Entlang der Weser

Damals wie heute

Ein Trip entlang der Weser. Von Hannoversch Münden im Weserbergland bis an die Nordsee; mit einer 141 Jahre alten Reisebeschreibung im Gepäck.

Foto: Jo Deleker
Eine ruhige Landschaft - gut für ruhige Fahrer
Eine ruhige Landschaft - gut für ruhige Fahrer

„Da liegt ein Landstrich zwischen dem Harze und Westphalen mitten im Reiche drin, aber fast unbekannt und unberührt vom großen Verkehrsstrome. Es ist das Weserthal, das seines Entdeckers harrt.“

Meine Fantasie fängt an zu rotieren – die Gegend rechts und links der Weser sozusagen als weißer Fleck auf der Karte? Und der Fluss so unbekannt wie Nil und Amazonas? Kaum zu glauben. Nur allzu gerne hätte ich Robert Geißler, den Verfasser dieser Zeilen, im Jahr 1863 während seines Trips auf einem Dampfschiff von Münden bis Bremerhaven begleitet. Immerhin hat er seine Eindrücke in seinem noch im selben Jahr erschienenen Buch „Die Weser“ festgehalten. Eine Kopie dieser alten Schwarte wandert in meinen Tankrucksack, und schon bin ich im Sattel meiner betagten XT 500 auf Entdeckungsreise. Mal schauen, was sich in 141 Jahren verändert hat.

In Münden, dort, wo sich Fulda und Werra zur Weser vereinen, scheint auf den ersten Blick vieles beim Alten geblieben zu sein. Rund 450 Fachwerkhäuser, eines windschiefer als das andere, versetzen einen zurück ins Mittelalter. Irgendwo im Schatten der Giebel entdecke ich eine Holzfigur – den legendären Doktor Eisenbart, der vor 280 Jahren zu den bekanntesten seiner Zunft gehörte, obwohl er eher als Quacksalber denn als Arzt in die Geschichte einging. Sein Motto: „Die Welt will betrogen sein, also geschehe es.“ Sogar Robert Geißler hat diesen Wunderheiler in seinem Werk verewigt: Ein Patient behauptet, dass ihn der Werwolf gepackt habe und er seitdem gelähmt sei. Für Eisenbart eine klare Sache: „War es bei Vollmond, als Euch der Werwolf packte?“ „Jawohl, es war Vollmond.“ „War’s im Frühling?“ „Im Herbst, Herr Doktor.“ „Und Ihr wisst gewiss, dass Euch der Werwolf im Schlaf gepackt?“ „Ja, ganz gewiss. Er hat mir die Knochen gequetscht, und seitdem habe ich ein Reißen in der linken Seite.“ „Nun, dagegen helfen zwei Elemente, Feuer und Wasser, und ein Kraut von einem Busche, den der Werwolf mit Blut gedüngt hat. Hängt dieses Kraut ohne es zu besehen in einen Topf mit Wasser, macht Feuer darunter, bis es kocht, trinkt es aus, und dann legt Euch ins Bett. Sagt’s aber niemand.“ Was Eisenbart dem Patienten gab, war Fliedertee. Er ließ es sich mit zwei Thalern entlohnen.

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Foto: Jo Deleker
Landleben mitten in der Altstadt von Hannoversch Münden
Landleben mitten in der Altstadt von Hannoversch Münden

Genug der Geschichten, jetzt wird es Zeit, der Weser bis zur Nordsee zu folgen, denn eine Passage im Buch hat vollends meine Neugier geweckt: „Ob es ein fernes Thal in Asien wäre, was Du beträtest, oder ein Stromgebiet aus dem felsigen Westen Amerikas, es würde wohl so ziemlich dasselbe sein wie hier im Weserthal.“
Das Tal der Weser im direkten Vergleich mit asiatischen oder amerikanischen Landschaften – wie konnte mir das bis heute entgehen? Rasch peile ich die Höhenzüge von Reinhards- und Bramwald an, lasse die XT erst einmal gemütlich flussabwärts tuckern. Hier und da schwarzweiße Fachwerkhäuser. Ein Storch stakst durch die nassen Wiesen.

Die kleine Straße passt sich der gelassenen Stimmung an, hat es nicht nötig, mit Kurven für Aufregung zu sorgen. Etwas mehr Schräglage würde mir jetzt aber gefallen. Also biege ich in Hemeln ab, folge der Strecke, die in Richtung Göttingen überraschend steil bergan führt. Ein Volltreffer. Zwei, drei Kehren und zig Kur-ven zirkeln sich durch den dichten Wald. Nicht schlecht für den Anfang, zumal gleich nebenan die Trasse genauso wild wieder hinunter zum Fluss führt. Den ich umgehend per Fähre überquere, denn auf der anderen Seite geht’s gleich wieder bergan. Schmale, buckelige Wege ziehen sich durch einen uralten Wald, ich gelange auf die Deutsche Märchenstraße und prompt zur Sababurg. Oder besser: dem Dornröschen-Schloss der Gebrüder Grimm. Ein wirklich verwunschener Ort inmitten eines über 400 Jahre alten Tierparks, in dem sich sogar Wisente tummeln.

Entlang der Weser (2)

Foto: Jo Deleker
Allee bei Hannoversch Münden - eine von vielen entlang der Weser.
Allee bei Hannoversch Münden - eine von vielen entlang der Weser.
Kurz darauf schlängelt sich die Strecke bergab zur Weser, und ich gelange nach Bad Karlshafen. Von hier aus wollte vor etwa 300 Jahren der Landgraf Carl einen schiffbaren Kanal bis Kassel buddeln lassen, um damit den raffgierigen Zöllnern in Münden ein Schnippchen zu schlagen. Aus dem ehrgeizigen Projekt ist allerdings nicht viel geworden: Carls Kanal endet kurz hinter der Stadt, und das Hafenbecken hat nie ein richtiges Schiff gesehen.

Ein paar Kilometer weiter überquere ich erneut die Weser auf einer uralten Fähre, die aus heutiger Sicht ihren modernen Schwestern irgendwie um Jahre voraus ist: Sie kommt gänzlich ohne Motorkraft aus. An einem Seil schräg zur Strömung hängend, bewegt sie sich allein durch die Kraft des Wassers, und man gelangt völlig lautlos auf die gegenüberliegende Uferseite. Genial.

Dort entdecke ich eine sonnige Wiese, wie geschaffen für eine Pause. Ein Blick in meinen Reiseführer ist ohnehin längst überfällig. „Die wonnigste Flussherrlichkeit liegt zu meinen Füßen. Buchen und Eichen noch im Sommerkleide, aber der Erntesegen des Jahres schon in goldglänzende Finnen aufgehäuft. Die Obstbäume drohen zu brechen, und der mit Uferbildern spiegelnd tändelnde Strom wälzt sich als schönster Schmuck dahin. Ein Fuhrwerk klappert am Uferweg entlang.“
Foto: Jo Deleker
Nein, das ist nicht die Weser, aber liegt auch an der Strecke.
Nein, das ist nicht die Weser, aber liegt auch an der Strecke.
Die Fuhrwerke sind zwar zu Lkw mutiert, aber sonst hat sich offenbar wenig geändert. Ein Ausflugsdampfer malt symmetrische Wellenmuster auf das glatte Wasser. Er erinnert mich an den ultimativen Tipp aus einem Kinderspiel, bei dem es um das längste Wort ging: Oberweserdampfschifffahrtsgesellschaftskapitän.
Das Thermometer ist inzwischen auf über 30 Grad geklettert. Zu heiß, als dass mich die zugegeben wunderschönen Fachwerkstädte Höxter und Holzminden locken könnten. Lieber fahren und den zumindest leicht kühlenden Wind genießen. Mit jedem gewonnenen Höhenmeter – ich gönne mir einen Abstecher in den Solling – wird die Waldluft frischer. Immerhin erreicht die Straße kurz vor Dassel fast 500 Meter Höhe. Zu meiner großen Überraschung entdecke ich einen geschotterten Waldweg, der ausnahmsweise nicht gesperrt ist. Ich bin gespannt, was mich erwartet, staube durch einen dichten Fichtenwald. Weit vor mir überqueren plötzlich acht Wildschweine die Piste. Stundenlang könnte ich so weiterfahren, aber die nächste Teerstraße lässt leider nicht lange auf sich warten.

Später gelange ich kurz vor Bodenwerder wieder an die Weser. Anstatt weiter in nördliche Richtung zu fahren, peile ich den wohl bekanntesten Motorradtreff dieser Region an, den Köterberg. Mitten in der Woche herrscht hier Ruhe – außer mir haben sich nur eine Hand voll anderer Biker hierher verirrt. Stammgäste, wie ich erfahre. An den Wochenenden, erzählen sie, sei natürlich viel mehr los. Die Strecken rund um den fast 500 Meter hohen Berg seien ja auch ein Traum für jeden Motorradfan. Wirklich. Einen Kaffee später stampft die XT schon wieder auf und davon. Und wir bummeln unbeschwert dahin – die Straßen gehören uns praktisch allein. Die Jungs hatten Recht – bereits das kurze Stückchen zwischen Brevörde und Ottenstein entpuppt sich als absolutes Highlight: tolle Serpentinen (besser als so manche Kehre in den Alpen!) und ein genialer Blick auf die Weser.

Entlang der Weser (Infos)

Wer der Weser folgt, erlebt Deutschland von seiner ruhigen Seite – und wird staunen, wie vielfältig die einzelnen Regionen sind.
Anreise
Hannoversch Münden am Zusammenfluss von Werra und Fulda erreicht man von Süden oder Norden kommend über die A 7. Aus westlicher Richtung führt die A 44 hier vorbei.

Unterkunft
Vom einfachen Campingplatz ab sieben Euro pro Nacht und Person bis zum Fünf-Sterne-Hotel ist alles zu haben. Das weitaus größte Angebot stellen hingegen private Pensionen und Gasthäuser. Außerhalb der Hochsaison (Schulferien) ist die spontane Zimmersuche unproblematisch. Darüber hinaus hat fast jeder Ort seinen eigenen Verkehrsverein, der Infos bereithält und meist auch über eine Internetseite verfügt. Wer im Weserberg unterwegs ist und ein Nachtlager sucht, sollte die »Villa Löwenherz« in Lauenförde (bei Bad Karlshafen) anpeilen, Deutschlands einzigstes Hotel, das ausschließlich Motorradfahrer beherbergt. In der Woche sind pro Nacht ab 15 Euro inklusive Frühstück zu zahlen, an den Wochenenden sind zwei Übernachtungen obligatorisch, die ab 45 Euro inklusive Frühstück und Abendessen pro Person kosten. Infos: Telefon 05273/7567; Internet: www.villa-loewenherz.de.

Sehenswert
Einen Blick lohnt im netten Hannoversch Münden der Zusammenfluss von Fulda und Werra, die ab hier die Weser bilden. Die Fachwerkstädte Höxter, Holzminden und Hameln sind ebenfalls tolle Stationen, um eine Pause einzulegen. Weitere Highlights: die Porta Westfalica bei Rinteln mit dem riesigen Kaiser- Wilhelm-Denkmal, das schaurig-schöne Teufelsmoor rund um das Bilderbuch-Bauerndorf Fischerhude und den Künstlerort Worpswede sowie schließlich das Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven. Und wer schon mal dort ist, sollte über einen Trip nach Helgoland (nur im Sommer möglich) nachdenken.

Literatur
Der HB-Bildatlas »Weserbergland« ist zwar nicht mehr ganz druckfrisch, bietet aber dennoch einen sehr guten Einstieg in diese Region; www.hbverlag.de, für 8,50 Euro. Den nördlichen Bereich deckt »Elbe, Weser, Nordseeküste« aus demselben Verlag ab. Die im Text erwähnte Reisebeschreibung »Die Weser« von Robert Geißler aus dem Jahr 1863 ist im Buchhandel natürlich nicht mehr zu erhalten. Wer dennoch daran interessiert ist, muss sich – wie der Autor dieser Geschichte – in der nächsten Universitätsbibliothek auf die Suche machen. Falls das Buch dort nicht in den Regalen steht, kann es per Fernleihe immerhin bestellt werden. Als Karte empfiehlt sich die Deutsche Generalkarte, Großblätter 1 und 3, im Maß-stab 1:200000. Als ideal für die Planung einer Tour hat sich der aktuelle MOTORRAD Tourenplaner erwiesen (gibt’s als als CD oder DVD). Für 39,95 Euro zu bestellen unter Telefon 0711/182-2442.

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