nix für Klaustrophobe. Es bedurfte schon einer gehörigen Portion Selbstüberwindung, sich zwischen diese Massen zu werfen, die in von putzigen Ständen gesäumten Gassen tunlichst zu ergehen sich versuchten. Doch es geschahen noch Zeichen und Wunder, und vor mir teilte sich die Menge wie einst vor Moses das Rote Meer. Dieses Rocker-Image, das den Bikern in den Augen mancher Kleinbürger noch immer anhängt wie dem Weihnachtsmann der Bart, hat, unbestritten, auch seine guten Seiten. Obwohl es bitter kalt war, entschied ich, die schwarze Sturmhaube auszuziehen, auch wenn diese Blöße, die ich mir hiermit gegeben hatte, meinem weiteren Fortkommen nicht sonderlich förderlich sein sollte.Es störte mich nicht mehr, in dieser gemächlich voranschiebenden Kolonne gaffender Menschen eingeschlossen zu sein. Ich ließ mich von ihr treiben, strandete vor einem Glühweinzapfstelle, löhnte zwofuffzich für einen prächtig stillosen Becher - er hatte Henkel -, leerte ihn einmal, zweimal, bekam darob ein angenehm warmes Gefühl im Magen. Und ums Herz. Das geradezu zu jubilieren begann, als ich beim nächstbesten Lebkuchendealer diese Obladen-Spezialitäten in Blechdose mit dem wohlbekannten Stich drauf fand. Just wie anno dazumal. Gutes Design ist eben durch nichts zu verbessern. Griff also gleich drei dieser wohlbefüllten Behältnisse ab.Von da an delirierte ich. Im Kaufrausch vor mich hin. Zwetschgenmännlein, diese Nürnberger Spezialität aus getrockneten Pflaumen - her damit. Sollen Glücksbringer sein. Davon kann man nie genug haben. Also mindestens zwei. Dann dieses Blechspielzeug. Famose Skulpturen, die entfernt an realexistierende Vehikel gemahnen. Obwohl sie allesamt mal Dosen waren, kosteten diese brillant-blöden Staubfänger ein Heidengeld. Egal, die Lok, die an die Emma aus Lummerland erinnerte, mußte sein; und das Motorrad mit dem geschnauzten Typen drauf - Schorsch Meier? - sowieso. Beim Versuch, einer enthusiasmierten Göre, die da plärrte: »Mama, den rosaroten Teddybär wünsche ich mir!« schlingerte ich unversehens auf die Auslagen eines erzgebirgischen Holzspielzeug-Manufaktors zu. »Ich habe noch eine MZ im Keller«, quatschte der fidele Sachse mich von der Seite an. »Und eine Honda in der Garage.« Haben wird gelacht. Den Kommerz auf dem Christkindlesmarkt fand der Typ prima. »Sonst wäre ich nämlich nicht hier.« Sagte es und reichte - im Gegenzug Bares einsackend - einem dieser verklärt ins Blaue und verschärft in die Canon äugenden Japaner, die sich advents zu Nürnberg öfter finden, einen Nußknacker ‘rüber.Aber diese echt klasse Spitzenromantik, die ich als Motorradfahrer ja sicherlich suchen würde, laberte er in einem fort, gäbe es nur beim ihm zu Hause. Im Erzgebirge. Und dortselbst speziell in Annaberg-Buchholz, »dem idyllischsten verträumtesten und überhaupt wunderhübschesten Weihnachtsmarkt der Welt«. Ob dort auch Lebkuchen im Angebot seien, wollte ich wissen. »Logo«, schallt es retour. »Nürnberger, aber auch Radeberger, Wernersgrüner, Freiberger, Köstritzer und Hasseröder.« Die mußte ich probieren.Des der Jahreszeit angemessen frostigen Klimas wegen durfte es zunächst die von Schnee und Eis befreite Autobahn sein, die mich Annaberg näher bringen sollte. Obwohl ich alle Hände voll zu tun hatte, das störrische Gespann auf Kurs zu halten, und diese Form der Gymnastik auf drei Rädern gemeinhin als äußerst erwärmend gilt, kam ich nicht umhin zu konstatieren, daß ich, aller isolierenden Klamotten zum Trotz, einfach gottserbärmlich fror. An Füßen, Händen, Ohren, Nase. Die nächste Ausfahrt war gerade gut genug, und also enterte ich die Schenke des Weilers Markschorgast, der sich an einen Ausläufer des Fichtelgebirges inniglich schmiegte. Weil ich zunächst nur bibbern, nichts sagen konnte, stellte mir die einfühlsame Wirtin unaufgefordert ein warmes Süpplein auf den Tisch. Gepfefferte Krautwickel mit dampfenden Kartoffeln in Bratensoße war der Hausherrin zweiter Streich. Der Himmel blaute, als ich mich wieder nach draußen traute. Sage noch einer, fahren im Winter mache keinen Spaß. Die Hände tief in den Stulpen vergraben, Heizgriffe auf Stufe zwei, ein fröhlich Lied auf blauen Lippen - und weiße Felder, kahle Wälder huschen nonchalant vorbei.Doch dann kroch sie wieder in alle Glieder. Diese gruselige Kälte. Mit ihr das Gefühl, als seien Knochen und Muskeln zu Eis erstarrt. Parole: durchhalten. In stockfinstrer Nacht und bei 18 Grad unter null. Jetzt nur nicht fragen: Warum? Heimelige Hotels soll es geben in Annaberg, mit heißen Duschen, Betten mit dicken Daunendecken. Und gemütliche, gut beheizte Restaurants, nette, zuvorkommende Erzgebirgler, die sich trefflich auf die Kunst des Glühweinsiedens verstehen. Doch war da nicht noch was? Aber sicher doch, melden die letzten Kriechströme eines tiefgefrorenen Gehirns: ein Weihnachtsmarkt.Spontane Reaktion: eine Selbstbezichtigung. »Du Weihnachtsmann!« Eine äußerst dubiose Figur, dieser rotweiße Bartträger mit der charakteristischen Knubbelnase. »Sinnbildgestalt für Einfalt und Dummheit«, steht in Band acht von Heinz Küppers’ Illustriertes Lexikon der deutschen Umgangssprache. »Weil nur noch kleine Kinder an den Weihnachtsmann glauben.Viel zu spät ward Licht und Annaberg. Es dauerte ein halbe Stunde, bis meine Glieder wieder bewegungsfähig wurden. Und wohin trieben mich meine unteren Extremitäten? Ich gestehe: auf den Weihnachtsmarkt. Wahrlich allerliebst und klitzeklein. Einfache Hütten vor restaurierten Fassaden stattlicher Kaufmannshäuser. Hier freundliche Handwerker, die selbstgebasteltes Holzspielzeug, die legendären Weihnachtspyramiden und putzige Laubsägearbeiten feilbieten; dort, hinter geschlossenen Gardinen, so dünkte mit, veritable Weihnachtsmänner. Am Morgen danach der Temperaturschock. Acht Grad plus. Was mich irgendwie übermütig machte und nach Landstraßenorgien in Erzgebirge, Thüringer Wald und Rhön zum Abstecher nach Bamberg brachte. Mal wieder eins dieser Rauchbiere trinken, wie sie nur hier gebraut werden. Könnte formidabel kommen nach all der Glühweinschluckerei. Doch was sahen meine vom Fahrtwind gestählten blauen Augen in tadellos geschleckter Altstadt? Richtig geraten: einen Weihnachtsmarkt. Ich blieb hart, steuerte subito die Brauereigaststätte »Schlenkerla« unterhalb des Dombergs an. Als ich dann, zu Hause angekommen, meinen Briefkasten leerte, mußte ich feststellen, daß schon wieder ein Weihnachtsmann hineingefallen war.
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Weihnachtsmärkte

Während im Sommer bei einer Motoorradtour häufig der Weg das Ziel ist, müssen im Winter auf jeden Fall Auftaustationen eingeplant werden. Der Besuch von Weihnachtsmärkten bietet sich dafür an.
Die Strecke: Auf schönsten Motorradstraßen ging es durch Thüringer Wald und Erzgebirge. Allerdings in relativ kurzen Etappen, die extreme Kälte senkt den Schnitt ganz erheblich.Die Weihnachtsmärkte: Nicht ohne Grund ist der Nürnberger Christkindlmarkt weit über deutsche Grenzen hinaus bekannt. Er ist einfach der schönste Weihnachtsmarkt hierzulande. Die Ausrichtung der Stände, die Auswahl der Waren und die aufgebaute Krippe, die Kulisse, die Stimmung, das Programm - hier kommt tatsächlich weihnachtliche Stimmung auf. Neben den Lebkuchen ein besonderer Genuß: der Heidelbeer-Glühwein. Infos gibt’s über die Tourismus-Zentrale, Telefon 0911/2336-0.Sehr klein, aber auch sehr ursprünglich ist der Markt von Annaberg-Buchholz im Erzgebirge. Bekannt ist er vor allem für die famosen Seiffener Holzspielzeuge und -figuren sowie handgemachte Weihnachtspyramiden in allen erdenklichen Formen. Unbedingt probieren sollte man hier die Thüringer Bratwürste vom Holzkohlengrill. Tourismusverband Erzgebirge, Telefon 03733/1440.Klein, aber weniger attraktiv ist der Bamberger Weihnachtsmarkt. Die meisten der vorhandenen Buden könnten auf jeder x-beliebigen Kirmes stehen, lediglich mit ein paar Accessoires wird versucht, auf weihnachtlich zu machen. Infos unter Telefon 0951/871161.Unterkunft: In Nürnberg ist das Lorenz-Hotel (mit eigener Garage) mitten in der Altstadt eine recht günstige Übernachtungsmöglichkeit. Die Atmosphäre erinnert zwar an die 60er Jahre, dafür kostet das Einzelzimmer nur ab 80 Mark, das Doppelzimmer ab 135 Mark inklusive Frühstück auch während des Weihnachtsmarktes. Telefon 0911/204417.In Annaberg-Buchholz kann man direkt am Marktplatz im Hotel Wilder Mann richtig gediegen übernachten für 135 Mark im Einzel- und 175 Mark im Doppelzimmer. Das Hotel verfügt über eine Sauna (wichtig zum Auftauen!) und einen urgemütlichen Franziskanerkeller. Telefon 03733/1440.Die Brauerei-Gaststätte und Hotel Kaiserdom in Bamberg-Gaustadt ist schon allein der Küche wegen eine kleine Reise wert. Die Zimmer sind exklusiv und modern ausgestattet im Gegensatz zum holzbetonten Restaurant. Für 90 beziehungsweise 140 Mark sind Einzel-/Doppelzimmer zu haben. Kleiner Nachteil: Gaustadt liegt etwa drei Kilometer entfernt von der Innenstadt. Telefon 0951/965140.

Heiße Winter Tips

Spielt das Wetter einigermaßen mit und stimmt die Kleidung, macht Motorradfahren auch im Winter Spaß. Wetter: Unbedingt auf die Vorhersagen achten. Ein Hochdruckgebiet bedeutet meist blauer Himmel und Sonnenschein bei Minusgraden sowie trockene Straßen. Tiefdruckfronten bescheren mildere Temperaturen, aber fast immer auch Regen oder Schnee.Kleidung: Am besten nach dem sogenannten Zwiebelprinzip aufbauen - also möglichst viele Schichten übereinander. Diese dürfen nicht zu eng aufeinanderliegen, damit sich wärmende Luftpolster bilden können. Die unterste Lage bildet Funktions- oder Thermounterwäsche, dann kommen Skirolli, Fleecehose und -pullover. Darüber gehört unbedingt der bei Stürzen schützende Motorradanzug und zu guter Letzt ein wind- und wasserdichter Thermokombi, idealerweise mit Klimamembran. Ein Einteiler verhindert besser das Eindringen von Kaltluft. Besondere Aufmerksamkeit gilt Armbündchen und Kragen, da hier die Kälte leicht eindringen kann. Wichtig sind überlappende Bereiche, die sich mittels Druckknöpfen oder Klettverschluß fixieren lassen. Zusätzlichen Schutz im Halsbereich bieten kombinierte Hals-/Brustwärmer aus flauschigen Stoffen. Auch die althergebrachte Sturmhaube leistet gute Dienste. Ein Problem sind die Hände. Fäustlinge sind zwar am wärmesten, eignen sich aber fürs Motorradfahren nicht besonders. Einen Kompromiß zwischen Beweglichkeit und Kälteschutz bieten Zweifinger-Handschuhe, die mit dünnen Unterhandschuhen noch besser wärmen. Zusätzlich kann man das Motorrad mit Handprotektoren oder Lenkerstulpen als Windschutz und mit Heizgriffen ausrüsten. Gegen kalte Füße ist noch kein probates Mittel gefunden worden. Immerhin ein wenig Linderung verschaffen Thermo-Einlegesohlen, Skistrümpfe und Neoprenüberschuhe. Bevor man trotz aller Kälteschutzmaßnahmen Gefahr läuft auszukühlen, hilft nur eine Fahrtunterbrechung und etwas Bewegung.

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