La Palma

Isla Bonita

Motorradfahren im Winter, tausend Kurven pro Tag, viel Sonne und ein Bad im Meer – nein, für diese verlockende Mixtur muss man nicht bis ans andere Ende der Welt fliegen. Dafür reicht eine Reise nach La Palma

Keine Frage, die Straßenbauer von La Palma verstehen ihr Handwerk. Die 50 Kilometer weite Strecke auf das Dach der Insel – der 2426 hohe Roque de los Muchachos – besteht ausschließlich aus Kurven. Im Schnitt alle hundert Meter eine. Dazu bester Asphalt. So etwas hätten Birgit und ich allenfalls in den Alpen erwartet. Und nun übertrumpft diese kühne Trasse locker die meisten Gebirgsstraßen – und zu unserer großen Freude scheinen die sonst allgegenwärtigen Reisebusse diesen Abschnitt zu meiden wie Gold-Wing-Fahrer die Sahara.Wir fühlen uns dagegen auf unseren Dominator völlig in unserem Element. Hinter dem Örtchen Mirca sind wir auf diese Strecke abgebogen, die ohne großes Vorgeplenkel gleich mächtig bergan stürmt, sich praktisch ohne ein gerades Stück zunächst durch einen dichten Kiefernwald kringelt. Die alten knorrigen Bäume verströmen einen würzigen Duft, aber unsere Sinne sind ganz auf das begeisternde Ensemble der Kurven konzentriert; wir treiben die beiden Honda mit ständig wechselnden Schräglagen ziemlich flott aufwärts. Bis uns urplötzlich die Wolken verschlucken. Null Sicht, es ist kalt und nass. War nicht eben noch Frühling?Langsam tasten wir uns durch diese Waschküche. So also sehen Passatwolken von innen aus. Sollen wir umkehren? Oder noch ein paar Kurven weiter im Nebel stochern? Wir probieren es, obwohl wir kaum die Hand vor dem Visier sehen. Auf einmal durchstoßen wir die graue Wolkendecke, werden vom warmen Licht der Abendsonne geblendet. Und trauen nach kurzem Blinzeln unseren Augen kaum. Was für ein Panorama! Nur die höchsten Berge der Insel ragen aus dem flauschigen Wolkenmeer. Ein überirdisches Bild. Fliegen kann nicht schöner sein.

Nur noch ein paar Kurven, dann stehen wir auf dem höchsten Berg der Insel. Überraschend hohe Schneewände säumten den letzten Teil der Strecke hinauf zum Gipfelplateau, das von bizarren Eiskristallen überzogen ist. An den windzugewandten Seiten der Felsen gefriert die feuchte Last der Passatwolken zu fantastischen Eisskulpturen. Wir stellen die Motoren ab. Völlige Stille, außer uns ist niemand hier oben. Die nassen Jacken dampfen in der Sonne. Vor uns breitet sich das Halbrund der Caldera de Taburiente aus, einer der größten Vulkankrater der Welt. Fast senkrecht stürzen zerklüftete Felsen zwei Kilometer in die Tiefe. Untem im vom Wind und Wetter geschützen Krater gedeiht eine üppige Flora. Aber davon ist heute nichts zu sehen. Die Wolken blenden die Welt da unten einfach aus. Weit entfernt im Südosten erkennen wir die Nachbarinsel Teneriffa mit dem Vulkan Pico de Teide, mit 3718 Meter Spaniens höchster Berg.Es scheint, als hätte sich eine Flotte von Ufos diese karge Landschaft hier oben als Landeplatz ausgesucht. Was wie die Invasion aus dem All erscheint, dient vielmehr der Erforschung desselben. In den silbernen Kuppeln des Observatoriums suchen Sternenforscher nach schwarzen Löchern und fernen Galaxien. Die extrem klare Luft schafft die besten Bedingungen dafür. Sogar die Regierung spielt mit, hat sie doch extra ein Gesetz gegen die »Lichtverschmutzung« erlassen. So müssen um Mitternacht alle Leuchtreklamen der Insel abgeschaltet werden, und die Straßen dürfen nur mit speziellen Lampen beleuchtet werden.Bevor auch uns das Licht ausgeht, fahren wir der untergehenden Sonne entgegen. Ein paar Wolkenfetzen fliegen vorbei, mächtige Kiefern zeichnen schwarze Silhouetten gegen den Abendhimmel. Die Westabfahrt vom Roque de los Muchachos steht ihrem östlichen Pendant in nichts nach. Fahrspaß pur. 200 Kurven später sind wir zurück im Frühling an der Westküste. Es ist längst dunkel, als wir unser Apartment in Los Llanos erreichen. Gut nur, dass wir in einem kleinen Laden noch eine Flasche Rotwein aufgetrieben haben. Genau das Richtige für einen gemütlichen Abend auf der Terrasse. Lauwarmer Wind streichelt durch die Palmen. Die Zikaden stimmen ihr allabendliches Konzert an. Ein paar Frösche kommentieren die Darbietung auf ihre Weise. Winternächte können was Feines sein...Noch besser sind natürlich die Tage auf La Palma. Nach der gestrigen Kurvenkur planen wir für heute einen Offroad-Abstecher: Wir wollen über eine raue Piste in die Caldera vordringen, mal schauen, wie der riesige Vulkankrater von innen aussieht. Steil geht es hinunter in die Schlucht de los Angustias, dann verschwindet die Piste kurze Zeit in einem kleinen Bach und führt schließlich wieder steil bergauf. Erster und zweiter Gang, mehr geht auf der holprigen und kurvigen Spur einfach nicht, mehr muss aber angesichts der spektakulären Szenerie auch nicht sein. Wie eine Mauer streben die senkrechten Wände der Caldera in den tiefblauen Himmel. Während dort droben fast schon winterliche Verhältnisse herrschen, empfinden wir das milde, 25 Grad warme Klima hier unten im Krater als äußerst angenehm. Ein Stück weiter – am Aussichtspunkt Los Brecitos – liegt uns die grandiose Caldera zu Füßen. Jede noch so steile Wand ist von Farnen, Büschen und Blumen überzogen, es duftet herrlich nach Kiefern, und wir lauschen unzähligen Vogelstimmen.Trotz des paradiesischen Friedens haben die gewaltigen Felswände etwas Bedrohliches, vereiteln sie doch jeden Blick nach draußen.Weiter im Süden präsentiert sich La Palma wieder offener. Ein schmaler Forstweg windet sich über den Bergrücken Cumbre Vieja. Die Stollenreifen knirschen in der schwarzen Asche, und bis auf ein paar Wanderer treffen wir entlang dieser Piste niemanden. Ab und an öffnet sich der Wald und ermöglicht weite Blicke über den Atlantik und hinauf zu den Vulkanen Hoyo Negro und Duraznero, die erst 1949 ihre letzten Lavaströme bis hinunter ins Meer schickten. Noch jünger ist der Teneguía, der erst 1971 entstanden ist und dafür nur 26 Tage brauchte.Genau dort wollen wir hin, suchen eine Weile nach der richtigen Abzweigung und finden schließlich ein kleines Holzschild, das uns den Weg nach Fuencaliente weist. Von hier sind es nur noch ein paar Meter bis zum jüngsten Mitglied der kanarischen Feuerspeier. Über einen Fußweg steigen wir dem Vulkan aufs Dach. Rote, gelbe und braune Lavabrocken bilden ein wüstes Labyrinth. Aus Spalten im porösen Boden steigt noch immer heiße Luft, heiß genug, sich die Finger zu verbrennen. Der Wind weht stinkende Schwefeldämpfe über diese Urlandschaft. Kein Zweifel, der Vulkan könnte jederzeit wieder Lava spucken, wenn er nur wollte.Der Ausbruch des Teneguía konnte die kleinen weißen Häuser von Fuencaliente nicht bedrohen. Trotzdem war die Eruption für die wenigen Menschen hier das aufregendste Ereignis der letzten Jahrhunderte. Längst hat sich das Leben wieder normalisiert. Hin und wieder kommen ein paar Touristen vorbei, sonst widmen sich vor allem die Männer viel wichtigeren Dingen. Zum Beispiel Fußball. In einer Bar läuft der Fernseher auf voller Lautstärke. Wir finden draußen noch zwei freie Stühle für einen Café con Leche und ein paar leckere Tapas. Von drinnen laute Stimmen. Vier alte Männer versuchen den Lärm der Glotze noch zu übertreffen, diskutieren jede Aktion der Kicker von Barcelona und Valencia. Keine Ahnung, zu welchem Verein sie halten, aber mit jedem Glas Schnaps steigert sich ihr Enthusiasmus. Nur einmal lassen sie sich ablenken und grinsen, als Birgit ihre Dominator startet und mit einem kräftigen Gasstoß Richtung der Hauptstadt Santa Cruz verschwindet. Von mir hingegen nehmen sie keinerlei Notiz.Die Ostküstenstraße nach Santa Cruz kann mit ihren Pendants im Westen und Norden nicht mithalten. Zu viele Häuser, zu wenig Kurven. Und obwohl in der Inselmetropole nur 20000 Menschen leben, steht der überaus hektische Verkehr dem einer spanischen Großstadt kaum nach. Viel ruhiger geht es da in San Andrés zu, einem hübschen Nest am Atlantik. Steile gepflasterte Gassen ziehen sich durch den 500 Jahre alten Ort bis hinunter ans Meer. Ein paar Palmen sorgen für Schatten zwischen den weißen Steinhäusern. Rund um San Andrés dehnen sich kilometerweite Bananenplantagen aus, zwischen denen wir uns den Weg zurück zur Hauptstraße suchen. Blinker rechts und auf in den wilden Norden.Die Berge wachsen steil aus dem Meer, lassen nur wenig Platz für eine Handvoll kleiner Orte und noch weniger für die erst elf Jahre alte Straße. Ein Traum. Kurven ohne Ende, der Verkehr tendiert gegen null, und die Landschaft berauscht. So dicht und sattgrün wiein den Subtropen wuchern Moose und Farne. Die Nordseite der Insel profitiert von den Passatwolken, die stets aus der gleichen Richtung kommend hier ihre nasse Fracht abladen. Kleine Wasserfälle stieben in tief eingeschnittene Schluchten aus dem dichten Lorbeerwald, den die UNESCO wegen seiner Einmaligkeit unter Schutz gestellt hat. Hin und wieder begegnen wir uralten Drachenbäumen, eigenartigen Gewächsen, die den Ureinwohnern, den Guanchen, heilig waren. Weit unter uns rollen die Wellen des Atlantiks gegen die schwarzen Felsen.Mehr noch als alle anderen Straßen La Palmas verlangt die Nordküstenroute Kompromisslosigkeit. Entweder die grandiose Landschaft bewundern, wozu es aller Sinne bedarf, oder sich voll und ganz dem Rausch der Kurven hingeben. Heute fällt die Entscheidung leicht, rücken doch dunkle Wolken an und mahnen zur Eile. Den Honda scheint unser Entschluss zu gefallen, mühelos wechseln sie von einer Schräglage in die nächste, die Stollenreifen beißen sich im griffigen Asphalt fest. Euphorie kommt auf. Erst vor Puntagorda, nach 45 Kilometern höchstem Genuss, beruhigt sich die Straße wieder.Am nächsten Morgen ist das Ziel schnell klar: ein weiteres Mal in den Norden der Insel. Diesmal zum Landschaft bestaunen. Und anschließend können wir der Versuchung nicht widerstehen, zum dritten Mal den Kurvencocktail hinauf zum Roque de los Muchachos zu genießen. Die Straßenbauer von La Palma – aber das hatten wir ja schon angesprochen. Vermutlich sind wir bis zum Abend 1500 Kurven gefahren – eine bessere Medizin gegen den deutschen Winter kann es kaum geben. La Palmas Straßen bergen nur ein Problem: Sie machen süchtig, hochgradig süchtig.

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Infos

La Palmas Topografie ist wie geschaffen zum Kurven räubern und Landschaft genießen. Wie der zerklüftete Rücken eines urzeitlichen Monsters ragt die kanarische Insel maximal 2426 Meter aus dem Atlantik und verwöhnt selbst im Winter mit frühlingshaftem Wetter.
ANREISEVon allen größeren Flughäfen starten praktisch täglich diverse Charterflieger direkt nach La Palma. Tickets sind in jedem Reisebüro ab etwa 350 Euro, als Sonderangebote auch für unter 250 Euro erhältlich. Die Flugzeit beträgt vier bis fünf Stunden.REISEZEITLa Palma zählt zu den regenreichsten Inseln der Kanaren. Die hohen Berge bilden für die von Nordosten kommenden Passatwolken eine unüberwindliche Barriere. Trotzdem ist anhaltender Regen selten, viel eher wässern kurze und kräftige Schauer die üppige Vegetation. Der Westen ist generell trockener. Die Niederschläge beschränken sich in der Regel auf die Wintermonate. An der Küste herrschen dann trotzdem noch Temperaturen von 18 bis 22 Grad. Der Sommer ist mit 22 bis 24 Grad nur unwesentlich wärmer.ÜBERNACHTENIn allen Orten finden sind einfache Zimmer in Pensionen ab etwa 20 Euro. Daneben gibt es zahlreiche Apartments, die über jedes Reisebüros wochenweise gebucht werden können. Wer die Motorräder bei Soyka (siehe unten) mietet, kann hier auch günstige Apartments in Los Llanos reservieren. MOTORRÄDERBei Auto Soyka in Los Llanos kostet eine Honda NX 250 189 Euro pro Woche, die 650er-Dominator schlägt mit 210 Euro zu Buche. Infos (deutschsprachig) bei Autos Soyka, Brigitte Soyka, C. Gral. Yagüe 5, 38760 Los Llanos de Aridane, Telefon 0034/922461266, Fax 0034/922463390, e-mail autosoyka@cistia.es, Internet: www.autosyka.com.AKTIVITÄTENLa Plama wird von einer Vielzahl spannender Wanderwege durchzogen. Der sicherlich eindrucksvollste Weg verläuft von der Südspitze der Insel entlang des Bergrückens Cumbre Vieja (Ruta de los Volcánes) und umrundet dann die Caldera de Taburiente. Bei schönem Wetter ein grandioses Erlebnis, für das vier bis sechs Tage eingeplant werden sollten. Auf Tagestouren kann die Bergwelt im Inneren der Caldera de Taburiente erkundet werden.LITERATURHandlich und informativ sind die Reisetaschenbücher über die Kanarischen Inseln aus dem DuMont-Verlag für jeweils zwölf Euro. Allerdings helfen sie bei der Suche nach Unterkünften kaum weiter. Wer nur einen Flug bucht, sollte sich entweder für den La-Palma-Reiseführer aus dem Reise Know How- Verlag für 12,50 Euro oder für das gleichnamige Werk aus dem Michael Müller Verlag für 16,90 Euro entscheiden.Und für die topografische La-Palma-Karte von Freytag&Berndt im Maßstab 1:50000 für 6,95 Euro, mit der man sich auf jeden Feld- und Wanderweg zurecht findet.Zeitaufwand: eine WocheStreckenlänge: etwa 1000 Kilometer

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