Flandern

Heißes Pflaster

Die Flandern-Rundfahrt in der belgischen Provinz zählt zu den härtesten Radrennen der Welt. Mit der Enduro auf und abseits der Spuren des berühmten Frühjahrsklassikers.

Die Profis holpern mit ihren filigranen Rennrädern im zackigen 40er-Schnitt über schmale Feldwege. Staub und Dreck hat ihre Gesichter verkrustet. Keuchend quälen sie sich immer wieder steile Rampen hinauf, die mal leidlich asphaltiert, mal mit Kopfsteinpflaster gespickt sind. Eisiger Wind, Regen oder gar ein Schneeschauer erschwert oftmals zusätzlich das harte Rennen. Auch die großen Stars im Feld werden bei solchen Bedingungen von Defekten und Stürzen geplagt. Jedes Jahr im April sind diese faszinierenden Bilder in den diversen TV-Sportkanälen zu bewundern. Dann haben die Eintages-Frühjahrsklassiker in Holland, Belgien und im Norden Frankreichs Hochsaison. Zu den herausragenden Veranstaltungen dieser Art gehört die Flandern-Rundfahrt, knapp 270 Kilometer lang, ein Lauf zum Weltcup und für die Radsport-verrückten Belgier obendrein ein Ereignis von nationaler Bedeutung. Hunderttausende von Fans säumen die Rennstrecke, schwenken stolz die gelben Flaggen mit dem Löwen von Flandern und feuern natürlich hauptsächlich ihre flämischen Landsleute unter den mehr als 200 an den Start gegangenen Radprofis an. Wer sich diese prickelnde Atmosphäre einmal live vor Ort reinziehen will, hat mit dem Motorrad ein ideales Transportmittel, um die Fahrer am Renntag gleich mehrmals sehen zu können. Mit dem Bike lassen sich die meist kurzen Distanzen zwischen den einzelnen Anstiegen, in flämisch »Hellingen« genannt, am schnellsten überbrücken, ohne dabei in den Stau der mit Autos und Bussen angereisten Fans zu geraten. Die Route des berühmten Radklassikers ist aber auch eine prima Richtschnur für eine private Flandern-Rundfahrt unabhängig vom hektischen Renntermin Anfang April, denn erst dann lässt sich die im Westen Belgiens zwischen Brüssel und der Nordseeküste gelegene Provinz so richtig genießen. Gerhard und ich sind im Frühsommer auf den Spuren des Radrennens gefahren, und Flandern hat sich dabei von seiner Schokoladenseite präsentiert: strahlender Sonnenschein, kaum ein Wölkchen am Himmel, überall saftiges Grün. Wie die Radprofis starten wir unsere Tour in Brügge. Die Hauptstadt von Westflandern versprüht südländischen Charme. Dank seiner bestens erhaltenen mittelalterlichen Bausubstanz und den Grachten, die den historischen Stadtkern durchziehen, gilt Brügge als das Venedig des Nordens. Auf dem Marktplatz pulsiert das Leben, als sei der beliebte Treffpunkt im Zentrum eine italienische Piazza. Und wie ein Campanile thront der 83 Meter hohe Belfried über dem Areal. Jede Stunde ertönt von dem imposanten, achteckigen Turm ein Glockenspiel. Wer die 366 Stufen zur Spitze des Belfrieds hinaufsteigt, wird mit einem prächtigen Blick über die Stadt belohnt. Die Rennfahrer nehmen von Brügge aus direkten Kurs auf die Nordseeküste. Wir unternehmen dagegen einen kleinen Abstecher vom Rennkurs, zu einem Kanal, der von Brügge hinüber ins holländische Sluis führt. Ein Fluss wie aus dem Bilderbuch: umsäumt von einer Allee von Pappeln, die sich im gemächlich dahinfließenden Wasser spiegeln, mit vielen lauschigen Plätzchen im Ufergras, wo man alle viere von sich strecken und die Ruhe genießen kann. In Gistel kehren wir auf die Route der Flandern-Rundfahrt zurück. Und zwar aus einem besonderen Grund: Hier befindet sich die Radsport-Kneipe »Tourmalet«, eine der berühmtesten ihrer Art in Belgien. In diesen so genannten Supporter-Cafés treffen sich die Radfans zum Bierchen, diskutieren über den Volkssport Nummer eins in ihrem Land und schauen sich in großer Runde die Fernsehübertragungen von den Rennen an. Fast jeder Fahrer hat seinen Supporter-Club oder sein Supporter-Café – Institutionen, die in der Radsportnation Belgien auch dazu dienen, junge Talente auf ihrem Weg nach oben finanziell zu unterstützen. Das Tourmalet, benannt nach dem durch die Tour de France legendär gewordenen Pass in den Pyrenäen, ist nicht nur Kneipe und Restaurant, sondern auch ein kleines Radsport-Museum. Auf der einen Seite sind zahlreiche Exponate aus der Zeit des zweifachen Tour-de-France-Siegers Sylvère Maes zu bewundern, der das Tourmalet 1936 eröffnet hat. Auf der anderen Seite künden Bilder, Pokale und Meistertrikots vom gegenwärtig berühmtesten Sohn des kleinen Städtchens, Johan Museeuw. Der Weltmeister, Weltcupsieger und dreimalige Gewinner der Flandern-Rundfahrt wohnt nur ein paar Schritte vom Tourmalet entfernt. Klar, dass sich der Volksheld in den Wintermonaten bei seinen treuen Fans in der Kneipe blicken lässt. Während sich die Flandern-Rundfahrt in Gistel noch in der Einrollphase befindet, wird es am Molenberg, dem nächsten Stopp unserer Motorradtour, für die Fahrer im Rennen langsam ernst. Hier, in der Gegend um Oudenaarde, beginnt die Kette der Hellingen, jener manchmal nur ein paar hundert Meter langen, dafür aber sehr knackigen Anstiege. Mit der Enduro oder auch mit einem Straßentourer sind die bis zu 20 Prozent steilen Kopfsteinpflaster-Rampen kein Problem, nur bei Regen kann es rutschig werden. Die Radler brauchen dagegen selbst im Trockenen viel Fahrgefühl, um ihre ultraleichten Rennmaschinen mit den extrem schmalen Reifen sturzfrei über das Parkett zu steuern. Und eine bärige Kondition, denn bei 16 solcher Auffahrten kommt bis zum Ziel eine gehörige Summe an Höhenmetern zusammen. Am Molenberg, zu deutsch: Mühlenberg, laden gleich zwei Restaurants zur Rast ein. Eines in der alten Mühle unten am Bach, das andere weiter oben kurz vor dem Ende des Anstiegs: das »Ter Maelder« oder »Zum Müller«. Beim Rennen ist das Lokal rappelvoll, und der Wirt baut jedes Jahr eine Tribüne auf, damit seine Gäste einen besseren Blick auf die »Renners«, wie die Rennfahrer in Flandern heißen, genießen können. Jetzt im Juni ist die lärmende Hektik des Radrennens weit weg, und der Wirt nutzt die Zeit, seinen Gastraum frisch zu tapezieren. Ein Motorradfahrer und ein Fotograf aus Deutschland, die vor seinem Restaurant halt machen, sind für den Gastronomen offenbar eine angenehme Abwechslung. Er lädt uns spontan auf die schattige Gartenterasse ein. Stolz erzählt er, dass bisweilen Eddie Merckx, Belgiens Radsportlegende schlechthin, in sein Lokal am Molenberg zum Essen kommt. Mit dem großen Champion können sich beide belgischen Volksgruppen - bei allen sonstigen Vorbehalten gegeneinander- gleichermaßen identifizieren, die französisch sprechenden Wallonen ebenso wie die Flamen, die einen dem Niederländischen verwandten Dialekt pflegen. Was Altstar Merckx wohl am liebsten speist? »Suppe mit Fleischklößchen«, weiß der Müller-Wirt. Wegen der Renovierungsarbeiten kann er uns nichts aus seiner Küche servieren. Aber der gastfreundliche Mann bietet uns einen Drink an. Was er aus dem Tresen holt, sieht wie eine Bierflasche aus, hat aber einen Sektkorken als Verschluss, und der rötliche Inhalt perlt im Glas ähnlich wie Schaumwein. Wir nehmen einen Schluck, sind vom leicht süßlichen Geschmack angetan, können das Getränk aber auf Anhieb nicht so richtig einordnen. Des Rätsels Lösung: Wir trinken Kirschbier, auf flämisch Kriekbier, eine Spezialität unter den rund 400 in Belgien hergestellten Biersorten. Hier wird der Fruchtsaft nicht nachträglich beigemischt, sondern während des Brauens hinzugefügt. Schmeckt lecker und macht Durst auf mehr. Doch wir belassen es lieber bei einem Fläschchen, denn wir müssen den Molenberg ja wieder heil hinunter und über die Ortschaft Horebeke zurück ins Hotel nach Oudenaarde kommen. Die Stadt am Fuße der flämischen Ardennen ist ein idealer Ausgangspunkt, um all die Hügel zu erkunden, die der Flandern-Rundfahrt ihren Stempel aufdrücken. Der Molenberg bei Rennkilometer 150 ist der vierte Anstieg der Flandern-Runde und der erste auf Kopfsteinpflaster. Maximale Steigung: 17 Prozent. Sechs weitere Hellingen mit dem holprigen Untergrund werden südlich und östlich von Oudenaarde noch folgen, aber auch auf flachen Stücken warten immer wieder Passagen mit Kopfsteinplaster, um die Radprofis durchzuschütteln. Und die Hellingen auf Asphalt haben ebenfalls reichlich Steigungsprozente zu bieten. Bei der Fahrt mit dem Motorrad von Hügel zu Hügel und durch viele kleine Dörfer lässt sich abseits der großen Durchgangsstraßen der Reiz Flanderns entdecken. Blitzsaubere Klinkerfassaden, einsame Gehöfte, große, fast schon wie Schlösser wirkende Landhäuser und knorrige Windmühlen liegen am Wegesrand. Und immer wieder fällt der Blick von einem der Hügel auf den malerischen Flusslauf der Schelde. Keine spektakuläre Landschaft, aber eine Gegend, die eine gewisse Ruhe ausstrahlt. Hier kann man getrost die Seele baumeln lassen. Was für die Radprofis natürlich nicht gilt. Je näher das Ziel in Meerbeke rückt, desto wichtiger wird es, die Favoriten des eigenen Teams in eine günstige Position zu bringen, die Ausreißer der Konkurrenz wieder zu stellen und eigene Attacken zu lancieren. Der vorletzte Anstieg des Rennens ist wohl der berühmteste: die Mauer von Geraardsbergen. Sie macht ihrem Namen alle Ehre. Kein Auto passt durch das Pflastersträßchen, das sich in engen Kehren und mit kernigen 20 Prozent Steigung auf den Hügel oberhalb der Stadt schraubt. Der Berg ist voll von Menschen. Bier und auch Hochprozentiges machen die Runde. Fanfaren und Sirenen sorgen für eine kräftige Geräuschkulisse, wenn die ersten Fahrer den Berg erklimmen. Auf unserer Biketour herrscht dagegen angenehme Ruhe oben auf dem Berg. Das Thermometer ist inzwischen auf hochsommerliche Temperaturen geklettert. Von den Hobbyradlern, die sonst recht zahlreich auf den Spuren ihrer großen Vorbilder strampeln, sind an diesem Nachmittag nur recht wenige unterwegs. Kein Wunder, bei dieser für Flandern ungewöhnlichen Affenhitze. Unsere Fahrt klingt im Biergarten der Kneipe aus, die kurz vor dem Gipfel der Mauer von Geraardsbergen liegt. Unter schattigen Bäumen lässt es sich prima aushalten und auf die Kühle des Abends warten. Fast fühlt man sich so, wie die Gaststätte heißt: im Himmelreich. Für so manche Fahrer mag diese Passage im Rennen eher ein klein wenig wie die Hölle sein. Im kleinsten Gang und fast nur noch im Schritttempo quälen sie sich die Rampe hoch, mit brennenden Bronchien und der Hoffnung, dass die Schinderei doch bald ein Ende hat. 18 Kilometer und mit dem Bosberg ein letzter Ritt übers gefürchtete Kopfsteinpflaster sind es noch bis zum Zielstrich.
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Flandern-Rundfahrt 2001

Am 8. April startet die 85. Auflage des Klassikers mit Start in Brügge und Ziel in Meerbeke südlich von Aalst. Bislang gab es nur einen deutschen Sieger in Flandern: 1964 gewann Rudi Altig.
Das RennenNeben Mailand-San Remo, Paris-Roubaix, Lüttich-Bastogne-Lüttich und dem holländischen Amstel Gold Race gehört die Flandern-Rundfahrt zu den fünf großen Frühjahrs-Klassikern im Radsport-Weltcup. 1913 wurde das Rennen zum ersten Mal gestartet. In diesem Jahr findet es am 8. April statt. Um 9.45 Uhr geht’s auf dem Marktplatz in Brügge los, zwischen 16 und 17 Uhr ist Zielankunft in Meerbeke. Richtig interessant wird das Rennen nach rund der Hälfte der Distanz. Dann türmen sich in kurzen Abständen die giftigen, bis zu 20 Prozent steilen Anstiege auf. 16 solcher Hügel sind zwischen den Städten Oudenaarde und Geraardsbergen zu überwinden, sieben davon auf Kopfsteinpflaster: Molenberg, Oude-Kwaremont, Paterberg, Taaienberg, Eikenberg, Mauer von Geraardsbergen und Bosberg. Der Kurs kann sich von Jahr zu Jahr geringfügig verändern. Aktuelle Informationen über den Verlauf gibt es beim Veranstalter Het Nieuwsblad, Gossetlaan 30, 1702 Groot-Bijgaarden, Belgien, Telefon 0032/2/4672421, Fax -4663059, e-mail: rr1157@vum.be. Sehr zu empfehlen ist auch die Internet-homepage des Veranstalters: http://www.rvv.be.AnreiseVon Westdeutschland aus kommt man am schnellsten über die A 3 von Aachen über Lüttich und Brüssel und dann auf der A 10 Brüssel - Oostende nach Flandern. Aus Süddeutschland empfiehlt sich die Anfahrt über Saarbrücken und Luxemburg. Von dort geht es auf der A 4 über Namur bis Brüssel und dann auf der A 10 nach Flandern. Die Autobahnen in Belgien sind gebührenfrei.ÜbernachtenHotels und Pensionen gibt es in Flandern in allen Preislagen. Bei der Quartiersuche ist die Internet-Homepage des Veranstalters sehr hilfreich. Wer die Route des Rennens anklickt, findet dort Links zu den Fremdenverkehrsämtern aller wichtigen Städte und Ortschaften entlang der Strecke. Weitere Infos hat das Belgische Verkehrsamt, Berliner Allee 47, 40212 Düsseldorf, Telefon 0211/864840, Fax -134285.LiteraturSehr informativ ist der Marco Polo-Reiseführer »Flandern - Antwerpen, Brügge, Gent«, Mairs Geographischer Verlag, 14,80 Mark. Als Landkarte eignet sich die detailgenaue Michelin-Karte-Nr.213 im Maßstab 1:200 000 für 13,80 Mark.Zeitaufwand: zwei bis drei TageStreckenlänge: zirka 300 Kilometer

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