Frankreich

Hoch hinaus

Im Departement Haute-Savoie dürfen sich Motorradfahrer dem Himmel ein bisschen näher fühlen. Westlich des Mont Blanc sorgen schräge Strecken und alpine Eindrücke für eine hundertprozentige Mischung.

Hier oben, auf dem Dach Europas, erkenne ich, dass der Wechsel der Perspektive mehr ist als nur ein anderer Blickwinkel. Ich schaue weit über Berge und Täler hinweg und spüre, wie sich Entfernungen relativieren. Im Tal schien der Mont Blanc so fern und distanziert. Umgekehrt blicke ich nun auf das Land am Fuß des mächtigen Berges, und mir wird deutlich, wie eng und folgerichtig alles zusammenhängt. Täler treffen aufeinander, Flüsse fließen ineinander, und Straßen verbinden Städte und Dörfer. Eine banale Erkenntnis einerseits – eine Erkenntnis aber auch, die das Gefühl für Dimensionen zurechtrückt. Völlig beeindruckt steige ich die Seilbahn, die mich vom Aiguielle de Midi, der höchsten Station am Mont Blanc, wieder hinunter zu unseren Motorrädern tragen wird.Gestern waren Klaus und ich am Lac d’Annecy angekommen, hatten die staubig heiße Luft der A 5 ebenso hinter uns gelassen wie die Hoffnung auf ein paar ruhige Tage. Hochsommer, Frankreich hat Ferien, und die Region im Dreieck Genfer See, Mont Blanc und Lac d’Annecy kann sich über mangelndes Interesse wahrlich nicht beklagen. Doch das sollte eienen nicht davon abschrecken, im Sommer hierher zu kommen. Wir nahmen es vielmehr als Ansporn, das Kartenwerk nach kleinen und kleinsten Sträßchen abzusuchen, die Abgeschiedenheit versprechen. Dazu eine Flasche köstlichen Wein, und der Abend geriet zu einem kleinen Ereignis, weil sich beim Kartenstudium bereits viel Vorfreude einstellte.Früh am nächsten Morgen. Es ist einer jener seltenen Sommer, die selbst nördlichere Regionen Europas mit heißem Atem zu mediterraner Gangart zwingen. Wir freuen uns über die Wahl dieser wasserreichen Region. Bäche, Flüsse und vor allem Seen versprechen angemessene Abkühlung und haben sich als Etappenziele schon jetzt einen festen Platz in unserer Tagesplanung erobert. Gemächlich nehmen wir den Weg durch die Gorges de l’Arly in Richtung Chamonix unter die Räder, lassen den mondänen Skiort nach unserem Seilbahn-Abenteuer hoch in die eisige Welt des Mont Blanc langsam im Rückspiegel verschwinden und spüren, wie die Lust am Fahren wächst. In St. Gervais setzen wir den Blinker links und folgen dem Lauf des Flüsschens Bon Nant. Eine Sackgasse rein verkehrstechnisch gesehen, ein lohnender Abstecher hinsichtlich der landschaftlichen Schönheit. Kurz hinter la Gruvaz zweigt ein Sträßchen der 3. Kategorie ab und quert den Fluss. An dessen Ufer findet sich ein schönes Plätzchen für eine erste Pause, um uns herum ein Bergpanorama in Vollendung.Irgendwann treibt’s uns weiter bergauf bis zur Kirche Notre Dame de la Gorge, die neben der unvermeidlichen Liftanlage das Ende der Straße markiert. Von hier genießen wir noch einmal den Blick hinauf zum Mont Blanc und seinen kleineren Brüdern, die westlich von uns in den makellos blauen Himmel ragen. Kulturell allenfalls mäßig interessiert, wenden wir vor dem Kirchenportal und nehmen gleich wieder den Asphalt in entgegengesetzter Richtung unter die Räder. Mangels kurviger Hausforderung bleibt Zeit, über den Skizirkus nachzudenken, dessen Einnahmen diese Region finanziell an die Sonne gebracht haben und gleichermaßen alle ökologischen Bedenken dahinschmelzen lassen. Im Sommer wirken die vegetationslosen und durch Lawinenzäune verbauten Hänge fast schon gespenstisch.Wir biegen schließlich in Richtung Megeve ab und folgen der N 212, um in Flumet in die Gorges de l’ Arondine abzuzweigen. Schon bald legt sich die D 909 in Falten und führt in herrlichen Kehren hinauf zum Col des Aravis. In der vorletzten Kehre zwingt uns ein unglaublicher Blick auf den Mont Charvin zu einem vorzeitigen Halt. Hier scheint die Welt noch in Ordnung – satt grüne Wiesen, knallbunte Blumen, dahinter weiße Bergspitzen unter dem blauen Sommerhimmel. Perfekt.In St. Jean de Sixt biegen wir nach Westen ab und freuen uns auf die Umrundung des »la Tournette«. Der Einstieg erfolgt in Thones über die D 12. Deren landschaftlich erstklassiger, aber fahrerisch zunächst eher monotoner Verlauf ändert seinen Charakter vor und hinter dem Col des Esserieux ganz entscheidend. Fahrspaß pur auf einem schmalen Asphaltband. Dieses wie viele andere der Region bekamen in jüngster Zeit einen neuen Belag spendiert, der in puncto Griffigkeit ganz sicher auf die Bedürfnisse der Tour-de-France-Helden abgestimmt wurde und uns somit nicht minder gelegen kommt. Allererste Sahne auch der Haken, den wir anschließend über den Col de l’Epine schlagen. Kurven und Kehren, die uns für einen Moment das Land drum herum vergessen lassen. Von reizvollen Ausblicken völlig unangefochten, heften wir den Blick auf die jeweils nächste Kurve und drücken die dicken Twins bis zum Abwinken hin und her. Der Lohn ist Adrenalin in jeder Faser des Körpers und ein breites Grinsen ins Gesicht, als wir die Bikes mit knisternden Motoren auf dem Col de la Forclaz abstellen. Unter uns glitzert das leicht gekräuselte Wasser des Lac d’Annecy derart verlockend in der nun etwas milderen Abendsonne, dass wir über Veyrier zum See hinunter schwingen. Das bis zu 75 Meter tiefe Gewässer zählt zu den saubersten der Alpen und verspricht somit Planschvergnügen ohne Reue.In Annecy nehmen wir Kurs auf die Altstadt, deren bunte Fassaden längst unter Denkmalschutz stehen. Am Kanal reihen sich die Cafés, und obwohl es voll ist und ein wenig hektisch hergeht, finden wir eine gemütlichen Platz, um das Treiben zu beobachten. Ganz in der Nähe ist noch Markt. Farbenfroh und voller Düfte, die durch die Gassen ziehen. Annecy hat Charme. Zweifellos. Trotz der vielen Gäste aus aller Welt, die laut schwatzend über das uralte Pflaster maschieren. Wer Ruhe sucht, nun denn, dem sei eine Hütte in den Bergen empfohlen. Wer dagegen einfach nur das Flair einer lebendigen Stadt am Wasser erleben will, ist hier genau richtig. Mit diesen versöhnlichen Gedanken schlürfe ich den Rest meines Café au lait.Und die Stimmung sollte am nächsten Tag noch besser werden. Von St. Eustache wir uns über die D 912 und 911 nach Süden in Richtung St. Pierre d’Albigny auf, um dann über die N 90 Albertville zu erreichen. Östlich des Wintersportortes entdecken wir ein Netz großartiger Strecken und eine noch großartigere Landschaft: Die D 925 erschließt jenseits der Departement-Grenze ein Gebiet, dass vom Reiseverkehr erstaunlich unberührt scheint. Als wir eine erste Brotzeit einlegen, geraten die üppigen Formen der Varadero ganz unvermittelt in einen Wettstreit mit dem markanten Profil der entfernten Berge. Technik und Natur haben ihre eigene Formsprache, Designer indes scheinen sich nach wie vor am Vorbild der Natur zu orientieren. Die Parallelen sind jedenfalls augenscheinlich.Nach einer Weile bei Brot, Käse und Dios – die kleinen Hartwürste sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen – schwingen wir mit den beiden Japanerinnen weiter und freuen uns über den Grip moderner Pneus. Zwar bieten sich einige legale Schottereinlagen, aber Stollen würden dem Kurvenspaß seinen steilsten Zahn ziehen. Schließlich durchstreifen wir jene Ecke Savoyens, die die Grenze zwischen lieblichem Alpenvorland und gravitätischem Hochgebirge bildet. Links rauf, rechts runter, dazwischen lauter Kehren. So schmeckt die Fortbewegung auf zwei Rädern zuckersüß. Am Col du Joly stellen wir zu unserer Überraschung fest, dass es einen schmalen Verbindungsweg hinüber ins Tal de Bon Nant gibt, in dem wir gestern gewesen sind. Doch für eine Wanderung ist es heute zu spät geworden. Dieser Teil muss auf ein nächstes Mal warten, wir treten den Rückweg Richtung Hotel an.Unterwegs stoppen wir am Rand einer Wiese, weil ich nach der Kette der Honda sehen will, die mit schlagenden Geräuschen auf sich aufmerksam gemacht hat. Doch jetzt sind wir es, die Aufmerksamkeit erregen, und zwar die eines großen Hundes, der neben seinem Herren bei den Kühen steht. Oder besser stand, denn jetzt kommt er mit großen Schritten in unsere Richtung gelaufen. Er fixiert uns mit finsteren Augen, fletscht seine Zähne und knurrt. Ich hoffe auf ein beruhigendes Kommando seines Herren, der inzwischen ebenfalls bei uns steht. Sattdessen mustert der Hirte uns zunächst wortlos, um dann klarzustellen, dass man hier nicht an Fremde gewöhnt sei. Wir murmeln eine freundliches »Pas de problem«, drehen die Zündschlüssel und suchen das Weite – um eine Erfahrung reicher, mit der wir eigentlich nicht gerechtnet haben. Im Hotel in St. Eustache findet dieser Tag mit einem fruchtigen Blanc de Savoie und gedünstetem Barschfilet doch noch einen gebührenden Abschluss. Wir sind uns einig, dass die heutige Runde nur schwer zu überbieten sein dürfte.Als wir am folgenden Morgen unsere Zelte in St. Eustache abbrechen, wissen wir schon bald, dass auch dieser Tag eine runde Sache werden wird. Über die D 909 sprinten wir rauf nach le Grand-Bornand. Ein klangvoller Name im Zusammenhang mit Pedalrittern vom Schlage eines Armstrong oder Virenque. Die Tour ist hier allgegenwärtig. Kurz vor dem Col de la Colombière kreuzen in aller Ruhe ein paar Ziegen die Straße und zwingen uns, den Anker zu werfen. Vielleicht ein Zeichen, die Pferde der Twins wieder etwas zu zügeln. Wir queren bei Cluses die Autobahn, passieren Morzine und verschwinden bis Samoens im Wirrwarr kurviger Strecken. Erst nach Sonnenuntergang quartieren wir uns schließlich in Samoens in einem Hotel ein.Unser letzter Tag gehört dem Genfer See. Schon bei der Ankunft im mittelalterlichen Yvoire wird uns klar, dass der alljährliche Wettbewerb um das schönste Dorf hier besondere Blüten treibt. Dem Departement Haute-Savoie wurde die staatliche Auszeichnung als »Blumendepartement« verliehen, und Yvoire wurde mit sagenhaften vier Blumen gekrönt – eine Auszeichnung, die nicht zu überbieten ist. Kein Wunder, es grünt und blüht aus jeder Ritze des Dorfs und duftet wie sonst nur noch in der Gärtnerei meines Vertrauens. Prächtig, prächtig.Keine Blüten, sondern echte Scheine wechseln im Casino von Evian die Besitzer. Traurige Gestalten einerseits und chromglänzende Prestigekutschen andererseits verleihen dem Ort eine eigenartige Atmosphäre. Wir riskieren lieber nichts, sparen unsere Franc für die nächste Tankstelle und freuen uns schon jetzt auf den Fotoabend zu Hause. Übrigens nicht nur wegen der interessanten Perspektiven der Bilder, sondern auch wegen einiger Flaschen erlesenen Weins, die den Transport hoffentlich unversehrt überstehen werden.
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Infos

Haute-Savoie, ein Vorzeige-Departement rund um den höchsten Berg Europas, mit klaren Seen, netten Dörfern und Städten sowie einem dichten Netz toller Straßen. Ein anspruchvolles Reiseziel also für jeden Alpen- wie auch Frankreichfan.
Anreise: Der schnellste Weg ins Haute-Savoie führt über die Schweiz. Per Autobahn (Vigentte!) geht´s von Basel über Bern entweder nach Montreux oder Genf. Beide Städte sind gute Ausgangspunkte für eine Tour in das südlich vom Genfer See gelegene Departement Haute-Savoie. Reisezeit: Je nach Schneelage lohnt sich der Besuch ab Ende Juni. Dann sind fast alle Pässe offen und man erspart sich frustierende Wendemanöver. Juli und August sind stark frequentierte Monate, Quartiere mitunter ausgebucht. Der September gilt vielen als schönster Monat für Alpenreisen. Im Oktober kann es dagegen schon wieder empfindlich kalt werden.Übernachten: Umfassend informiert der Hotel-Führer »En Rhône-Alpes« und der Camping-Führer »Campings En Rhône-Alpes«. Beide Werke sind beim französischen Fremdenverkehrsamt Maison de la France in Frankfurt erhältlich, Telefon 0190/570025. Außerdem lohnt sich ein Blick ins Internet. Unter www.cdt-hautesavoie.fr. finden sich viele praktische Reiseinfos. Da diese Region touristisch sehr gut erschlossen ist, herrscht an Unterkünften aller Art kein Mangel. Allerdings kann es in den Monaten Juli und August zu Engpässen kommen. Wer einen angenehmen Stützpunkt sucht, sollte es in der Auberge »La Cochette«, La Magne, 74410 St. Eustache, Telefon 0033/4/50320353, versuchen. Die nette Herberge liegt etwa 15 Kilometer südlich von Annecy entfernt.Sehenswert: Lohnend ist ein Besuch in der urigen Schnapsbrennerei Aravis in La Cluzas. Sehenswert sind auch die Ortschaften Morzine, Le Grand-Bornand, Samoens, Sixt-Fer-A-Cheval und Yvoire. Unbedingt zu empfehlen ist schließlich eine Fahrt mit der Eisenbahn Montenvers, die das Mer de Glace, den sieben Kilometer langen Gletscher am Mont Blanc, erschließt. Von Chamonix aus kann man mit einer Seilbahn hinauf zum Aiguielle du Midi fahren und einen sagenhaften Blick vom Dach Europas geniessen.Literatur: Erste Wahl für Alpen-Fans, die mit einem Motorrad unterwegs sind, ist vom Denzelverlag der »Große Alpenstraßenführer«. Nahezu jeder Pass, egal ob Asphalt oder Schotter, wird in diesem Werk ausführlich beschrieben. Die aktuelle Ausgabe gibt´s in jeder gut sortieren Buchhandlung und kostet 59 Mark. Lohnend ist auch ein Blick in »Alpen, Band 2« aus der Edition UNTERWEGS. Eine der insgesamt sieben ausführlichen Reisegeschichten informiert auch über die Haute-Savoie. Für 29,80 Mark im Buchhandel oder beim MOTORRAD-Shop, Telefon 0711/182-2424. Die besten Frankreich-Karten kommen natürlich aus dem Hause Michelin: Auf Blatt 244 im Maßstab von 1:200000 sind auch kleineste Wege in den französischen Alpen verzeichnet.Zeitaufwand: drei TageGefahrene Strecke: 700 Kilometer.

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