Italien

Mauersegler

Schon früh im Jahr lockt die nahe ligurische Küste zum Motorradfahren. Wer den eisigen Weg über die Alpen nicht scheut, findet zwischen Meer und wilden Bergen im Hinterland echtes Erlebnisterrain.

Alles ist perfekt geplant. Die Koffer gepackt, das Mopped von der Kette bis zum Öl gründlich durchgecheckt und morgen soll´s nach Süden gehen. Doch dann kommt alles ein bißchen anders. Der abendliche Wetterbericht skizziert ein wahrlich düsteres Bild von dem, was morgen »etwa um die Mittagszeit« zu erwarten sei. »Ein stürmisch-feuchtes Polartief nähert sich zügig von Nordwesten und wird die Schneefallgrenze in den Alpen bis auf 1400 Meter sinken lassen.« Und genau da müssen wir durch. Oh Mann! Vor einer eisigen Rutschpartie durch die Schweiz schützt jetzt nur subito angewandte Flexibilität: Sofort aufbrechen. Um 22 Uhr schwenken wir auf die Autobahn ein. Leider gibt`s nun keine gemütlichen Landsträßchen, wir pfeilen auf direktem Weg gen Süden. Noch ist vom anrückenden Tief nichts zu spüren. Ein laues Lüftchen säuselt ins Visier, und die Sterne am Himmel weisen fast den Weg. San Bernadino, Tessin, Mailand - der Himmel beginnt sich gerade zu verfärben, als wir aus den ligurischen Bergen den ersten Blick aufs Meer erhaschen, das sanft geriffelt im ersten Morgenlicht erglüht. Warme Luft mit dem Aroma von Salz und Tang streicht um unsere Gesichter, hin und wieder bäumt sich das türkisfarbene Wasser auf, und eine Welle verliert sich in der Brandung am Strand. Auf einem Felsen am Strand warten wir, bis die Sonne glutrot aus dem Meer steigt und alles in anheimelnd warme Farbtöne taucht. Nichts wie runter mit den Klamotten und hinein in die überraschend warmen Fluten. Die Sonne hat sich noch nicht mal zu Hälfte über den Horizont geschoben, als wir schon wie Kinder im Wasser herumtollen und nach dem Nightflight durch die Alpen die ersten Minuten des Urlaubs in vollen Zügen genießen. Ein paar Angler rund hundert Meter weiter schütteln die Köpfe, aber das ist uns egal.Inzwischen hat die Sonne ihre morgendliche Position erklommen. Am blauem Himmel ist kein Wölkchen zu sehen. Die Temperaturen steigen kräftig an, und wir dösen bis gegen Mitttag am Strand vor uns hin. Hin und wieder zerschmilzt eine Hand voll Sonnenmilch mit maximalem Lichtschutzfaktor auf unserer für Teutonen typisch bleichen Haut. Irgendwann später kümmern wir uns um unser reserviertes Appartement und starten noch zu einem kleinen Ausflug in die umliegenden Berge, die sich unmittelbar hinter dem schmalen Küstenstreifen schroff erheben. Die Seealpen. Gar nicht weit von unserem Quartier in Albenga entfernt, reichen ihre Gipfel laut Karte bereits bis auf über 2000 Meter in den Himmel. Dazwischen schlängelt sich ein verheißungsvolles Gewusel aus gelben und weißen Linien. Auf einer dieser Straßen schrauben wir uns kurz darauf in die Höhe und lassen Strand und Meer allmählich weit unter uns zurück. Links, rechts, mal mit sauberer Linie, dann fast rechtwinklig ums Eck - die Maschine nimmt´s mit Gleichmut, wir dagegen schon wenig, müssen stattdessen höllisch aufpassen. In Italien prangen auf abgelegenen Landstraßen mitunter derbe Löcher, Ölspuren werden nicht immer sofort abgestreut, und Rollsplitt garniert viele Kurven. Und knapp daneben gähnt der Abgrund, oft nur durch eine gerade wadenhohe Mauer gesichert. Trotzdem, das ist ultimativer Fahrspaß mit der gewissen Prise Nervenkitzel und weitgehend leitplankenfreier Aussicht.Immer wieder stoppen wir. Zuerst in Zuccarello. Eine uralte, hochgeschwungene Brücke aus längst vergangenen Zeiten überspannt ein plätscherndes Bächlein und läßt erahnen, welche Wassermassen bei Schlechtwetter durchs Tal tosen. Auf der anderen Bachseite quetschen sich steinalte Häuser dicht an dicht, und aus den ebenfalls nicht ganz taufrischen Fenstern blinzeln uns auch schon mal ein paar Augenpaare entgegen. Ein paar Kurven weiter umrundet die Straße in einer weitgezogenen Kehre die mittelalterliche Burgruine von Castelvécchio. Unter den alten Zinnen drängt sich das fast genauso alte Dorf schutzsuchend an die mächtige Feste wie ein Kind an die Mutterbrust. Weiter geht es auf der Paßstraße mit Kurvenkombinationen as it´s best bergan. Bremsen, runter schalten, Karre in die Kurve drücken, dann wieder Gas geben und ein paar Meter weiter das gleiche von vorn. Echt stark. Nur alle paar Schaltjahre, so scheint´s, kommt ein Auto entgegen. Dann aber durchaus mitten in der Kurve, so daß es manchmal ein wenig eng für Mensch und Maschine wird. Dagegen hilft die italienische Sitte des Hupens vor unübersichtlichen Stellen. So jedenfalls kommt man sicher über den Colle Scravaion und alle weiteren Pässe, die auf dieser Reise noch zahlreich folgen. Wie zum Beispiel der Colle Toirano, schon wieder in Sichtweite von Strand und Meer der Riviera di Ponente (Küste der aufgehenden Sonne), nur eben knapp 800 Meter oberhalb. Bis zum Bad in der Abendsonne trennt uns nur noch ein gutes Stück Asphalt, das sich wie ein Lindwurm durch das Tal unter uns zieht. Die Angel zuckt. Aber es zappelt kein Fisch daran. Der Angler selbst ist es, der am nächsten Morgen für diese Unruhe sorgt. Ein hektischer Blick - ich bin sicher, er hat uns schon erkannt und weiß, was jetzt kommt. Gerade als sich die Sonne über die Horizontlinie schiebt, beenden wir die Nacht wieder mal auf unsere Weise, stürmen ins Wasser und verjagen vermutlich alle Fische im weiteren Umkreis. Angelo - nein, nicht der aus der Schnellkaffee-Werbung, sondern eben der passionierte Angler - kommt aber durch aus freundlich auf uns zu, als wir wieder festen Boden unter den Füßen haben und gibt uns Tips für eine tolle Tour durchs Hinterland. Ein Blick auf die Karte zeigt, daß dieser Turn ein wenig länger ist. Vermutlich will Angelo uns einfach bloß loswerden. Außerdem soll sein ultimativer Schlemmertip für den Abend garantiert dafür sorgen, daß sich morgen früh keine barbarischen Germanen ins Mittelmeer stürzen.Auf der Via Aurelia, einer Straße mit 2000jähriger Geschichte, düsen wir in Richtung französischer Grenze. Dieser Küstenabschnitt ist fast lückenlos bebaut und empfängt uns mit reichlich italienischem Innenstadtverkehr. Die Fahrzeuge schleichen sich nur noch meterweise voran, und wir ersticken fast in einem unendlichen Stau. Der Grund dafür: Ampeln an jeder Ecke und garantiert asynchron geschaltet. Willkommen in der Welt der Innenstadtdesperados. Roller fegen völlig jenseits aller Verkehrsregeln um uns herum. Gewissensfrage: Entweder mitmachen oder den Vormittag im Dauerstau zubringen? Mitmachen! Also, sämtliche Sitten deutscher Verkehrskultur vergessen und hinterher jagen. Links vorbei und vorn zwischen den Zweitaktern und dem Motorrad mit der Aufschrift »Policia« eingereiht. Das ist Italien.Kurz vor San Remo verlassen wir die Via Aurelia und schlängeln uns über ein winziges Sträßchen nach Bussana Vecchia hinauf. Angelo hat uns erzählt, daß dieses Dörfchen vor rund 200 Jahren bei einem Erdbeben stark in Mitleidenschaft gezogen wurde und dann bis in die sechziger Jahre dieses Jahrhunderts als Geisterstadt sein Dasein fristete. Hippies brachten dann wieder Leben in die alten Mauern. Heute gibt´s hier liebevoll eingerichtete Lädchen, voll mit Schmuck und Gemälden, die von Touristen bis aus Nizza angepeilt werden.Bevor diese am späten Vormittag anrauschen, rollt die Bandit schon wieder durch das Argentinatal in Richtung Triora. Unterwegs kaufen wir bei Angelamaria in Molini di Triora, dem sicher hübschesten Lädchen in ganz Ligurien, eine knapp eineinhalb Kilo schwere Tomate und kosten von den Probierplatten mit Spezialitäten der ligurischen Bauern. Der Laden liegt übrigens an der Hauptstraße und ist nicht zu übersehen. Danach geht es weiter bergan. Hinter Triora, etwa drei Kilometer vor dem 1461 Meter hohen Passo del Garezzo dann die Enttäuschung: Abrupt und ohne Hinweis auf der Karte endet der Asphalt und eine übele Schotterpiste beginnt. Keine Chance mit der Bandit. Also retour ins Tal und den Passo di Teglia antesten. Nach unzähligen Kehren endet weit, weit oben auch dieser Asphaltweg. Angelos Chancen, uns so bald nicht wieder zu sehen, steigen. Wir sortieren unsere paar Brocken Italienisch, stoppen kurzerhand ein Auto und versuchen herauszubekommen, wo man auf Teer die Runde fortführen kann. Der knapp 1200 Meter hohen Colla d´Oggia ist schließlich der Tip. Eine feine Panoramapiste, die tatsächlich durchgehend geteert ist und durch eine fantastische Bergwelt nach Pieve di Teco führt. Der Abend naht allmählich und Angelos Schlemmertip im nahen Gazzo oberhalb von Borghetto d`Arroscia kommt in greifbare Nähe. In der Antica Trattoria La Baita (Telefon 0183/31083) kann man zwischen zwei sechzehngängigen Menüfolgen wählen. Alles inklusive für 58 Mark pro Person samt herrlichem Wein und allerfeinstem Grappa. Allerdings nicht für uns. Leider. Denn der nächtliche Rückweg nach Albenga fordert auf den Kurvensträßchen volle Konzentration.Da müssen wir uns bei Angelo für seine Megatips einfach bedanken. Wir wissen ja auch, wann und wo. Und wir haben die Badetücher dabei. Letztlich ungeklärt bleibt, ob Angelo sich mehr über unsere angekündigte Abreise oder die versprochenen Fotos vom Angeln im Sonnenaufgang freut. Über die Via Aurelia reisen wir weiter nach Osten. Kurz vor Genua wechseln wir auf die Autobahn, ersparen uns die stressige Großstadt - und erleben italienische Straßenbaukunst pur: herrliche Brücken, Viadukte und ein Tunnel am anderen. Und: So chaotisch Italiens Stadtverkehr anmutet, so angenehm fährt es sich auf der Autostrada. Nicht zu vergleichen mit Kampf und Krampf auf Deutschlands linken Autobahnspuren.Ab Recco fädeln wir uns wieder auf der historischen Aurelia ein. Die kurvenreiche Spaßstraße führt hier durch das steile Küstengebirge und bietet immer wieder ultimative Ausblicke. Die Drehzahlen steigen und der Fahrspaß auch, wenigstens bis Sestri Levante. Der Aurelia mal wieder den Rücken kehrend, wird unsere Geduld dort mächtig auf die Probe gestellt. Der Grund: eine Ampel mit Dauerrot, die nur dreimal pro Stunde für jeweils eine schlappe Minute auf Grün umspringt und zwar jeweils zum Minutenstand 05, 35 und 55. Doch das Warten lohnt sich, denn dahinter empfängt uns die nur noch von ein paar fahlen Funzeln erhellte Tunnelstraße der Riviera di Levante. Manchmal wird es auch so richtig hell. Dann, wenn irgendjemand dreist oder megadösig die Ampelregelung ignoriert hat und entgegenkommt. Jedenfalls erreichen wir auf diesem abenteuerlichen Weg unser nächstes Quartier in Monéglia, wo wir ein paar Tage bleiben wollen. «Forza Pantani« prangt es von den Mauern links und rechts der Straße. Relikte des Giro d´Italia, bei dem der spätere Tour d` France-Sieger Marco Pantani die ersten 98er Trophäen einholte. Straßenmalereien auch am Passo di Bracco, wo man nach reichlich Kurven hoch oben die Aussicht bis über das Meer hinweg genießt und doch froh sein dürfte, ein Zweirad mit Motor unterm Gesäß zu haben. Pantanis Rennrad kostet zwar bestimmt ebenso viel wie ein ordentliches Mopped, aber treten muß man doch immer noch. Nichts für uns, jedenfalls nicht jetzt. Denn das Gelände bietet Motorradfreuden pur. Egal, ob auf der sich verschwiegen durchs Hinterland schlängelnden Via Aurelia, bei einen Abstecher nach La Spezia oder bei einem Besuch im Cinqueterre. Fünf Dörfer, die nur durch die Eisenbahn und einen Eselspfad verbunden sind, reihen sich hier entlang der Küste auf. Dieser Abgeschiedenheit verdanken sie ihre Ursprünglichkeit. Das gilt für die Häuser, wie für den Lebensstil, ehemals typisch für die Riviera di Levante (Küste der untergehenden Sonne). Es ist schon spät, als die Sonne ihr unvergleichliches Farbenspiel anwirft und Meer und Felsen in abendlichem Zauber badet. Genau der passende Moment, um wie im Film unübersehbar das Wort »Fini« einzublenden. Ciao Italia.
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Infos

Ligurien bietet im Hinterland der Mittelmeerküste ein Paradies herrlichster Motorradstrecken an. Bereits ab April sind hier warme Ausflüge und eine tolle Kombination von alpinen und mediterranen Genüssen möglich
Anreise: Der schnellste Weg zur Riviera führt über die Schweiz durch den St. Gotthardt- oder San Bernadino-Tunnel. Anschließend auf der italienischen A 26 an Mailand vorbei bis zum Meer. (Ab Lindau/ Bodensee etwa 500 Kilometer.) Zurück empfielt sich von La Spezia die Route über Verona und den Brenner.Reisezeit: Bereits ab April lohnt eine Reise zur ligurischen Küste, die dann in voller Blüte steht. Badenixen sollten allerdings bis Juni warten. Vorher ist das Meer noch recht kühl. Juli und August bedeuten Hochsaison mit Hitze, überfüllten Stränden und überhöhten Preisen. Schön ist es dann wieder im September, wenn konstante Wetterlagen, warmes Meerwasser und wenig Touristen Ligurien geradezu zum Geheimtip werden lassen. Mit etwas Wetterglück lohnt die Reise auch im Oktober noch - zur Verlängerung des knappen deutschen Sommers.Die Strecke: Abseits der Küste ist in Ligurien fast jede Straße ein Highlight für Motorradfahrer. Ungezählte Tourenmöglichkeiten bieten sich an. Aber Achtung: In den Seealpen ist nicht jedes Paßsträßchen geteert. Wir sind von Mailand über Genua nach Albenga gefahren und haben dort in Tagestouren die südlichen Alpenausläufer erkundet. Erst von Albenga auf der Via Aurelia (SS 1) nach San Remo, mit Abstecher nach Bussana Vécchia. Dann durch das Val d´Argentina nach Triora. Anschließend über Montalto, dem Colla d´Oggia und Pieve di Teco zurück zum Meer. Ein anderer toller Abstecher ab Albenga führt via Zuccarello zunächst Richtung Garéssio. In Castelvécchio biegt man dann nach Bardineto ab, um von dort über den Giogo di Toirano wieder zur Küste zurückzukommen. Die Strecke nach Osten führt auf der Aurelia in Richtung Genua. Von Voltri bis Nervi bietet sich die Umfahrung Genuas auf der A 12 an. Danach auf der Aurelia weiter über Rapallo bis Sestri Levante. Auf einer kleinen Tunnelstraße erreicht man Monéglia (ideal für ein weiteres Standquartier). Die Bergwelt im Hinterland ist hier noch einsamer, und man kann tagelang durch die Berge surfen, ohne dabei eine Kurve zweimal fahren zu müssen. Von Monéglia aus sind wir zum Schluß dieser Reise auf der Tunnelstraße weiter bis Déiva gefahren. Auf einer wirklich schönen Panoramastrecke erreicht man dann Levanto, wo sich ein Abstecher nach Monterosso lohnt. Danach folgt man den Hinweisen Richtung La Spezia, wo die Autobahn via Parma und dem Brenner für die Rückreise wartet. Übernachten/Camping:. Am besten sucht man sich jeweils das Quartier direkt am Meer und startet von dort aus zu Touren in die einsamen Berge. Im Küstenbereich gibt es Campingplätze in Hülle und Fülle. Besonders reizvoll ist das Campen direkt am Strand von Albenga auf dem Platz »Sole«, Via Michelangelo, I-17031 Albenga, Telefon 0039/0182/51957. Camper zahlen pro Person und Tag etwa 15 Mark. Wer ohne Zelt reist, kann dort auch Appartements oder Bungalows mieten. Die Preise beginnen ab etwa 25 Mark pro Nacht und Nase, schwanken aber saisonal stark. Schön, aber mit 21 Mark leider auch teuer, ist der Platz »Smeraldo« in I-16030 Monéglia, Telefon 0038/0185/49375, dessen Terrassen direkt über dem Meer in die Steilküste hineingebaut wurden. Ab rund 30 Mark pro Person stehen auch hier Bungalows zur Verfügung.Literatur: Für Ligurien gibt es Schriften en masse. Ein gute Übersicht bietet der kleine Marco Polo Reiseführer »Italienische Riviera« für 9.80 Mark. Ein gute Karte bietet Mairs mit der Generalkarte »Italien« Blatt 4, in 1:200.000.Informationen:Servizio Promozione Turistica, Via Fieschi 15, I-16121 Genova, Telefon 0039-010/54851.Zeitaufwand: eine Woche. Gefahrene Strecke: Ab Lindau etwa 2000 Kilometer.

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