Indien-Deutschland

Moritz' große Reise

Nach Indien fliegen, eine Enfield kaufen und dann per Achse die 10000 Kilometer weite Strecke heimrollen – ein Trip der Extraklasse. Und der elfjährige Moritz durfte seinen Vater Andreas und dessen Kumpel Johnny begleiten.

Foto: Flatau/Werle
Szene einer langen Reise.
Szene einer langen Reise.
Verstopfte Straßen, beißende Abgase, 40 Grad Hitze und fast 100 Prozent Luftfeuchtigkeit - wer mit dem Flieger in der indischen Metropole Delhi landet, verdreht erst einmal die Augen. Doch zum Eingewöhnen haben Johnny und Andreas keine Zeit. Die beiden verfolgen einen verwegenen Plan: Auf zwei Royal Enfield Bullet soll es auf dem Landweg vom indischen Subkontinent zurück bis ins rheinland-pfälzische Monzernheim gehen. Macht rund 10000 Kilometer, wofür maximal sechs Wochen Zeit bleiben – damit der Dritte im Bunde, der elfjährige Moritz, pünktlich nach den Sommerferien wieder auf der Schulbank sitzt. Vater Andreas freut sich schon lange auf eine große Urlaubsfahrt mit seinem Sohn.

Dass sich so ein Unterfangen nicht wie eine Alpentour planen lässt, stellt das Trio gleich zu Beginn fest. Die Motorräder, deren Rahmen aus zulassungstechnischen Gründen aus Deutschland kommen und vorab nach Indien geschickt wurden, sind nicht fertig montiert. Voraussichtlich drei Tage Wartezeit. Während Johnny und Andreas den Mechanikern über die Schultern schauen, ist Moritz heilfroh, dass der Gameboy im Gepäck ist. Die indische Küche bereitet gottlob keine Probleme. Moritz’ Lieblingsgetränk: Mangolassie, eine Art süße Buttermilch.

Endlich stehen die nostalgisch anmutenden Bullets für umgerechnet 1500 Euro pro Bike inklusive handverzierter Gepäckboxen und diverser Ersatzteile zur Übernahme bereit. Ein guter Preis für einen Zylinder, 500 Kubik sowie angeblich 22 PS bei rund 170 Kilogramm Gewicht. Und ein Extra lernen die Piloten gleich an der ersten Ecke schätzen: eine schrille Zwölf-Volt-Sirene, ein so genanntes „Cow-Horn“, ohne das man im indischen Verkehrschaos nicht den Hauch einer Chance hätte.
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Foto: Flatau/Werle
Gewöhnungsbedürftig: Flussdurchquerungen.
Gewöhnungsbedürftig: Flussdurchquerungen.
Auf einer vierspurigen Hauptstraße geht’s in Richtung Nordwest bis nach Amritsar, das bereits in der Nähe der Grenze zu Pakistan liegt. Langeweile kommt während der Fahrt nicht auf. Besonders Lkw-Fahrer scheren sich wenig um Verkehrsregeln oder um die Sicherheit anderer. Überholen ist an der Tagesordnung.

Die Einreise nach Pakistan wird zum unerhört teuren Vergnügen. Ordentlich Schmiergeld ist nötig, um die Beamten davon zu überzeugen, dass mit den Papieren alles in Ordnung ist. Andreas, Johnny und Moritz haben erstmals schlechte Stimmung, die in Lahore ihren Höhepunkt erreicht. Die abartige Hitze und der Smog in der Millionenstadt setzen den drei stark zu. Moritz fällt vor Erschöpfung fast vom Motorrad. Bloß weiter, so schnell wie möglich raus aus diesem elendigen Moloch.

Im ländlichen Sheikhuputa gönnt sich das Trio einen Tag Pause, mehr erlaubt der Zeitplan nicht. Zum Glück ist Moritz rasch wieder fit – und er bleibt es auch während der weiteren Reise. Überhaupt scheint ihm Pakistan besonders zu gefallen, denn an jeder Tankstelle gibt es Cola. Nur die Menschmassen, die die beiden Motorräder umringen, sobald sie irgendwo halten, kosten gelegentlich Nerven. Dennoch sind alle von der spontanen Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft der Pakistani überwältigt.

Hinter Dera Ismail Khan ist Südkurs angesagt. Es geht durch endlos scheinendes, von der Sonne ausgemergeltes Land. Das Thermometer zeigt unglaubliche 50 Grad an. Jeder Kilometer wird zur Tortour. Schließlich biegen die Bullets bei Dera Gazi Khan nach Westen ab, folgen dem Weg in Richtung der Suleiman Range. Mit einem Schlag endet die gut ausgebaute Straße, und die Enfields müssen beweisen, was sie wirklich drauf haben. Die schmale Piste nach Fort Munro führt von nun an steil auf einen fast 2000 Meter hohen Pass. Blanker Fels, tiefe Schlaglöcher, Schotter. Die Motorräder zeigen echte Nehmerqualitäten, schnupfen die im Schneckentempo hochkeuchenden Lkw regelrecht auf. Genial. Moritz ist hell begeistert, zumal endlich wieder einigermaßen erträgliche Temperaturen herrschen.

Motorradkauf in Indien

Lust auf einen echten Exoten? Dann unbedingt einmal darüber nachdenken, ob nicht eine Royal Enfield Bullet das richtige Fahrzeug ist – egal, ob in Indien oder Deutschland erstanden.
Foto: Flatau/Werle
Enfield-Händler im indischen Delhi.
Enfield-Händler im indischen Delhi.
Eines gleich vorweg: Der Kauf einer Royal Enfield Bullet im Produktionsland Indien ist wirklich nur etwas für echte Fans. Vor 50 Jahren wurde die englische Traditionsmarke nach Indien verkauft, bis heute haben über eine Million Enfields die Werkshallen in Madras verlassen. Zur Wahl stehen zwei Modellreihen mit einem Hubraum von 350 oder 500 cm³. Die legendäre Diesel-Variante mit ihrem 325er-Triebwerk wird seit dem Jahr 2001 nicht mehr gebaut.

Einfach in Indien kaufen und heim nach Deutschland fahren, das dürfte mit großer Wahrscheinlichkeit spätestens an den Grenzen zu Pakistan und dem Iran scheitern. Dort wird für jedes ausländische Fahrzeug ein Carnet de Passage verlangt, das nur vorab auf ein bereits zugelassenes Fahrzeug ausgestellt werden kann. Die Autoren der Reisereportage behalfen sich folgendermaßen: Die Carnets wurden auf zwei in Deutschland zugelassene Enfield-Rahmen ausgestellt. Diese wurden anschließend zu einem in der Szene bekannten Händler nach Delhi verfrachtet, wo dann das Motorrad aufgebaut wurde – inklusive diverser Extrawünsche für rund 1500 Euro pro Bike. Der Spezialist vor Ort: Lalli Singh von „Inder Motors“, der einen vertrauenswürdigen Ruf genießt. Anfragen per Mail werden in der Regel sofort beantwortet: lallisingh@vsnl.com.
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Gewöhnungsbedürftig: tägliche Wartungsarbeiten an der Enfield.
Gewöhnungsbedürftig: tägliche Wartungsarbeiten an der Enfield.
Natürlich lässt sich eine nagelneue Royal Enfield Bullet 500 auch in Deutschland erstehen. Vier Modelle des seit 50 Jahren zumindest optisch nahezu unverändert gebauten Klassikers stehen zur Wahl und kosten je nach Variante und Ausstattung ab 3300 Euro. Auf Wunsch gibt’s die 22 PS starken 500er inzwischen mit linksgeschaltetem Fünfganggetriebe (ansonsten rechtsgeschaltetes Vierganggetriebe), E-Starter und Scheibenbremse. Auch möglich: Gleichdruckvergaser, elektronische Zündung, modifizierte Gabel und Gasdruckfederbeine. Weitere Infos beim Deutschland-Importeur Zülpicher Motorradtechnik GmbH, Telefon 02252/94280, www.zmtgmbh.de.

Technische Daten:
Luftgekühlter Einzylinder-Viertaktmotor, Vergaser, Vier- oder Fünfganggetriebe, Bohrung x Hub 84 x 90 mm, Hubraum 499 cm³, Verdichtung 6,5:1, Nennleistung 16 kW (22 PS) bei 5500/min, Leergewicht 168 Kilo, Topspeed 120 km/h, Preis: ab 3300 Euro.

Indien-Deutschland (2)

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Pause in der Wüste nahe Baluchistan.
Pause in der Wüste nahe Baluchistan.
Nächstes Ziel: Loralai. Beim Anblick der immer zerschundeneren Piste grübeln die Abenteurer ein wenig über den Sinn des ganzen Unternehmens. Da kauft man sich zum ersten Mal im Leben ein neues Motorrad – und richtet es dann in der pakistanischen Bergwelt regelrecht hin. Die Enfields, die sich noch am Vortag so tapfer geschlagen haben, kommen heute kaum voran. Besonders die Maschine von Andreas schwächelt. Mit Sozius Moritz und dem ganzen Gepäck erweist sich die Fuhre als viel zu hecklastig für derartige Strecken, zumal die hinteren Stoßdämpfer völlig überfordert sind. Steine und Absätze hebeln das Vorderrad diverse Male einfach aus, und ein paar Umfaller sorgen für erste Kratzer im Lack.

Entsprechend schaukeln die Enfields durch Beluchistan. Nur Wüste und Berge in diesem abgelegenen Teil Pakistans. Die verwegen aussehenden und teilweise sogar bewaffneten Gestalten am Straßenrand entpuppen sich bei den vielen Stopps immer wieder als überaus freundliche Gastgeber. „Which Country? ...Ahhhh, Schermanie! Your name?” Es folgen unzählige Einladungen zum Tee. Moritz steht dabei stets im Zentrum des Interesses.

Hinter Quetta beginnt glutheiße Wildwestlandschaft. Nichts als Wüste. Für Abwechslung auf der Fahrt in Richtung Iran sorgen einzig die vielen Kontrollen. Die letzten 200 Kilometer bis zur Grenze. Bolzgerade. Dafür präsentiert sich die Trasse in einem sehr guten Zustand. Weil niemand anderes unterwegs ist, darf Moritz für eine Weile an den Lenker. Souverän hält er die Fuhre auf Kurs. Vater und Sohn platzen in solchen Momenten fast vor Stolz. Heimweh? An Tagen wie diesen könnte Moritz um die Welt fahren.
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Unbekannte Belastungsgrenze: Hängebrücke in Pakistan.
Unbekannte Belastungsgrenze: Hängebrücke in Pakistan.
Gegen Mittag die Grenze zum Iran – mitten auf einem Schrottplatz. Es gibt nicht einmal einen Schlagbaum. Ein paar lustlose Beamte kümmern sich um die Abfertigung. Nach anderthalb Stunden Bürokratie plötzlich das Gefühl, wieder in der Zivilisation zu sein: An den Parkplätzen entlang des breiten Highways nach Zahedan stehen sogar Mülltonnen. Und am Abend kann man in der Stadt in Parks mit großen, schattenspendenden Bäumen und Springbrunnen entspannen. Die Freude währt indes nicht lange: Ausländer dürfen kein Benzin kaufen. Eine Regel, um den Schmuggel zu unterdrücken. Ein Liter Treibstoff, den es hier nur gegen Bezugsscheine gibt, kostet umgerechnet knapp sieben Cent, im benachbarten Pakistan dagegen rund 40 Cent. Schnell stellen die Enfield-Treiber jedoch fest, dass auch im Iran gegen Bares gerne Ausnahmen gemacht werden – selbst wenn eine Tankfüllung gerade mal einen Euro kostet.

Tags darauf steht die heißeste Etappe der ganzen Reise an. 52 Grad! Und ein fast orkanartiger Gegenwind. Teilweise schaffen die Enfields es nur im dritten Gang. Damit sie besser laufen, wechselt Andreas unterwegs die Hauptdüsen und spannt auch gleich die Steuerketten nach. Schwerstarbeit in dieser Hitze. Nach der harten Etappe gönnen sich die drei zur Abwechslung in Bam einmal ein richtig gutes Hotel – mit Hallenbad! Beim Anblick der historischen Stadt stockt ihnen allerdings der Atem. Das verheerende Erdbeben im Jahr 2003 hat seine Spuren hinterlassen. Von der einst ältesten und größten Lehmzitadelle der Welt, dem Wahrzeichen der Stadt, sind nur noch Fragmente übrig geblieben.

Hinter Bam geht es wieder in der Berge. Endlich. Der Weg nach Kerman steigt konstant bis zu einer Höhe von 1800 Metern an. Während das deutsche Trio in Indien und Pakistan bisher zu den schnellsten Verkehrsteilnehmern gehörte, werden sie hier gründlich verblasen. Auf den guten Strecken hält sich kaum jemand an die Tempolimits, am wenigsten die vielen überraschend modernen Lkw.

Zwischen Kerman und Yazd entdeckt Moritz in einem kleinem Laden am Straßenrand eine besondere Leckerei: eine gekühlte Dose chinesischer Ananas, die sofort geöffnet und gegessen werden muss. Ein echter Festtagsschmaus. Moritz grübelt, wie es diese Früchte wohl vom Reich der Mitte bis in die iranische Wüste geschafft haben.

Über Yazd, Esfahan und Borujerd rauschen die Bullets nach Bijar. Vor allem die letzte Etappe begeistert das Reiseteam. Die Strecke führt viele Stunden lang an goldglänzenden Weizenfeldern entlang, die sich schier endlos in der sanft geschwungenen Hügellandschaft auszudehnen scheinen. Im über 2000 Meter hoch gelegenen Bijar angelangt, herrschen zum ersten Mal seit dem Start in Delhi Temperaturen von unter 30 Grad – eine Wohltat für Mensch und Maschinen.

Indien-Deutschland (Infos)

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Ein Tankstopp wird schnell zur öffentlichen Attraktion.
Ein Tankstopp wird schnell zur öffentlichen Attraktion.
Eine Reise über den Landweg von Indien bis nach Deutschland ist ein echtes Abenteuer. Die angespannte politische Situation sollte man dabei stets im Auge behalten.

Anreise:
Diverse Airlines fliegen Delhi in Indien an. Flüge ab Frankfurt kosten hin und zurück ab etwa 600 Euro. Ein One-Way-Ticket ist deutlich teurer.

Dokumente:
Indien, Pakistan und der Iran verlangen für die Einreise jeweils ein Visum, das man am besten vorab bei den entsprechenden Botschaften oder Konsulaten beantragt. Adressen: Generalkonsulat Indien, Telefon 069/15300518, www.cgifrankfurt.de. Generalkonsulat Pakistan, Telefon 069/42101215. Generalkonsulat der Islamischen Republik Iran, Telefon 069/56000739, www.irangk.de.
Wem die Visumbeschaffung zu umständlich ist, kann sich an eine entsprechende Agentur wenden, die gegen eine Gebühr sämtliche Behördengänge erledigt. Bei der Visum Centrale, Telefon 030/230959110, www.visumcentrale.de, kostet dieser Service 19 Euro.
Weiter ist für eine Reise durch die genannten Länder ein Carnet de Passage für das Fahrzeug erforderlich. Letzteres stellt der ADAC gegen eine Kaution von 3000 Euro aus.
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Zeitaufwand: sechs Wochen; Streckenlänge: 10000 Kilometer
Zeitaufwand: sechs Wochen; Streckenlänge: 10000 Kilometer
Sicherheit:
Besonders Pakistan und der Iran haben in letzter Zeit durch viele negative Ereignisse für Schlagzeilen gesorgt, und das Auswärtige Amt (www.auswaertiges-amt.de) rät dringend von individuellen Motorrad- oder Fahrradreisen vor allem durch den Iran ab. Unbedingt die Sicherheitsempfehlungen des Auswärtigen Amts beachten.

Literatur:
Für Indien empfiehlt sich „Indien“ (in Deutsch) von Lonely Planet für 28,50 Euro. Aus
dem gleichen Verlag kommen die englischsprachigen Werke „Pakistan“ sowie „Iran“
für jeweils 24,99 Euro. Eine sehr gute Karte gibt es von Gizi Maps: „Silk Road Countries“ im Maßstab von 1:3000000, die die Strecke von Delhi bis in die Mitte der Türkei abdeckt. ISBN-Nummer 9632041372 CM, Preis: neun Euro. Weitere Infos über diese Reise finden sich auf den Internetseiten der Autoren: www.extremedieselbiking.de sowie www.delhi-monzernheim.de.vu.

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