Entlang der Moldau

Böhmische Lebensader

Im Herzen Europas ist die Moldau zugleich Lebensnerv und Nationalheiligtum Tschechiens, dieser Fluss gehört dem Land ganz und gar allein. Die Moldau inspirierte Komponisten und Dichter, Ingenieure zapften sie als Energiequelle an, und viele der berühmtesten böhmischen Orte liegen an ihrem Ufer. Grund genug, ihr durch das neu eingemeindete EU-Land zu folgen.

Klaus H. Daams
Hier sind wir in? Richtig: Budweis!
Hier sind wir in? Richtig: Budweis!
Man könnte meinen, die Sonne tanzt. Tausende kleiner Planeten, die auf der sanft gekräuselten Wasseroberfläche talwärts treiben. Eine endlose Schar von Reflexionen überschwemmt das Gesichtsfeld. Marie und ich nehmen blinzelnd die Helme ab, der Paralleltwin verstummt. Er knistert noch, während wir ins Gras sinken. Schon wieder eine Pause, nichts für gute Reiseschnitte, aber Labsal für die Seele. Angler stehen im üppigen Grün entlang des Ufers, grüßen mit freundlichem „Ahoj“. Dieser Seemannsgruß ist in Tschechien üblich, hier passt er prima. Gemächlich fließt die Moldau. Hunderte kleiner Taumelkäfer umkreisen Maries bereits aus den Stiefeln geschlüpfte Füße, ein neugieriger Hund gesellt sich dazu. Sanft und betörend ist sie, die Melodie, die der Fluss erzählt. Wie auch die von Bedrich Smetana. Der große tschechische Komponist, der den Rhythmus der Moldau im gleichnamigen Stück bestens eingefangen hat. Die getragene und einprägsame Melodie folgt dem Lauf von Tschechiens wechselvoller Seele.Wir tun es ihm nach, im Takt einer Kawasaki W 650. Von Anfang an, wobei wir gegen den Strom reisen.

Die Moldau mündet nicht einfach, nein, bei Melník geht sie geradezu vornehm in der Elbe auf. Schließlich ist die Moldau nach ihrer 440 Kilometer langen Reise bedeutend breiter als die erst noch im Werden begriffene Elbe auf ihrem Weg zur Nordsee. Und streng genommen macht erst die Unterstützung der Tschechin die Elbe schiffbar. Ein Ende, das ein Anfang ist.

Wir sitzen in Melník hoch über den beiden Flüssen, im Restaurant des Renaissance-Schlosses. Direkt unterhalb, an den Elbeterrassen, stehen Weinreben in Reih und Glied. Melník ist das erste und bis heute wichtigste Weinanbaugebiet Böhmens. So soll der hiesige Riesling „einen schweren, süßen Duft von Blüten, ausgereiften Äpfeln und Birnen, Honig und Lakritz“ aufweisen, wie die Weinkarte blumig verkündet. Nur nicht für uns, wir wollen weiter.
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Klaus H. Daams
Unten blubbert der Bach, oben der Kawa-Twin.
Unten blubbert der Bach, oben der Kawa-Twin.
Beim Bezahlen weist uns die Kellnerin auf den erhabenen Tafelberg Ríp hin, der gegenüber aus der Tiefebene herausragt. Dort soll der Legende nach der tschechische Urvater Cech seinen Stamm einst hingeführt haben. Die böhmische Seele wandelt mit, an diesem denkwürdigen Wasserlauf. Nur ist es zunächst gar nicht so leicht, ihm zu folgen. Richtung Prag nehmen Bebauung und Verkehr rapide zu, eine vierspurige Schnellstraße trägt uns mitten hinein in den pulsierenden Trubel, zwischen flanierenden Menschenmassen aus aller Welt.

Prag, die goldene Stadt, groß ist ihr Charme, reich ihre Kultur, bewegt ihre Vergangenheit. Und das zieht Touristenströme an. In einer kleinen Pension am westlichen Stadtrand quartieren wir uns ein und gehen mit der vom Gepäck befreiten Kawasaki auf Entdeckungsreise.

Als „Herz Europas“ gilt die Millionenstadt, eines aber, das 1968 blutig operiert wurde. Der Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten bereitete damals dem Prager Frühling ein jähes Ende. Ironie des Schicksals, dass gerade hier 1989 tausende DDR-Flüchtlinge und die Samtene Revolution der Tschechen den Anfang vom Ende des Ostblocks einläutete. In Prag wird noch immer europäische Geschichte geschrieben.

Entlang der Moldau (2)

Foto: Klaus H. Daams
Einer der schönsten Flussabschnitte liegt zwischen Ceský Krumlov und Rozmberk nad Vltavou
Einer der schönsten Flussabschnitte liegt zwischen Ceský Krumlov und Rozmberk nad Vltavou
Heute schieben sich die Touris aus aller Welt durch die engen Gassen der Altstadt. „Zu voll“, entscheidet Marie kurzerhand und wir fliehen – dorthin wo alle sind, auf die Karlsbrücke. Rund 400 Jahre lang war die prächtige Steinbrücke die einzige feste Prager Verbindung über die Moldau. Im 14. Jahrhundert hatte Kaiser Karl IV. das nach ihm benannte Viadukt erbauen lassen. Heiligenfiguren schmücken das 520 Meter lange und zehn Meter breite gotische Bauwerk. Handauflegen beim Heiligen Nepomuk soll angeblich vor Hochwasser und Schiffsunglücken schützen und Glück bringen. Die blank geriebene Stelle beweist, dass es die Stadt bei dem Jahrhunderthochwasser vor drei Jahren verdammt nötig hatte.

Am linken Moldauufer lässt das Gedrängel nach, na ja, es verteilt sich besser, vor der größten bewohnten Burg der Welt. Seit 1918 ist sie Präsidentensitz und präsentiert zusätzlich noch den Sankt-Veits-Dom auf ihrem Areal. Spät am Abend suchen wir in der Nähe vom Ausstellungsgelände Holešovice die Krizík-Fontäne, das tanzende Wasser. Es wartet hinter dem „Lapidarium“, Name eines Skulpturen-Museums. Von klassischer Musik untermalt springt und zuckt das nasse Element, steigt prustend auf und fällt wieder in sich zusammen. Und wechselt ständig seine leuchtenden Farben. Choreographie im Brunnen.

Als sich nachts die Lichter der Stadt auf dem plätschernden Fluss spiegeln, fällt mir ein weiteres Lied von der Moldau ein, diesmal von Bertolt Brecht: Am Grunde der Moldau wandern die Steine/ Es liegen drei Kaiser begraben in Prag./ Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine./ Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.
Foto: Klaus H. Daams
Mit ihm erwacht erneut das Reisefieber in uns, wir sagen der Stadt der 100 Türme „Na shledanou“, auf Wiedersehen, richtendie Chromlampe der Kawa gen Süden und auf die Nationalstraße 102 parallel zum Fluss. In riesigen Abbruchkanten entreißt ein Steinbruch den vom Wasser abgelagerten bunten Sandstein dem Ufer – Nachschub für die Bauindustrie. Die Zeit ist nicht stehen geblieben, frische Farben und Formen bringen den alten Glanz zurück zu den klassizistischen Fassaden von Böhmens Städten. Ein Land regeneriert sich in der post-sozialistischen Ära, entwickelt wieder Würde.

Wir entdecken währenddessen einen neuen Kontrast, den Slapy-Stausee als „Badestrand von Prag“. Die Straße führt mitten über die Staumauer. Tosend stürzen die Fluten 65 Meter hinab ins tief eingeschnittene Tal. Mit wogenden Strudeln feiert das Wasser seine wiedergewonnene Freiheit, nachdem es zwischen- durch brav Strom für den industriellen Aufschwung geliefert hat. Bald darauf entzieht sich die wild mäandrierende Moldau dem Zugriff der Straßenbauer, versteckt sich hinter dichten Wäldern. Umso größer dann die Freude, sie wieder einzufangen. Majestätisch und reich verzweigt liegt sie aufgestaut im Tal, erinnert an die Stauseen des Sauerlands.

Hier kommen Wassersportler wie Motorradfahrer auf ihre Kosten, Segelboote blitzen zwischen Inseln in der Sonne auf. Die Weiße Flotte lädt zu Ausflugsfahrten ein und das tolle Kurvenrevier zum Schräglagentanz. Aber hallo, nicht selten wechselt der Belag, auch der eine oder andere Sandflecken hat sich auf die Fahrbahn verirrt. Viele Campingplätze und Ferienhauskolonien säumen die Ufer der Stauseen, doch wer abseits der Touristenströme fährt, der findet sie noch, die verwunschenen Dörfer. Solche, in denen der Zahn der Zeit genagt hat und Verfall kein Fremdwort ist.

Budweiser Spezialitäten

Eine Reise wert: Mitten in der Altstadt von Budweis zeigt das sehenswerte Motorradmuseum 85 Zweiräder und viele andere Exponate. Diverse nationale Fabrikate sind darunter, von Laurin & Klement, CZ, Cezetta und Jawa. Von letzterer Marke stammt die 250er-Zweizylinder-Geländemaschine aus dem Jahr 1951. Rar und schön: Der Besitzer des Museums, Herr Hoštálek, besitzt drei von fünf gebauten Exemplaren (!) der Budweiser Marke Hurikan.

Sie waren die ersten tschechischen Bikes mit Vollnabenbremse, Schwinge und hydraulischer Telegabel. Die Singles Special 250 (oben links, mit durchgehender Sitzbank) für Straßenrennen und die 350er für Geländewettbewerbe, leisteten 20 und 16 PS.

Ferner sind eine Vierzylinder-Nimbus, eine BMW R 12 sowie Puch S 4 in Wehrmachtslackierung zu sehen, dazu diverse Youngtimer, etwa von BMW, Laverda und Suzuki. Interessant sind die Gespanne. Eine fahrbereite 750-cm3-Harley, Modell D von 1930, spielte in einer tschechischen TV-Serie eine tragende Rolle. Bewusst un-restauriert blieb die Indian Chief 1000 SV, die mitsamt Boot vier Erwachsene aufnahm.

Geöffnet ist das »Jihoceské Motocyklové Museum« Dienstag bis Sonntag von 10 Uhr bis 18 Uhr; Adresse: Solnice (An der Marienkirche), CZ-37001 Ceské Budejovice. Kontakt und Infos gibt es per Telefon 00420/387200849 (Herr Hoštálek spricht Deutsch) und hostalek@tiscali.cz.

Entlang der Moldau (Infos)

Sie ist reich an Natur und Kultur, die Tschechische Republik, und seit dem 1. Mai 2004 EU-Mitglied. Die Moldau ist ein prima roter Faden für das Land und teilt das böhmische Viereck in zwei Hälften.
Allgemeines
Ganz wichtig: Kurzform des Landesnamens ist Tschechien und schon lange nicht mehr das einst von den Nazis geprägte »Tschechei«. Es gilt die Tschechische Krone (KC) mit Kurs von 1 Euro zu rund 31 KC, also entspricht 1 KC etwa 3,2 Cent. Lebensmittel, Restaurantbesuche, Zigaretten und alkoholische Getränke sind wesentlich billiger als in Deutschland. Je schöner die Innenstädte und schnuckliger die Läden, desto beschränkter die Öffnungszeiten: Samstags schließen viele Geschäfte bereits um 14 Uhr, manche gar gegen 12 Uhr. Restaurants machen oft schon um 22 Uhr zu, und Nachtschwärmer finden nur mit Mühe noch etwas zu essen.

Anreise und Strecke
Die Moldau, tschechisch Vltava, ist 440 Kilometer lang. Sie entspringt in zwei Quellflüssen, Teplá Vltava und Studená Vltava (warme und kalte Moldau), im Nationalpark Šumava (Böhmerwald). Bei Melník mündet sie in die Elbe. Jene Stadt erreicht man von Usli nad Labem in Nordböhmen über die Nationalstraße 261, immer entlang der Elbe. Wer der Moldau lieber in Flussrichtung folgen möchte, erreicht von Passau aus über die B 12 Horni Vltavice und damit einen der beiden jungen Flussarme.

Verkehr und Einreise
Benzin ist günstig, ein Liter bleifreies Euro-Super (»Natural 95«) kostet etwa 80 Cent. Auf Landstraßen gilt maximal Tempo 90, auf Autobahnen 130 km/h. Obacht angesichts des günstigen und guten böhmischen Bieres: Es gilt eine Promillegrenze von 0,0. Löblich: Motorräder sind von der Vignettenpflicht auf Autobahnen ausgenommen! Sehr unterschiedlich ist die Straßenqualität, von Top-Neubaustrecken bis hin zu Landsträßchen mit tiefen Schlaglöchern. Für Aufenthalte bis drei Monaten Dauer genügt der Personalausweis, sofern er mindestens noch drei Monate lang gültig ist. Ein deutscher Führerschein reicht aus, die grüne Versicherungskarte ist obligatorisch. Auch wenn viele Tschechen Deutsch verstehen und jüngere Leute oft englisch sprechen, reagieren sie deutlich freundlicher, wenn man wenigstens Begrüßungsfloskeln auf Tschechisch versucht.

Informationen und Literatur
Allgemeine Infos hält die Tschechische Zentrale für Tourismus in Berlin parat, Telefon 030/2044770, www.czech-tourist.de. Infos zu Geschichte, Kultur und Übernachtungstipps in den Städten Prag, Budweis und Ceský Krumlov (Krummau) bieten folgende Websites: www.prag-czech.de; http://mesto.budweb.cz/de/default.asp; www.krummau.de. Ein besonders übersichtlicher und informativer Reisebegleiter ist der Baedeker-Reiseführer Tschechien für 19,95 Euro von 2001; 360 Seiten, neun vertiefende Specials, 140 farbige Abbildungen, 37 Karten und grafische Darstellungen, ISBN: 3-89525-907-1. Dem Werk liegt eine Reisekarte bei, deren Maßstab 1:750000 jedoch für Motorradstrecken zu grob ist. Einen besseren Maßstab von 1:200000 bietet die gute Generalkarte Tschechien 1, Westböhmen und Mittelböhmen im leider nur bedingt tankrucksackfreundlichen Format für 6,50 Euro.Jozef Petro und Karin Werner zeigen im Band »Tschechien« der Reihe Reise Know-How große Sachkenntnis. Leider trüben wenig aussagekräftige, reine Schwarzweißfotos das gute Bild. Infos: www.reise-know-how.de,4. aktualisierte Auflage 2003, 456 Seiten mit 40 Ortsplänen und Karten, 100 sw-Fotos, ISBN: 3-8317-1139-9, 19,90 Euro.

Unterkünfte und Restaurants
Hotels und Pensionen sind oftmals günstig, in touristischen Orten wie Prag aber unverhältnismäßig teuer. Eine besondere Empfehlung in Budweis ist das Grand Hotel Zvon (Glocke), ein historisches Gebäude mit Blick auf den herrlichen Marktplatz; das DZ kostet inklusive Frühstück ab 2580 KC, rund 83 Euro. Infos unter Telefon 00420/387311384 und www.hotel-zvon.cz, auch auf Deutsch. Wer dem Touristen-Trubel von Ceský Krumlov entfliehen will, sollte wenige Kilometer südlich der Stadt nächtigen: Das Hotel-Restaurant Ruze (Rose) in Rozmberk nad Vltavou liegt malerisch direkt an der Moldau, unterhalb zweier Burgen. DZ inklusive Frühstück gibt’s ab 1250 KC (40 Euro). Infos unter Telefon 00420/380749715-6 und www.hotelruze.rozmberk.cz (auf Deutsch). Besonders billig sind Campingplätze, die oftmals landschaftlich reizvoll liegen, wie etwa an den Moldau-Stauseen von Slapy und Orlik. Originell von 25 Motorrad-Oldtimern umgeben speist man in Ceský Krumlov im Mühlen-Restaurant Krumlovsky Mlyn, das auch einen Biergarten hat; Telefon 00420/736634460, www.krumlovskymlyn.cz (deutschsprachig). In Melník, wo die Moldau in die Elbe mündet, lockt das Restaurant von Böhmens schönstem Renaissance-Schloss mit herrlicher Aussicht, guter Küche und edlen Weinen (www.melnik.cz).

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