Elbsandsteingebirge

Formvollendet

Im Osten Deutschlands hat die Elbe eine einzigartige Landschaft geformt – Tafelberge, Canyons und markante Säulen aus Stein. Und mittendurch führen Strecken, wie geschaffen für Motorradfahrer.

Einmal über die Route 66? Oder entlang der Panamericana? Oder ... Klar, an interessanten Reisezielen mangelt es nicht. Aber häufig an der Zeit. Und oftmals auch am Geld. Macht aber nichts. Oder zumindest fast nichts. Denn man muss nicht immer in die weite Welt hinaus, um mit einem Kopf voller neuer Eindrücke zurückzukehren. Es reicht zum Beispiel auch ein Trip in Deutschlands Osten, nach Sachsen ins Elbsandsteingebirge. Zwar alles in etwas kleinerem Maßstab, aber mit ein wenig Fantasie sieht es aus wie im Südwesten der USA, wo Tafelberge und Canyons das Bild bestimmen. Die Kawa röchelt in der noch frischen Morgenluft vor sich hin, Frank und ich verlassen Rathen. Das Motorrad ist kaum warmgelaufen, da taucht schon der erste Punkt für eine kurze Pause auf. Die Bastei, ein Aussichtspunkt, lässt sich nur über ein paar Schritte zu Fuß erreichen. Doch für die Fahrtunterbrechung wird man reichlich entschädigt. Uns verschlägt es beim Ausblick die Sprache. Ein Panorama der Extraklasse. Hier bizarre Felsenformationen, dort enge Schluchten, etwas weiter im Hintergrund kantige Berge. Ganz tief unter uns schimmert im Dunst die Elbe. Nur ein einsamer Binnenkahn schiebt sich gegen die Strömung. Ansonsten keinerlei Bewegung. Kaum zu glauben, dass dieses träge Gewässer vor Urzeiten in der Lage war, die zerklüftete Landschaft zu formen, sich so tief in das Gestein zu fressen. Wind und Wetter haben schließlich ein Übriges getan, um diese eindrucksvolle Kulisse zu schaffen.Kurz hinter Bad Schandau peilen wir das Kirnitzschtal an, das sich in Richtung Tschechische Republik schlängelt. Links und rechts der Strecke bedrohlich zusammenrückende, schroffe Felswände. Erstaunlich, dass da überhaupt noch Platz für den bau einer Straße gefunden wurde, und noch erstaunlicher, dass man hier zudem noch eine Straßenbahn untergebracht hat, die – kaum zu glauben – teils mit Solarstrom betrieben wird. Schließlich wird’s aufgrund einer Umleitung einspurig, und wir rollen eine ganze Weile auf diesem Ministräßchen übers Land. Hühner queren die Fahrbahn, spielende Kinder, und ein Hund rennt neben uns her, der bellend nach unseren Stiefeln schnappt. Ein kurzer Dreh am Gas genügt, im Rücksiegel kann ich noch sehen, wie er am Straßenrand wieder Stellung bezieht.Wir erreichen Sebnitz, die letzte Stadt vor der Grenze. Ein paar Meter weiter beginnt die Tschechische Republik. Wir überlegen eine Weile, verschieben unseren Besuch im Nachbarland aber auf Morgen und rollen wieder zurück, lernen die Umleitung nun in Gegenrichtung kennen. Eine rüde Schotterpiste, die zum staubigen, aber ungewollten Offroad-Vergnügen lädt. Ganz sicher eine tolle Strecke für eine Enduro; im Sattel eines Sportlers dagegen kaum ein Vergnügen. Als wir endlich irgendwann wieder Teer unter den Reifen haben, nehmen wir Kurs auf Pirna. Eine Strecke mit rigorosen Geschwindigkeitsbeschränkungen und auffalllend vielen Polizeikontrollen. Maßnahmen gegen illegale Straßenrennen sogenannter Crashkids, die groß in Mode sind. Und leider zahlreiche Opfer fordern.Schnell – oder besser mit angemessenen Tempo – weiter. Zum Zschinrstein, einem massigen Tafelberg, dessen kantige Form schon vom weiten auszumachen ist. Und der hierzulande so gar nicht ins Landschaftsbild passen will, sondern vielmehr in das von Arizona. Wir genießen die harmoischen Links-Rechts-Links-Kombinationen, die nicht aufhören wollen und uns immer weiter in Richtung Elbe bringen.Hoch über dem Fluss thront die Festung Königstein, eine niemals eroberte Bastion der Sachsen. In Krisenzeiten lagerten dort schon mal die Staatsschätze, und in manchen Zeiten diente das mächtige Gemäuer als Gefängnis. Hier saß zum Beispiel Johann Friedrich Böttger ein, der Alchimist, der mit »selbstgebrautem« Gold des Königs Säckel füllen sollte, aber »nur« Porzellan erfand. Anfang des 18. Jahrhunderts ein Grund, den armen Kerl für ein Jahr einzulochen. Beim Blick über den Mauerrand von Königstein fällt uns gegenüber der Lilienstein auf. Ein idealer Platz, um den baldigen Sonnenuntergang zu beobachten. Durch eine von Pappeln gesäumte Allee machen wir uns auf den Weg dorthin, vor uns der rot gefärbte Himmel.Der nächste Morgen beginnt mit einem Ritt gen Süden, in die Böhmische Schweiz, die in der Tschechischen Republik liegt. Wir haben an der Grenze hinter Hellendorf mit unserem Eurokennzeichen keine Probleme. Aber von einem Kawasaki ZX-7R-Fahrer vor uns verlangt die nette, aber bestimmte Zöllnerin nach einem D-Schild. Er solle zur nächsten Tanke fahren und dort ein Klebe-D kaufen. In Tschechien säumen unzählige Imbissstände die Straße, überall werden Schnäppchen und Preiswertes feilgeboten. Spärlich bekleidete Osteuropäerinnen lächeln mit theatralisch zur Schau getragener Vorfreude jedem Fahrzeug mit Westkennzeichen zu. Nur gut, dass wir bald auf einer kleinen Nebenstraße unterwegs sind, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Und wo es – das ist am Auffälligsten – keine Leitplanken mehr gibt sowie auf dem überraschend makellosen Asphalt jegliche Markierungen fehlen oder neben der Straße keinerlei Begrenzungen mehr vorhanden sind.Dafür aber Kurven vom Feinsten, kaum ein Meter führt geradeaus. Die nahezu autofreie Strecke windet sich schlangenförmig durch zerklüftete Felsgebilde, führt dann durch so dichten Wald, dass kaum Licht auf die Fahrbahn fällt. Wir rauschen fast schon wie von Sinnen durch die Landschaft, stieben die super Strecke zum Aussichtspunkt auf den 722 Meter hohen Schneeberg hoch – und natürlich wieder runter, sind völlig begeistert von immer wieder neuen Panoramen, die sich hinter jeder Ecke auftun. Nur selten passieren wir kleine Dörfer mit properen Holzhäuschen. Die tschechischen Ortsnamen sind für uns unaussprechbar; bei jedem Abzweig dauert’s eine Weile, bis wir uns auf der Karte wieder orientiert haben. Doch hinter einigen Namen steht zumeist in Klammern ein deutscher. Hrensko hieß früher Herrnskretschen, oder Janov war besser bekannt als Jonsdorf. Jedenfalls bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, als in diesem Landstrich hauptsächlich Sudetendeutsche lebten. Wir treiben die Kawa bis nach Sznezna, vorbei am Kaltenberg, der eigentlich Studenec heißt. Unglaublich viele Kurven, nur selten sind mehr als die ersten drei Gänge nötig. Pferdefuhrwerke kommen uns entgegen, qualmende Autos russischer Herkunft, ein paar Trabbis, denen man ihre jahrelange Beanspruchung ansieht.Hinter Mikulásovice – oder Nixdorf – nähern wir uns wieder der Grenze. In Sachsen begrüßen uns Leitplanken, Straßenmarkierungen – und Schlaglöcher. Über Sebnitz machen wir uns auf den Weg nach Hohnstein, vielleicht das hübscheste Städtchen der Region. Auch, weil über dem Ort eine alte Burg thront. Ein imposantes Bauwerk, keine Frage; nur leider mit einem dunklen Kapitel in seiner langen Geschichte: Während des Zweiten Weltkriegs wurde es als »Schutzhaftlager« missbraucht.Die düsteren Gedanken werden auf den letzten Kilometern nach Rathen, die wir recht sportlich unter die Räder nehmen, schnell vertrieben. Die Sonne, gleich einem gewaltigen Feuerball, lässt das zerklüftete Landschaftsbild in tausend Varianten von Rottöne leuchten. Imposanter kann auch ein Grand Canyon nicht erscheinen, davon sind wir beide fest überzeugt.
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Infos

Das Elbsandsteingebirge gehört zu den skurrilsten Landschaftsformen in Deutschland – Tafelberge und Felsensäulen findet man eben nicht an jeder Ecke.
AnreiseÜber die A 4 bis zur Abfahrt Dresden-Altstadt fahren und weiter über die B 172 bis nach Pirna. Das Städchen an der Elbe ist ein guter Ausgangspunkt für Touren in den Nationalpark Sächische Schweiz (via Bad Schandau), oder für Touren in die Tschechische Republik (über Königstein und Hellendorf). UnterkunftBesonders willkommen sind Motorradfahrer im Hotel »Erbgericht« im Kurort Rathen, Telefon 035024/70454, Übernachtung mit Frühstück ab 70 Mark pro Person. Der Chef fährt selbst Motorrad und führt Gruppen zu den landschaftlichen Highlights. Eine ausgearbeitete Route gibt es ebenfalls. Das Bundesland Sachsen verfügt im Internet über eine sehr gut gemachte Homepage, die über Land und Leute informiert und in jeder Stadt neben zahlreichen Veranstaltungen und Freizeitmöglichkeiten auch Unterkünft nennt (www.sachsen.de).Weitere Infos und Prospektmaterial: Tourismusverband Sächsische Schweiz, Am Bahnhof 6, 01814 Bad Schandau, Telefon 035022/4950, Fax: 035022/49533, e-mail:sae-schweiz@imedia.de.SehenswertDie Sächsische Schweiz ist reich an Naturschauspielen. Unbedingt einen Abstecher zum Aussichtspunkt Bastei in der Nähe von Rathen einplanen. Nicht minder spannend: eine kurze Rundwanderung von der Ortschaft Wehlen in den Wehlergrund, dann dem ausgeschilderten Weg bis in die Teufelskammer und in die Heringshöhle folgen. Eine tolle Tour durch eine grandiose Felsenlandschaft. Lohnend ist auch eine Fahrt mit der »Quitsche«, wie die heute teils durch Solarstrom angetriebene Straßenbahn im Kirnitzschtal genannt wird. Die heutige Museumsbahn läuft bereits seit 1898!LiteraturEin sehr guter Führer kommt von Reise Know-How: »Sächische Schweiz«von Detlef Krell. Preis: 19,80 Mark. Mit diesem Werk kommen Natur- wie Wanderfans voll auf ihre Kosten. Im Internet findet man unter www.reise-know-how.de sogar eine Leseprobe aus diesem und aus weiteren Reiseführern des Verlags. Sehr empfehlenswert ist auch der ADAC Reiseführer »Sächsische Schweiz« von Bernd Wurlitzer, aus dem ADAC-Verlag für 19,80 Mark. Eine sehr gute Karte kommt aus dem Hause Marco Polo: »Sachsen«, Blatt 12 der Generalkarte im Maßstab 1:200000, für 12,80 Mark. Mit dieser Karte lassen sich auch Ausflüge in die Tschechische Republik unternehmen.Zeitaufwand: drei TageGefahrene Strecke: zirka 350 Kilometer

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