Griechenland

Insel, mal anders

Eine griechische Insel ganz für sich allein. Ein Traum? Kein Traum. Denn im März ist das möglich. Zumindest auf Chios in der Ost-Ägäis, direkt vor der Küste Kleinasiens. Aber auch im Sommer bleibt man hier von Touristenströmen weitgehend verschont.

Chionisi, es schneit!« Ungläubig starrt der Gemüsehändler in den bleiernen Himmel. Kohlköpfe und winterblasse Tomaten türmen sich vor ihm auf der Ladefläche seines Pickup. Dann wiegt er kopfschüttelnd die nächste Plastiktüte Gemüse ab und reicht sie einer der wartenden Frauen. Es ist Mittag auf der Platía, dem Dorfplatz von Pirgí. Auch der Alte am Fensterplatz im überheizten Kafenion hat die drei Schneeflocken bemerkt, die einsam aus dem düsteren Himmel herabtanzen. Staunend kratzt er sich am Kopf, als könne er nicht glauben, dass es schon Anfang März ist.Noch herrscht Winter auf Chios. Daran ändert auch der Hauch von Tausendundeiner Nacht nichts, den die orientalisch wirkenden, geometrischen Schwarzweiß-Muster an den Häusern dem Dorfplatz verleihen.Aber was heißt hier schon Winter, wenn Klee wie ein dicker, sattgrüner Flokati den Boden zwischen den immergrünen Olivenbäumen bedeckt? Ein Anblick, den Saisontouristen nie zu Gesicht bekommen. Denn spätestens im Juli ist der Boden hier so braun und staubtrocken, wie der in der Maschine vergessene Kaffeefilter in meiner Wohnung in Deutschland jetzt sein wird.Die Pappeln sind auch hier noch kahl. Ihre Äste wirken wie ein vergrößertes Abbild der knotigen Finger der alten Frauen, die das Mastix sortieren – ein getrocknetes Baumharz, das einzigartig auf der ganzen Welt nur im Süden von Chios entsteht. Schon die Türken, die die Insel bis zum Jahr 1912 beherrschten, schätzten die klaren, klebrigen Tropfen, die aus den angeritzten Stämmen der Mastixsträucher quellen. Seinen Haremsdamen verabreichte der Sultan Mastix als Aphrodisiakum. Heute dient das Naturprodukt – deutlich unromantischer – als Basis für Lacke und Flugzeugreifen. Und es wird zusammen mit einem Glas Wasser als entsetzlich klebrige Süßspeise gereicht, die es – ebenfalls weltweit einmalig – nur auf Chios gibt. Wahrscheinlich, weil sie außer den Einheimischen keiner erträgt.Wie Goldwäscherinnen über Pfannen gebeugt sitzen die alten Frauen auf dem Dorfplatz. Blatt für Blatt krümeln sie das zusammengefegte Laub der Mastix-Sträucher zwischen ihren Fingern durch. Die farblosen Harz-Bröckchen, die sie dazwischen finden, kommen in eine Schüssel. Eine von den Frauen merkt, dass ich sie beobachte und hält mir einen kleinen Mastix-Klumpen hin. Ihre andere Hand macht eine Bewegung Richtung Gesicht: kauen. Ich muss an Lacke und Flugzeugreifen denken, stecke das weiche Klümpchen trotzdem in den Mund. Das Harz schmeckt würzig und ungefähr so toll wie frischer Mörtel. Und es klebt auch so. Als ich längst wieder im Sattel der von meinem Freund Jorgos ausgeliehenen Suzuki sitze, fürchte ich immer noch um meine Plomben.Die Plomben halten. Nur mein Hintern tut mir weh, und ich beginne zu ahnen, warum Jorgos seine DR 350 nur selten weiter bewegt als die 1000 Meter von seinem Haus in der Altstadt zu seinem Geschäft im Hafen von Chios: Die Sitzbank ist hart wie Beton. Trotzdem war ich ihm unendlich dankbar, als er mir mit einem freundschaftlichen »da, nimm meine« die Schlüssel rübergeschoben hatte. Die Motorrad-Vermieter der Insel öffnen nämlich erst im Mai.In immer engeren Kehren windet sich das geflickte Asphaltband zwischen kahlen Feldern und Felsen abwärts zu einer atemberaubenden Badebucht. Keine Menschenseele weit und breit. Der Strand gehört mir ganz allein. Das Blei des Himmels ist jetzt einem hellen Zink gewichen. Die Sonne kommt raus, und das Wasser der Ägäis schimmert grün und blau wie im Kino. Dass es trotzdem nur 14 Grad hat, muss einer dieser fiesen Hollywood-Tricks sein.Ebenfalls wie eine Filmkulisse – und zwar zu »Der Name der Rose« – empfängt mich ein paar Kilometer später das Dorf Mestá. Trutzig und verwinkelt wirkt es zunächst so abweisend und festungsartig wie die Kasernen, die das griechische Militär hier überall auf der Insel unterhält. Der Erzfeind Türkei ist schließlich nicht weit entfernt. Gerade acht Kilometer sind es bis zur türkischen Küste. Versteckte Durchgänge hinter teilweise meterdicken Mauern verbinden die Häuser. Aber der feindselige Eindruck täuscht.Zumindest, was den alten Apostólis angeht. Als hätte er schon den ganzen Tag vor der Kirche gesessen und auf diesen Augenblick gewartet, kommt der Alte her und beginnt zu erzählen. Bis vor 200 Jahren sei das Dorf regelmäßig von Piraten heimgesucht worden. Die nahmen jedes Mal alles mit, was nicht niet- und nagelfest war. Doch das Schlimmste – »sie haben die Mädchen geklaut!« Das hundertjährige Landkarten-Gesicht faltet sich zur Verschwörer-Miene. Schon klar, denke ich, dass das den Dörflern bald zu blöd wurde. So begannen sie Mauern zu bauen und Geheimgänge zu schaffen, bis das Dorf den Piraten endlich trotzen konnte. Und dass steinerne Wehrdörfer zwei Jahrhunderte später zu einer der Touristenattraktionen geworden sind, umso besser.»Yassou, agóri mou«, tschau, mein Junge, ruft die Bäuerin vom Rücken ihres Esels, als ich mich am Nachmittag wieder auf den Rückweg in Richtung Hauptstadt mache. Verfahren kann man sich auf der Insel nicht, denn langfristig führen alle Straßen wieder dahin, wo sie herkommen, nach Chios City. »Chorá«, Markt, nennen die Chioten ihre 10000-Einwohner-Kapitale liebevoll. Und wie es sich für einen Markt gehört, tobt hier das pralle Leben. Jeden Morgen erwacht die City vom Geknatter der Zweitakt-Roller, auf denen die Städter zur Arbeit fahren. Als Helm dient den meisten eine Pudelmütze.Im Gewusel des ab acht Uhr morgens schon chronisch verstopften Kreisverkehrs beginnt mein Abstecher hoch in die Berge zum Néa Moní, was übersetzt »Neues Kloster« heißt, auch wenn es fast tausend Jahre alt ist. Schon kurz hinter der Stadtgrenze ist der Zweitaktdunst verschwunden, und Pinienduft breitet sich aus. Ein paar schaukelnde Pick-ups und Ziegenherden sorgen ab jetzt für Unterhaltung. Ansonsten geht der Verkehr gen Null. Genau wie die Temperatur, denn es ist noch früh am Tag, die Kiefern werfen noch lange Schatten.Dann beginnen die Kurven, und mir wird schlagartig warm. Der DR auch, denn vor jeder Kehre zwinge ich sie mindestens zwei Gänge runter, um den offenen Nachrüstauspuff anschließend gleich wieder ballern zu lassen.Die plötzliche Stille wirkt um so andächtiger, als die Suzuki vor dem Kloster ausrollt. Ein prächtiger Blick auf den Hafen der Hauptstadt bietet sich hier oben. Tauben segeln lautlos durch die klare Bergluft. Drüben, in Kleinasien, schält sich träge die türkische Küste aus dem Morgendunst. Im Kloster erinnert ein Schrank voller Menschenschädel an die alte Feindschaft zwischen Griechen und Türken. Die Schädel stammen allesamt aus dem Jahr 1822, als in ganz Griechenland der gewaltsame Aufstand gegen die bereits 400 Jahre dauernde Okkupation durch die Türken losbrach. Aus Angst vor Racheakten der Türken flüchteten viele der Inselbewohner in das Kloster, konnten dem Chaos auf Chios aber auch hier nicht entkommen. Selbst vor den Klostermauern machte das Gemetzel nicht halt. So weisen die meisten Schädel denn auch da Löcher auf, wo man keine erwartet. Im Hinterkopf zum Beispiel.Es ist warm geworden, als ich zurück auf die Stadt zu rolle. Der Winter scheint hier bald zu Ende. Trotzdem fröstelt mich und ich bin nicht sicher, ob es noch am Anblick der Schädel liegt oder an dem Gedanken an Morgen früh. Denn dann geht mein Flieger nach Hause. Und da ist wirklich noch Winter.
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Infos

Chios ist mit knapp 850 Quadratkilometern die fünftgrößte Insel Griechenlands. Sie liegt unmittelbar vor der türkischen Küste. Pauschaltourismus gibt es nicht. Das Inselinnere ist im wenig bewohnten Norden gebirgig und wüstenähnlich karg, im Süden hügelig und fruchtbar. Noch längst sind nicht alle Straßen asphaltiert. Außerhalb der Hauptstadt herrscht so gut wie kein Verkehr.
ReisezeitIm Winter ist es auf Griechenlands Inseln ziemlich ruhig. Das Leben der Inselbewohner konzentriert sich auf das Wesentliche: arbeiten, essen, schlafen. Das Klima ist von November bis April in windgeschützten Lagen angenehm mild. Die Tagestemperaturen schwanken meist zwischen 12 und 20 Grad, dennoch kann ein kalter Seewind auch an sonnigen Tage durch und durch gehen. In den Bergen ist Schnee ab 700 Metern im Winter keine Seltenheit. Die Vorsaison beginnt ab April und dauert bis Ende Juni. Die Nachsaison endet im Oktober.AnreiseOlympic Airways fliegt Chios von Athen aus täglich an. Einfacher Flug: rund 80 Mark. Infos: www.olympic-airways.de. Reizvoller ist es aber, von Piräus aus mit der Fähre (ebenfalls täglich, Abfahrt meist abends) überzusetzen. Dauer der Überfahrt: etwa acht Stunden. Auf der Fähre kann man auch sein eigenes Motorrad mitnehmen. Preise: rund 35 Mark für einfache Deckpassage, Kabine ab 55 Mark, Motorrad ab 30 Mark. Infos: www.gtpnet.com.MotorradMotorradverleiher gibt es auf fast allen größeren Inseln. Sie haben meist kleine Chopper und Enduros im Programm, oft nur bis 250 cm³. Preise: je nach Saison, Leihdauer und Größe des Motorrads ab 30 Mark pro Tag. Von November bis März haben die Motorradverleiher geschlossen.ÜbernachtenIn Chios Stadt gibt es rund ums Jahr Zimmer in allen Kategorien. Privatzimmer kosten je nach Saison und Ausstattung 30 bis 80 Mark ohne Frühstück. Die Griechen frühstücken selten zu Hause, meist im Kafénion. Der einzige Campingplatz auf Chios liegt 18 Kilometer nördlich der Hauptstadt an einem Strand beim Dörfchen Pantoukios. Die Übernachtung kostet rund zehn Mark.LiteraturReisehandbuch: Samos, Chios, Lesbos und Ikaria, Thomas Schröder, Michael Müller Verlag, 500 Seiten, ISBN 3-923278-68-3, 36,80 Mark.Kulturführer: Chios, Klaus Holdefehr, Ikarus-Buchverlag Dr. Wolfgang Hautumm; ISBN: 3980206424, 35 Mark.Land und Leute: Gebrauchsanweisung für Griechenland, Martin Pristl, Piper, 192 Seiten, ISBN 3492049850, 32 Mark.Landkarte: xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxZeitaufwand: fünf Tage, Streckenlänge: zirka 500 Kilometer

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