Hunsrück

Letzte Ausfahrt Hünsrück

Kurven ohne Ende, dichte Wälder und die älteste Stadt Deutschlands – der Hunsrück, jenes Mittelgebirge zwischen Rhein, Mosel und Nahe, ist ein ideales Revier für den Saisonausstieg.

Karl ist in seinem Element. Und ich bin vermutlich Opfer eines Missverständnisses geworden. Denn Karls Traumstrecke – die etwa 140 Kilometer lange Hunsrück-Höhenstraße – entpuppt sich als praktisch kurvenfreies Terrain. Zumindest aus meiner Sicht. Karls Blickwinkel ist ein anderer, rührt sozusagen aus einer »tieferen« Perspektive her: Karl fährt Intruder. Und seine Gier nach Kurven ist begrenzt. Gemütlich cruisen ist sein Ding. Ein echter Easy Rider eben. Auch wenn es hier nach Frankreich und nicht nach Mexiko geht. Pause. Karl dreht sich viel lieber ´ne Zigarette, als, wie er zugibt, in engen Kehren mit seinen Trittbrettern den Asphalt zu kratzen. Aber er kennt sich aus und weiß, dass ich keinen Bock auf breite, fast schnurgerade Straßen habe. Eine zweite Zigarette, dann fummelt er eine abgewetzte Karte aus der Lederweste, fährt mit seinem Zeigefinger ein Gewussel von Strecken ab, dass es mir schon beim Zuschauen schwindelig wird. Das ist haargenau der Stoff, aus dem meine Träume sind. Zum 818 Meter hohen Erbeskopf solle ich unbedingt fahren, und natürlich an der Mosel entlang bis nach Trier, von dort aus über kleine, äußerst kurvige Straßen nach Hermeskeil. Oder zum Rhein oder... Meine anfängliche Enttäuschung weicht spontaner Vorfreude. Ein paar Tage werde ich hier verbringen müssen, wenn ich alle vielversprechenden Routen fahren will. Gut, dass Karl auch noch einen Übernachtungstipp parat hat. Allabendlich werden wir uns im strategisch günstig gelegenen Morbach treffen. In Karls Stammkneipe. Hier wird es zumindest in Sachen Bier ganz sicher kein Missverständnis geben.Während Karl vermutlich wieder über die Höhenstraße cruist, rausche ich in Richtung Mosel. Kaum raus aus Moorbach, befinde ich mich schon auf einem Sträßchen, auf dem zwei Autos nur mit viel Glück aneinander vorbei passen. In Kurvenkombinationen ohne Ende windet sich die Strecke allmählich Richtung Flusstal bergab. Dörfer? Fehlanzeige. Nur dann und wann ein Hof. Gegenverkehr? Zum Glück so gut wie keiner. Also genau mein Ding – ein Revier für Kurvendesperados. Erst in Dröhnchen kommt die Bandit zur Ruhe. Zum Stillstand kommt sie ein paar Kehren hinter dem Ort, wo sich tief unter mir das Moseltal öffnet. Der geniale Ausblick lässt mich ein paar Minuten lang meinen Kurvenrausch unterbrechen. Schade, dass auf der B 53, die am gegenüber liegenden Ufer direkt am Fluss entlang führt, jetzt im Herbst Hochbetrieb herrscht – man staut sich von Weinprobe zu Weinprobe.Aber mir steht der Sinn ohnehin nach etwas anderem: Statt verschiedener Weinsorten werde ich ein paar Sträßchen ausprobieren, die auf der Karte allzu verlockend erscheinen. Ich wende die Bandit und verschwinde südwärts durch das Dhrontal. Leicht bergan geht’s nach Hermeskeil, kaum zweispurig der Weg, dafür unzählige Kurven, von denen einige fast schon als Kehren zu bezeichnen sind, bis ich kurz hinter Hermeskeil sozusagen einen Haken schlage und auf einer nicht weniger spannenden Strecke in Richtung Nordwesten nach Trier fahre. Nicht auf der schurgeraden B 52, sondern via Schöndorf und Sommerau auf Straßen zweiter und dritter Ordnung. Eine gute Karte hilft auf diesen kleinen Wegen ungemein.Trier, Deutschlands älteste Stadt, wurde im Jahr 180 von den Römern erbaut, war im dritten Jahrhundert Hauptstadt des weströmischen Reiches und galt bis zum vierten Jahrhundert neben Konstantinopel, Rom und Alexandria als die wichtigste Stadt der westlichen Welt galt. Ich bewege mich also auf historisch bedeutungsvollen Boden. Trier ist im Herbst gut besucht, und jeder will natürlich das Wahrzeichen der Stadt sehen: die Porta Nigra am Eingang der Altstadt, das zu den mächtigsten Stadttoren zählt, das die Römer jemals errichtet haben.Wahrhaftig raubt mir dieses Bauwerk den Atem: zwei gewaltige festungsartige und mit Säulen verzierte Türme, dazwischen zwei Torbögen, durch die man damals wie heute den Stadtkern betritt. Und in tausend Jahren vermutlich auch noch, denn das Tor aus dunklem Stein wirkt, als sei es für die Ewigkeit errichtet. Nur ein paar Schritte weiter der Hauptmarkt, äußerst belebt und flankiert von bunt gestrichenen Gebäuden aus verschiedenen Epochen. Ein guter Platz für eine Pause, die längst fällig war.Doch schon bald zieht es mich wieder raus aus der Stadt. Über eine geschwungene Landschaft folgt die Straße der Saar, bietet inmitten der feurig leuchtenden Reben reichlich Fahrspaß und führt mich schließlich nach Saarburg. Ich werfe einen kurzen Blick auf die uralten Wassermühlen am Ufer der Leuk, dann habe ich bereits wieder äußerst »Kurviges« im Visier: die Strecke via Losheim und Weiskirchen, die mich mit einigen Serpentinen zurück in höhere Regionen bringt – auf die Hunsrückhöhe. Gleich hinter Hermeskeil nehme ich ab Börfink zu guter Letzt noch eine »weiße« Nebenstraße unter die Räder, auf der ich direkt zum Erbeskopf gelange. Als sich dann auch noch die letzten Kilometer nach Morbach als attraktives Motorradsträßchen entpuppen, bin ich nach dem Missverständnis von gestern wieder mit der Welt zufrieden.Am nächsten Morgen die große Enttäuschung – der Blick aus dem Fenster verheißt wenig Gutes. Der Himmel über Morbach, werbeträchtig die »Sonnenstube des Hunsrücks« genannt, ist mit fetten, dunklen Wolken verhangen. Nur beim Blick nach Osten sieht die Sache ein wenig besser aus. Zum Glück genau die Richtung, die ich heute sowieso erkunden will.Bis in die Edelstein-Metropole Idar-Oberstein führt die Straße durch dichten Wald. Schon gestern fielen mir die unendlich scheinenden Fichten- und Laubwälder auf, die im letzten Jahrhundert von den Preußen auf den damals abgeholzten Hängen und Flächen aufgeforstet wurden. Heute gilt der Hunsrück wieder als eines der waldreichsten Gebiete Deutschlands. Die edelsteinreichste Region ist der Hunsrück ohnehin, auch wenn die natürlichen Vorkommen nahezu erschöpft sind – in Idar-Oberstein dreht sich alles um kostbare Achate, Amethyste und Smaragde. Unzählige Betriebe beschäftigen sich mit dem Handel der Steine und der Schmuckherstellung, die wichtigste Gesteinsbörse Deutschlands und das Deutsche Edelsteinmuseum haben ihren Sitz in diesem 40000-Seelen-Städtchen. Wahrlich eine steinreiche Gegend.Hinter dem Ort treibe ich die Suzuki nur noch ab und direkt an der Nahe entlang in Richtung Bad Kreuznach. Immer wieder setze ich den Blinker, biege links ab, verlasse Nahetal samt Bundesstraße und zirkle kurvenreich durch den Megafunpark Hunsrück. Ein kurzer Blick auf die Ruinen der alten Festungsanlage der mächtigen Schmidtburg, die einst dem legendären Hauptmann Schinderhannes als Versteck diente, bevor ich das schmucke Bad Kreuznach erreiche, das an einer 2000 Jahre alten römischen Handelsstraße liegt, die seinerzeit bis nach Trier führte. In den Kurort zieht es heutzutage eher ältere Semester, so dass ich mich etwas fehl am Platz fühle und weiter in Richtung Bingen rausche, wo die Nahe in den Rhein mündet.Hier wende ich die Bandit nordwärts, lasse den Rheinhighway B 9 rechts liegen und gelange auf kleinsten Traumsträßchen mit satten Schräglagen wieder hinauf auf die Hunsrückhöhe. Während meines »Höhenflugs« bieten sich allerbeste Blicke über das Rheintal bis hin zum Loreley-Felsen.Leider haben mich die regenwolken von heute morgen mittlerweile eingeholt. Über die Hunsrück-Höhenstraße gelange ich zügig ins Quartier, wo ich später Karl treffen wollte. Der erwartet mich aber bereits in der Gaststube. Er hat es nicht so gut erwischt. Oder richtiger: Der Regen hat ihn voll erwischt, und seine Kluft hängt schon im Trockenraum. Sein Chrombomber präsentiert sich zudem leicht verunstaltet. Hier ein Wasserfleck, dort ein Dreckspitzer. Karl gruselt’s. Und mich amüsiert’s, weil er tatsächlich darauf besteht, den nächsten Ausflug gemeinsam zu unternehmen. Ich solle nur auf einem vernünftigen Motorrad hierher kommen...
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Infos

Der Hunsrück als südlichster Teil des Rheinischen Schiefergebirges erhebt sich zwischen den Tälern von Mosel, Saar und Rhein bis auf 818 Meter. Über die Hochflächen führen oft schnurgerade Straßen, rings herum aber bieten tief eingeschnittene Täler mit kleinen gewundenen Spaßsträßchen fürs Kurvenräubern.
AnreiseMorbach ist wegen seiner zentralen Lage ein guter Ausgangspunkt für eine Tour durch den Hunsrück. Dorthin gelangt man am schnellsten über die A 61 und peilt die Abfahrt Emmelshausen an. Jetzt nur noch der B 372 in Richtung Hermeskeil bis nach Morbach folgen.Reisezeit April bis Oktober. Besonders schön ist es im Hunsrück im Frühjahr, wenn die Obstbäume blühen, oder im Herbst, wenn die Bäume durch verfärbte Blätter ein tolles Farbenspiel abgeben. Eine Regenkombi gehört in dieser Region immer ins Gepäck.ÜbernachtenHotels und Pensionen finden sich im Hunsrück in jedem Ort. Ein guter Tipp ist das »Hotel am Kirschbaum« in Morbach, Telefon 06533/93950, Fax 939522. Pro Person sind inklusive Halbpension 65 Mark zu zahlen – eine Garage für Motorräder und ein Trockenraum für nasse Klamotten inklusive. Zudem bietet der Familienberieb ein Motorrad-Wochenend-Arrangement an: Im Preis von 149 Mark sind zwei Übernachtungen mit Halbpension sowie ausgearbeitete Routenkarten mit wunderschönen Strecken enthalten. Weitere Infos: Verkehrsamt Morbach, Unterer Markt 1, 54497 Morbach, Telefon 06533/71117, Fax: 06533/3003, e-mail: Morbach.GV@t-online.deLiteraturDer inzwischen sehr betagte HB-Bildatlas »Hunsrück, Naheland, Rheinhessen« bietet für 12,80 Mark noch immer einen guten Überblick über die Region. Motorradgerechte Streckentipps finden sich im »Denzel – Motorrad Touren Süddeutschland«. 67 Rundfahrten werden recht ausfürhlich beschrieben. 39 Mark, ISBN 3-85047-755-X.Eine gute Karte: Mairs Generalkarte, Blatt 12, »Bonn, Saarbrücken, Luxembourg« im Maßstab von 1:200000. Gefahrene Strecke: Zirka 450 KilometerZeitaufwand: Zwei Tage

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