Italienischer Ape-Import

Der Ape-Traum

Jeder kennt sie, jeder liebt sie - die Ape. Dreirädriges Schwestermodell der Vespa und aus dem italienischen Kulturraum nicht wegzudenken. Markus Golletz hat eine mit nach Deutschland gebracht.

Im Rücken die alte Ténéré auf der Ladefläche, vor uns eine allmählich dicker werdende Neuschneedecke. Ich drehe den Gasgriff bis zum Anschlag – doch die Tachonadel bewegt sich kaum. Sie zeigt auf 15 km/h, und wir fahren Vollgas! Bei jedem anderen Fahrzeug würde mir das unerträglich langsam vorkommen, doch mit der Ape ist es kollossal. Wir kämpfen mit zehn PS am Südanstieg des Splügen, und gerade fällt der erste Schnee. Es ist Mitte September, und seit wenigen Tagen sind Corinna und ich Besitzer einer 20 Jahre alten Ape. Gebaut bei Piaggio und quasi die dreirädrige Variante der berühmten Vespa. Seit über 50 Jahren rollen bei Piaggio die zwei bekannten Produktlinien vom Band, die nach Wespen und Bienen (Ape) benannt sind. Fleißig wie ihr Vorbild in der Natur, ist die Ape darauf spezialisiert, schwere Lasten auch im steilen Gebirge abzuseilen. Eine Ténéré stand allerdings sicher noch niemals auf einer ihrer Ladeflächen. Mit ihr waren wir aufgebrochen, um in Italien eine dieser sympathischen dreibeinigen Insekten aufzuspüren, fest daran glaubend, auf dem Rücken solch einer Arbeitsbiene zurückzukehren. Doch die Suche erwies sich schwieriger als gedacht. Piaggio Italia gab schließlich den entscheidenden Tipp: Im sonnigen Ligurien sei die Ape zu Hause. Tatsächlich - in San Remo finden wir sie: Modell 601 in Maisgelb. Es ist Liebe auf den zweiten Blick. Bei unserem ersten Date mit dem Objekt der Begierde im örtlichen Piaggio-Center reagiere ich eher ablehnend. Die Gute ist fingerdick eingestaubt, die Sitzbank total zerrissen, alles wirkt marode. Mit dem Ding über die Alpen? Ich nuschele irgendwas Unverbindliches und verschwinde wieder. Aber die Suche in den nächsten Tagen verläuft ergebnislos, und die kleine Gelbe geht mir nicht aus dem Kopf. Als schließlich noch der Preis ins Wanken kommt, schlagen wir ein.Jetzt beginnt der bürokratische Teil des Abenteuers. Am schwierigsten ist der Erhalt einer italienische Zulassung. Täglich werden wir beim Händler vorstellig, versuchen, die Dringlichkeit unseres Anliegens mit persönlicher Aufwartung und etwas Penetranz zu untermauern. Die Wartezeit versüßen wir uns mit Strandbesuchen oder bummeln durchs hübsche San Remo, wo bereits alles im Fieber der gleichnamigen Rallye glüht.Bei einem unserer Händlerbesuche bietet uns ein netter Mann seine Hilfe an. Er habe viele Daimler nach Deutschland zurückgebracht und kennt sich offenbar aus. Es gäbe nämlich ein neues Gesetz, das den Import vereinfache: mittels Exportkennzeichen, das die Zulassungsstelle herausgebe. Doch im Piaggio-Center hat sich inzwischen eine noch bessere Lösung aufgetan. Der Vorbesitzer erklärte sich bereit, die Ape noch einen Monat auf seinen Namen anzumelden und befreit damit von vielen Formalitäten. Die Ténéré aufladen – sie passt gerade so auf die 1,75 Meter lange Ladefläche -, vom Mechaniker noch eine Tüte mit Schraubnippeln, Bowdenzügen und Zündkerzen entgegennehmen, und wir tuckern los. Geradewegs hinein in den quirligen Feierabendverkehr von Ventimiglia – und ich als Debütant am Ape-Lenker! Rechts sitzt der Gasdrehgriff, links die Viergang-Handschaltung und unten das Kombibremspedal für alle drei Räder (!). Nach endlosem Stop-and-go-Verkehr zweigt endlich das Royatal ab, und wir klettern hinauf zum Tende-Tunnel. Auf halber Strecke verabschieden sich mindestens fünf der zehn theoretisch anwesenden Pferde, der Motor glüht kurz vorm Kolbenklemmer. Besser eine Abkühlpause einlegen. Tende – die Steigung wird extremer, die Ape schafft gerade noch 20 Sachen. Inzwischen ist es dunkel und gottlob etwas kühler. Doch ausgerechnet heute wird der Tunnel eine Stunde früher geschlossen. Auf der stillgelegten alten Pass-Straße verbringen wir unsere erste Nacht neben Ape. Die Sache beginnt, Spaß zu machen. Am nächsten Morgen wird uns allerdings angesichts der engen, düstere Tunnelröhre etwas mulmig. Was, wenn die Ape da drin versagt? Sie versagt natürlich nicht, sondern stürzt sich stattdessen mit Lust an den Abstieg, den sie in beachtlichem Tempo abreisst. Dennoch - im Vallone dell’Arma legen wir einen Service-Stopp ein, um die emsige Biene vor dem Alpenhauptkamm noch mal gründlich zu checken. Tatsächlich - Luftfilter, Keilriemen, Ansaugstutzen und Teile der Luftgebläsekühlung sind hinüber. Kein Wunder, dass ihr ständig zu warm wird. Ich gehe mit der Ténéré in Cuneo auf Teilesuche. Der erste vermeindliche Händler ist besonders gerissen. Nach einer halben Stunde Wartezeit besorgt er die Teile bei einem anderen Händler, um sie mir dann mit saftigem Aufschlag weiterzuverkaufen. Ich decke den Schwindel erst auf, als ich am nächsten Tag den »echten« Händler ausfindig mache…Als ausgesprochen kontaktfördernd erweist sich unterwegs unser italienisches Nummernschild. So werden wir gerne von Lkw-Fahrern nach dem Weg gefragt - eine Ape ist maximal im 50-Kilometern-Umkreis um ihren Heimatort unterwegs und ihr Fahrer deshalb meist entsprechend ortskundig. Als wir später eine Plane über das deutsche Motorrad stülpen, ist die Tarnung perfekt. Wenn die Italiener dann unser Vorhaben mitbekommen, reagieren sie völlig unterschiedlich. Während uns die jüngeren unumwunden für etwas durchgeknallt erklären – »Siete matti...« halt -, genießt die Zuverlässigkeit der Ape unter den Älteren volles Zutrauen. Im Valle Pellice werden wir von Ida, einer älteren Frau, neben ihrem Hühnerstall beherbergt. Wer so eine schöne Ape fahre, könne kein schlechter Mensch sein. Wirklich kompliziert wird es erst in Turin, wo uns der Verkehr schwer zu schaffen macht und wir nahe der Fiat-Werke zu allem Überfluss noch auf die Autobahn geraten. Verschreckt ötteln wir zwischen donnernden Vierzigtonnern und blinkenden Alfas dahin. Als dann der Motor noch zu stottern beginnt und wir gerade noch auf dem Standstreifen ausrollen können ....Schhhh…. . Doch wenig später springt die Kleine einfach wieder an – ihr war einfach nur zu warm geworden.Echter Blickfang werden wir in Como auf einem Supermarktparkplatz: Eine Carabinieri-Besatzung nimmt uns ins Visier. Irgendwas Verbotenes getan? Nein, nein, sie hätten bloß so was noch nie gesehen – eine alte Ape mit Ténéré hinten drauf. Wo wir denn hin wollten? Bis nach Germania? Verrückt! Jedenfalls wünschen sie uns gute Fahrt. Abgesehen von dem zickigen Vergaser ist sie das auch. Einsam und völlig verstaubt am liegenden Zweitaktzylinder platziert, macht der sich bei Vmax zunehmend mit Aussetzern bemerkbar. Was aber ein maximal zehn Minuten beanspruchendes Problem sei, wie uns das Piaggio-Center in San Remo fernmündlich beruhigt: »Un problema di carburatore è un problema di 10 minuti«. In Chiavenna am Fuße des Splügenpass finden wir die optimale Werkstatt. Regale voll ausgedienter Ape-50-Motoren, Hebebühnen mit Dreirädern drauf und am Rolltor zwei ölverschmierte Gestalten: Vater und Sohn, die Spezialisten! Das Vergaserproblem ist wirklich in zehn Minuten gelöst, und weil wir ihnen sympathisch sind oder sie unseren Export italienischer Lebensart begrüßen, schenken uns die beiden zum Abschied noch ein paar herumliegende Ersatzteile – grazie, Italia! Das Passo-Spluga-Schild neben der Werkstatt signalisiert ‚aperto’, die Ape ist voll getankt, und in der Nacht hat es den ersten Schnee gegeben – worauf warten wir also noch? Am Nachtlager auf halber Höhe wird es schon ziemlich kalt, dann folgt der Gipfelanstieg. Im zweiten Gang ackert die Biene stoisch die lange Steigung hinauf. Mit einigen Abkühlpausen nähern wir uns der hochalpinen Schneefallzone, der Ape ist jetzt richtig heiß. Für uns gibt es in Montespluga den letzten Aufwärm-Cappuccino vor dem finalen Gipfelsturm, für den Motor eine kühlende Schneepackung. Am Schlagbaum angelangt, scheint eine Ape die italienischen Zöllner nicht wirklich zu interessieren, sie gucken nur kurz aus dem Fenster und winken uns weiter, der Tischkicker klackert gleich wieder los. Jetzt die Schweizer. Doch auch die sind freundlich gesonnen, erkundigen sich nach der Ladung und wünschen gute Fahrt. Nun wird es richtig kalt. Am Alpennordkamm hat es deutlich tiefer heruntergeschneit, aber die Straßen sind frei. Deswegen schafft die Ape bergab ungewöhnlich hohe Kilometerschnitte. Chur fliegt geradezu an uns vorbei. An der Grenze zu Österreich beäugen uns die Zöllner kritisch, vor allem die Yamaha auf der Ladefläche irritiert. Ob wir sie importieren wollen? Ob sie angemeldet sei? Erntnervt importieren wir schließlich unser eigenes Motorrad, um endlich Land zu gewinnen. Ende September erreichen wir deutschen Boden. Noch xxx Kilometer bis Hannover. Die Pausen fühlen sich an wie ein Rallye-Stopp. Schnell sind wir umlagert von Neugierigen, beantworten immer dieselben Fragen: Warum, wohin, wie lange noch? Oder: »Wie schnell fährt die?« »Passen Sie da überhaupt beide rein?« Weiter geht’s durch die Schwäbische Alb, vorbei an den Weinbergen des Neckars. Kinder und Jugendliche winken, Gastarbeiter fragen auf Italienisch, warum wir denn keine Pizza-Werbung fahren würden und – Madonna! – eine so lange Strecke auf uns nähmen? Ein Restaurantbesitzer gestikuliert von seiner Terrasse und möchte uns zum Cappu einladen, doch die Ampel springt auf Grün und mit dem üblichen Kavalierstart pöttern wir davon. Wir sind fast daheim. Nach xx Tagen und xxx Kilometern

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Import-Infos

Egal ob Aermacchi, Alfa oder Ape – der Import eines Klassikers aus Italien ist nicht einfach, aber auch nicht unmöglich. Hier die Tipps zur erfolgreichen Einfuhr eines alten Italos.
Die ersten Schritte: Die Suche sollte bereits zu Hause durch Anzeigen- und Internet-Recherche oder idealerweise Bekannte oder Händler vor Ort gut vorbereitet werden. Wer nach Erwerb die Heimfahrt per Achse plant, muss das Fahrzeug kurzfristig zugelassen werden (Zulassungsstelle: motorizzazione civile). In Italien ist bei einem Besitzerwechsel (passaggio di proprietà) eine notarielle Überschreibungsgebühr obligatorisch, die unabhängig vom Fahrzeugwert bei Motorrädern 180 Euro beträgt, ansonsten zwischen 350 und 500 Euro. Vorgesehen ist dies allerdings nur im nationalen Recht. Wird das Fahrzeug später im Ausland zugelassen, kann darauf verzichtet werden. Achtung – viele Händler wissen das nicht, was zu zeitraubenden Diskussionen führen kann. Ausfuhr aus Italien: Theoretisch besteht die Möglichkeit, ein Export- oder Ausfuhrkennzeichen zu nutzen, wozu das Motorrad verkehrssicher und versichert sein muss. (Eine dreirädrige Ape erwies sich als unklarer Grenzfall, bei dem uns der Vorbesitzer mit der vorübergehenden Zulassung auf seinen Namen aus der Klemme half.) Eine Kurzzeitversicherung (radiazione per l’esportatzion) bietet für 214 Euro der italienische Automobilclub ACI an (Sarah-Versicherungen). Das Ausfuhrkennzeichen (»targa provvisoria per L«Esportazione«) muss über die italienische Zulassungsstelle beantragt werden. Außer dem Fahrzeugbrief (libretto) und der »foglio complementare« ((muss ich noch klären)), ist dafür eine noch gültige TÜV-Bescheinigung (revisione) erforderlich sowie die erwähnte ACI-Kurzzeitversicherung. Der ACI stellt auch das für die Wiederzulassung in Deutschland hochwichtige Eigentümer-Zertifikat aus (»certificato di proprietà). Für den Verkäufer läuft das Verfahren offiziell als Verschrottung (demolizione).Überführung und Zoll: Für ein angemeldetes Gebraucht-Fahrzeug ist an der Grenze keine Deklaration notwendig. Anders kann es aussehen, wenn ein abgemeldetes oder neues Motorrad auf dem Hänger ausgeführt wird. Auch bei der Fahrt per Achse mittels Exportkennzeichen besteht die Möglichkeit, sich die Mehrwertsteuerdifferenz (in Italien dafür die Zustimmung des Händlers einholen) auszahlen zu lassen. (Formular für Neufahrzeuge: «dichirazione di conformita per veicoli di tipo omologato”). Der deutsche TÜV: Für das TÜV-Gutachten benötigt man lediglich die italienischen Fahrzeugpapiere und gegebenenfalls ein Datenblatt des Herstellers. Ein Musterfahrzeugschein kann hilfreich sein. Doch noch wichtiger ist ein TÜV-Gutachter, der Erfahrung mit Einzelabnahmen hat. Dafür ruhig verschiedene Prüfstellen anrufen. Denn gerade bei einer Ape werden beim TÜV und dem Eintrag der Schlüsselnummern für »Typ und Ausführung« die Weichen für die Zulassung als Lkw, Motorrad oder Dreirad gestellt. Mit entscheidenden Folgen für die späteren Kosten bei Steuer und Versicherung.Einzelabnahme: Sie wird nötig, wenn das Vehikel bestimmte EU-Richtlinien nicht erfüllt. Was hier zu Lande unter Umständen mit ziemlichen Kosten verbunden ist. Wer Pech hat, muss Emissionsgutachten oder Materialtests bezahlen. Wir kamen mit 216 Euro für den Ape-TÜV noch passabel weg. Die Kosten variieren mit den Landesgesetzen und Gebührenordnungen der TÜV- oder Dekra-Regionen und können bis 270 Euro betragen.Zulassung: Hat man das Gutachten in der Tasche, kann bei der Zulassungsstelle nicht mehr viel schief gehen. Mitgebracht werden muss der Kaufvertrag, eine Anfrage beim Kraftfahrtbundesamt (13 Euro), das alte Kennzeichen und der Fahrzeugbrief sowie eine Versicherungsdoppelkarte und das bereits erwähnte »Certificato di Proprietà« vom ACI, das den letzten ausländischen Besitzer dokumentiert. Übersetzungen sind nicht nötig. Anschließend müssen die ungültig gestempelten italienischen Papiere und das Nummernschild an den Verkäufer zurückgesendet werden.Weitere Infos: Unter www.markusgolletz.de/ape.htm sind alle Detail-Infos der Autoren zu finden. Außerdem hilft die Webside der Verbraucherzentrale bei den Einfuhrbestimmungen weiter: http://www.verbraucherzentrale.it/23v142d396.html. An aktuelle Literatur zum Selbstimport steht derzeit nur der bedingt empfehlenswert Band »Selbstimport Motorräder, 125er, Roller - Tricks und Adressen für den Selbstimport« zur Verfügung. Von Norbert Albrecht, Axel Koenigsbeck und Max Rabe, Delius Klasing Verlag, xx Euro.

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