Harz

Die Hexen bitten zum Tanz

Schwarzwald, Bayerischer Wald, die Alpen: Süddeutschlands Motorradfahrer können aus dem vollen schöpfen. Im Norden Deutschlands sieht die Sache mit Kurven und Pässen anders aus - wäre da nicht der Harz, dieser düstere Gebirgszug, um den sich unzählige Sagen ranken.

Endlich geht´s bergan. Willig und ohne Murren nehmen die vier Zylinder meiner altgedienten Yamaha FJ 1200 die spontanen Gasstöße an. Sabine und ich verlassen das weite, flache Land der norddeutschen Tiefebene, wo kein Berg die Fernsicht stört und man heute schon weiß, wer morgen zum Kaffee kommt, und tauschen alltäglichen Streß gegen weite Kurven und Kehren und nahezu endlose Fichtenwälder, die flüchtig vorbeifliegen. Runterschalten. Links, rechts, nochmals links. Dann Gas geben: Es wartet zur Abwechslung mal eine langgezogene Gerade, die ihr Ende wieder in einer dieser harztypischen Kurvenkombinationen findet. Das ist Genuß pur, der unsere Herzen höher schlagen läßt. Für berghungrige Nordlichter gibt´s einfach nichts Besseres. Zumindest nicht in der Nähe.Nach rund 15 Kilometern und knapp 600 zurückgelegten Höhenmetern - fürs nördliche Deutschland geradezu alpine Verhältnisse - erreicht der mehrspurige Harz-Highway seinen Höhepunkt: Torfhaus liegt immerhin etwas mehr als 800 Meter über dem Spiegel der Weltmeere. Wer den Harz bislang noch nicht richtig kannte, bekommt nun schon mal einen Eindruck von der Bergwelt des nördlichsten Mittelgebirges der Republik - in der man allerdings nicht allein unterwegs ist. Auf dem Großparkplatz neben der B 4 reihen sich in an den Wochenenden zwischen Mai und Oktober unzählige Bikes aller Klassen. Von der 125er bis zur Harley, vom Streetfighter bis zur Reise-Enduro, von zehn bis 160 PS - alles da. Die Nummernschilder verraten, daß die meisten Besitzer irgendwo zwischen Berlin und Hamburg zu Hause sind. Alle wollen dem Tiefland, wo die Deiche der Nordseeküste zu den höchsten Erhebungen zählen, wenigstens für ein paar Stunden entfliehen.Flo aus Bremen gehört auch dazu. Nahezu jedes Wochenende verbringe er auf seiner 900er Honda, Jahrgang ´79, im Harz. Und das Treffen bei Torfhaus ist für ihn längst zur Pflicht geworden - mindestens einmal pro Tag sei er hier anzutreffen. Wir plaudern eine Weile, und er erzählt uns, daß er nicht nur zum Motorrad fahren, sondern auch zum Klettern in den Harz kommt. In seinem Topcase transportiert er die dafür notwendigen Utensilien. Nach ein paar Minuten ist er wieder unterwegs in Richtung Okertal, quasi das Mekka für Freeclimber im Harz. Aber auch Mountain Biker kämen hier voll auf ihre Kosten, erfahren wir von Ingo, der nur ein paar Meter weiter parkt. Lediglich am Motorblock ist zu erkennen, daß sein Streetfighter ursprünglich aus dem Hause Suzuki stammt. Ingo kommt aus dem Harz und ist absoluter Zweirad-Fan - egal ob mit oder ohne Motor. Eine ganze Weile schwärmt er uns von seinen ausgedehnten Mountain Bike-Touren abseits der Harzer Straßen vor. Heute will Ingo aber mit dem Moped weiter und gibt uns natürlich noch ein paar Streckentips.Langsam rollen wir vom Parkplatz und blicken noch einmal auf den höchsten Harzer Gipfel, der sich gleich gegenüber erhebt: Der Brocken, 1142 Meter hoch. Kultberg, Wettergrenze, Topausflugs- und Wanderziel in einem. Aber leider ist die auf der Karte verlockend aussehende Brockenstraße ausnahmsweise nicht nur für Mopeds, sondern für den gesamten Kraftfahrzeugverkehr gesperrt. Mangels passendem Schuhwerk und angesichts der mindestens sieben Kilometer langen Wanderstrecke im Massenpulk kommt für uns nur die Brockenbesteigung per Brockenbahn in Frage. Also auf nach Drei Annen Hohne zum Bahnhof.Auf der B 4 steuere ich die Yamaha erst einmal nach Braunlage. Dort biegen wir auf die B 27 ab und rollen bald durch einen kleinen Ort, der auf den Namen Elend hört. Vom tristen Schattendasein während der deutschen Teilung im ehemaligen DDR-Grenzgebiet hat er sich aber längst erholt. Nach dem Ort sorgt überraschend ein kurzes Stück Granitpflaster, das 40 Jahre DDR überlebt hat und sich im Wald oft rutschig und naß präsentiert, für einen Anstieg des Adrenalinspiegels. In Drei Annen Hohne wechseln wir schließlich das Gefährt. Die Yamaha hat Pause, und wir steigen um in den kleinen Bummelzug, der auf den Brocken fährt. Noch immer verrichten hier dampfende und rußgeschwärzte Lokomotiven, die bereits ein halbes Jahrhundert auf dem Kessel haben, ihren Dienst. Gelassen und mit einer Geschwindigkeit, die während der Fahrt fast zum Blumenpflücken verleitet, trotzt der Dampfquirl auf den Schmalspurgleisen dem Brocken Meter um Meter ab. Nach mehr als einer Stunde ist die knapp 20 Kilometer lange Strecke bewältigt: Der Brockengipfel ist erklommen.An Pommesbuden und Andenkenläden entlang schlängeln wir uns an Wanderern vorbei, die per pedes heraufgekommen sind, und versuchen, der laut schwatzenden Gruppe, die mit uns den nostalgischen Zug verlassen hat, zu entkommen. Während der letzten paar Schritte bis zum Gipfel muß ich an eine alte Harzsage denken, die sich um diesen Berg rankt: »Und sie trieben Schande bis zum Morgengrauen.« Eigentlich schade. Gerade wo es spannend wird, endet der Bericht vom Treiben des Teufels mit seiner angetrauten Hexenschar. Aber um im mittelalterlichen Harz Angst und Schrecken zu verbreiten, reichte diese Geschichte völlig aus. Allein die Vorstellung, daß häßliche, von Warzen übersäte weibliche Gestalten auf ihren Zauberbesen durch die Luft sausen, trieb gottesfürchtige Menschen spätestens bei Einbruch der Dunkelheit in ihre Häuser. Ihnen ging schlicht und ergreifend die Düse. Johann Wolfgang von Goethe, der oft im Harz weilte, ließ sich dagegen vom Inhalt der Märchen und Sagen, die sich um diesen Berg ranken, so faszinieren, daß er schließlich zu einer Brocken-Expeditionen aufbrach. Auf dem Gipfel traf er allerdings weder den König der Finsternis noch die Hexe Bibi Blocksberg oder Kolleginnen. Auf dem wohl damals schon kahlen Plateau bot sich ihm dafür eine phantastische Aussicht, die bei Schönwetter bis weit in die norddeutsche Tiefebene reicht. Und die ist damals wie heute den Weg hinauf wert.Zurück im Sattel der Yamaha, genieße ich erst einmal die wiedergewonnene Einsamkeit der Ostharzer Sträßchen. Die präsentieren sich schmal und verwinkelt - und mit wechselnden Belag. Bis zum Hexentanzplatz bei Thale bugsiere ich das Motorrad über betagtes Granitpflaster und über löchrigen Teer oder Beton aus Zeiten der SED-Herrschaft, dann über Bitumenflickwerk neuerer Straßenbaukunst. Doch eine sportliche Gangart wäre hier ohnehin fehl am Platz, denn das Panorama ist gewaltig. Beim Hextentanzplatz blicken wir hinunter ins tief eingeschnittene Bodetal. Unterhalb mächtiger Felswände aus knapp 200 Millionen Jahre altem Granit fließt der kleine Fluß durch eine Canyon-artige Landschaft. Gegenüber, fast zum Greifen nahe, türmen sich die 250 Meter hohen Klippen der Roßtrappe auf, ebenfalls ein sagenumwobener Aussichtspunkt. Hier trieb in grauer Vorzeit die Königstochter Brunhilde auf der Flucht vor dem lüsternen Riesen Bodo ihr Pferd zu einem todesmutigen Sprung über die Schlucht, und bei der glücklichen Landung auf der gegenüberliegenden Seite, so will es zumindest die Sage, hinterließ der Aufschlag eines Hufes einen gewaltigen Abdruck im Granit, der seitdem Roßtrappe heißt. Der heiratswütige Riese stürtze bei der Verfolgung tief hinunter in den reißenden Gebirgsbach, der ihm zu Ehren schließlich Bode genannt wurde. Doch von dieser »sagenhaften« Dramatik ist heute nichts mehr zu spüren. Beschaulich schaukeln Sessellifte hoch auf die Roßtrappe, und die Bode plätschert seelenruhig durch ihr tiefes Tal.Und weil wir gerade in der Nähe sind, rauschen wir ein paar Kilometer in Richtung Blankenburg. Kurz vor dem Ort befindet sich die Teufelsmauer - nicht mehr als ein paar zerklüftete Felsen und Steine, die allerdings die sichtbaren Überreste eine Wette zwischen Gott und dem Teufel sein sollen, sofern man dieser überlieferten Sage glauben schenkt. Der Herr der Finsternis wollte über den Harz herrschen und hatte behauptet, zwischen Sonnenuntergang und dem ersten Hahnenschrei eine Mauer rund um das Gebirge bauen zu können. Daß er die Wette nicht gewann, lag daran, daß ein Hahn früher krähte als erwartet. Voller Wut riß der Teufel sein Werk wieder ein - bis auf ein paar Reste, auf denen wir gerade rumklettern.Mir fallen Ingos Insidertips wieder ein. Wird auch Zeit, denn der Tag neigt sich bereits langsam seinem Ende zu. Wie in einem Rausch vergehen weitere 120 kurvenreiche Kilometer von Ost nach West quer durch den Harz. Immer der untergehenden Sonne entgegen, bis zum wärmstens empfohlenen Nachtquartier in Osterode bei Neli und Li. Die heißen mit bürgerlichem Namen Cornelius und Elisabeth und bieten in ihrem Gästehaus »Fingerhut« die Übernachtung konkurrenzlos günstig an: ab 15 Mark pro Person. Als ich den Motor der FJ für heute endgültig abstelle, sendet die glutrote Sonne gerade ihre letzten Strahlen durch das üppige Grün in Nelis parkähnlichen Garten, in dem es breits nach gegrillter Bratwurst und anderen Leckereien duftet. Mit einer Handvoll Bikern, die ebenfalls den Tag bis zur letzten Minute ausgekostet hat, sitzen wir bis spät in die Nacht, und nur ein kurzer, aber heftiger Regenschauer treibt uns irgendwann in die Kojen.Tag zwo der Harztour beginnt mystisch und wunderschön zugleich. Es ist kein Wölkchen am Himmel, und die Nässe des nächtlichen Schauers steigt in wabernden Dunstschwaden in Richtung Sonne. Petrus sei vergeben. Schon bald starten wir die Maschinen. Mit von der Partie ist jetzt auch Neli, der uns ein paar seiner Lieblingsstrecken im Westharz zeigen will. Wieder gibt es Kurven in allen Variationen satt. Wieder faszinieren Aussichten vom Feinsten. Erst am Nachmittag legen wir in Lautenthal eine Pause ein. In der alten Erzgrube Lautenthalsglück steigen wir von den Mopeds auf einen klapprigen und höchst unkomfortablen Grubenzug um, den »rasenden Roland«. Mit ruckartigen Bewegungen verschwinden wir in eine Welt unter Tage, in der bis vor ein paar Jahren noch Zink-, Blei- und Kupfererze abgebaut wurden. Der Harz ist das älteste deutsche Bergbaugebiet: Bereits im 10. Jahrhundert wurden hier tiefe Stollen gegraben. Unten angekommen, bleibt uns schon bei einem Gang durch die engen Gänge fast die Luft weg. Mir ist es ein Rätsel, wie man bei einer Luftfeuchtigkeit von 98 Prozent und einer Temperatur von acht Grad arbeiten konnte. Immerhin wurden die Bergarbeiter für ihre Maloche einigermaßen entschädigt. Ihnen ging es für damalige Verhältnisse vergleichsweise gut. Die Arbeiter genossen die sogenanten Bergfreiheiten wie Baurecht und Steuerbefreiung - Vergünstigungen, von denen die leibeigenen Bauern hier und anderswo in Deutschland viele hundert Jahre lang nur träumen konnten. Und noch heute sind die Harzer stolz auf ihre Bergbautradition. Unser Führer, früher selbst Bergmann, erinnert sich mit Wehmut an die »gute alte Zeit« im Berg, die er mehr als lebhaft schildert.Wieder auf der Erdoberfläche angekommen, ist es Zeit, die Heimreise anzutreten. Wochenenden haben einen entscheidenden Nachteil: Sie sind unsagbar kurz. Noch einmal gebe ich der FJ die Sporen, rausche über die Straßen, die im wilden Hin und Her und Auf und Ab durch die dichten Wälder führen, bis es schließlich endgültig bergab geht und wir wieder auf den geraden Straßen der norddeutschen Tiefebene landen. Die Harzer Berge verschwinden langsam in den Rückspiegeln, und morgen werden wir wieder wissen, wer übermorgen zum Kaffee kommt.
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Infos

Das nördlichste Mittelgebirge Deutschlands lockt mit aussichtsreichen Straßen rund um den Brocken - einem Eldorado für Kurvenfans, die zwischen der Altstadt von Goslar und dem Hexentanzplatz bei Thale unzählige lohnende Ziele finden.
Anreise: Aus dem Norden auf der A7 bis zur Abfahrt Rhüden und dann via Goslar in den Harz. Als Alternative bietet sich auch die weniger befahrene B6 ab Hannover über Hildesheim nach Goslar an. Aus dem Süden auf der A7 bis zur Abfahrt Northeim-West und dann auf der B243 über Osterode ins Mittelgebirge. Auch hier gibt´s alternativ die Möglichkeit, auf die Landstraße auszuweichen: Ab Kassel auf der B3 nach Northeim und dort auf der B241 über Osterode in den Harz. Wer aus dem Westen anreist, kann die Tour in Seesen starten. Aus Richtung Osten fährt man am besten über Eisleben und dann auf der B 242 in den Harz.Reisezeit: Je nach Temperatur und Wetterlage kann man dem Harz auch schon mal im März oder April einen Besuch abstatten. Relativ konstante Wetterverhältnisse ohne Gefahr von Wintereinbrüchen gibt´s von Anfang Mai bis Mitte/Ende Oktober. Im Sommer und besonders an den Wochenenden können die Straßen im Harz allerdings recht befahren sein. Wer in den Sommerferien im Harz übernachten möchte, sollte unbedingt vorher reservieren.Übernachten: An Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen in allen Preisklassen herrscht im Harz kein Mangel. Infos gibt´s beim Harzer Verkehrsverband, Marktstraße 45, 38640 Goslar, Telefon 05321/34040, Fax 05321/340444. Hier bekommt man auch Adressen der Campingplätze der Region. Der Tip für müde Biker: das Gästehaus Fingerhut, Scheerenbergerstraße 61, 37520 Osterode, Telefon 05522/920103.Literatur: Der Marco Polo-Reiseführer »Harz« enthält zahlreiche Infos und eine brauchbare Straßenkarte der Region. Ebenfalls empfehlenswert ist der HB-Bildatlas über den Harz für 14,90 Mark. Die beste Karte kommt von Marco Polo: Blatt 3 der Generalkarte im Maßstab von 1:200000. In der aktuellen Marco Polo-Jubiläumsausgabe kosten die zwölf Generalkarten von ganz Deutschland derzeit nur 19,80 Mark. Wanderfreunde können auf die drei topographischen Blätter der Niedersächsischen Landesvermessung zurückgreifen, die es vor Ort in jeder Buchhandlung gibt.Zeitaufwand: zwei TageGefahrene Strecke: 350 Kilometer

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