Hamburg–Nordkap: Extremtour mit 125ern

Nur 72 Stunden

Drei Typen, eine Ansage: von Hamburg zum Nordkap, 2800 Kilometer, in maximal drei Tagen. Und zwar auf mickrigen 125ern. Spaß oder Schmerz? Witz oder Wahnsinn? Ankommen oder abkacken? Egal. Machen.

Foto: Dentges
Jubel unterm Globus: der Nordkap-Rekord auf 125ern.
Jubel unterm Globus: der Nordkap-Rekord auf 125ern.
Es ist eine verrückte Idee. Und wie jede verrückte Idee ist es eine gute Idee. Weil sich alle Fragen nach dem Warum und Wozu eigentlich von vornherein erübrigen. Weil eine Laune sie ausgespuckt und nicht die Vernunft sie konstruiert hat. Vernünftig wäre, sich Zeit zu nehmen, mindestens eine Woche für den Hinweg. Vernünftig wären Tourenmotorräder, eine Yamaha FJR 1300 vielleicht, eine BMW GS oder zumindest so was wie eine Honda CBF 600. Vernünftig wäre bequem, wäre stressfrei, wäre langweilig.
Also keine sieben Tage für die 2800 Kilometer von Hamburg zum Nordkap, sondern höchstens drei. Und keine fetten Sesselfurzmobile, sondern magere Achtelliterhocker. Eine Honda CBR 125 für Service-Redakteur Thorsten Dentges: »Wirkt zwar wie eine zu heiß gewaschene Fireblade, muss aber doch was dran sein, dass die sich so irre verkauft.« Eine MZ 125 SM für den Magaziner Michael Orth: »Hat volle 15 PS, ist nicht billig zusammengeschustert, sieht nach was aus und taugt eigentlich nur für Kurzstrecken, oder?« Und für Grafiker Gerd Mayer eine Suzuki Intruder 125: »Wenn die anderen nach 1000 Kilometern nicht mehr auf ihren
vier Buchstaben sitzen können, lehne ich mich locker zurück. Außerdem braucht’s einen Chopper für ein echtes Roadmovie.«
Allerdings prophezeien die Kollegen statt Roadmovie eher
einen Katastrophenfilm. Faseln was von lieber zum Bodensee
fahren oder in den Schwarzwald. Aber zum Nordkap? Auf diesen Dingern? Niemals!
Oh doch. Und zwar folgendermaßen: im Hamburger Hafen am frühen Nachmittag starten, um im dänischen Frederikshavn gerade so die Nachtfähre nach Larvik zu erreichen. Von dort aus stumpf mit Vollgas und möglichst wenig Pausen zum Ende Europas. Durch ganz Norwegen, immer der E 6 folgend, wo maximal Tempo 90 erlaubt ist. Viel mehr bringen die 125er ohnehin nicht.
Aber, maulen einige, dann sehe man doch überhaupt nichts von Land und Leuten, nerven mit abgedroschenen Sprüchen,
von wegen der Weg ist das Ziel und so weiter. Alles Blödsinn.
Das Ziel ist das Ziel: ein eiserner Globus auf einer Landzunge
in der Barentssee, das Nordkap auf 71 Grad, zehn Minuten und
21 Sekunden nördlicher Breite.
Dort, wo nur noch eine Straße hinführt, wo die Sonne im
Sommer niemals untergeht, wo jedes Jahr Tausende von Motorradfahrern hinpilgern. Dort werden die drei 125er nach höchstens 72 Stunden stehen. Ganz bestimmt. Sicher. Vielleicht. Hoffentlich.
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Windschatten Duell

Dänemark, Autobahn. Die Suzuki kämpft mühsam
gegen den Wind. »Ride the winds of change” – saublöder Spruch. Der Wind wechselt die Richtung, fällt nun von schräg links statt von schräg rechts, aber immer noch von vorn ein. In Zeitlupe schiebt sich die vollbepackte Trude auf der linken Spur am Knaus vorbei. Der schnurrbärtige Fahrer des Wohnmobils
räkelt sich im verschwitzen Muskelshirt und schielt auf das vorbeischleichende Motorrad herunter. Nach einem minutenlangen Überholvorgang setzt sich die Suzuki wieder hinter die voraus-
fahrenden Honda und MZ.
Es geht leicht bergauf. Plötzlich ist der Knaus links neben den Motorrädern. Der Fahrer hat inzwischen eine Sonnenbrille aufgesetzt, blickt unbeirrbar nach vorn und hält mit gestreckten Armen das Lenkrad. Immerhin, er braucht nur 1.30 Minuten für seine Überholaktion. Die Zweiräder hängen sich in den Windschatten des mobilen Hausstands einer vierköpfigen Familie. Das passt dem Urlaubs-Trucker offensichtlich nicht, er legt ein paar Kohlen nach. Tektonische Verschiebungen geschehen wahrscheinlich schneller, aber verdammt, der Abstand wird größer. Der Windschatten reißt ab, die Trude kann den Anschluss nicht mehr halten.
Kurze Absprache per Handzeichen, dann formieren sich die drei zu einer leicht versetzten Reihe, die Piloten auf minimales Packmaß zusammengefaltet, Helm auf dem Tank, die linke Hand windschnittig auf den Rücken gelegt. Die Honda macht die Pace, an deren Hinterrad fährt die
MZ mit Dreiviertel-Gas, die Trude ganz hinten hält die Geschwindigkeit nun locker. Auf Kommando knickt die Honda nach links ab, die MZ löst sich mit Speed-Überschuss aus dem
Windschatten und fährt voran, an ihrem Hinterrad klebend die
Intruder, die Honda reiht sich hinten ein. Das Manöver wiederholt sich mehrmals mit wechselnden Führenden – Team Telekom hätte
keinen schöneren Belgischen Kreisel beim Mannschaftszeitfahren hinbekommen.
Nanometer um Nanometer ackert sich das Trio wieder heran. Die Kuppe des maximal fünfzig Meter hohen »Bergs« ist erreicht. Mit siegesgewissem Schwung wechseln die drei 125er nun die Spur und fliegen sauber rotierend am Wohnmobil vorbei. Dessen Fahrer nimmt die Sonnenbrille ab, sein Gesichtsausdruck ähnelt denen der Holsteiner Bunten, die neben der Autobahn auf den platten Weiden grasen.
Der Belgische Dreier-Kreisel zieht gemächlich von dannen. Tschüs, du kriegst uns nicht, auf Wiedersehen vielleicht am Nordkap! Doch was ist das? Die Straße steigt erneut an. Der Gegenwind nimmt zu. Im Rückspiegel stampft der Knaus heran, mobilisiert seine kompletten 85-Diesel-PS. Breit grinsend mit der trägen Gestik eines Alleinherrschers winkt Mister Sonnenbrille im Vor-
beifahren rüber. Warum hetzt der Idiot eigentlich so? Hat doch
Urlaub, soll sich mal locker machen. Die kantigen Konturen seines rollenden Kastens verschwinden mit Tempo 95 nach einer Weile am Horizont. Links zieht mit Vollgas ein Bürstner-Wohnmobil vorbei. Honda und MZ setzen sich vor die Suzuki. Jetzt aber...

Das Nordkap

Geschlossen! Um neun erst wird es an der Tankstelle Sprit geben. Sprit für drei Maschinen, die alle schon seit gestern Abend auf Reserve laufen. Und gegen die Zeit. Von der bis zur geplanten Ankunftszeit um 14 Uhr nicht mehr genug bleibt, um zwei Stunden neben einer Zapfsäule im norwegischen Nichts zu verplempern. Hier warten hieße: scheitern. Also fahren. Und hoffen. Wie viel noch im Tank? Ein Liter, ein halber, weniger? Und was, wenn die nächste Tanke ebenfalls nicht...?
Sie hat, hat geöffnet, und mit jedem Tropfen Benzin, der aus der Pistole gurgelt, steigt die Zuversicht: Es wird reichen. Ein Muffin noch, Hotdogs, Kaffee, und los. Vorbei an Alta, der Provinzhauptstadt der Samen, über eine weitere, die letzte Hochebene vor dem Nordkap, Sennalandet, auf einer Breite mit Grönland, Alaska, dem Norden Sibiriens. Weit wölbt sich der Himmel über die Landschaft, die Linie des Horizonts keine Gerade mehr, sondern ein Bogen, nach hinten gespannt, das ganze Blickfeld umfassend. In das sich bei Olderfjord das erste Hinweisschild schiebt, den Weg zum Kap genau nach Norden weisend, 130 Kilometer noch. Und, zumindest dem Empfinden nach, mindestens ebenso viele Tunnel.
Immer wieder verschwindet die Straße im Fels, wird geschluckt von einem schwarzen, nasskalten Loch nach dem anderen. Totaler Blindflug. Und Obacht, um Himmels Willen nicht jetzt, sich nicht hier noch in der Finsternis – so kurz vor dem Ziel – aufs Maul legen. Oder eines dieser Viecher mittig scheiteln.
Rentiere. Die dümmsten Tiere der Welt, sagen die Bewohner der Finnmark. Und sie haben Recht. Überall liegen, stehen und
irren sie herum. Bevorzugt allerdings auf der Straße und im
Halbschatten am Eingang der Tunnel. Sind perfekt getarnt mit
ihrem struppigen Sommerpelz in Graubraun, exakt der Ton der Felsen und Steine. Bis einer dieser vermeintlichen Steine sich dann schlagartig in Bewegung setzt. Haken nach links, Haken nach rechts, die dünnen Beine aus der Hüfte schlenkernd, dämlich in die Gegend glotzend, den Kopf nur deshalb am Hals, das Geweih zu tragen.
Also Vorsicht, immer ein Auge auf den Straßenrand, das an-
dere aufs Ziel gerichtet, das Kap zum Greifen nah, die Zeit des
72-Stunden-Limits auslaufend nicht mehr im Minuten-, sondern im Sekundentakt. 13 Uhr: tief unter dem Meer durch den Nordkaptunnel. Noch 50 Kilometer. 13.20 Uhr: vorbei an der Ortschaft Honningsvag. Noch 30 Kilometer. 13.30 Uhr: auf die äußerste Landzunge der Insel Mageroya. Noch zehn Kilometer. 13.40 Uhr: über das letzte Stück Asphalt, aufgeregt, zitternd fast, voller
Vorfreude, voller Euphorie, dem nördlichsten befahrbaren Punkt Europas entgegen.
Noch fünf Kilometer, zwei, einer – bis, endlich, unter stahl-
blauem Himmel, die drei 125er vor diesem schmucklosen Eisenglobus stehen, der auf einem Felsplateau in der Barentssee das Ende des Kontinents markiert. Endlich, nach 2800 Kilometern, nach 71 Stunden und 45 Minuten – gerade mal 15 vor Ablauf
der selbst auferlegten Frist: geschafft! Auf 71 Grad, 10 Minuten und 21 Sekunden nördlicher Breite: am Ziel! Am Nordkap! Vom Startpunkt in Hamburg weiter entfernt als vom Nordpol.
Im riesigen Infocenter – jedes Jahr zieht es 200000 Touristen hierher – erzählt der Leiter Hans Paul von Busladungen bequemer Rentner, die sich für ein Gläschen Sekt unter der Mitternachts-
sonne herankarren lassen, und er erzählt auch von Leuten, die
mit Gabelstaplern anreisen, mit Elektrorollstühlen, von Menschen, die zu Fuß gepilgert kommen oder sich auf dem Fahrrad durch ganz Norwegen gequält haben.
Aber in weniger als 72 Stunden von Deutschland aus auf 125ern? Davon erzählt er nichts. Bis jetzt.

Vollgas: Die E 6

Vollgas. Immer Vollgas. Von morgens bis in die Nacht. Muss sein. Die Zeit läuft. Und die Motorräder müssen schneller laufen. Müssen jeden Kilometer schneller fressen, als die Zeit die Minuten frisst: 125 Kubikzentimeter gegen die zweimillionendreihunderttausend Meter der E 6, die zwischen dem Fährhafen Larvik am südlichen Ende Norwegens und dem Nordkap liegen. 125 Kubikzentimeter gegen 54 Stunden, die bis dorthin noch verbleiben. Eile. Hast. Hetze. Doch, verdammt, kein Tempo. Gerade haben sich die Tachonadeln ans Maximum hochgezittert, drehen die Maschinen am Anschlag, halten plärrend die 110, als das Gas wieder zuschnappt, zuschnappen muss. Bremsen, runterschal-
ten, einmal, zweimal. Wohnwagen-Gespanne. Quälen sich mit 70, selten 80 über den Asphalt. Und nirgends reicht die Leistung,
an den Knaus, Tabberts und Dethleffs ohne in den Helm gemurmeltes Stoßgebet – lass es reichen, lass es bitte reichen – vorbei-
zukommen. Nie ist das Überholen wirklich ein Überholen, überall bleibt es ein Vorbeihungern. Das den Schnitt versaut, ihn weiter und weiter nach unten drückt.
Erst als in den Abendstunden die Sonne sich zäh gegen das Untergehen wehrt, Trondheim bereits passiert ist, liegt die Straße plötzlich wie leer gefegt im Wald, windet sich in stetem Auf und
Ab durch das Schwarzgrün dicht stehender Tannen, die von krumm gewachsenen, nur leicht belaubten Birken abgelöst werden. Hinter deren Stämmen erhebt sich eine Kulisse aus Berg-
rücken, rundgeschliffen, obenauf Schneehauben, weiß glänzend. Die Motorräder als lange Schatten über ein endloses violettes Band aus Lupinen hinweghuschend, steigt endlich der Schnitt, bleibt der Süden Norwegens weiter und weiter zurück.
Eine Stunde noch fahren, zwei, drei, jetzt – verflogen alle Müdigkeit, alle Trägheit des Nachmittags – tatsächlich immer Vollgas, rauschhaft, bis kurz nach Mitternacht irgendwo in der Nähe von Mosjøen das Soll des ers-
ten Tags erreicht ist: dem Nordkap um mehr als 1000 Kilometer näher. Und doch noch fast 1300 davon entfernt.
Zu weit, um am folgenden Tag zu bummeln, zu weit, um
anders zu fahren als stumpf von Tankstopp zu Tankstopp. Ohne Pause am Polarkreis, der die Straße auf dem Saltfjell kreuzt, ohne einen Blick für die zahllosen Fjorde, die sich zwischen der Hochebene und Narvik weit ins Land hineindrängen. Denn es geht
einfach nicht vorwärts, geht nicht vorwärts, weil schon wieder quälend langsam, nein, lahmarschig dahinkriechende Wohnmobile, Reisebusse und Kombis mit Anhänger über die halbe Straßen-
breite herausragend, im Weg stehen und jeglichen Ansatz von Schwung zunichte machen. Der Erste kommt vorbei, der Zweite noch knapp, der Dritte bleibt dahinter hängen, einen Kilometer lang, fünf, zehn zuweilen.
Weit noch vor Narvik, es ist fast acht Uhr abends und das
Ziel in den vergangenen elf Stunden keine 500 Kilometer näher
gekommen, geht die Stimmung gegen null. Die Frage, was tun, bleibt eine rhetorische, denn die einzige Antwort kann nur heißen: Meter machen bis zur absoluten Schmerzgrenze, nicht 100000, nicht 300000, sondern 500000. Mindestens, gleichgültig, wie lang es dauern wird.
Ohnehin haben die Stunden für die Tage längst ihre Bedeutung verloren. Sie zählen nur noch dem Zeitlimit entgegen. Das Minute um Minute verstreicht. Doch schneller verstreichen jetzt die Kilometer. Tempo 100, 110, ohne Hindernisse, ohne Unterbrechung, und manchmal, bergab den ganzen Schwung des Gewichts ausnutzend, klettert die Tachonadel sogar bis an die 130. Denn wieder streckt sich die Straße zur Nacht hin völlig leer gen Norden, schlängelt sich an Fjorden – links das Wasser, rechts steil aufragender Fels – entlang, zieht sich durch weite Grünflächen, weiter durch karge, beinahe baumlose, dünn besiedelte Landschaft. Und über allem die Sonne, die nicht untergeht, die
allenfalls kurz hinter den Felsen verschwindet, um sogleich wieder in fahlem Gelb am Himmel aufzutauchen.
Es ist bereits weit nach Mitternacht, als die Begeisterung des einsamen Dahinfliegens gegen die Erschöpfung nicht mehr ankommt, als es, nach 17 Stunden im Sattel, ohne Schlaf wirklich nicht mehr geht. Muss es aber auch nicht. Weil nur noch runde 350 Kilometer durch die Finnmark bis zum Kap zurückzulegen sind. Und für diese Strecke bleiben am nächsten Tag, Aufbruch um 6.30 Uhr, ganze siebeneinhalb Stunden. Das könnte reichen, das sollte reichen. Wenn nichts dazwischen kommt...

Motor aus

Zündschlüssel links herum – Motor aus, die erste. Der Stopp kommt vom Gefühl her viel zu früh. Doch ohne
Tanken geht’s nun mal nicht. Theoretisch ginge es: Bei einem Durchschnittsverbrauch von knapp über drei Litern auf hundert Kilometer würde ein hundert Liter großer Tank die Motoren bis zum Nordkap mit ausreichend Sprit versorgen. In der Praxis fasst der Tank der Honda jedoch nur zehn, der von MZ und von Suzuki immerhin zwölf Liter. Nun gut, dann eben nicht unnötig trödeln. Der erzwungene Halt wird zum Pit-Stop.
Motor aus, die zweite und dritte: Der Pit-Stop wird um eine kurze Nahrungsaufnahme erweitert. Pinkeln ebenfalls erlaubt, aber zack, zack, schließlich legt die Fähre bald ab. In deren Bauch stehen später die Motorräder still, im Gegensatz zum Schiffsdiesel, der ganz in der Nähe der Kabine dröhnt. Angenehme Nachtruhe fühlt sich anders an. Nächster Morgen: An der norwegischen Tankstelle ist kostenloser Kaffee zum Nachschütten im Angebot. Einstimmig wird eine Verlängerung der Pause befürwortet, genauso wie ein Zwischenstopp in einer Parkbucht. Einfach mal, um nach dem Rechten zu schauen und so.
Motor aus, die siebte, achte, neunte: Der Stopp besteht nun aus Tanken, Hotdog, Rauchen, Kaffee, Pinkeln, Rauchen, Riegel, Cola. Der Pit-Stop wird in »Notwendige und durchaus vertretbare Regenerierungsmaßnahme« umbenannt und dauert mittlerweile bis zu einer dreiviertel Stunde. Es ist schon spät abends, aber
immer noch kein bisschen dunkel. Trotzdem Zeit fürs Nachtlager. Die Motorräder parken am Flussufer kurz vor Trofors, die Fahrer packen Schlafsäcke und Zelte aus und freuen sich nach einem langen Tag mit fünfstelligem Viertaktgenagel auf Ruhe, einfach nur Ruhe. Die Mücken freuen sich auch. Dass bei ihnen in der Gegend endlich mal was los ist. Gesellen sich in dichten Schwaden zu den Campern und summen fröhlich um deren Köpfe – so lange, bis
sie von zorniger Hand totgeklatscht werden. Morgens nach dem Aufstehen der nächste Besuch der Biester. Flucht mit Vollgas.
Motor aus, die zwölfte, dreizehnte, vierzehnte: Der Katalog
der erlaubten Regenerierungsmaßnahmen erweitert sich um die Punkte »Echt grad’ kein Bock mehr« und »Anhalten ohne Begründung«. Jede Pause und jede Verzögerung der Weiterfahrt gewinnt an Attraktivität. Ist es möglich, dass jemand zehn Minuten zum Anziehen der Handschuhe braucht? Es ist möglich, und die anderen nehmen’s dankbar zum Anlass, noch eine Kippe anzustecken, bevor es wieder losgeht. Warum haben die Ingenieure diesen
Mopeds eigentlich derart opulente Tanks verpasst? Zwei oder drei
Liter Fassungsvermögen würden doch voll und ganz genügen. Dann wäre bei dem Verbrauch von rund drei Litern spätestens nach einer Stunde ein Stopp fällig. Leider nur graue Theorie. Die Mitternachtssonne steht prall am Himmel, das Zelt indes windschief und halb aufgebaut. Bloß noch hinhauen auf die Matten, umfallen wie ein Baum und schnarchen wie ein Sägewerk. Vier Stunden Schlaf müssen reichen. Danach noch zwei Tankstopps bis zum Nordkap und dann: Sauna, Baden im Fjord, Lesen, Nichtstun. Gemütlich von Hütte zu Hütte und von einem Cam-
pingplatz zum nächsten fahren. Ansonsten bleibt der Motor aus. Garantiert.

Und dann: zurück

Das Ziel war das Ziel. Und diesem Ziel wurde alles untergeordnet. Jede Pause nicht länger als nötig, jede Etappe so lang wie möglich, keine Erholung. Aber jetzt. Unbedingt. Den völlig zerschossenen Biorhythmus wieder ins Lot bringen. Denn der Körper will nicht mehr, kann nicht mehr. Muss auf dem Weg zurück nach weniger als 100 Kilometern schon ruhen, muss schlafen, egal wo, und sei es auf der von Steinen durchsetzten Wiese irgendwo am Straßenrand. Den Rucksack als Kissen unterm Kopf. Licht aus, wenigstens für eine Stunde. Um den völlig leer gesaugten Akku wieder aufzuladen, ein bisschen zumindest.
Nicht umsonst erwischt es die meisten Bergsteiger erst nach dem Gipfel, bleiben die meisten auf der Strecke, weil sie sich, ausgepowert und übermüdet, für den Abstieg schlicht zu viel zumuten. Also pro Tag nicht mehr als 300 Kilometer fahren. Von denen aber jeder einzelne sich zieht, als wären es zwei. Von denen jeder einzelne erst deutlich macht, wie endlos weit der Weg zum Kap gewesen ist, wie er nicht nur ans Ende Europas geführt hat, sondern auch ans Ende der eigenen Belastbarkeit, der eigenen Kräfte.
Überhaupt: nicht mehr nur fahren, fahren, fahren. Sondern, jetzt doch, den Weg zum Ziel machen. Nebenstraßen entlangschleichen und das wahrnehmen, was vorher einfach vorbeigerauscht ist: Landschaften, so rau wie die schottischen Highlands, imposant wie die 4000er der Alpen, lieblich wie die oberitalienischen Seen, menschenleer wie der Mond.
Für die Nacht eine Hütte mieten, statt Tütenfraß und Müsliriegel reinzustopfen in Ruhe einen Teller Nudeln essen. Und: duschen. Eine Viertelstunde unter warmem Wasser stehen und neben dem erbärmlichen Gestank die
ganze Anspannung den Ausguss runterspülen. Später dann, mit einer Dose Bier am Fjord sitzend die
Frage: Wie lang würde man wohl mit dem Mofa brauchen, von Berlin nach Gibraltar?

Die Motorräder

Nicht klug, ausgerechnet während der Harley Days mit drei 125ern durch Hamburg zu cruisen, während allerorts auf Hochglanz polierte Showbikes publikumswirksam über die Boulevards knattern. Ein Typ mit dicker Fat Boy und dickem Bierbauch blickt verächtlich zur Suzuki Intruder 125 mit deren Plastik-Seitenkoffern und der überaus peinlichen Tourenscheibe rüber.
An der Ampel kurbelt ein Lieferwagenfahrer die Scheibe runter und grient: »Hey Jungs, die Motorräder sind viel zu klein für euch, kommt kacke rüber!« Danke für den Tipp, schon bekannt.
Auf der Honda CBR 125 sitzt der Fahrer eingeengt zwischen 100-Liter-Gepäcksystem und Tankrucksack – sieht aus wie ein Berggorilla beim Mofaklau. Die MZ 125 SM wirkt eigentlich sehr erwachsen, aber mit drei Riesenpackrollen ähnelt die Supermoto eher einem Pizzataxi. Coolness-Faktor: unter null. Kein Wunder, dass auch in Dänemark und Norwegen entgegenkommende
Motorradfahrer nur zaghaft den Gruß erwidern.
Bei einem Tankstopp schlendert ein Typ mit Stiernacken auf die Mopeds zu. Schwede. Format Türsteher bei den Hell’s Angels. Zeigt auf die Trude und fragt unerwartet: »Nice bike, how many ccm?« Er soll raten. »It is a Marauder, 800«, tippt er. Als er die
richtige Antwort hört, reißt er die zugekniffenen Augen auf. Ob
die Cagiva dort ebenfalls eine 125er sei, will er wissen, als er
auf die Honda zeigt. Offenbar geht der in Skandinavien so be-
liebte Selbstgebrannte stark auf die Sehnerven. Als der Schwede schließlich aufgeklärt wird, dass die kleinen Honda, MZ und
Suzuki auf dem langen Weg zum nördlichen Ende Europas sind,
schüttelt er ungläubig den Kopf, reckt dann aber anerkennend den Daumen nach oben.
Ein neugieriger BMW-Fahrer erkundigt sich, ob diese Dinger da tatsächlich 125er wären. »Damit zum Nordkap? Ihr seid ja
verrückt«, erklärt er sichtlich beeindruckt, erinnert sich jedoch im gleichen Atemzug an eine viele Jahre zurückliegende Tour mit Zweitakt-MZ von Plauen nach Istanbul. War toll, allerdings auch sauanstrengend und schmerzhaft. Deshalb jetzt lieber GS mit Schaffell, sei auch angenehmer für seinen 13-jährigen Sohn, der als Sozius die langen Tagesetappen mit Gameboy überbrücke. Wer ist hier eigentlich verrückt?
Außerdem ist es gar nicht so abwegig, mit 125ern zum Nordkap zu fahren. Die Kleinen laden zum leichtfüßigen Boogie ein, egal, auf welchem Parkett. Straße nass, Straße holprig, was soll’s. Auf Breitreifen mit zu viel Dampf im Kessel wäre das ein arm-
seliger Eiertanz. Hahn auf, trotz massenhaft Radarkontrollen, denn nie ist man zu schnell, um in die Fallen hineinzutappen –
legaler Geschwindigkeitsrausch. Kurzum, diese Motorräder sind alles andere als kapriziöse Zicken, mit denen man sich so eine Tour schnell verderben könnte. Okay, die MZ verlangt schon nach
rund 3000 Kilometern nach einer neuen Kette, die schmalfüßige Honda nur wenig später nach neuem Schuhwerk, und die Suzuki
braucht morgens manchmal etwas Anschub, um ihre zwölf Pferde zu wecken. Kleine Probleme, lösbare Probleme.
Mit jedem Kilometer gen Norden entpuppen sich die Achtel-
liter-Zwerge mehr und mehr als verlässliche und anspruchs-
lose Partnerinnen: brauchen nur drei Liter auf hundert Kilometer, verzeihen, wenn mal die Kupplungshand ausrutscht. Es geht
weiter, immer weiter. Hinter dem Polarkreis steht eine Harley am Straßenrand, das Bordwerkzeug ausgebreitet. Der Fahrer wirkt irgendwie unglücklich. Doch die Maschine sieht echt klasse aus, muss man zugeben.

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