Mit Hund durch Südamerika

Tinkas Reise

Acht Monate Südamerika. Von Buenos Aires über Feuerland nordwärts nach Ecuador. Pinguine, Lamas und Seelöwen im Blick, Salzseen, Gletscher, Geysire und Vulkane. Immer im Seitenwagen, die Schnauze im Wind: Was für ein Hundeleben!

Geschickt federt Tinka die vielen Schlaglöcher ab. Das Ganze sieht total verrückt aus. Statt, wie gewohnt, der schmalen Silhouette eines Motorrads zu folgen, fahre ich diesem »tierischen« HU-Gespann hinterher, denn wir hatten beschlossen: Der Hund kommt mit. Schließlich konnten wir Tinka keine acht Monate im Stich lassen. Also tauschte Lieven seine Solomaschine gegen dieses riesige Expeditions-Dreirad »made by« Horst Ullrich, und Tinka fühlte sich in ihrem hundetauglich getrimmten Boot von Anfang an sichtlich wohl.Vor vier Wochen kamen wir in Buenos Aires an. Auf der Calle Florida sahen wir Tango-Tänzer und aßen unsere ersten Empanadas. Auf der Halbinsel Valdés trafen wir Pinguine und Seelöwen. Tinka zweifelte an ihren Sinnen – so was gab’s im Odenwald wirklich nicht. Und warum sie partout nicht ins Wasser durfte, leuchtete ihr ebenso wenig ein. Wie soll man einem Hund auch erklären, dass es hier Orcas gibt, und so ein Killerwal seine Leibspeise Seehund vielleicht nicht von einem Risenschnauzer unterscheiden kann. Als später noch ein Gürteltier aus »ihrem« Seitenwagen ein Stück Brot geklaut hat, war Tinkas gute Laune dahin. Inzwischen kann unsere Schwarze allerdings nichts mehr beeindrucken: Strauße, Guanacos – na und? Nach gut 3000 Kilometern Argentinien ist sie Expertin in Sachen Südamerika, trutzt den orkanartigen Winden der patagonischen Pampa, und weiß, worauf es im Pistenleben ankommt.Hinter Rio Gallegos müssen wir noch ein kurzes Stück durch Chile, um unser erstes Etappenziel Feuerland zu erreichen, und dann... oh nein! An der Grenze bleibt mir fast das Herz stehen. Groß und deutlich verkündet ein Schild, dass keine Tiere nach Chile eingeführt werden dürfen. Mit Schweißperlen auf der Stirn wispere ich dem Zöllner entgegen: »Wir haben einen Hund, Senor.« Freundlich reckt ihm Tinka die Schnauze entgegen. Doch der Staatsbedienstete bleibt ungerührt, stöbert wortlos in unseren Papieren. Blättert, sucht. Und dann entdeckt er den SENASA-Stempel der argentinischen Gesundheitsbehörde für Tiere und Pflanzen: Wir dürfen passieren. Überglücklich preschen wir gen Ushuaia, fahren auf der Ruta 3 in den Nationalpark Tierra del Fuego hinein und stehen nach 30 Kilometern am südlichsten Straßenende der Erde. Inmitten von schroffen Felsen, Gletschern, Seen und undurchdringlichem Regenwald. Es ist Herbst. Schnee und Sonne hüllen die faszinierende Landschaft in glasklares Licht. Doch nach einigen nasskalten Nächten im Zelt, sind wir froh, dass es von nun an nur noch nordwärts geht.Auf der »Ruta Quarenta«, die sich größtenteils unbefestigt von Feuerland bis Bolivien zieht, quält uns wieder eisiger Wind, und das Gespann kommt trotz seiner gut 60 PS oft nicht über den zweiten Gang hinaus. Wir durchqueren den atemberaubenden Parque Nacional Los Glaciares mit den die größten Gletschern zwischen Nord- und Südpol, reisen auf der Höhe von Perito Moreno zum zweiten Mal nach Chile ein und landen auf der berühmten Carretera Austral, berüchtigt wegen ihrer 300 Regentage im Jahr. Triefnass schlingern wir an tiefblauen Fjorden vorbei, durch unberührte kalte Regenwälder, um dann wieder Gebiete mit derbem Kahlschlag zu erreichen. Gauchos tauchen aus dem Regen auf. Mit temperamentvollen Pferden, Poncho und Hut, die obligatorische Hundemeute im Schlepp. Stolz zieht Tinka an ihnen vorbei. Unter ihrem Bootsverdeck hat sie das beste Plätzchen von uns allen erwischt. Als Lieven in einem der winzigen Dörfer nach einem Stück Fleisch für Tinka fragt, bringt man uns auf einer Schubkarre ein halbes Schwein.Hinter Santiago lockt der einzige asphaltierte Andenpass am knapp 7000 Meter hohen Aconcagua vorbei. Hier nehmen wir Kurs auf Salta, um über den Paso Sico nach San Pedro de Atacama zu gelangen. Als sich die Piste von der vulkangespickten Hochebene der Puna in die trockenste Wüste der Welt hinabschlängelt, atme ich erleichtert auf: endlich Wärme. Und zum ersten Mal andere Motorradreisende. Es tut unendlich gut sich auszutauschen. Auch Tinka findet einen artgenössischen Freund: Bigote, Chef-Hund vom Campingplatz unserer Wahl. Selbstbewusst führt er »seine Eroberung« ins Streunerleben von San Pedro ein. Und bald haben wir die versammelte Rüden-Prominenz der kleinen Atacama-Touristenenklave am Hals – Tinka ist läufig.Wir befreien die »Kleine« von ihren Männergeschichten, machen noch einen Abstecher aufs Geysir-Feld El Tatío, wo es in fast 4300 Metern Höhe aus allen »Höllenlöchern« dampft und spuckt. Danach heißt es endgültig »hasta luego, Chile«. Vor uns liegt die berühmte Lagunentour, die über himmelhohe Schotter-Pässe ins 550 Kilometer entfernte bolivianische Uyuni führt. Und ausgerechnet hier bricht die Halterung des vorderen Bremssattels am Gespann. Die Bremsleitung reißt auch, und hinten geht eh schon lange nichts mehr. Wie durch ein Wunder entdecken wir »in the middle of nowhere« eine Fabrik zur Gewinnung von Borax. Die Jungs von der Werkstatt schweißen die Halterung, Lieven verlegt die Bremsleitung des Seitenwagens nach vorn und die Tour durch diese nahezu unwirkliche Welt aus türkisfarbenen Lagunen und schneegepuderten Vulkanen kann weiter gehen.Nachts sinkt die Temperatur auf 20 Grad unter null, tagsüber wird es kaum wärmer. Auch Tinka bekommt jetzt vorsichtshalber einen Pullover verpasst, obschon sie die Kälte nichts zu irritieren scheint. Ihre ungeteilte Aufmerksam gilt den rosa Teilen dort vorn: Flamingos, jede Menge. Als schließlich der Salar de Uyuni vor uns liegt, trauen auch wir unseren Augen nicht mehr: Diese riesige Salzebene ist einmalig schön. Knapp 20000 Quadratkilometer blendendes Weiß – tagelang lassen wir uns davon verzaubern.Ende Juli erreichen wir La Paz. Von dort geht es Richtung Urwald. Die Fahrt in die tropischen Täler der Yungas zählt zu den spektakulärsten Strecken Südamerikas. Vom Pass Abra La Cumbre fällt die Piste über 4000 Meter tief ins Amazonasgebiet ab. Nicht umsonst wird sie auch »Straße des Todes« genannt. Ich traue mich kaum nach links zu schauen, denn da gähnt der völlig ungesicherte Abgrund. Vor wenigen Wochen stürzte hier eine vierköpfige Familie ab, bei der Bergung fand man gleich noch zwei Motorradler. In Coroicó hatte Lieven eigentlich genug von der Pistenschüttelei mit dem dreirädrigen Ungetüm. Ich aber fand die »kleine Gelbe«, die auf der Landkarte über Mapiri zum Titicacasee führt, recht ansprechend. Eine nette Runde durch den Dschungel... und jetzt stehen wir an diesem verflixten Fluss und kommen nicht weiter. Die 30 Meter lange Furt ist viel zu tief, die Strömung zu stark. Motor und Auspuff des Gespanns würden komplett versinken, der Boxer garantiert Wasser ziehen. Zu riskant. In dem Moment als wir beschließen umzudrehen, kommt ein Laster des Wegs. Wunderbar! Mit vier Mann werden beide BMW auf den Truck gewuchtet – und ab geht die Fähre. Unglücklicherweise stoppt der Steuermann im versandeten Bereich des gegenüberliegenden Ufers, und wir brauchen weitere drei Stunden, um den Laster frei zu schaufeln. Die Einzige, die wirklich Spaß am Flussleben hat, ist Tinka. Während wir in der Sonne schuften, vertreibt sie sich die Zeit im kühlenden Nass.Hinter der peruanischen Grenze erlebt allerdings auch sie ihr »Waterloo«. Mit einem aufdringlichen Lama, das uns von freundlichen Dorfbewohnern als zweite Bootsfigur angedient wird. Aber Tinka will nicht, und als das peruanische Wollknäul die Lippen öffnet, um dieses »schwarze Schnauzergesicht« anzuspucken, ist es mit Tinkas Liebe zu den Lamas vorbei. An den Kondors hoch über dem Canon de Colca findet sie hingegen mächtig Gefallen. Und auf dem Rio Ucayali hält sie neugierig Ausschau nach Piranhas und Krokodilen, während wir zum ersten mal »echte« Indianer sehen: Shipibos. Doch im Baströckchen laufen die auch nicht mehr herum, dafür verkörpern wir die wahren Touristen.Im November laufen wir in der ecuadorianischen Hauptsadt Quito ein. Für eine paar Monate werden wir nach Deutschland zurückkehren, um unsere Reisekasse aufzubessern. Doch die Motorräder bleiben hier, denn Tinkas Abenteuer ist noch nicht zu Ende. Sie will nach Alaska. Eisbären, Walrosse, Papageientaucher sehen. Wir sind dabei.
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Was macht eigentlich Kollege Schröder?

Seit über drei Monaten sind Franca Buzza und MOTORRAD-Unterwegs-Redakteur Michael Schröder auf einer BMW F 650 GS und einer bayerisch-schwarzwälderischen Monsterkuh in Südamerika unterwegs. Kurzzeitig allerdings mutierte ihre Abenteuerreise zu einem unfreiwilligen Badeurlaub an den Stränden von Arica im Norden Chiles. Grund für den unstandesgemäßen Zwischenstopp: Die Stollenreifen der beiden Enduros strebten schon seit einigen 1000 Kilometern einer neuen Karriere als Slicks entgegen. Doch leider blieb die bei Zeiten eingefädelte, mehrfach versprochene Reifenlieferung nach Arica aus. Geschlagene zwei Wochen lang. Zudem litt Schröders Monsterkuh unter massivem Muskelschwund an den hinteren Bremsbelägen. Mit einem Sieben-Zentner-Schiff auf unbefestigten, steilen, über 4000 Meter hohen Passstraßen alles andere als witzig. Zum Glück aber spielte die chilenische Polizei den selbstlosen Freund und Helfer: Der Fuhrparkleiter der Polizeistation in Arica spendierte dem reisenden Redakteur die neuwertigen Bremsbeläge einer BMW R 1100 RT, die wegen eines Motorschadens vorübergehend vom Dienst suspendiert war.Da Buzza und Schröder nicht noch länger am Strand herumlungern und auf die frischen Gummis warten wollten, disponierten sie die Lieferung nach La Paz um und machten sich wieder auf Achse. Kurs: Santa Cruz. Eine größere Ansiedlung im tropischen, bolivianischen Tiefland, die den östlichsten Punkt der gesamten Reise markiert. In Bolivien machen den beiden zurzeit politische Unruhen und Straßensperren ebenso große Sorgen wie die mehr und mehr abbauenden Reifen. Allmählich drängt auch die Zeit, denn noch stehen einige anspruchsvolle Anden-Pässe und ein langer Weg bis zum Reiseziel Quito in Ecuador an. Wie es dem Traveller-Team momentan ergeht, ist aktuell unter www.motorradonline.de nachzulesen. Thorsten Dentges

Infos

FERNREISEN MIT HUNDGrundsätzlich sind Überseereisen für Hunde sehr strapazierend, vor allem wegen der Fliegerei. Also: gut überlegen, ob es wirklich Sinn macht den Vierbeiner mitzunehmen. Für den Transport ist eine Box vonnöten, in der das Tier aufrecht stehen kann. Preislich am günstigsten fliegt die Box als Übergepäck. Man checkt den Hund ganz normal ein und bekommt ihn am Zielflughafen mit dem übrigen Gepäck zurück. Wenn die Papiere in Ordnung sind, gibt’s keine Schwierigkeiten beim Zoll, und das Tier kann schnellstmöglich aus seiner Kiste befreit werden. Geht die Box als Cargo an Bord, wird die Zollabwicklung wesentlich komplizierter, entsprechend länger muss der Hund ausharren. Amerikanische Fluglinien erledigen den Transfer zum Einheitstarif als so genannten Haustiertransport. Beispiel Frankfurt-Quito: 160 Dollar. Der Cargo-Transport mit Lufthansa von Frankfurt nach Buenos Aires kostete uns hingegen knapp 2000 Mark. Hunde bis sieben Kilogramm haben übrigens gute Chancen auf einen Platz in der Kabine. Wichtig: Das Tier sollte 24 Stunden vor Abflug nicht mehr gefüttert werden, damit er sich nicht erbricht. Ferner muss es vorher ausreichend Bewegung haben und so viel wie möglich trinken. Ein leichtes Beruhigungsmittel (Baldrian) ist sinnvoll, allerdings darf der Hund nicht krank erscheinen, weil sonst möglicherweise der Transport verweigert wird.IMPFUNGEN/EINREISEIn der Regel ist ein in Deutschland geimpfter Hund gegen alle weltweit auftretenden Hundekrankheiten gefeit. Allerdings wird in tropischen Regionen vor Herzwürmern gewarnt. Eine Prophylaxe ist empfehlenswert. Wir hatten an keinem Grenzübergang ernsthafte Probleme. Für Argentinien waren der Impfausweis mit Tollwutimpfung und ein Gesundheitszeugnis mit Stempel von Amtstierarzt und argentinischem Konsulat nötig. In Chile wurde ein weiteres Zeugnis der nationalen Gesundheitsbehörde des jeweiligen Ausreiselands verlangt. In Bolivien, Peru und Ecuador reichte der Impfausweis.UNTERWEGSManche südamerikanischen Hotels und Restaurants gewähren Hunden keinen Zutritt. Doch je einfacher das Etablissement, desto freundlicher ist meist die Aufnahme. Fast in jedem Ort gibt es Hundefutter, trocken oder in Dosen. Und wenn es mal keins gibt, finden sich überall Fleisch und Reis.MOTORRADTRANSPORTDer Schiffstransport nach Buenos Aires kostete mit der Firma Schenker International drei Wochen und 300 Mark pro Kubikmeter. Hinzu kamen 500 Dollar Hafen- und Agenturgebühren. Den Rücktransport ab Quito/Ecuador konnte Air France für zwei Dollar pro Volumenkilo arrangieren (Länge x Breite x Höhe, in Millimeter, geteilt durch 6000). Zu gleichen Konditionen fliegt Lufthansa nach Santiago de Chile.LITERATURBesonders empfehlenswert ist das englischsprachige »South American Handbook« von Ben Box, erschienen im Footprint-Verlag. 1700 Seiten, 69,90 Mark. Gute Landkarten sind im normalen Handel Mangelware, doch bei der Därr Expeditionsservice GmbH, Telefon 089/282032, gibt es für je 24 Mark exakte, russische Militärkarten.

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