Fichtelgebirge / Frankenwald

Sanfter Grenzbereich

In der Nordostecke Bayerns treffen zwei Waldgebirge aufeinander: Fichtelgebirge und Frankenwald. Einst das Zonenrandgebiet, bilden sie nun das grüne Herz Europas.

Der Terminator stammt aus Hollywood, der Kulminator aus Franken. Was sie vereint? Sie machen jeden nieder, der ihnen in die Fänge gerät. Kulmbach fliegt rechter Hand vorbei – dort liegt die Heimat des Kulminators, dem mit acht Prozent Alkoholgehalt stärksten Biers der Welt. Eine echt hochprozentige Region für den Toureinstieg! Flankiert von Biergärten und Brauereien, rolle ich auf der »Bier- und Burgenstraße« in Richtung Norden. Bald verschwindet Kulmbach im Rückspiegel. Vier Groß- und ungezählte Kleinbrauereien sorgen dort für den weltweit höchsten Bierausstoß im Verhältnis zur Einwohnerschaft: 6667 Liter pro Kopf im Jahr, macht mehr als 18 Liter pro Einwohner täglich. Was einer kompletten Tankfüllung für den Norton-Single C 652 entspricht. An diesem verdammt heißen Sommertag will der Gedanke an ein kühles Bier erst wieder verschwinden, als ich die Bundesstraße mit dem durstfördernden Leitmotiv verlasse und auf schattige Nebenstrecken durch die Wälder abzweige. Grafendobrach - Wartenfels - Presseck. Der Nadelpelz der Fichten rückt näher, die Täler werden enger, die Hügelketten mit knapp 700 Höhenmetern prägnanter. Im Schmölztal bin ich mit Ausnahme eines Rennrads völlig allein unterwegs. Die Region ist so entlegen, dass die wenigen Häuser entlang des Kostenbachs erst vor kurzem an das öffentliche Stromnetz angeschlossen wurden. Und obwohl dieses geniale Waldsträßchen legal befahrbar ist, überfällt mich auf dem hämmernden Einzylinder fast ein schlechtes Gewissen. Auf dem Weg nach Wallenfels stoße auf die Wilde Rodach, an deren Ufer noch immer die traditionellen Holzflöße liegen. Heute transportieren sie Touristen statt Baumstämme über den Fluß. Eine Mordsgaudi, die sich aus den Überresten der einst wichtigsten Erwerbsquelle der Region entwickelt hat. Vom Mittelalter bis in die späten 50er Jahre wurden die im Frankenwald gerodeten Hölzer bei Wind und Wetter bis nach Holland geflößt. Bier war natürlich auch dabei nicht wegzudenken – fünf Liter (!) gehörten im Flößergewerbe zur täglichen Nahrungsration. Kronach taucht auf und löst unvermittelt die Stille des Frankenwaldes ab. In Ober- und Unterstadt gestaffelt drängt sich die mittelalterliche Stadt zu Füßen der trutzigen Festung Rosenberg. Bald hoppelt die Norton über grobes Kopfsteinpflaster an Fachwerkhäusern, Türmchen, Toren und Brunnen vorbei und findet als echte Engländerin zielsicher den Weg zu einem der auch hier obligatorischen Biergärten. Ein Gottesurteil. Ich kapituliere und lasse mich nun doch hinreißen. Zu einer deftigen Brotzeit mit fränkischem Bierfleisch und einer Maß Apfelschorle.Gleich hinter der Altstadt stoße ich wieder auf die inzwischen schon vertraute B 85, folge ihr nach Norden bis Pressig und schwenke dann auf die schmalspurigere Strecke Richtung Welitsch und Heinersdorf. Der beschauliche Verbindungsweg zwischen Bayern und Thüringen mündete noch bis vor zwölf Jahren in einer Sackgasse. Kurz vor Heinersdorf war Endstation. Heute steht hier noch ein frisch geweißelter Mauerrest als Denkmal einer einst 640 Meter langen Betonmauer, die jeden Blickkontakt zwischen den Leuten im thüringischen Heinersdorf und denen im bayerischen Welitsch unterbinden sollte. Elektrische Zäune, Lichttrassen, Sperrgräben und eine Bachsperre gab’s noch obendrein. Häuser, die zu nah an der Zonengrenze standen, erzählt Herr Zenkel, einst DDR-Grenzpolizist und nun Betreuer der Gedenkstätte, hätte man von heut auf morgen komplett auseinandergenommen und abtransportiert ins »rückwärtige Gebiet«. Und weil er diesen Irrwitz schon damals kaum fassen konnte, hat er alles mit der Kamera festgehalten. Da der Frankenwald hier weit ins Terrain der ehemalige DDR hineinragte, umzingelte ihn die Grenze gleich von drei Seiten. Nur im Süden war der Eiserne Vorhang offen. Zurück auf der B 85 erwische ich bei Lauenstein gerade noch das auf der Karte kaum fadendünn verzeichnete Panorama-Rundsträßchen zwischen Thüringer Wald und Frankenwald. Ein kühler Wind streicht in den höheren Lagen durch die Bäume und vertreibt die drückende Hitze dieses zur Höchstform auflaufenden Sommertags. Aufatmend werfe ich Helm und Motorradjacke ins Gras und genieße den Blick auf die mittelalterliche Burg Lauenstein, die wie ein Märchenschloss hoch über dem Loquitztal thront. Dahinter präsentiert sich nach Süden hin die ganze Bandbreite des Frankenwaldes mit seinen samtgrünen Hügeln und tief eingekerbten Tälern. Zwei Biegungen weiter und 117 Stufen höher empfängt mich die Aussichtsplattform der Thüringer Warte mit grenzenlosem Ausblick über Thüringer Wald und Frankenwald.Schmal und kurvenreich führt die Strecke über die Fischbachsmühle nach Falkenstein. Die Norton ist in ihrem Element, denn die wendige Maschine mit dem Rotax-Motor ist wie geschaffen für ausgelassene Winkelzüge. Mal fällt der Blick auf Streuobstwiesen, mal auf Fichtenwälder, mal auf ein buntes Feldermosaik. Ein Traktor tuckert durch die Talsenke, ein paar Raben stieben auf, sonst regt sich nichts. Als ich schon glaube, das Ende der Zivilisation erreicht zu haben, empfängt mich ein Schild »Willkommen im Goldenen Dorf«, und gleich darauf bin ich von perfekt restaurierten Schieferhäusern umgeben, die sich im Ortszentrum um einen gigantischen Bauerngarten gruppieren. Kaum zu glauben, in Steinbach an der Haide hat man den Dorfplatz umgegraben und mit blühenden Büschen und Blumen bepflanzt. Was für eine Idee! Im Zickzackkurs geht’s hinunter nach Teuschnitz und von dort auf die Frankenwaldhochstraße in Richtung Nordhalben. Die Landschaft, eben noch mit Flußtälern und versteckten Waldlichtungen eng komprimiert, breitet sich nun großzügig vor mir aus. Wie eine grandiose Berg-und-Tal-Bahn führt die Strecke in breiten, übersichtlichen Bögen über ein nicht enden wollendes grünes Kuppenmeer. Zur Krönung liegt der türkisblaue Stausee Mauthaus wie ein Fjord im Frankenwald am Etappenende. Als ich gemächlich über Geroldsgrün, Bad Steben und das mittelalterliche Städtchen Lichtenberg nach Norden tuckere, geniesse ich Straßen, die inzwischen Seltenheitswert haben: ohne Mittelstreifen, ohne Leitplanken und ohne Verkehr. Südlich von Blankenberg stoße ich auf die Saale, deren emsig gewundener Flußlauf sich auf weiten Strecken hinter einem rosaroten Blütenmeer versteckt. Dass inmitten dieser Naturidylle auch die Grenze zu Thüringen verläuft, rückt erst später ins Bewußtsein. Auf dem Weg von Hirschberg nach Mödlareuth.Es ist, als falle einem die pinke Idyllbrille vom Gesicht. Am Straßenrand steht ein Panzer der Roten Armee, auf dem nächsten Hügel ein Beobachtungsturm, dann kommt’s geballt: Betonmauer, Sperrgraben, Metallgitterzaun, Lichttrasse. In Mödlareuth – einst Klein-Berlin genannt - präsentiert sich die ehemalige Zonengrenze auf nahezu groteske Weise. 40 Jahre lang verlief der Eiserne Vorhang, von dem man Teile als Freilichtmuseum erhalten hat, mitten durch das 250-Seelen-Dorf. Das Wirtshaus stand im Osten, die Kirche im Westen. Wenn einer von hüben nach drüben wollte, hat man auf ihn geschossen.Schon längst blicke ich nicht mehr durch, ob ich mich nun eigentlich in Thüringen, Bayern oder Sachsen befinde. Zutiefst beruhigend – es ist einfach egal geworden, die Grenzen sind abgebaut. In fliegender Fahrt geht’s über Hof und Rehau hinunter nach Selb. Porzellanboden in der Fußgängerzone, Porzellanbrunnen in den Seitengassen, Porzellanfigürchen in den Schaufenstern - Schnell wird klar, wer in Selb zu Hause ist: berühmte Firmen wie Hutschenreuther, Rosenthal und Co. In der futuristisch gestylten Rosenthalfabrik, die man ohne Haftpflichtversicherung besser gar nicht betreten sollte, stapelt sich feinstes Designer-Porzellan. Die kleine Versace-Vase, die ich vorsichtig vom Regalboden hebe, scheint für schlappe 300 Euro ein echtes Schnäppchen zu sein. Zumindest wenn man sie nicht mit dem vergleicht, was drüben in Böhmen feilgeboten wird.Hinter der deutsch-tschechischen Grenze, nur einen Steinwurf von Selb entfernt, kontert die Konkurrenz aus Fernost mit Keramik statt Porzellan. Die von vietnamesischen Händlern errichteten Gartenzwergkolonien empfangen mich bereits kurz nach der Ausweiskontrolle und verfolgen mit starrem Blick meinen Weg durch die sich anschließenden Keramikpilzhäuser, Keramikfrösche und Keramikenten. Der Schilderwald mit den Schnäppchenofferten aller Geschäftszweige will kein Ende nehmen. Klamotten, Zigaretten, Alkohol, Benzin - alles billig. Genauso billig wie die unvermeidlichen sozialistischen Plattenbausiedlungen, mit denen man die Altstadt von As (Asch) verschandelt hat. Als ich im Ortszentrum schließlich auf pastellfarbene, mit Stuckornamenten verzierten Villen stoße, überkommt mich eine leise Ahnung, wie schön diese Stadt einmal gewesen sein muss. Im Norden hinter ihr erhebt sich der 757 Meter hohe Hainberg, der Hausberg von As und immerhin die höchste Erhebung des Fichtelgebirges auf böhmischem Boden. Zurück in Selb, folge ich der »Porzellanstraße« über Hohenberg an der Eger nach Süden, schwenke bei Schirnding auf die B 303 und rausche auf direktem Weg den höchsten Gipfeln des Fichtelgebirges entgegen. Es ist windstill, und selbst der Fahrtwind vermag kaum noch Abkühlung zu verschaffen. Ich bin dankbar für das dichte Nadelgehölz, das hinter Marktredwitz kühlend an die Fahrbahn rückt. Selbst an diesem strahlenden Sommertag wirken die waldigen Kuppen des Fichtelgebirges dunkel und geheimnisvoll. Mitten drin und nur ein paar hundert Meter von der Fahrbahn entfernt verbirgt sich zudem noch ein ganz besonderer Mythos: das Luisenlabyrinth. Riesige Granitkugeln, durcheinandergeworfen, als hätten die Titanen hier Murmeln gespielt. Auf klaustrophobisch engen Pfaden durch die ineinander verkeilten Granitmassen führt das Labyrinth zu Höhlen und Gängen, in denen bei der kleinsten unachtsamen Bewegung der Integralhelm fette Beulen verhindert. Irgendwann ganz oben angelangt, fühle ich mich wie auf einem Haufen übereinandergestapelter Kartoffeln und blicke mit wackeligen Knien über weite Teile des Fichtelgebirges. Auf dem Weg zum Schneeberg und zum Ochsenkopf, den mit über 1000 Metern höchsten Bergen Frankens, unternehme ich noch einen Abstecher über Fichtelberg und den auf 750 Metern Höhe gelegenen Fichtelsee. Einsame, zwischen Wäldern, Wiesentälern und Hochmoor eingebettete Strecken führen dorthin. Leider muss ich am Fuß des Schneebergs erkennen, dass das auf der Karte verzeichnete Gipfelsträßchen nur für Militär und Forstbetrieb erlaubt ist. Mist! Aber immer noch besser als vor der Wende, wo der Schneeberg ebenso streng bewacht war wie die Zonengrenze. Keiner durfte in seine Nähe kommen, weil oben ein westlicher Spionagesender stand, mit dem genaustens die Aktivitäten im Osten beobachtet wurden. Ein letzter Schlenker führt mich über Bischofsgrün um den Ochsenkopf herum. Die ausgewiesene Panoramastraße wird dummerweise zu beiden Seiten von ausgewachsenen Fichten flankiert, so dass sich der erhoffte Ausblick erst mit dem Beginn der Bundesstraße nach Bayreuth einstellt. Echte touristische Panne! Dafür gibt’s in der Festspielstadt Ausblicke und Pracht im Überfluss: barocke Schnörkel, Goldkapitelle, Stuck. Zu allem Überfluss zieht am Festspielhaus um halb vier Uhr nachmittags noch ein Wagner-gerechtes Gewitter auf, und Menschen im Sonntagsstaat eilen mit Regenschirmen bestückt zur »Götterdämmerung«. Da es in meinem Aufzug mit der Wagner-Vorstellung sicher nichts wird, warte ich in einem Café den Guss in Ruhe ab. Gegen Abend mache ich mich auf den Weg nach Hause und finde auf der Autobahn nun endlich das passende Ambiente, in dem sich’s für die Norton göttlich dahinhämmern lässt.
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Infos

Wer in Deutschland noch einsame Strecken, endlose Wälder und mittendrin quirlige mittelalterliche Städte sucht, der kommt in den großen Waldgebieten im Nordosten Bayerns voll auf seine Kosten.
AnreiseDie schnellste Anreise von Norden und Süden erfolgt jeweils über die A 9 aus Richtung Berlin beziehungsweise Nürnberg nach Bayreuth. Von Nordwesten über die A 4 aus Richtung Dresden, von Westen über die A 70 und N 85 bis Kulmbach. Sehenswürdigkeiten / AktivitätenDas Angebot ist schier unbegrenzt. Unbedingt Infomaterial anfordern und vor Reisebeginn sichten! Empfehlenswert ist ein Besuch des Freilichtmuseums Mödlareuth sowie der Gedenkstätte Heinersdorf-Welitsch (im früheren Zollhäuschen), die das Thema innerdeutsche Grenze eindrucksvoll veranschaulichen.Im Bayerischen Brauereimuseum in Kulmbach (Hofer Straße 20) erfährt man jede Menge über Brautechnik und Braukultur. Feuchter wird’s im Flößermuseum Unterrodach in Marktrodach (geöffnet wochentags 9 bis 11 sowie 14 bis 16 Uhr, am Wochenende nur 14 bis 16 Uhr) Wer eine Floßfahrt auf der Wilden Rodach unternehmen möchte, wendet sich an das Verkehrsamt Wallenfels, Telefon 09262/94521. Spannend ist auch eine Wanderung durch die Felsgebilde des Luisenlabyrinths. LiteraturWer sich einen groben Überblick verschaffen will, greift zum HB-Bildatlas Nr. 64 »Fichtelgebirge, Frankenwald, Coburger Land«, 8,30 Euro. Praktische Tipps und Hintergrundinfos findet man im Reisehandbuch »Franken« aus dem Michael Müller Verlag, 16,40 Euro.Karten: Die Generalkarte »Extra« Nr. 10 für 6,90 Euro oder die Generalkarte »Pocket« Nr. 14 für 4,90 Euro. Beide im Maßstab 1:200 000. Die Marco Polo-Allianz-Freizeitkarte Nr. 21 »Fichtelgebirge/Frankenwald« gibt’s in 1:100 000 für 4,90 Euro. ÜbernachtenDie jeweiligen Fremdenverkehrsämter (siehe Information) versenden ein umfangreiches Unterkunftsverzeichnis (vom Campingplatz über Pensionen bis zur Luxusherberge). Sowohl im Frankenwald als auch im Fichtelgebirge herrscht ein erfreulich gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Empfehlenswert: Gasthof Fels in Schwarzenbach/ Wald, Telefon 09289/369, Übernachtung mit Frühstück ab 25 Euro. Gasthaus Goldener Löwe in Lauenstein, Telefon 09263/250. Übernachtung mit Frühstück ab 20 Euro. Hotel Schönblick in Fichtelberg, Gustav-Leutelt-Straße 18, Telefon 09272/97800, Internet: www.hotel-schoenblick.de. Übernachtung inklusive Frühstücksbuffet ab 30 Euro. Auch Ferienhäuser in natürlicher Holzbauweise für zwei bis sechs Gäste stehen zur Verfügung. Preise auf Anfrage.InformationTourist-Information Frankenwald, Adolf-Kolping-Straße 1, 96317 Kronach, Telefon 09261/60150, Internet www.btl.de/frankenwald. Tourist Information Fichtelgebirge, Gablonzer Straße 11, 95686 Fichtelberg, Telefon 09272/6255, Internet www.btl.de/fichtelgebirge.Gefahrene Strecke: zirka 350 KilometerZeitaufwand: ein bis zwei Tage

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